ear eye am http://eareyeam.blogsport.de Fri, 03 Nov 2017 23:46:50 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Ausgabe 4/17 http://eareyeam.blogsport.de/2017/10/30/ausgabe-417/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/10/30/ausgabe-417/#comments Mon, 30 Oct 2017 19:58:15 +0000 Administrator Allgemein http://eareyeam.blogsport.de/2017/10/30/ausgabe-417/

Nur schlechte Nachrichten sind in den vergangenen Tagen aus der somalischen Hauptstadt zu uns gedrungen – von Bombenattentaten auf die Zivilbevölkerung mit zahlreichen Toten. Das Video zu Cherries Track 163 För Evigt kann vielleicht ein bisschen dazu beitragen, dass Mogadishu nicht allein mit islamistischem Terror und Bürgerkrieg assoziiert wird. Sondern auch mit einem musikalischen Talent, welches, obwohl es sich nun in der Diaspora entfalten muss, nicht vergessen hat, dass es genau dort in die Wiege gelegt wurde. Es mag in den deutschen Medien noch nicht angekommen sein, aber 163 För Evigt ist gerade nicht nur in Schweden, sondern auch international ein kleiner Hit, trotzdem kaum eine Hörerin jenseits der Achse Ystad-Kiruna versteht, was Cherrie da singt – und Gastvocalist Z.E rappt. Aber es lässt sich irgendwie schon denken, dass es in den Lyrics um das Verlassen der Heimat geht – und um die Aneignung eines neuen Zuhauses. Gleich zu Anfang des Songs macht Cherrie klar, dass sie ein Kind aus Mogadishu ist (und im Video wird dazu wie selbstverständlich die Fahne des kaum existenten Staates Somalia geschwenkt). Als Sherihan Hersi kam Cherrie am Horn von Afrika auf die Welt. Doch ihre Familie verließ wie so viele Menschen das von Gewalt gepeinigte Land und begab sich in Richtung Skandinavien. Zunächst landete sie in Norwegen, dann folgte Finnland, wo Sherihan den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte, zuletzt verschlug es die Hersis nach Schweden. Cherrie lebt heute im Stockholmer Viertel Rinkeby, das ja in der schwedischen Kollektivpsyche in etwa dieselbe Position einnimmt wie dies Neukölln im deutschen oder Molenbeek im belgischen Kontext tun. Für Cherrie war die Ankunft in der kosmopolitischen und vielstimmigen Neubausiedlung aber eine Erholung nach den alltagsrassistischen Erfahrungen, die sie in Finnland machen musste, wie sie in einem Interview mit dem Onlineportal Scandinaviansoul erzählt. Ihren musikalischen Durchbruch erzielte Cherrie 2015 mit dem leicht zum Reggae tendierenden, aber doch ziemlich düsteren Track Tabanja (ein schwedisches Slang-Wort für Waffe). 2016 kam dann Sherihan, ihre Debüt-LP, heraus, die bei der nationalen Entsprechung der Grammy-Verleihung als bestes Hip-Hop- und Soul-Album des Jahres ausgezeichnet wurde. Darauf befindet sich mit Aldrig igen auch eine Kollaboration mit dem britischen Grime-Star Stormzy, der von Cherries Performance so angetan war, dass er die Musikerin fürs Vorprogramm der Europa-Auftritte seiner diesjährigen Konzerttour buchte. Auch wenn Cherrie 2017 ziemlich häufig aus dem Koffer lebte, versteht sie Rinkeby als ihre Homebase, wie sie mit der von Amr Badr produzierten und im September veröffentlichten Single 163 För Evigt klarmacht. 163 ist nämlich schlicht und einfach die Ortsvorwahl für das Stadtteil und Cherries geschmeidiger, positivistischer Mid-Tempo-Hip-Hop-Soul-Track das Gegenstück zu Tabanja: Es ist voll okay, ein Third-Culture-Kid in Rinkeby zu sein. Natürlich wurde dort auch das Video für 163 För Evigt gedreht. Die Regisseure Fred und Olof Bendz lassen Cherrie dabei vor ihrer eigenen Nachbarschaftscrowd performen, die ihre Wurzeln erkennbar in aller Damen und Herren Länder hat. Der Clip kommt wie eine selbstbewusste Entgegnung auf die trotstlose, monoblonde Vision der einwanderungsfeindlichen Schwedendemokraten daher. Statt dieser Partei voller Ikeanazis hinterherzulaufen, sollte das Land sich lieber freuen, dass in ihm eine der besten Urban-Soul- und Hip-Hop-Szenen weltweit gedeiht – siehe auch Mc Habit, Dim Out, Kristin Amparo, und Cleo. Zu Cherries Mitstreiter Z.E lässt sich im Netz leider keine Info in deutscher oder englischer Sprache finden. Allerdings hat er im August ein Video zu seinem Track Caramel auf Youtube gepostet, das mittlerweile schon über 1,4 Millionen Mal geklickt wurde. Big in Sweden ist der also auch.

Hinter dem Projekt Sudan Archives verbirgt sich Brittney Denise Parks, eine Sängerin und Violonistin, die aus Cincinnati, Ohio stammt und heute in Los Angeles lebt. Als Kind verpasste ihr die Mutter den Spitznamen „Sudan“, und nachdem Brittney Denise Parks in der Stadt der Engel das Studium an einem College für Musikproduktion aufnahm, entdeckte sie für sich die Geigenklänge ausgerechnet aus jenem Land, das so heisst wie sie. In der Folge eignete sie sich den Stil der sudanesischen Violonisten an, der viel perkussiver und rhytmischer tönt als das Spiel ihrer Kollegen im Globalen Norden. Die teilweise hart gezupften Töne des Streichinstruments bettet Parks ebenso wie ihre ätherische, oft mit Hall belegte Stimme in einen elektronischen Sound ein, der träumerisch – um nicht zu sagen trip-hoppig – daherkommt. Bisjetzt hat Sudan Archives nur die EP Come Meh Way herausgebracht, auf dem Label Stones Throw. Aber auf Youtube findet man so einige Videos mit Brittney Denise Parks, zum Beispiel das, in dem sie ihre sehr eindrückliche Version des Kendrick-Lamar-Hits King Kunta vorträgt. Der König wird dabei selbtredend zur Königin. Den hier nun folgenden, zuletzt veröffentlichten Sudan-Archives-Clip drehte Eric Coleman zum Track Water, der mit seinen repetitiven Claps, dem leisem Rollgeräusch im Hintergrund und dem kurzen, mehrstimmigen Refrain einer endlosen, gemächlichen Meditation gleicht, weshalb sein abruptes Ende äußerst willkürlich anmutet. Dem Titel entsprechend ist der Song mit Impressionen aus einem Fischerort an der Küste Ghanas illustriert. Coleman, der auch die Visuals zu Come Meh Way verantwortet hat, begleitete Parks auf eine Reise in das westafrikanische Land. Dort, so erzählt die Musikerin in einem Interview mit dem Onlineportal L.A. Record, hielt sie unter anderem für die Non-Profit-Organisation Taiwo Fund an einer Schule einen Workshop zur Produktion elektronischer Klänge ab. Es war ihr erster Trip ins Ausland.

Den genau umgekehrten Weg hat Jojo Abot genommen, die noch einen Zacken radikaler als Sudan Archives mit dem ihr zur Verfügung stehenden Instrumentarium hantiert. Die Musikerin und Multimedia-Künstlerin kommt aus Ghanas Hauptstadt Accra und fühlt sich dem Afrofuturismus verpflichtet, der ja maßgeblich von dem US-amerikanischen Jazzkomponisten und Orchestervorsteher Sun Ra geprägt worden ist. Ihren eigenen Sound bezeichnet Jojo Abot als “Afro-Hypno-Sonic”. Das beinhaltet schließlich auch die Aufgabe konventioneller Songstrukturen, an denen sie auf ihrer ersten und bisher einzigen EP FYFYA WOTO aus dem Jahr 2015 noch festhielt, während der aktuellste Track Nye VeVe SeSe eine dekonstruktivistische Collage aus Abots Stimme, verschiedenen digitalen Beats und einem Harmonium-Sound ist. Hier eine Linie zu Arbeiten von Laurie Anderson zu ziehen, liegt nahe, gerade auch, wenn man sich den von Jojo Abot selbst produzierten Clip zu Nye VeVe SeSe anschaut, in dem sie der Kunst im öffentlichen Raum noch eins draufsetzt. In der kahlen und kühlen Kulisse einer nördlichen Stadt wirkt sie in ihrem farbenfrohen Outfit und mit der Sonnenbrille tatsächlich wie eine frisch Gelandete from Outer Space. Bei der Stadt handelt es sich um keine geringere als New York, wo Jojo Abot derzeit an New Inc., einem Artist-in-Residence-Programm des New Museum, teilnimmt. Dies ist auch bis zur Fugees-Ikone Lauryn Hill durchgedrungen, die daraufhin Jojo Abot gleichmal als Support-Act für zwei ihrer Shows verpflichtete.

Oha, es gibt was Neues von der kalifornischen Band Tune-Yards. Über das Projekt der umwerfenden Merrill Garbus und ihres Boyfriends Nate Brenner ist auf eareyeam genug geschrieben worden. Zuletzt in der Ausgabe 3/14. Damals hatte das Duo gerade Nikk Nack veröffentlicht, seine dritte Platte, mit der es die Home-Recording-Anmutung der beiden Vorgängeralben plötzlich weit hinter sich ließ. Dass Tune-Yards den Weg der Professionalisierung konsequent weiter beschreitet, bezeugt der Song Look At Your Hands: Gerade erst frisch ins Netz gelangt und schon landet er bei eareyeam auf dem Teller – quasi eine Pflichtspeise. Look At Your Hands und ein dazugehöriges, von Michael Speed produziertes Video voller Hände kündigen die vierte Tune-Yards-Scheibe an. Diese wird den Titel I can feel you creep into my private life tragen und am 19. Januar auf den Markt kommen. Garbus und Brenner haben für I can feel you creep into my private life die Dienste von Beau Sorensen in Anspruch genommen, ein Produzent der auch schon für Bob Mould, Superchunk oder Death Cab for Cutie die Regler runter- und hochschub. Und offensichtlich gelang es ihm, den Tune-Yards-Sound auf eine ziemlich gerade Drummaschine zu hieven, wie man zumindest am Beispiel von Look At Your Hands hören kann. Die Band klingt mit dem Stück so poppig wie niemals zuvor, selbst wenn in ihm auch immer noch die üblichen Breaks, Dissonanzen und Vokalakrobatiken vorangegangener Tune-Yards-Titel zu finden sind. Die Eingängigkeit des Songs mag das Plattenlabel 4 AD wohl dazu bewogen haben, gerade diesen als Erstauskoppelung von I can feel you creep into my private life in die Welt zu senden. Vielleicht kommen dahinter ja noch ein paar krummere Dinger. Letzlich sollte man Tune-Yards sowieso eher live genießen als aus der Konserve essen. Ein Konzert von Merrill Garbus, Nate Brenner und ihren jeweiligen MitstreiterInnen ist eine musikalische Weihnachtsbescherung. Leider werden in diesem Jahr in Deutschland nur noch die Düsseldorfer und Stuttgarter beschenkt – auf dem New-Fall-Festival am 16. und 17. November, das übrigens auch Sudan Archives im Programm hat.

Die gute alte Tante 4 AD macht Dampf. Nicht nur, dass die Band Tune-Yards eine neue LP verspricht, die ebenfalls bei der britischen Plattenfirma unter Vertrag stehende US-Indieveteranen-Formation The National ist mit ihrem siebten Album Sleep Well Beast derzeit ganz oben in den Charts der angelsächsischen Welt. Und mit Kim Deal und ihrer Gruppe and The Breeders funkelt nun auch wieder ein ganz besonders heller Stern am 4-AD-Himmel. Gerade befindet sich The Breeders auf Europa- und US-Tour, in der Besetzung, die 1993 die All-Time-Klassiker-Platte Last Splash eingespielt hatte: mit Kim an der Gitarre und als Leadsängerin, ihrer Zwillingsschwester Kelley, ebenfalls an der Gitarre und als zweite Stimme, der britischen Bassistin Josephine Wiggs und Jim Mcpherson am Schlagzeug. Mit dem neuen Song Wait In The Car signalisiert das Quartett, dass demnächst mit einem Album gerechnet werden kann, nach Kim Deals spektakulärem Abgang bei den Pixies und einer längeren Phase, in der Deal ganz für sich allen Musik geschrieben hatte. eareyeam-Ausgabe 6/13 enthält den Clip zu Are You Mine, einem Lied, in dem sie über das Verhältnis zu ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter reflektiert. Und im Adventskalender 2014 lässt sich ihr sehr schöner Song Biker Gone finden. Auch für Wait In The Car hatte Deal wieder nur die für sie typischen, erratischen, knapp gehaltenen und manchmal nur noch lautmalerischen Lyrics übrig, der Song ist aber weitaus energetischer, crisper und stärker auf den Punkt gebracht als ihre Solo-Sachen. Nicht zuletzt hat das auch etwas mit Jim Mcpherson zu tun, den man getrost als einen der besten Drummer weit und breit bezeichnen kann. Wenn er nicht gerade dem Schreinerhandwerk nachgeht, um etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Das Video zu Wait In The Car baut auf einen einzelnen Ziegelstein auf. „Wir mochten die Idee, etwas Banales aber Ikonisches zu verwenden“, so die beiden Macher Chris Bigg und Martin Andersen. Insgesamt haben sie 800 Standbilder und Stilleben aneinander geschnitten und damit eigentlich einen sehr typischen 4-AD-Musikclip geschaffen.

Trat sie im eareyeam-Adventskalender 2014 noch als theatralische Math-Rockerin in Erscheinung, dreht St. Vincent nun am ganz großen Rad. Das heißt, Annie Clark, die hinter St. Vincent steckt, probiert aus, wie massentauglich sie sein kann. Ihr jüngstes Album trägt dementsprechend den Titel Masseduction. Und der Track Los Ageless zeigt, dass Annie Clark ihren Sound nochmal eine ganze Spur eingängiger angelegt hat. Rockschmockiger ist in diesem Fall vielleicht das passende Adjektiv. Los Ageless kann im übrigen als Gegenstück zu ihrem Song New York gelten, eine Klavierballade mit hymnischem Refrain. Die Lyrics gehen mit dem in Hollywood herrschenden Jugendwahn und Sexismus ins Gericht. Dort melken die Mütter ihre Jungen, singt St.Vincent. Der Versuch, mit solchen Metaphern über die StammhörerInnenschaft hinaus Eindruck zu machen, ist integraler Bestandteil eines präzise kalkulierten, künstlerischen Konzepts, das allerdings zugleich auch auf die Überspitzung der kritisierten Körper-Images setzt. So macht die Plattenfirma großflächig Werbung mit dem LP-Cover von Los Ageless. Dieses zielt mit einer stilisierten Darstellung der Rückansicht von Clark, die High Heels, rote Strumpfhosen und einen knappen Leopardenfellmuster-Body trägt und sich leicht nach vorne beugt, direkt auf die linke Gehirnhälfte der KonsumentInnen. Während wiederum das Video zur Single Los Ageless die ganze Absurdität der Schönheitsindustrie in ästhetisch ansprechenden und doch leicht verstörenden Bildern zusammenfasst. Wenn vier grüne Handschuhe kräftig an der Backenhaut von Annie Clark ziehen, erinnert das sehr an die plastische Chirugie, der sich die Mutter der Hauptfigur in Terry Gilliams Sci-Fi-Klassiker Brazil aus dem Jahr 1985 unterzieht. Die Regie des Los-Ageless-Clip hat Willo Perron innegehabt, der auch schon das Video zum St.-Vincent-Song Birth In Reverse verantwortete. Und mehr Ironie geht ja fast nicht: Ausgerechnet Red Bull Music schoss das nötige Geld zu, damit Perron den technicoloristischen Albtraum von einer Beauty-Farm so opulent in Szene setzten konnte.

Im vergangenen Herbst präsentierte eareyeam in Ausgabe 3/16 das Video zu Wow, einem Song, den Beck für sein damals gerade fertiggestelltes, dreizehntes Studioalbum geschrieben hatte. Allerdings wurde die Platte tatsächlich erst ein Jahr später – im September 2017 – veröffentlicht. Der britischen Tageszeitung The Guardian verriet Beck in einem Interview, dass ihm die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in die Quere gekommen war. Die politischen Ereignisse in seiner Heimat hatten es ihm seinerzeit unmöglich gemacht, dem Publikum ein Bündel von Songs zu überreichen, die allesamt Optimismus und Lebenslust ausstrahlen sollten – als Kontrast zu den melancholischeren und introvertierteren Stücken der vorangegangenen Alben. Schon klar, der Zustand der Welt ist aktuell keineswegs besser, aber Beck Hansen wollte angesichts der Arbeit, die er schon in die Aufnahmen investiert hatte, das Material dann doch nicht in der Schublade verschimmeln lassen. Weshalb Colors, so der Titel der LP, sich jetzt wie ein einzelnes Gummibärchen unter lauter Lakritzstangen ausnimmt. Dem namensgebenden Song, den Beck – und das kann nur als Provokation gemeint sein – mit einer Art Panflöten-Riff antreibt, stellte er, eventuellen Vorwürfen der Schmierigkeit vorgreifend, ein Slime-Video beiseite. Es ist nicht klar, ob der Musiker den Clip selbst produziert hat, aber offensichtlich wurde sich für diesen bei einem spezifischen Subgenre der sogenannten Autonomous-Sensory-Meridian-Response-Videos bedient, deren Zahl auf Youtube in kurzer Zeit rasant gewachsen angewachsen ist. Erklärtes Ziel der Macher dieser Clips: den ZuschauerInnen ein wohliges Kribbeln m Hinterkopf oder Rücken zu verursachen. Als Beispiel kann hier ein Video dienen, in dem jemand mit Wattestäbchen die Schaumstoffoberfläche eines High-Quality-Mikrofons bearbeitet. Genau: Es sind immer nur Hände in solchen Videos zu sehen – eben auch welche, die in Kunstschleim greifen und diesen kräftig kneten. In dem Clip zu dem Beck-Stück walken allerdings auch Finger mit äußerst ungepflegten Nägeln die wabbelige Masse. Anziehend eklig! Aber genau das trifft auch auf Colors zu.

Schon wieder Maurice und die Familie Summen? Ja, sicher. Oder kann sich etwa eine andere Formation damit rühmen, das bisher beste deutschsprachige Album des Jahres 2017 veröffentlicht zu haben? Selbst in der Radio-Eins-Sendung Soundcheck, dem freitäglichen Sammelbecken besserwisserischer Musikkritiker (die Kritikerinnen kommen akustisch stets deutlich sympathischer rüber) konnte ihre Scheibe Bmerica jüngst mit vier „Hits“ die Bestnote einheimsen. Gehen wir mal großzügig davon aus, dass diese Bewertung so garnichts mit dem Umstand zu tun hat, dass Maurice Summen, der ja bekanntermaßen dem vorzüglichen Berliner Label Staatsakt vorsteht, bei Radio Eins auch einmal im Monat die Sendung Die Sendung moderiert. Dass Bmerica funzt, konnte man gleich am Beispiel des vorveröffentlichten Tracks ZeitZurück erkennen, der dazugehörige Clip führte die eareyeam-Ausgabe 2/17 an. In dieser Nummer nun sind Maurice und die Familie Summen mit dem Video zum Song #Bock vertreten. Dessen Strophen gehorchen zwar dem Funky Spirit des Albums, der Refrain ist aber rockiger gehalten. Zusammengeklammert wird das Stück von den Bläsern, die insgesamt auf Bmerica einen formidablen Job gemacht haben und sicher auch die Partystimmung auf den aktuellen Konzerten von Maurice und seiner Familie gut anheizen. Als Gastvocalist für #Bock konnte Patric Catani gewonnen werden, der dafür sein Alter Ego Ill Till reanimiert hat. Ill Till und Maurice legen sich im #Bock-Video, ein Produkt von Sebastian Kaltmeyer aus dem Hause Industriesauger-TV, an den Strand, um den Bartleby-mäßigen Lyrics des Stückes auch wirklich gerecht zu werden. Aber mit dem Faulenzen wird das so richtig nichts, zwischendurch stehen sie doch auf der Bühne und Ill Till übt sich sogar im Seilspringen. Der Sound von #Bock sorgt ja auch eher für Hummeln unterm Hintern.

Na schön, rutscht es hier jetzt doch noch rein, obwohl es eigentlich viel zu albern ist – das Video zum Maeckes-Track Partykirche. Es bildet dann aber doch ein Stück bundesrepublikanische Wirklichkeit ab, repräsentiert durch die unzähligen Maeckes-Fans, die in die von dem Musiker aufgestellte Partizipationsfalle getappt sind. Maeckes rief seine Follower nämlich dazu auf, Material zu dem Clip beizusteuern. Das vorgeschobene Argument: Der Track wäre ja lediglich so eine Art Abfallprodukt gewesen, ihn gibt es eh‘ nur als CD-Bonus auf Tilt, Maeckes‘ jüngstem Album, dessen Titelstück samt Video übrigens im eareyeam-Adventskalender 2016 zu finden war. Partykirche habe sich allerdings bei seinen Konzerten überraschend zum Publikumsfavorit entwickelt und würde massenhaft bei Spotify gestreamt. Soll doch die AnhängerInnenschaft einfach selbst Ideen für einen passenden Clip entwickeln und Regie führen, wenn sie Partykirche so liebt. Er, Maeckes, habe keine Lust dazu. Die Fans besitzen aber mit Sicherheit genug Medienkompetenz, um zu wissen, dass derjenige, der dann am Ende mit am Schneidetisch sitzt, das Heft in der Hand hält – also Maeckes selbst. Was das nun als Regisseurin falsch titulerte „Partyvolk“ aber nicht davon abhielt, dem Musiker eine Flut von teilweise abgründigen Aufnahmen aus dem Hobbyfilmer-Hinterland zukommen zu lassen, die dann sehr eklektizistisch montiert worden sind, mit schnellen Schnitten und einer Menge Splitscreens. Süß: die Schildkröte mit dem Gotteshaus auf dem Panzer. Besonders beunruhigend: der Tanz der Mitglieder der You-Are-Great-Gemeinde zu Partykirche in einem echten Sakralraum. Das Maeckes-Double aus dem Tilt-Clip darf natürlich auch nicht fehlen. Für das Video wurde die von einem zackigen Tuba-Sample dominierte Originalversion von Partykirche mit allen existierenden, offiziellen Remixen verwurstet, einmal hört man den Track sowieso nur aus den Boxen in einer Restaurantküche, in der zwei Aushilfen mit Geschirr hantieren, ein anderes Mal wird er kurz live von einer Band eingespielt. Maeckes‘ Predigttext lässt sich dahingehend interpretieren, dass man für die Partykirche lieber doch keine Steuer zahlen möchte. Amen.

Die Band Liars gibt es jetzt auch schon eine gefühlte Ewigkeit. Lange ist es her, dass sie mal bei eareyeam vorkam. Das war in Ausgabe 2/12, mit dem Video zum Song No. 1 Against The Rush. Im August erschien bei Mute Records TFCF, das achte Studioalbum – nach einem tiefen Einschnitt in der Geschichte der Kombo. Zwar ist der Sänger und Gitarrist Angus Andrew ihr unbestrittener Frontmann. Doch seit den ersten Schritten von Liars im Jahr 2000 bis zum Frühling 2017 hatte Andrew stets Aaron Hemphill an seiner Seite, während andere Bandmitglieder nicht so lange ausgeharrt hatten. Im Mai aber kündigte Angus Andrew auf der Liars-Webpage nicht nur die baldige Veröffentlichung von neuem Material an, sondern teilte dort auch mit, dass Hemphill sich von der Gruppe verabschiedet habe – man sei freundschaftlich auseinandergegangen. Mit völlig neuer Besatzung startete Andrew dann im Sommer eine Liars-Konzerttour, die derzeit noch im Gange ist. Auf die Bühne begibt er sich dabei stets im Hochzeitkleid und mit Schleier, ein Outfit, in dem er auch auf dem Cover von TFCF abgebildet ist. Und man kommt nicht umhin, in ihm eine traurige, verlassene Braut zu sehen. Den Ruf, zu den eigenen Stücken sehr spezielle Clips produzieren zu lassen, kann Liars auch mit den Visuals für Cred Woes eindrucksvoll untermauern. Der New Yorker Regisseur Yoonha Park porträtiert einen jungen Mann, der in der Gastronomie arbeitet. Als Zuschauer schwankt man zwischen Sympathie für das von dem Lockenkopf zelebrierte Slackertum und einer Abneigung gegen seine Rastlosigkeit, Unruhe und unterschwellige Agressivität. Vorsicht: Es wird mit allerhand Sachen geworfen, so landet auch mal eine Melone im Basketballnetz. Das passt hervorragend zu dem nervösen, monotonen Duktus von Cred Woes, ein Stück, das beurkundet, wie fortgeschritten die seit Jahren betriebene Fusion aus synthetischen Klängen und Gitarrenmucke bei Liars schon ist – ohne dass das Ergebnis sich aber in die Schublade Elektropunk oder Indietronics stecken ließe.

Und jetzt wird hier nochmal ein richtig amtliches Musikvideo der kanadischen Band Metz nachgereicht. Der in der eareyeam-Ausgabe 2/17 gezeigte Promoclip für ihr diesjähriges Album Strange Peace war ja eher eine hastig gebastelte Aufwärmübung: Ein paar Hände winkten recht verhalten zum Song Cellophane. Für Cellophane gibt es mittlerweile neue, anspruchsvollere Visuals, aber da das Stück bei eareyeam schon durch ist, wird sich hier auf das von Shayne Ehman gedrehte Video zum Titel Drain Lake konzentriert, der bisweilen kurioserweise so klingt, als hätte Metz heimlich eine tiefgestimmte Querflöte in den heiligen Lärm geschmuggelt. In dem Clip biegen die Gabeln sich auf eine Weise, an der Uri Geller seine helle Freude haben müsste. Und auf die Idee, ein Cupcake-Blech zum Fliegen zu bringen, hätte eigentlich Jim Jarmusch beim Drehen seines Films Paterson kommen sollen. Die Metzmänner, also der Gitarrist und Sänger Alex Edkins, Bassist Chris Slorach und Schlagzeuger Hayden Menzies, befinden sich im übrigen gerade auf Europa-Tour. Am 6. November spielen sie im Berliner Bi Nuu, am 8. November sind sie im Hamburger Knust zu sehen und am 22. November folgt ein Konzert im Londoner Club The Garage.

Ein Moskauer Wunderkind ist erschienen (haftete einem solchen Typus zu UDSSR-Zeiten nicht etwas Inflationäres an? Heute ist er wieder eine Meldung wert). Dmitry Evgrafov brachte sich ab dem zarten Alter von 14 Jahren das Klavierspielen selbst bei, Unterricht hat er nie bekommen. Mit 17, also noch bevor er in seiner Heimatstadt Sounddesign studierte, begann er, eigene Kompositionen zu veröffentlichen. Die Macher von 130701, dem Unterlabel für post-klassische Musik der britischen Plattenfirma Fat Cat Records, wurden auf das Talent aufmerksam und nahmen den Moskowiter 2015 unter Vertrag. Evgrafov konnte dort auch gleich seine erste Platte veröffentlichen. Collage nannte er sie, da das Album eine Sammlung von über die Jahre entstandenen, miteinander unverbundenen Stücken darstellt. 2016 folgte die EP The Quiet Observation und dieses Jahr erscheint mit Comprehension of Light eine zweite LP, an der Dmitry Evgrafov nun erstmals innerhalb eines umgrenzten Zeitraums und mit einem Konzept ausgestattet bastelte. Und was zeigt das folgende Video, dass den auf Comprehension of Light enthaltenen Track Tamas illustriert? Vulkaneruptionen? Sonnenexplosionen? Die Visuals in Kombination mit der Musik könnten glatt suggerieren, dass hier doch eine Art frühsowjetisches Multimedia-Experiment re-enacted wird. Die rätselhaft-monochromen Bilder hat der Designer und Künstler Ruslan Khasanov erzeugt, der es sonst besonders bunt mag. Ohne sie kann man sich Tamas dagegen gut als Horrorfilm-Soundtrack vorstellen – dank einer dräuenden, von Streichern in Spannung gehaltenen Stimmung, in der disharmonische Bläserklänge ständig an- und abschwellen.

Wie? Kein klassisch gezeichnetes Animationsvideo in dieser Ausgabe? Na, das lässt sich ja noch ändern. SuperParka – Supername – hat vor ein paar Tagen den Clip zum Track Skip rausgehauen. In ihm fahren zwei Typen in einem Auto durch die Nacht. Allerdings: Die beiden befinden sich auf dem Beifahrer- und Rücksitz, das Steuer hat zunächst niemand in der Hand, dann lenkt eine Art chinesischer Drachen das Fahrzeug. Ist das etwa der Kommentar von SuperParka zur eigenen Bandgeschichte? Paco und Simon, die zwei Parkas und Pkw-Insassen, gehörten nämlich mal dem normannischen Pop-Quintett We Are Match an. Die fünf Jungs, die sich schon von Kindesbeinen an kannten, wollten sich ein Plätzchen im französischen Popbusiness ergattern und sogar darüberhinaus – verfassten sie doch ihre Lyrics in englischer Sprache. 2015 veröffentlichte We Are Match ein Debütalbum, aber gleich danach schien der Wurm in die Sache gelangt zu sein. Denn im April 2017 verkündeten die Bandmitglieder auf ihrem Facebook-Account das Ende von We Are Match. Der Versuch neue Songs einzuspielen sei leider in die Hose gegangen, hieß es dort. Nach intensiver Diskussion und langen Überlegungen seien sie zu dem Schluss gekommen, dass man eigentlich keine Lust mehr habe, zusammen weiterzumachen. Die zwei Keyboarder der Band waren da auch schon nach London aufgebrochen und der Schlagzeuger hatte sich in den Übungskeller zurückgezogen. Blieben eben noch Sänger Paco und Gitarrist Simon an Bord, die zumindest im Skip-Clip ein wenig paralysiert durch die Nacht kurven, um diesen heftigen Split zu verarbeiten. Vielleicht als Taschengorillaz, denn der SuperParka-Track mutet – vor allem noch in Kombination mit dem Zeichentrick-Video – wie eine Lo-Fi-Version der Beats und Melodien, die Damon Albarn für seine fiktive Comic-Band so bastelt, an. Der Clip wurde sicherlich nicht von Jamie Hewlitt geschaffen, aber haben Paco und Simon ihn eigentlich selbst gebastelt? Sie verweisen jedenfalls auf das Videospiel Parappa The Rapper als Vorbild für die Animation – und auf die letzte Folge der dritten Staffel von Twin Peaks. Zudem haben sie noch ihre Vorliebe für Sushi in Form umherfliegender Kaltfischhäppchen in das Filmchen eingebaut. Klingt wirr und profan – aber jetzt bitte trotzdem nicht skippen.

Ach, wie schön! Endlich mal wieder was vom dänischen Lieblingslabel Tambourhinoceros. Aus diesem Stall waren schon Efterklang, PRE-Be-UN oder Thulebasen bei eareyeam zu Gast. Alle diese Acts scheinen leider nicht mehr unterwegs zu sein. Dagegen ist der hier seine eareyeam-Premiere feiernde The New Spring umso aktiver und beglückt uns mit dem sehr melancholischen und doch wunderschönen Song Gershwin Wakes Up Singing. Bastian Kallesøe heißt der Mensch, der seit ein paar Jahren die Rolle des neuen Frühlings eingenommen hat. Er war auch mal Leadsänger einer Band namens Shout Wellington Air Forces, die 2010 ihre Debüt-LP Clean Sunset auf dem nicht mehr existierenden Label Morningside Records veröffentlicht hatte. Zwar erbte Tambourhinoceros Shout Wellington Air Forces nach dem Ende von Morningside Records, doch das geplante zweite Album der Band kam niemals zustande, auch Shout Wellington Air Forces löste sich auf. Dafür hat The New Spring mittlerweile drei LPs auf Tambourhinoceros herausgebracht und so tolle Songs wie Glow geschrieben, zu dem es auch ein rührendes Video gibt. Gershwin Wakes Up Signing ist der Vorbote eines weiteren Albums, das den Titel Wholly Wholly tragen wird und am 2. Februar 2018 in die Plattenläden kommen soll. Zugleich hat Bastian Kallesøe verkündet, dass sich The New Spring zumindest für die Aufnahme der neuen Scheibe zu einer vierköpfigen Band erweitert hat. Für den Dreh des Videos zu Gershwin Wakes Up Signing plazierte Regisseur Nick Bruhn-Petersen Bastian Kallesøe aka The New Spring in den Garten der Dänischen Königlichen Bibliothek in Kopenhagen – prompt fühlte sich der dortige Springbrunnen verpflichtet, seine Aufgabe zu erfüllen, während Kallesøe mehrmals geisterhaft ins Setting reproduziert wurde. Passt zu den Lyrics, denn in ihnen geht es laut dem Musiker um das ultimative Disaster: dass man aufwacht und feststellt, man ist tot. Kallesøe imaginiert, in diesem Moment enttäuscht zu sein, aber auch neugierig darauf, wie sich der eigene Leichnam so anfühlt. Am Ende würde einen wahrscheinlich das alberne, schöne aber nun völlig nutzlose Wissen erfüllen, dass man mal am Leben war. Ein adäquater Rausschmeißer in die dunklen Novembertage, die nun kommen werden.

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Edició 3/17 http://eareyeam.blogsport.de/2017/09/25/edicio-317/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/09/25/edicio-317/#comments Mon, 25 Sep 2017 16:29:49 +0000 Administrator http://eareyeam.blogsport.de/2017/09/25/edicio-317/
    Filastine & Nova / Za! / Las Bistecs / Beroots Bangers feat. Lirico / Enes Suleman & Stash House / Ivan Cano / Bad Gyal / Afrojuice 195 & Blondie / Zora Jones / Awwz / Nueva Volcano / Les Sueques / Power Burkas
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Filastine & Nova / Za! / Las Bistecs / Beroots Bangers feat. Lirico / Enes Suleman & Stash House / Ivan Cano / Bad Gyal / Afrojuice 195 & Blondie / Zora Jones / Awwz / Nueva Volcano / Les Sueques / Power Burkas

Oha, die LeserInnen (genauer gesagt: zwei von ihnen) haben eareyeam nach Barcelona geschickt. Die Entscheidung fiel schon im Winter, da konnten sie noch gar nicht ahnen, dass die mediterrane Metropole zuerst Mitte August vom dschihadistischen Terror heimgesucht werden würde, um nun, im Vorfeld eines für den 1. Oktober geplanten Unabhängigkeitsreferendums, als Schauplatz für das Kräftemessen zwischen katalanischen Nationalisten und spanischer Zentralregierung herzuhalten. Barcelona ist also derzeit ein viel heikleres Terrain als es Japan im August 2016 war. Damals hatte die allererste monogeographische eareyeam-Ausgabe die diversen Musikszenen Nippons zum Thema. Wenn eareyeam aber nun schon mal den Auftrag bekommen hat, Kataloniens Hauptstadt musikalisch zu porträtieren, dann will es auch ganz unverblümt den Umstand nutzen, dass gerade mehr Leute aufgrund des dortigen politischen Geschehens auf Barcelona schauen. Weshalb der Veröffentlichungstermin dieser Ausgabe kein zufälliger ist. Aber auch nichts mit einer etwaigen Sympathie für das Begehren vieler KatalanInnen nach einem eigenständigen Staatsgebilde zu tun hat. Ministerpräsident Carles Puigdemont behauptet zwar in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dass der katalanische Nationalismus kein ethnischer ist, aber einer solchen Aussage kann misstraut werden; es gibt sowieso keinen Nationalismus ohne Ausschlüsse – einige Bürgermeister der Region, die sich nicht für die Unabhängigkeit begeistern, können ein Lied von den Drohungen und Schmähungen singen, die sie deswegen in den vergangenen Wochen erfahren haben. Und obwohl offensichtlich auch Linke die Abspaltung von einem als zutiefst vom Franquismus durchtränkt empfundenen Spanien herbeisehnen, wundert es doch, dass sie sich zu diesem Zweck ausgerechnet hinter einem neoliberalen Regionalfürst versammeln. Dem sei aber nun flugs hinzugefügt, dass eareyeam auch der spanischen Regierung kein Jota zugeneigt ist. Der herrschende Partido Popular ist ein erzreaktionärer Haufen, tatsächlich überwintern in ihm muffige Reste des Gedankenguts aus der Phase der Diktatur. Daher fällt Madrid jetzt auch ganz leicht in das alte Muster der harten Hand gegenüber allzu aufmüpfigen Nicht-Kastillanern zurück und sorgt selbst dafür, dass die Verhältnisse in Katalonien in eine Absetzbewegung geraten. Bisher sprach sich eine Mehrheit der Abstimmungsberechtigten gegen die komplette Abspaltung der Region aus. Die derzeitige, wesentlich vom Zentralstaat entfachte Eskalation, inklusive der Mobilisierung der Guardia Civil, der Beschlagnahme von Wahlzetteln, der Verhaftung katalanischer Funktionäre und eines Stopps des Zuflusses öffentlicher Gelder Richtung Barcelona, hilft, das gründlich zu ändern.


Foto: vdevivienda via Wikimedia Commons

Oh, eigentlich soll es hier ja nur um Musik gehen. Aber man kann sich wohl denken, dass gerade in Barcelona einige KünstlerInnen ansässig sind, die Melodien und Beats sowieso als hochpolitische Angelegenheit verstehen. Kaum eine Stadtbevölkerung Europas ist in den vergangenen Jahren so stark nach links gerückt wie die der mediterranen Metropole. Dafür hat aber nicht der Separatismus gesorgt, sondern eine Bewegung, die sich in Folge der landesweiten Proteste von 2011/2012 gegen die massenhaften Zwangsräumungen von durch die Wirtschaftskrise verarmten und überschuldeten Wohnungseigentümerinnen zur Wehr setzte und zudem die Schattenseiten des Tourismusbooms, der seit den Olympischen Spielen 1992 andauert, problematisierte. Mit Ada Colau steht gar nun eine Ex-Hausbesetzerin und Aktivistin aus den Reihen dieser Bewegung an der Spitze der städtischen Administration. Obiges Foto zeigt Colau, wie sie schon im Jahr 2007 gegen eine Privatisierung von Wohnraum. Bildung und Gesundheit kämpft. Damals kreuzte sie ungebeten und als Comicheldin Supervivienda verkleidet auf einer Wahlveranstaltung der kommunistischen Bürgermeisterkandidatin Imma Mayol auf. Heute hört Colau im Rathaus veilleicht gelegentlich die Musik der MacherInnen des Auftaktvideos dieser Spezialausgabe. Für eareyeam sind die keine Unbekannten mehr. Der ursprünglich aus den USA stammende, aber seit Jahren in Barcelona lebende Grey Filastine kam im Adventskalender 2012 mit dem Track Gendjer2 vor. Damals hatte er gerade indonesische Klänge für sich entdeckt und traf bei einem Aufenthalt in Jakarta auf die Sängerin Ruth Nova, die die Vocals zu Gendjer2 beisteuerte. Aus den beiden wurde ein Paar, das inzwischen auch als Duo Filastine & Nova fest zusammenarbeitet. Ihr gemeinsames Repertoire enthält hauptsächlich musikalische Interventionen mit politischer Grundierung: ein Mixtape zum Dokumentarfilm The Act of Killing, ein Sound-Schwarm für die Straßen von Paris während des Klimagipfels 2015 oder eine Performance im Dschungel von Calais. Ein Projekt von ihnen, das sich über gut anderthalb Jahre erstreckte, ist die Produktion der Videoserie Abandon. Die stellt Arbeitskräfte in verschiedenen Berufssparten an verschiedenen Orten der Welt in den Mittelpunkt. Jeder der Clips handelt vom Aufbegehren gegen die untragbaren Zumutungen, die die Arbeitswelt für das Individuum so bereithält. Der Widerstand wird jeweils tänzerisch zum Ausdruck gebracht. Filastine & Nova hat dafür mit lokalen ChoreographInnen kooperiert. Die erste Episode The Miner wurde auf Borneo und Java gedreht, die zweite Folge The Cleaner in Lissabon und für Teil 3 The Salarymen flog Filastine & Nova nach Seattle. Der oben gezeigte, vierte Clip Los Chatarreros hat das Duo schließlich nach Barcelona zurückgeführt. Er dreht sich um die migrantischen Altmetallsammler der Stadt, repräsentiert durch die Chatarreros Amadou Barri, Christian Kabeya, Diego Solaque und Alan Gonzalez. Grey Filastine, der bei dem Video allein Regie führte, lässt in ihrer Mitte den Tänzer Dougie Knight nach einer Choreographie von Celine Pimentel Vogueing-, Footwork- oder Breakdance-Moves performen – zu einem Elektronika-Track, der entsprechend seines Themas von metallisch klingenden, perkussiven Beats dominiert wird, während einzig und allein ein abgehackter Akkordeon-Riff die Melodie führt. Barcelona hat sich im übrigen selbst den Titel „Stadt der Zuflucht“ gegeben, um zu demonstrieren, dass innerhalb seiner Verwaltungsgrenzen Refugees willkommen sind. Gegenüber der italienischen Insel Lampedusa und der griechischen Insel Lesbos verpflichtete sich die barcelonesische Regierung in einem Abkommen, finanzielle und technische Hilfestellung beim Empfang und bei der Versorgung der über das Mittelmeer Geflüchteten zu leisten. Die vier Titel der Abandon-Serie sind auf der im April veröffentlichten Platte Drapetomania zu finden, dem ersten offiziellen Album von Filastine & Nova. Das folgende, von Arif Ramly produzierte Video zeigt, wie Grey Filastine und Ruth Nova während eines kürzlichen Besuchs im indonesischen Jakarta für die Reihe Wknd Sessions die ebenfalls auf Drapetomania enthaltenen Stücke Fenomena und Perbatasan auf der Straße vor einem Blumenladen darbieten. Novas Gesang kann eine ziemliche Sogwirkung entwickeln.

Dass die Barcelona-Ausgabe überhaupt zustande gekommen ist, hat eareyeam vor allem auch Lucia Gea zu verdanken, die schon als Autorin der Ausgabe 1/17 den LeserInnen die Geschichte der schwarzen Punk-Band Death aus Detroit nahebrachte. Zwar ist Lucia in der Musikszene Valencias beheimatet, sie nimmt aber auch immer wieder das Geschehen in anderen spanischen Städten in den Blick. Auf der Liste ihrer LieblingsmusikerInnen aus Barcelona steht ein weiteres Duo ganz oben, das für die hier vorliegende Ausgabe sogleich als gesetzt galt: Za!. Seine beiden Mitglieder, die sich Papa DuPau und Spazzfrica Ehd nennen, sind verrückte Hunde, die über eine breite Palette an Instrumenten verfügen: Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, Trompete, Kalimba, Sampler und natürlich ihre Stimmen befinden sich im Einsatz für einen Sound, der sich wirklich schwer in eine Schublade stecken lässt. Noise, Free Jazz, balinesische Polyrhythmen, Math Rock und Drone – alles das verwurstet Za! zu einem erstaunlichen Hörerlebnis. Und stets überlässt das Duo bei seinen Live-Gigs einen Großteil der musikalische Dramaturgie Meister Zufall. Za! tourt ganz schön eifrig durch die Welt und hat sich dabei die Bühne mit Acts wie Shonen Knife, … And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Mark Etzel oder Peter Brötzmann geteilt. 2013 veröffentlichte Za! sein Debütalbum Wanananai im Selbstverlag. Das Rockdelux Magazine erklärte es damals zur Platte des Jahres und obendrauf Za! auch noch zur besten Live-Band Spaniens. 2015 erhielt das Duo den Premi Ciutat de Barcelona, den Musikpreis der Stadt Barcelona, unter anderem für seine Improvisations-Workshops mit Kindern und Erwachsenen. Zudem sind Papa DuPau und Spazzfrica Ehd Gründer des Improvisations-Kollektivs El Cabalo Ganador. Dass Humor ein zentraler Aspekt des Schaffens von Za! ist, demonstriert das Video zu dem Track Badulake von der derzeit aktuellsten Platte Loloismo aus dem Jahr 2015. Die Produzenten des Clips, Jordi Castells und Aitor Garay, sorgten dafür, dass es im Spätkauf heftig rauscht. Gedreht wurde in einem Laden mit dem schönen Namen Pim Pam – und dieser gehört auch in echt der Familie jenes jungen Mannes, der im Video hinter der Kasse bewusstseinserweiternde Erfahrungen macht. In seiner Halluzination verwandeln Papa DuPau und Spazzfrica Ehd sich dabei zwischen den Regalen in verschiedene komische Charakterpaare. Als sie jedoch die Gestalt eines Troublemaker-Duos annehmen, schlägt der Händler sie allein mit einem lässigen Schulterschütteln in die Flucht. Toll, wie dabei das Slayer-Motiv auf seiner Jeansweste zu leuchten anfängt. Es scheint so, als ob der subkontinentale Background des Geschäfts Za! zum den Track Badulake mitprägenden, exzessiven Sampling einer kurzen, womöglich von einem indischen Instrument erzeugten Melodie inspiriert hat. Oder wird umgekehrt ein Schuh draus? Ansonsten mutet der Titel dank unvorhersagbarer Breaks und Tempowechsel bei gleichzeitig nervöser Erfüllung und Verballhornung von Rock-Schemata irgendwie zappaesk an.

Und weil die Musik von Za! so schön durchgeknallt ist, hier noch eine Zugabe: Der folgende Clip zeigt die Live-Aufführung einer natürlich von Improvisationen durchsetzten extended Version des Titels Súbeme El Monitor vom Debütalbum der beiden Za!patisten. Er ist im Rahmen des Projekts Tots Sants entstanden. Die OrganisatorInnen von Tots Sants laden regelmäßig Bands und SolomusikerInnen in das Tonstudio La Casa Murada in dem südwestlich von Barcelona gelegenen Ort Banyeres del Penedès ein. Dort können die Gäste eine Zeitlang in Ruhe proben, neue Stücke erarbeiten und dem schon vorhandenen Material eine veränderte Form geben. Ein Kamerateam dokumentiert schließlich die Resultate dieses Retreats. Im Fall von Za! wird so anschaulich, wie virtuos das Duo mit Loop- und Effekt-Geräten hantiert und dass Spazzfrica Ehd ein verdammt begnadeter Drummer ist. Es macht jedenfalls Spaß, den zwei Typen beim beherzten Bearbeiten ihrer Instrumente zuzuschauen. Súbeme El Monitor heißt auf Deutsch im übrigen „Zieh‘ den Regler des Monitors hoch“. Papa DuPau und Spazzfrica Ehd veralbern diese Standardphrase im Konzertbusiness geradezu, wenn sie ihren Gesang extra bis zur Unverständlichkeit verzerren.

Kann sich überhaupt noch jemand an das Duo Baccara erinnern? In den siebziger Jahren war es Spaniens heißester Pop-Export. Jetzt hat in Barcelona eine Art Baccara 2.0. die Bühne betreten: Las Bistecs. Dieses Tandem, gebildet von Alba Rihe und Carla Moreno, fabriziert einen iberischen Elektropunk, den es selbst als Electro-Disgusting bezeichnet und an dem so jemand wie Peaches ihre wahre Freude haben dürfte. Las Bistecs machen den Anspruch geltend, dass auch feministisch orientierte Musikerinnen anstößig und explizit sein dürfen. Ein ähnliches, zweiköpfiges Konzept haben schon viel früher die Berlinerinnen Gina V. D‘Orio und Annika Trost mit ihrem Projekt Cobra Killer verfolgt. Las Bistecs bezieht sich aber ausdrücklich auf die Movida der frühen achtziger Jahre, als im Spanien nach Francos Tod nachts die Wände wackelten und jeder Schweinekram gefeiert wurde. 2016 konnten Rihe und Moreno dank Crowdfunding ihre erste Platte namens Oferta auf den Markt bringen. Diese enthält zum Beispiel den Track Señoras Bien, der nicht dementierten Gerüchten zufolge den Habitus diverser Politikerinnen des Partido Popular auf’s Korn nimmt. Die Damen verkehren im Ritz, gehen aber auch zum Bingo, täglich werfen sie sich nach dem Aufstehen Pillen ein und bei ihren Besuchen im Schönheitssalon kann sie nichts schrecken, heißt es sinngemäß in den Lyrics. Die Vocals werden mit einer monotonen Drum-Machine, einem Achtziger-Jahre-New-Wave-Synthie und Videospiel-Soundbites unterfüttert. Klar ist das Geschmackssache, aber spanischsprachiger Gesang erhält so eine Sexyness, die ihm in einem rockistischeren Kontext oftmals abgeht. Das Visuelle ist Las Bistecs offenbar genauso wichtig wie die Musik. In dem von Carla Parmenter gedrehten Video zu Señoras Bien, das, seit es Anfang Februar vergangenen Jahres gepostet wurde, immerhin schon 1,2 Millionen Klicks bekommen hat, performen Alba Rihe und Carla Moreno mit Hingabe und Liebe zum Detail gut situierte, mondän-gelangweilte Ladies, die sich jenseits der Saison in einer verlassenen Hotelanlage am Meer ein wenig gehen lassen. Der Swimming Pool ist längst geleert worden, was die zwei Frauen aber nicht davon abhält, sich Gurkenscheiben über die Augen zu legen und auf der Terrasse ein Sonnenbad zu nehmen. Las Bistecs lässt uns wissen, dass die erste Klasse ganz schön cheap sein kann.

Auf Oferta befindet sich auch das folgende sehr kurze aber dafür herzallerliebst klingende A-Cappella-Stück Ano. Las Bistecs hat dem allerdings einen schrägen Clip hinzugefügt, in dem Rihe und Morena nackig durchs Bild schwimmen oder trudeln und der einen dazu veranlasst, sich die Lyrics nochmal genauer anzuhören. „Ano ano ano es culo en castellano“ – kann sich ja jede/r selbst ausmalen, was das auf Deutsch heißt. „Ano ano ano con pelo tibetano.“ Häh? Warum ausgerechnet mit tibetanischen Haaren? Die letzte Zeile preist Ano als „das Lied des Sommers“ an, während das Video ausgerechnet am 1. April 2016 ins Netz gestellt wurde und zwar exklusiv bei Vimeo, denn Youtube hätte es eh‘ gleich in die unzugängliche Schmuddelecke verbannt. Obwohl Las Bistecs hier doch ganz brav mit Verpixelung gearbeitet hat.

ANO from las bistecs on Vimeo.

Na sicher kann Barcelona mit einer signifikanten Hip-Hop-Community aufwarten. Die scheint aber stark von den französischen Schwestern und Brüdern beeinflusst zu sein, weshalb auch rund um die Ramblas gilt: sound follows words. Klangliche Innovationen spielen sich andernorts ab. Einen raren ästhetischen Höhepunkt in der bisherigen Historie des barcelonesischen Hip-Hop stellt vielleicht das Oeuvre der vierköpfigen Posse Beroots Bangers dar. In der ersten Hälfte der zehner Jahre rappten die MCs Enes Suleman, Drako und Zemo gemeinsam auf Spanisch und Französisch, während Dj Ru Ondo dazu die passenden Beats und Samples herstellte. Das Debütalbum der Beroots Bangers kam 2011 heraus und trägt den programmatischen Titel Mainstream Is Dead. Sein Herzstück ist – wenig überraschend – der Track Underground, an dem auch MC Lirico aus Zaragoza beteiligt war. Damals gehörten Ru Ondo und Drako noch gar nicht zu Beroots Bangers, letzterer tritt im Underground-Video lediglich als Tänzer in Erscheinung. In dem von Esmol Jonze und Brazo de Hierro zusammengebastelten Clip, der, dem üblichen Performance-Muster von Hip-Hop-Videos in aller Welt folgend, die Jungs von Beroots Bangers vor dem Hintergrund der Stadtkulisse Barcelonas in Szene setzt oder sie inmitten ihres weitläufigen Freundeskreises zeigt, liefert auch Indee Styla eine Move-Einlage. Die Rapperin hat sich mittlerweile mit einem Sound im Latino-Style fest in der Musikszene Barcelonas etabliert. Wie viele andere lokale KünstlerInnen schlüpft sie immer wieder unter das Dach von LaineREC, dem Aufnahmestudio von Enes Suleman. Enes mischte und masterte dort auch Underground, während Dave Bee zuvor die Produktion des Tracks besorgte und Dj Swet ihm die Scratches zufügte. Gerade letztere geben Underground die nötige Würze. Interessant ist auch der akzentuierte Einsatz eines gleichförmigen Tons, der wie das Signal einer sich schließenden Bahnschranke klingt und stets den Refrain einläutet. Leider findet man im Netz weder eine gescheite deutsche noch eine englische Übersetzung der Lyrics, aber grob lässt sich entziffern, dass die Botschaft von Underground – logisch – die Behauptung eigener Realness und eine klare Absage an künstlerische Kompromisse umfasst. Im Clip halten die Jungs von Beroots Bangers diverse Plattecover in die Kamera, um klarzustellen, wer für sie dabei als Vorbild taugt: IAM aus Marseille, Violadores del Verso aus Zaragoza (Liricos eigene Crew) sowie Nas und Boogie Down Productions.

Beroots Bangers hat sich zwar aufgelöst, aber die ehemaligen Mitglieder sind noch musikalisch unterwegs, hin und wieder kommt es auch zu Kooperationen zwischen ihnen. Am schaffigsten ist Enes Suleman, der in Créteil bei Paris aufgewachsen ist, aber seit 1997 in Barcelona lebt. In den vergangenen Jahren bastelte häufiger ein Produzententeam unter dem Pseudonym Stash House an der Soundunterlage für Sulemans Wordflow. Das tat es auch für einen Track, der Ende März scheinbar exklusiv mit dem entsprechenden Clip auf Youtube auftauchte. Sollte es sich dabei um den Prototyp für eine Serie namens #Keepitsample handeln, die aus Stücken besteht, die jeweils ein prägnantes Sample featuren? Im Fall des vermeintlichen Openers Doctrina del Shock handelt es sich um eine Drittverwertung: Enes Suleman rappt über eine Sequenz von Un bon sond brut pour les truands der französischen Formation IAM, die sich für ihren Track wiederum Yusef Lateefs Passacaglia angeeignet hat. Auf #Keepitsample 1 ist aber offensichtlich bisher kein zweiter Titel gefolgt. Im Netz sind keine Lyrics zu finden, der Titel Doctrina del Shock verweist aber irgendwie auf das gleichnamige Buch der kanadischen Autorin Naomi Klein. Außerdem legt das von Olivier Kowalczyk verantwortete Video nahe, dass Suleman womöglich die Konsequenzen der Digitalisierung des Alltags problematisiert. So mag Doctrina del Shock von allen hier präsentierten Beispielen dem noch am nächsten kommen, was Nordlichter sich als typischen globalisierungkritischen Multikulti-Sound von Barcelona vorstellen, geprägt von Übervater Manu Chao, dessen Homebase die Stadt schließlich viele Jahre gewesen war. Visuell will Enes aber vor allem auch demonstrieren, dass er sich selbst in der guten alten Traditionslinie der Geistesverwandtschaft zwischen Hip-Hop und Martial Arts sieht. Die Schwerter ziehen hierfür Kämpfer des Kendo-Clubs der Universität Barcelona.

Zu einer jüngeren Generation von MCs aus Barcelona gehört Ivan Cano, der in der nördlichen Suburb Santa Coloma de Gramanet beheimatet ist. Mit seinen Kumpels Oktoba und Jhise bildet er das Kollektiv Sacrificio y Pasta. Am 29. September wird Cano sein Debütalbum Baraka an den Start bringen, weshalb er im Vorfeld schon mal ein paar Videos zu auf der Platte enthaltenen Tracks ins Netz katapultiert hat. Eines dieser Stücke ist Partenón, in dem Cano mutmaßlich seine Kindheit und Jugend auf den Straßen seines Viertels schildert. Der 1992 geborene Rapper ist kein Spitter, er bevorzugt einen zurückgelehnten, ruhigeren Flow. Dano Ziontifik hat an den Beats und Samples von Partenón gebastelt und die laufen so smoothly und sophisticated arrangiert rein, dass man einfach nicht überrascht ist, wnn man erfährt, wer hier außerdem schon wieder seine Finger im Spiel hatte: natürlich Enes Suleman, der in seinem LaineREC-Studio Partenón wie wahrscheinlich auch allen anderen Titeln auf Baraka den allerletzten Schliff gab. Im von Mendozzi gedrehten, zugehörigen Clip begibt Cano sich an die Schauplätze seiner Adoleszenz. Zog er als Teenie kräftig am Joint, so behält er diese Angewohnheit jedenfalls bis heute bei. Und Jägermeister scheint seit damals das Getränk seiner Wahl zu sein (oder der Hersteller tritt einfach nur als Sponsor auf den Plan). Ach, außerdem hat Cano in dem Video auch noch irgendwie die eigene Mutter untergebracht.

Interessant ist, dass Dancehall-Rhythmen in Spanien auf besonders große Resonanz stoßen. Und Barcelona kann man durchaus als ein Epizentrum dieser Bewegung bezeichnen, die irritierenderweise oft und eigentlich falsch als Trap gelabelt wird. Zu der Blüte trägt unter anderem Bad Gyal bei, eine der wenigen weiblichen Stimmen in dem doch sehr von Testosteron durchtränkten Genre; eine, die noch dazu auf Katalanisch rappt. Bad Gyal hat in ihrem Pass den Namen Alba Farelo stehen, kam 1997 zur Welt und ist die Tochter des Theater- und Filmschauspielers Eduard Farelo Nin. Bisher veröffentlichte Bad Gyal nur einzelne Singles mit entsprechenden Videos, aber letztere entwickelten sich auf Youtube rasch zu Klickmonstern und haben der Frau eine Popularität eingebracht, die die ihres Erzeugers derzeit wohl locker in den Schatten stellt. Ganz frech hat sie zum Beispiel einfach mal Rihannas Hit Work abgegriffen und ihm katalanische Lyrics verpasst, die mit dem Originalinhalt allerdings nichts zu tun haben. Ihre Coverversion trägt den Titel Pai, was auf deutsch „Vater“ heißt. Na sowas. Auch wenn aktuellere Videos von Bad Gyal existieren, soll hier nun der im Mai 2016 publizierte Clip zu ihrem Track Indapanden gezeigt werden. Leider vollziehen nämlich die neuesten Visuals eine sterotypische Sexualisierung der Performance von Bad Gyal, während die junge Frau im von Polrenom produzierten Indapanden-Video noch recht unschuldig vor einem DHL-Lieferwagen Selfies schießt (Product Placement?) und mit ihren Freundinnen auf den Plätzen Barcelonas cornert. Funny übrigens, dass es Bad Gyal wichtig war, in der Info-Spalte unter dem Clip auf ihrem Youtube-Account auch an dem Nagelstudio ihres Vertrauens Credits zu geben. Zwar lassen sich die Lyrics von Indapanden im Netz finden, aber auch hier schlägt der Google Translator bei der Übersetzung ins Deutsche verbale Purzelbäume. Indapanden meint sicherlich „Unabhängigkeit“ – aber es ist anzunehmen, dass es Bad Gyal kaum um eine staatliche, sondern lediglich um die eigene, persönliche Selbstbestimmtheit geht.

Bad Gyals Lokalrivalin nennt sich Blondie. Na ja, vielleicht wird Blondie von Alba Farelo nicht wirklich ernst genommen, denn sie scheint neben ihrem Youtube-Account andere Social-Media-Kanäle kaum zu bespielen, was ja zumindest in jener Sphäre, in der Musikerinnen wie sie Fame abgreifen wollen, als unentschuldbare Nachlässigkeit gilt. Dafür hat die junge Frau aus der Vorstadt L‘Hospitalet de Llobregat, die im 20. Jahrhundert in Windeseile zur zweitgrößten Kommune Kataloniens heranwuchs, einen ziemlichen Coup gelandet, in dem sie – Achtung – neulich mit einer Posse aus Madrid gemeinsame Sache machte. Trotz katalanischem Separatismus und kastillanischem Chauvinismus ist also doch so etwas wie grenzüberschreitende Verständigung möglich. Na ja, vielleicht auch nur deshalb, weil die aus dem madrilenischen Satellit Fuenlabrada stammenden Jungs von Afrojuice 195 zumeist gar keine Biospanier sind. Alle MCs der Gruppe sind Kinder afrikanischer MigrantInnen, dementsprechend ist die Wahrung oder, umgekehrt, die Auflösung der zentralstaatlichen Einheit nun nicht gerade ihre dringlichste Angelegenheit. Der Alltagsrassismus wird in keinem der beiden Fälle von der iberischen Halbinsel verschwinden. Eigentlich ist aber Fußball das Leib- und Magenthema von Afrojuice 195: Einer der Tracks der Combo heißt Fifa Street, ein weiterer feiert den Real-Madrid-Stürmer Karim Benzema. Umso gewagter, dass eine Rapperin, die praktisch im Schatten von Camp Nou, der Homebase des FC Barcelona, aufwuchs, mit diesen Typen das Mikro teilt, um über eine von Blackthoven produzierte Nummer namens Biziness (Afro) Trap zu rappen. Eindeutig nimmt das rasante Stück, das mit Leichtigkeit jede Tanzfläche füllen sollte, Anleihen beim Kuduro. Das dazugehörige Video, verantwortet von Hugo Lopez, zeigt Blondie sogar beim Twerken mit diesen Madridleños, die sich in ihren Friseursalons die Dreadlocks am liebsten mit Cola durchwaschen lassen. Aber Achtung: Anders als Bad Gyal reimt Blondie nicht auf Katalanisch, sondern nutzt die spanische Sprache als Transportmittel ihrer Botschaften. Das ist vielleicht wirklich ihrem Heimatort geschuldet: L‘Hospitalet de Llobregat gilt nicht nur als eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt, hier konzentierten sich insbesondere seit den fünfziger Jahren vor allem Zuwanderer aus Andalusien, die wegen besserer Arbeitsaussichten in den Ballungsraum von Barcelona gezogen waren.

Weiß doch inzwischen jedes Kind, dass Barcelona der Schauplatz des weltweit größten Festivals für elektronische Musik ist. Alljährlich im Juni gibt das Sónar komprimiert darüber Auskunft, wer in der Szene gerade das Zepter schwingt oder demnächst durchstarten wird. Die Stadt ist aber nicht nur Auftrittsort, sondern auch Heimat so einiger Elektronika-Produzenten und Discjockeys, zum Beispiel von Zora Jones. Die wuchs in Österreich auf und beschloss, nach einem Besuch bei Freunden in Barcelona, zum Studieren in der Stadt zu bleiben – klingt ein bisschen nach der Erasmus-Filmkomödie L‘Auberge Espagnole des französischen Regisseurs Cédric Klapisch, deren Handlung ja auch größtenteils in der katalanischen Hauptstadt angesiedelt ist. Zora Jones schaffte sich während ihrer Zeit an der Uni hobbymäßig das Dj-Handwerk drauf, fand an ihm aber so großes Gefallen, dass sie das Pult mit den Plattentellern zu ihrem hauptsächlichen Arbeitsplatz machte. 2010 traf sie auf den kanadischen Kollegen Sinjin Hawke, verknallte sich ihn ihn, reiste zu ihm nach Montreal und hatte dort, wie sie dem Magazin The Fader in einem Interview verriet, eine weitere, für sie wichtige Begegnung – mit Dj Rashad, dem unumstrittenen König des Footwork. Zurück in Barcelona, bastelte Zora Jones nun selbst an Tracks, die von dem Chicagoer Sound inspiriert waren. Sinjin Hawke zog zu ihr ans Mittelmeer und gemeinsam gründeten sie Fractal Fantasy, eine Online-Plattform für ultratechnoide Töne und Visuals. Auf der entstand zunächst die Videoserie Visceral Minds, und ein Clip dieser Reihe, nämlich der zum Track Flash Alert von Sinjin Hawke und L-Vis 1990, hatte es dank des ihm zugrundeliegenden unbedingten Willens zum Futurismus in den eareyeam-Adventskalender 2013 geschafft. Zora Jones gab sich derweil die Aufgabe, rund hundert Stücke einfach so für die Schublade zu produzieren, bevor sie sich an eine Veröffentlichung unter eigenem Namen machen wollte. Dieses Vorgehen war der Auffassung geschuldet, ein schnelles und frühes Raushauen von Material könne nur mit dem eigenen Perfektionismus in Kollision geraten. Ende 2015 komprimierte Jones dann den musikalischen Wust zu sieben Tracks auf einer EP, die sie unter dem Titel 100 Ladies ins Netz stellte. Das hier präsentierte Video ist aber keins zu einem 100-Ladies-Stück, sondern gehört zur Visceral-Minds-Serie, zu der natürlich auch Zora Jones etwas beigetragen hat, nämlich den auf den Punkt gebrachten Track Moonstar. Dessen dystopisch angehauchte Flimmer-Sounds und die Knusprigkeit des Bounce-Beats lassen einem die Nackenhaare hochstehen. Gekoppelt wurde Moonstar mit computergenerierten Bildern des Videokünstlers VL-TR. Die zeigen mit geradezu fetischisierendem Gestus einen Kampfjet, der in einer Art Showroom von Laserstrahlen abgescannt wird. Alle Visceral-Minds-Titel kann man aber inzwischen unabhängig von ihren Visuals downloaden. Und es steht sogar schon eine zweite Palette voller Visceral-Minds-Material zur Verfügung.

Zora Jones – Moonstar from FractalFantasy on Vimeo.

Zora Jones ist bei weitem nicht die einzige Frau, die in der Elektronik-Community Barcelonas kräftig mitmischt. Da wären zum Beispiel auch Sara Reig und Gemma Thuggie. Zusammen bilden sie das Dj-Duo Thug Ladies, sie sind aber auch als Solistinnen zugange. Gemma Thuggie veröffentlichte unter dem Alias Awwz zunächst auf dem US-Label Freshmore die EP Gals, 2016 brachte sie dann auf der Plattform Galaxxy Sandwich die EP Glid heraus, mit fünf Titeln, von denen einer das sehr schöne Awake ist; ein Low-Tempo-Stück, dessen ätherische Melancholie ein bisschen an das Repertoire des australischen Produzenten Flume erinnert, zieht man mal dessen Hang zum dicken Auftrag ab. Als bezaubernd lässt sich auch das Video zu Awake bezeichnen, dass Eloi Colom verantwortet hat. Dank allerlei optischer Tricks werden in ihm menschliche Körper in unmögliche Stellungen gebracht. Am liebsten ist mir der vermeintliche Handstand auf der Straße. Sicherlich sollen die einzelnen Sequenzen jeweils als Allegorien eines bestimmten Beziehungszustandes dienen. Bedeutungsschwerer Emo-Kram eben, dessen Poesie dennoch anziehend wirkt. Im Netz kann man sich eine interaktive Version des Clips anschauen.

Mmmh … ich muss sagen, dass mir in der zugegeben kurzen Zeit meiner Recherche nach Musik aus Barcelona gar nicht so viele interessante oder gar herausragende Clips untergekommen sind. Und das, obwohl die Stadt Sitz einer der wohl international innovativsten und gefragtesten Videoproduktionsschmieden ist: Canada hat erst kürzlich spektakuläre Visuals für Up All Night, die neue Single von Beck, veröffentlicht. Der folgende Clip zum Song El mirlo der Band Nueva Vulcano besitzt immerhin eine ganz charmante Narration. Die Regisseure Aitor Garay und Jordi Castells inszenieren ein doch recht unsympathisches Fest zum zehnjährigen Jubiläum des fiktiven Unternehmens Nueva Volcano Futuristic Designs. Es wird reichlich Alkohol ausgeschenkt, und eine Karaoke-Anlage ist in Betrieb. Zwischen der Dame am Mikrofon und einem ihrer Kollegen hat es gefunkt, doch bis sie schließlich zueinanderfinden, gilt es für den Mann so einige Hindernisse zu überwinden – glücklicherweise kommt ihm da die Rewind-Funktion zu Hilfe (oder ganz viel Fusel). Aus der Karaoke-Box plärrt – natürlich – El mirlo von Nueva Vulcano. Die Band selbst ist auf dem Bildschirm der Anlage zu sehen und reagiert wider den Gesetzmäßigkeiten auf das, was bei der Betriebsfeier gerade so geschieht. Nueva Volcano existiert schon seit 2004, die Mitglieder der Gruppe sind der Sänger und Gitarrist Albert Estrada, der Drummer Albert Guárdia und der Bassist Wences Aparicio. Alle drei wurzeln tief in der Rockszene der katalanischen Metropole. El mirlo ist ein gutes Beispiel für den äußerst poppigen Ansatz, mit dem die Herren von Nueva Volcano ans Postpunk-Genre herangehen und der im konkreten Fall durch den Gebrauch eines Xylophons unterstrichen wird. Insgesamt fühlt man sich beim Hören der Songs von Nueva Volcano ans Ende der achtziger Jahre zurückversetzt, als die US-Independent-Mucke ihre Hochphase hatte. Sicherlich besitzen Estrada und seine beiden Mitstreiter auch sämtliche Scheiben des SST-Labels. El mirlo ist auf ihrem vierten Longseller Novelería zu finden, der schon Anfang 2015 bei Bcore, dem wichtigsten Zuhause barcelonesischer Alternativmusik, erschienen war. Ein Jahr später hat Nueva Volcano noch die EP Nombre Y Apellidos ausgestoßen, doch seitdem ruht der Vulkan.

Ach, das ist rührend: Bassistin Blanca Lamar und Gitarristin Tuixén Benet performen im Studio 3 von Ràdio Arenys den Les-Sueques-Song Tu em caus molt bé in einer abgespeckten Version. Denn zuhause geblieben sind zwei weitere Mitglieder von Les Sueques: die Keyboarderin Raquel Tomàs und der Schlagzeuger Pau Albà, der verhindert, dass man der Band zu simpel das Siegel Frauenpower verpassen kann. Dieses Jahr stellten die vier MusikerInnen ihre neue Platte Moviment fertig, die sie unter anderem in London aufgenommen hatten. Tu em caus molt bé ist eines der elf Stücke auf dem Album. Die beiden Damen haben großen Spaß an der Darbietung, sie schauen sich dabei geradezu verliebt an. Ihre Stimmen sind nicht die kräftigsten, wecken aber auf angenehme Art und Weise die Erinnerung an den unschlagbaren Evergreen Por que te vas von Jeanette Anne Dimech aus dem Jahr 1974. Die Spannung zwischen einem zurückgenommeneren Spiel der Instrumente und dem Einsatz der Effektgeräte hält dabei bis zum Schluss. Die krachigeren Passagen von Tu em caus molt bé legen schließlich Zeugnis davon ab, dass es sich bei Les Sueques um eine amtliche Garagenband handelt.

Den Status, den das Sónar für die globale Elektronika-Szene hat, kann Primavera Sound hinsichtlich seiner Bedeutung für das Rock-Geschehen nicht für sich in Anspruch nehmen. Das seit 2001 jeweils in zeitlicher Nähe zu Sónar stattfindende Musikfestival hat aber, was die Besucherzahlen angeht, zum Beispiel das große, traditionsreiche, englische Vorbild Glastonbury längst überholt. Les Sueques durfte dieses Jahr auf dem Primavera Sound spielen. 2016 trat dort die Combo Power Burkas auf, und wie ein Video von ihrem Gig dokumentiert, haben Lokalmatadoren auf dem Festival in Sachen Publikumszuspruch nicht zwingend einen Heimvorteil. Dafür übernimmt die vierköpfige, ursprünglich aus Menorca stammende Band eben den dankbaren Job des Rausschmeissers aus dieser Ausgabe. Power Burkas ist gleichfalls bei Bcore untergekommen, nachdem die Gruppe ihr Debütalbum noch ganz ohne Hilfe einer Plattenfirma zustandegebracht hatte. Der untenstehende Clip wurde bei einem Live-Gig am 19. Mai 2016 in dem barcenolesischen Club Sidecar gedreht. Während die vier Burkas Aleix Marban, Claudi Dosta, Marcel Pujols und Martí Ferrer ziemlich unverhüllt dem Namen ihrer Formation alle Ehre machen und den Song Llarga vida al tarannà, was sich ins Deutsche mit „Es lebe die Güte“ übersetzen lässt, von der im selben Jahr erschienenen, gleichnamigen LP mit mächtig Druck durch Mikrofone und Verstärker jagen, geht vor der Bühne erkennbar die Luzie ab. Der von Madera Films produzierte Clip fängt die euphorisch-aufgeheizte Atmosphäre im Sidecar sehr gut ein. Und süß auch, wie die Jungs dann backstage noch auf den Zirkusmarsch aus der Konserve abfahren. Ohne auch nur ansatzweise zu behaupten, ein vollständiges Porträt der lokalen Musikszene abgeliefert zu haben, verabschiedet eareyeam sich hiermit von Barcelona. Adéu! Wohin wohl wird die Reise als nächstes gehen?

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Maurice & Die Familie Summen feat. Kryptic Joe / Großstadtgeflüster feat. Fatoni / Holy Fuck / Metz / Wolf Alice / Shabazz Palaces / Kevin Abstract / Jlin / Nick Hakim / Chad VanGaalen / Codé / Just Banco / Mount Kimbie

Wow. Musik mit deutschsprachigen Lyrics war selten so funky wie das Stück, das Maurice und seine Familie vom Stapel gelassen haben, bevor sie in die Sommerferien abgedüst sind. Maurice Summen ist ja bekanntermaßen der Mitbegründer und alleinige Geschäftsführer des wunderfeinen Berliner Labels Staatsakt, das die Grandezza besitzt, am Prenzlauer Berg als Firmenstandort festzuhalten – unbeirrt von Unkenrufen aus Kreuzkölln, das doch selbst schon vom Bionade-Biedermaier erfasst worden ist. Christiane Rösinger, Erfolg, Ja, Panik, Hans Unstern – diese Staatsakt-KünstlerInnen hat eareyeam in der Vergangenheit schon gewürdigt, natürlich ohne je dafür von Summen ein Sümmchen erhalten zu haben. Dessen eigene Band Die Türen, um die herum das Label 2003 gestrickt wurde, blieb dabei allerdings bislang außen vor. Dafür hat sich Maurice mit seinem neuen Soloprojekt umso mächtiger an die Spitze dieser eareyeam-Ausgabe gegroovt. Wobei: Das Wort „Solo“ ist nur ein schiefer Euphemismus für „keine Türen“, denn eigentlich hat Summen mit ganz viel Freundeshilfe sein Album Bmerica eingespielt, das am 6. Oktober auf Staatsakt erscheinen soll. Selbst Türen-Bassist Ramin Bajin war mit von der Partie und wird dann wohl auch der neunköpfigen Band angehören, mit der Summen in der zweiten Oktoberhälfte auf Tournee gehen möchte. Wie man hören und im obigen Video sehen kann, gibt’s in seiner Großfamilie sogar Holzbläser, die dem Track Zeit Zurück eine Portion Extra-Sahne verpassen. Das Stück ist also so etwas wie das Dessert vor Bmerica und zugleich eine Art Pro-und-Contra-Kommentar zur binär codierten Gegenwart. „Keine Angst vor Empfang / Keine Angst vor Nicht-Empfang.“ Maurice fasst seine Sehnsucht nach einem Ausstieg aus der digitalisierten Entfremdung in Worte, während er Kryptic Joe von Deichkind bittet, am Familientisch Platz zu nehmen, um – immun gegen jegliche nostalgische Anwandlung – an die glücklicherweise überwundenen Zumutungen der Prä-Internet-Epoche zu erinnern, als Mama und Papa Rot-Händle im Auto pafften. Ja, das war wirklich gefährlich damals. Dass Typen wie Summen und Kryptic Joe heutzutage vergleichsweise safe sind und trotzdem noch auf‘m Spielplatz mit Tüten voll Bier herumlungern können, musste mal heftigst gefeiert werden. Maurice und seine erweiterte Mischpoke zogen dafür in den wiedergeöffneten Festsaal Kreuzberg, wo sie beim Party machen von Yannick Riemer, Simeon Cöster und David Specht gefilmt wurden. Den daraus entstandenen Clip kürt Eareyeam zum definitiven Gute-Laune-Sommervideo 2017.

Der nächste Track ist doch wieder die Hinterlassenschaft einer durchzechten Nacht, oder? Großstadtgeflüster tauchte schon im eareyeam-LeserInnen-Poll 2015 in der Kategorie Lieblingsvideos auf. Damals hielt das Trio mit seiner Hymne Fickt-Euch-Allee der Welt den Stinkefinger entgegen und wurde deshalb vom Publikum zum Nachfolger von Seed auf dem inoffiziellen Posten der Berliner Stadtmusikanten bestimmt. Nach der Reggaetonisierung der Spreeuferböschung sollte es also zurück in die Rauchschwaden der Kiezkneipen mit ihren klebrigen Theken gehen. Da saßen die Bioberlinerin Jennifer Bender und der aus Bremen stammende Raphael Schulz aber bereits seit 2003. Nach drei Jahren Philosophiestudium am Stammtisch schafften sie mit ihrem Debütalbum Muss laut sein gerade mal so den Bachelor, denn damals wollte sie kaum einer hören. Und das änderte sich auch nicht, nachdem 2008 der Schlagzeuger Chriz Falk zu den beiden gestoßen war. Die folgenden zwei LPs wurden auf dem eigenen Label ChickenSoup-Records herausgebracht, 2013 gelang Großstadtgeflüster dann die Unterschrift unter einen Vertrag mit Sony. Die vierte Platte Oh, ein Reh kann als Masterarbeit gewertet werden, weil sich auf ihr der für die Band typische Elektropop-Sound mit Punkattitude und Hip-Hop-Anleihen konsolidierte und Bender, Schulz und Falk schließlich schnurstracks in eben jene Fickt-Euch-Allee einbogen, auf der sie beschlossen, in nächster Zeit nur noch EPs rauszuhauen, dann aber so richtig mit Ausrufezeichen! Keiner Fickt mich – hinter diese Klage hat Großstadtgeflüster mindestens drei solche gesetzt. So, wie Bender, Schulz und Falk den Refrain zum Besten geben, zielt der volle Kanne auf’s Mitgrölen nach dem achten Bier. Als Verstärkung konnten sie noch den feinen Fantoni gewinnen, was beweist, das Großstadtgeflüster nicht die öde provinzberlinische Nummer des München-Bashings abzieht, denn der Gastrapper kommt von der Isar und war einst Teil der Brass-Band Moop Mama. Zu den Lyrics von Keiner Fickt Mich liefert er die wirklich im Gedächtnis haften bleibenden Zeilen: „Ich ess‘ tausend Mürbteigplätzchen, um meinen Würgereiz zu testen“. Großstadtgeflüster hat das gemächliche Tempo, mit dem es über die Fickt-Euch-Allee gecruist war, nun weiter gedrosselt, die Keiner-Fickt-Mich-Beats sind noch scheppernder, und die sie begleitenden Soundgimmicks klingen albern genug, um der lamoryanten Stimmung des Gesprochenen/Gesungenen gründlich eins drüberzubügeln. Im dem von Urban Media Tree produzierten Keiner-Fickt-Mich-Clip machen Bender, Schulz, Falk und Fantoni sich an verschiedenen Orten – in einem Box-Gym, einer Karaoke-Bar, einem Späti – zum Horst, die als Assemblage ein trashig-rootiges Berln repräsentieren, das hoffentlich nicht nur in der Performance von Großstadtgeflüster überlebt. Das Trio kann auch schneller: Im Frühling erschien Wie man Feuer macht. Dieser Track lässt einen fast glauben, die Band wäre ein Audiolith-Act. Das hochtourige Stück gehört übrigens zum Soundtrack des Films Tiger Girl – noch so ein Fetisch für den Rauhes-Berlin-Kult.

Was jetzt kommt, klingt wie eine heruntergepitchte Variation von Mr Oizos Klassiker Flat Beat. Bird Brains ist auf dem Mist von Holy Fuck gewachsen, einer 2004 gegründeten Band aus Toronto, die neben herkömmlichen Instrumenten auch Geräte wie Kinderkeyboards oder eine Spielzeugpistole einsetzt, um einen Sound zu erzeugen, der elektronisch anmutet, ohne aber mit dem Laptop oder Synthesizer erzeugt worden zu sein. Ja, das kann dann einen so groben, geradezu primitiven Ton zum Resultat haben, wie er dem Stomper Bad Brains innewohnt. Das Youtube-Video eines Holy-Fuck-Konzerts von 2008 zeigt aber, dass die Band auch recht ätherisch-psychedelisch klingen kann – oder anstrengend-experimentell. Im selben Jahr machte die Zeitung Ottawa Citizen publik, dass die damals im Bund regierenden Konservativen ein Programm zur Finanzierung von Auslandstourneen kanadischer Musiker streichen wollten, mit dem expliziten Verweis darauf, dass von den Geldern auch eine Formation mit Schimpfwort im Namen profitiert hätte. Shit happens. Regisseurin Allison Johnston lässt im Video zu Bad Brains zwar nicht die nagetierähnliche Flat-Eric-Puppe auftreten. Doch auch sie bedient sich eines Stofftier-Charakters: Ein spitzschnabeliger Birdman gibt tanzend einer Clubcrowd mächtig Zucker. In einer Pressemitteilung schrieb Johnston dementsprechend, dass der Clip auf der Beobachtung beruhe, wie leicht die Masse der selbstbewusstesten Person im Raum folgen würde. Die im Clip inszenierte Fete sei, so Johnston, genauso, wie sie sich Partys in ihrer Jugend immer vorgestellt habe, bevor sie selbst auf eine eingeladen wurde. Früher wollte sie, dass Partys immer so seien wie Nellys Hot in Herre.

Ein Mitglied von Holy Fuck, Graham Walsh, hat sich auch mit Produzentenjobs einen Namen machen können. Zum Beispiel mischte er bei den ersten beiden Alben von Metz mit. Das Trio, bestehend aus Alex Edkins, Hayden Menzies and Chris Slorach, machte seinen ersten eareayem-Aufschlag in Ausgabe 4/13 und ist mittlerweile zu einer der Bands herangewachsen, die dem Ahornland den Ruf als Qualitätsexporteur in Sachen Gitarrenkrach sichern. Am 22. September wirft das allseits geschätzte Label Sub Pop den dritten Metz-Longplayer auf den Markt. Strange Peace wird der heißen, und vorab gibt es schonmal die Single Cellophane zu hören. Die demonstriert: Kaum einer kann auf seinen sechs Saiten so schön sägen wie Alex Edkins und dabei auch noch die eigene Stimme ins Johnny-Rotten-hafte changieren lassen. Während Metz mit Cellophane fast so etwas wie einen barocken Core hinlegt, ist das Video zum Song an Minimalismus kaum zu überbieten: Es bewegen sich allein und auch nur recht verhalten – animierte Hände. Wahrscheinlich ein Teil der Promo: Hallo, winke winke, hier sind wir. Kauft die neue Metz-LP. Dann lebt Noise länger.

Nicht ganz so kompakt wie Cellophane, stattdessen etwas nervöser und ausfasernder kommt der Titel Yuk Foo der britischen Band Wolf Alice rüber. Wolf Alice ist schon ziemlich big in ihrer Heimat, ihr Debütalbum My Love Is Cool schaffte es 2015 bis auf Platz zwei der UK-Charts. Ellie Rowsell und Joff Oddie fanden 2010 zusammen – als Folkpop spielendes Akkustikgitarrenduo. Sieben Jahre später und nach Einstieg von Bassist Theo Ellis und Drummer Joel Amey nehmen sie eine Position irgendwo zwischen The Duke Spirit und Royal Blood ein. Yuk Foo ist die erste Auskoppelung aus der Ende September erscheinenden, zweiten Wolf-Alice-LP Visions Of A Life. Richten sich die von Rowsell herausgeschrieenen Lyrics an eine/n Lover/in, den/die sie gerade verlässt? Jedenfalls wirft die Sängerin ihm/ihr vor, sie zu Tode zu langweilen. Allerdings richtet sich ihre Wut nicht nur gegen diesen einen Menschen, sie scheint praktisch auf jeden und alles einen Brass zu haben. Angsichts ihrer Performance in dem von Adam Powell gedrehten Video zu Yuk Foo, nimmt man Rowsell dieses Gefühl voll ab. Gut gebrüllt, Wolf Alice.

2014 führte Gastautor Ed Jeunet Shabazz Palaces auf eareyeam ein. Damals hatte das afrofuturistische Duo aus Seattle gerade sein zweites Album Lese Majesty herausgebracht. Diesen Sommer nun melden Ishmael Butler aka Palaceer Lazaro und Tendai „Baba“ Maraire sich mit gleich zwei Longplayern zurück: Quazarz: Born of a Gangster Star und Quazarz vs the Jealous Machines. Oh je, dieser Blogbeitrag droht zu einer Werbeveranstaltung für Sub Pop zu verkommen, denn wie das Metz-Album Strange Peace sind auch die beiden Shabazz-Palaces-Werke beim einstigen Heimatlabel von Nirvana erschienen. Was demonstriert, dass Sub Pop nicht an der Gitarrenwand haften geblieben ist. Aber darüber haben ja schon genug MusikkritikerInnen Worte verloren. Hinter dem Doppelass von Shabazz Palaces steckt erwartungsgemäß ein Konzept: Es dreht sich um Quazarz, einen fiktiven intergalaktischen Emissär, der Station auf der Erde macht, um mit ihren BewohnerInnen über Musik zu kommunizieren. Dabei beobachtet er die Genese von Hip-Hop, die Situation der People of Colour in den Vereinigten Staaten und ganz allgemein das Verhältnis der Menschen zu technischen Geräten. Keine Angst: Das Quazarz-Skript gemahnt zwar durchaus an das Sci-Fi-Musical auf Clippings letzter LP Splendor & Misery, ist aber nicht ganz so rigide und atemlos konstruiert. Shabazz Palaces lässt dem eigenen Free-Jazz-Vibe genügend Spielraum und schert sich weniger um unbedingte erzählerische Kohärenz. Allerdings unterscheiden sich die zwei Teilalben stark voneinander. Bei Born of a Gangster Star geht’s eher um Stimmungen, die Platte wurde 2016 innerhalb von zwei Wochen im Studio in Seattle mit Hilfe von Produzent Erik Blood herausgehauen – gebastelt aus ursprünglichen Bonustracks wie dem retrospektiven Shine A Light, bei dem Thaddillac als Gastmusiker beteiligt ist. Der Song hängt derzeit volle Kanne und zurecht in der Heavy Rotation von Radio Eins. The Jealous Machines ist dagegen programmatischer und über Monate hinweg in Südkalifornien unter Aufsicht von Sunny Levine entstanden, wie Pitchfork berichtet. Welcome to Quazarz kann als das große Erklärstück auf The Jealous Machine gelten. Seine Lyrics sind auf Genius zu finden, aber praktisch kein/e UserIn hatte bisher das Bedürfnis, dort eine Exegese dieser Palastrede zu posten. Vielleicht machen schon die ersten Worte nach dem Intro überdeutlich, worum es geht: Die Vereinigten Staaten von Amurderca sind im Post-Sprech-Zeitalter angekommen. Dort unterhält man sich nur noch per Waffe. Es scheint, als ob Text und Musik untrennbar mit dem Video verbunden sind, das Nep Sidhu zu Welcome to Quazarz gebastelt hat. Der in Toronto beheimatete Multimedia-Künstler entwarf zum Beispiel schon für das Künstlerkollektiv The Black Constellation, dem sich Shabazz Palaces zugehörig fühlt, eine Uniform. Für den Clip computeranimierte Sidhu eine Townscape, die nicht so richtig erkennen lässt, ob er sie als Tech-Utopia oder als Hölle angelegt hat.

Kevin Abstract ist bei eareyeam kein Unbekannter: Ausgabe 3/14 enthielt den Clip zu seinem epischen Track Drugs. Im Winter des vergangenen Jahres erschien sein Album American Boyfriend, auf dem Abstract seine Highschool-Zeit und seine damalige Auseinandersetzung mit dem eigenen Begehren thematisiert. American Boyfriend wurde von Michael Uzowuro produziert, der schon für Vince Staples and Vic Mensa arbeitete, dessen Name aber vor allem mit Frank Oceans Blond-LP in Verbindung gebracht wird, da Uzowuro den darauf enthaltenen Titel Nights mitgeschrieben und abgemischt hat. Oceans knappe öffentliche Ansage, sein Sexlife sei nicht eindimensional, verursachte aufgrund seiner Pole Position im Black-Music-Universum ziemlichen Wirbel. Kritik und Publikum klopften daraufhin jede Liedzeile, jeden Soundfetzen auf Blond und auch jedes die Platte begleitende Bild nach Indizien für Oceans Bisexualität ab. Der enigmatische Musiker gab aber nicht viel preis. Ohne dafür einen ähnlichen Beifall wie Ocean zu bekommen, äußerte Kevin Abstract sich auf American Boyfriend weitaus konkreter über die eigene Queerness – der Track Empty erzählt zum Beispiel von seiner Beziehung zu einem an der Schule allseits beliebten Footballspieler, der nebenher auch noch eine Freundin hatte. Und von Kevins Mutter, die mit der Orientierung ihres Sohnes so garnicht zurechtkam. Tatsächlich haute Abstract mit 17 Jahren von zuhause ab. Das dazugehörige, von ihm selbst gedrehte Video zu Empty spitzt die Realität noch zu, wenn in ihm der Footballer von seiner Freundin beim Oralsex mit Kevin erwischt wird, woraufhin er sich im Swimming Pool ertränkt. Eine Suburban Love Story eben. In dem energetischeren, vorwärtstreibenderen Breitwandtrack Miserable America macht Abstract noch einmal die Homophobie seiner Mutter zum Thema der Lyrics, schneidet sie aber mit dem Rassimus der Eltern seines Boyfriends. Letztere haben absolut nichts gegen Schwule, nur schwarz dürfen sie halt nicht sein. Ganz besonders einprägsam ist bei Miserable America der gemischtstimmige Gospelchor, der Kevin Abstracts Klage über die bigotte, feindselige Umgebung mit einem penetranten „I don‘t care“ wegzuwischen versucht. Auch den Miserable-America-Clip, der erst seit einer Woche auf Youtube zu finden ist, hat Abstract selbst verantwortet. Das Video zeigt ihn kopfüber von der Wohnzimmerdecke eines Hauses hängend, in dem ein älterer weißer Herr namens Mr. Red ein Conversion Camp betreibt. Sprich: Abstract soll von dem Mann umgepolt werden. Schwarze Cheerleaderinnen wackeln um den Hängenden gequält mit der Hüfte, bis eine der Damen endlich zur Waffe greift und Mr. Red zur Strecke bringt. Die Truppe sitzt anschließend lachend und Sekt trinkend auf der Couch, während Abstract wie wild neben der Leiche von Mr. Red tanzt. Das ist ganz schön harter Stoff aus Donaldistan, wo die Adressat*innen des reaktionären Hasssprechs sich oftmals dazu gezwungen sehen, mit möglichst drastischen Mitteln zu kontern. Verwunderlich, dass in der Kommentarspalte unter dem Video noch kein Krieg tobt, aber womöglich hat Youtube sich extra dafür mal eine gründliche Moderation geleistet. Kevin Abstract hat ja auch das Rapper-Kollektiv Brockhampton mitgegründet, und die Visuals für die Tracks der Crew dreht ausschließlich er. Will man Abstract derzeit in den USA auf der Bühne sehen, kriegt man gleich ein ganzes Paket von MCs on top.

Jlin’s Rhythmen werden gerade als der hotteste Shit gehandelt. Sie haben sich aus dem Chicagoer Footwork-Universum herausgeschält – und an den Reglern und Knöpfen dreht mal nicht der erwartbare weiße Brillenjunge. Jlin ist Jerrylinn Patton aus Gary, Indiana. Ihren Maschinen entlockt sie vielschichtige, perkussiv-technoide Tracks, die einen in Erstaunen darüber versetzen, dass solche Musik gedacht werden kann. Um sich die eigene Künstlerexistenz ökonomisch abzusichern, arbeitete Patton in der Vergangenheit in einem Stahlwerk, verneint aber, dass dieser Job irgendeinen Einfluss auf ihre Sounds gehabt hätte. It’s not that simple. Wahrscheinlich war die Kritik ihrer Mom an den ersten eigenen musikalischen Gehversuchen das viel härtere Stahlbad für Jlin. Ihr Track Erotic Heat, der 2011 auf der Footwork-Compilation Bangs & Works Vol. 2 des britischen Planet Mu Labels erschien, ließ die Musikkritik erstmals auf Jlin aufmerksam werden. Ihr Debütalbum Dark Energy wurde dann frenetisch bejubelt und von The Wire zur Platte des Jahres 2015 gewählt. Soeben ist Black Origami, ihr zweites Album, veröffentlicht worden – ebenfalls auf Planet Mu. Im Vorfeld hat sie sogar olle Simon Reynolds, der ansonsten überall in der Musik nur noch Retro wittert, für den Guardian interviewt. Bei den Aufnahmen zu Black Origami kollaborierte Jlin unter anderem mit Holly Herndon und der südafrikanischen Rapperin Dope Saint Jude, die ja auch ein eareyeam-Liebling ist. Jlin besitzt zudem über Footwork hinaus eine hohe Affinität zu Tanz. Sie pflegt eine kreative Partnerschaft mit der indischen Performerin Avril Stormy Unger, und gerade ist sie mit dem britischen Choreographen Wayne McGregor zugange. Für das Video zum Black-Origami-Track Carbon 7 hat die in Berlin ansässige Regisseurin Joji Koyama aber Corey Scott-Gilbert in einen großen Werkstattraum irgendwo in Oberschöneweide gesteckt. Dort lässt der Tänzer auf atemberaubende Weise die Grenze zwischen Mensch und Avatar selbst noch in der kleinsten Gesichtzuckung verschwimmen. Und hebt damit den futuristischen Dreh in Jlins Musik stärker hervor. Für eareyeam bisher ganz klar der beste Dance-Clip des Jahres.

Ein Liebeslied gefällig, das sich im Schritttempo zwischen R‘n'B und Psychedelic Folk bewegt? Nehmt doch Roller Skates von Nick Hakim. Der Mann kommt aus Washington D.C. und hat am Berklee College of Music Musiktherapie studiert. Auf Pitchfork schreibt der Autor einer Rezension von Hakims Debütalbum Green Twins, man würde diesem die Studienwahl des Künstlers anmerken. Die Mitte Mai erschienene Platte habe eine therapeutische Wirkung, jede der in ein Summen und Brummen gekleideten Reflektionen Hakims sei heilsam, würde dampfen bis zur Katharsis. Was Nostalgisches heftet dem Werk aber auch an – wer betitelt heutzutage schon einen Song nach den Rollschuhen vom Ende der siebziger Jahre? Selbst Inline Skates gelten längst als Schnee von gestern – die mit den vier Rädern unter der Sohle sind dies erst recht. Der kurze Text von Roller Skates dreht sich aber garnicht um selbige. Vielmehr geht’s darum, dass man Gefahr laufen kann, eine Liebesbeziehung als zu selbstverständlich zu nehmen, wenn sie schon längst fragil geworden ist. Der Schöpfer des tollen Animationsvideos zu Roller Skates hat den Songtitel dann doch wörtlich genommen. Zeichner und Musiker Micah Buzan entwarf für den Clip ein Panoptikum trauriger Figuren, die an einer Rollschuhbahn zusammenkommen. Jede von ihnen kann das nicht haben, wonach es ihr gerade verlangt: etwa ein Stofftier aus dem Automat, sportliches Talent, soziale Kontakte oder gar die große Liebe. Die Nichterfüllung verschiedener Wünsche hat Autodidakt Buzan in sehr schönen, teils slapstickhaften Sentenzen visualisiert. Schließlich vereinigen sich die Charaktere mit ihren Mängeln und ungestillten Bedürfnissen tanzend auf der Rollschuhbahn, nachdem sie von einer weiteren Figur, bei der es sich wohl um Nick Hakim selbst handelt, auf den Geschmack gebracht worden sind. Ein versöhnliches Ende, das selbst den Stofftieren aus dem Automat eine Ausfahrt gönnt.

Auch das Video zu dem Lied Pine and Clover von Chad vanGaalen ist animiert. Hier stammen die Zeichentricks gar vom Musiker höchstpersönlich. Denn der greift nicht nur in die Saiten, sondern immer wieder auch zum Stift. Eareyeam hatte schonmal einen Clip, für den der Mann aus dem kanadischen Calgary sowohl die Tonspur als auch die Visuals besorgte, im Programm. In der Ausgabe 4/14 traten vanGaalens Monster auf, in all ihrer schönen Hässlichkeit. Die Wesen, die sich für Pine and Clover häuten, aufblasen oder Vielfältiges absondern, haben dagegen eine etwas gefälligere Erscheinung. Sind es Mikroben oder unbekannte BewohnerInnen des Meeres? Aber was soll dann der ballspielende Mann auf dem Saturn? Und überhaupt: doch etwas gruselig, das undeutliche, sich verzerrende Gesicht, das in dem Video immer wieder eingeblendet wird. Chad vanGaalen selbst beschreibt den Clip laut DiY Magazine so: „Der Stil und die Beschaffenheit der Animation richtete sich danach, wie lange ich auf einem Stuhl sitzen und zeichnen konnte, ohne von meinem wundervollen Gemüsegarten abgehalten zu werden. Dessen Schönheit hat mich dazu inspiriert, Szenen nach dem zu zeichnen, was ich im Garten so alles entdeckte. Selbstredend, dass es im Garten eine Menge Kopfsalat gab.“ Pine and Clover ist auf Light Information, dem sechsten Studioalbum Chad vanGaalens zu finden. Das erscheint am 8. September und ist – natürlich – ein Produkt aus dem Hause Sub Pop. Das Label aus Seattle hat, wie es scheint, einfach gerade einen guten Lauf.

Die abstraktesten Visuals dieser eareyeam-Ausgabe bietet das Video zum Track Retreatment. Die Farbexplosionen in dem von DJIZEZ produzierten Clip wollen sich partout nicht zu etwas Figürlichem formieren, während der von Codé losgeschickte Beat nur schwer und schleppend vorwärtskommt. Über das Projekt Codé lassen sich im Netz fast null Informationen finden. Wahrscheinlich versteckt sich hinter dem Alias ein Franzose namens Benjamin Bouffénie. Schließlich ist Codé auch beim Label Tentacule Records untergekommen, das in der westfranzösischen Stadt Bordeaux residiert und dessen Schwerpunkt eigentlich auf Sounds aus Afrika liegt. Retreatment befindet sich auf der Debüt-EP von Codé, zu der Tentacule eine kleine Fake Story aufgefahren hat: Das Projekt verfügt demnach am Ende des 22. Jahrhunderts über die letzten Soundsamples in einer grausamen Diktatur, die die Musikproduktion und -speicherung unter Strafe gestellt hat. Nachdem es kein sicheres Versteck mehr auf der Erde gibt, entkommt Codé mitsamt den Samples in einer Rakete Richtung Weltall. Na ja, Codés Töne sind letztlich doch viel spannender als diese Schmalspur-Sci-Fi. Wer will, kann die gesamte EP bei Bandcamp streamen oder heunterladen. Und habt bitte noch ein paar Klicks mehr für das schon Ende Juni auf Youtube gepostete Video übrig – als die bisher mageren 200.

Hier kommt nun eines der Talente aus der jüngeren Manchester-Szene, der ja auch das eareyeam-Lieblings-Hip-Hop-Kollektiv Levelz angehört. Dem 22-jährigen Just Banco ist dank des Produzenten Just Loco und unter Anwendung geringster Mittel ein ultramelancholisches, dopiges R‘n'B-Stück gelungen. Can‘t Stay basiert auf einen durchgängig geloopten Synthieklavierriff, der aus gerade mal drei Tönen besteht. Davor und dahinter hat Just Banco eine Menge Atmo geschaffen, beispielsweise durch halliges Geistergeheule, das er sich bei Burial geborgt haben mag. Auch die anderen Tracks, die der Mancunian bisher auf Soundcloud gepostet hat, lassen darauf schließen, dass zukünftig mehr von ihm zu hören und zu sehen sein wird. Das zu Can‘t Stay gehörende Video ist von Oliver Brian Productions geschneidert worden, die Bilderklitsche aus Sheffield hat den Clip so reduziert gehalten, wie es die Musik verlangt. Eine unbekannte Begleiterin im Kimono auf dem Bett und eine Posse aus Jungs, die allesamt Mundschutz tragen, vor einem Gebäude mit Art-Déco-Neonschrift: Das muss reichen, um eine fernöstliche Anmutung zu suggerieren. Ach ja, und wohin geht Just Banco denn nun eigentlich, wenn er die Nacht weder bei der Dame noch seiner Gang verbringen darf? Etwa heim zu Mom und Dad, die ihm verboten haben, nach Mitternacht auf der Straße zu sein?

Den Rausschmeißer stellt Mount Kimbie. Das britische Duo hatte es ja mit Cold Spring Fault Less Youth auf den ersten Platz der Kategorie Lieblingsalben im eareyeam-LeserInnen-Poll 2013 geschafft. Alllein schon deshalb soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Veröffentlichung von Love What Survives, der dritten LP von Dominic Maker und Kai Campos, kurz bevorsteht. Ab 8. September soll die Scheibe käuflich erwerbbar sein, und Ende Oktober beginnt Mount Kimbie eine ausgedehnte Europa-Tour mit mehreren Stationen in Deutschland und der Schweiz. Für Love What Survives haben Maker und Campos mit James Blake und Micachu zusammengearbeitet – und erneut mit King Krule, dessen unverwechselbare Stimme schon zwei Tracks auf Cold Spring Fault Less Youth geprägt hatte. Nun steuert der König auch die Vocals zu Blue Train Lines bei, der mittlerweile dritten Vorab-Single vom kommenden Longplayer. Mit seiner Röhre gibt er dem Stück, bei dem die Schläge auf die Hi-Hat tatsächlich ziemlich lange der Basstrommel wie ein Schnellzug vorauseilen, eine überraschend punkige Note. Ist die Eisen- auch als Blutbahn zu verstehen? Das dazugehörige Video hat Frank Lebon gedreht, dem Macher des Clips für den Frank-Ocean-Track Nikes. Es taucht in die historischen Untiefen der Wissenspeicherung und -produktion ein, denn Lebon stellt den kolonialen Blick von Anthropologen auf das Leben eines indigenen Amerikaners nach. Hierfür bedient der Regisseur sich der Dokumente über einen realen Fall – den eines Mannes namens Ishi, der 1865 das Three Knolls Massaker überlebt hatte, bei dem praktisch die gesamte Yahi Nation ausgerottet wurde, und den die Behörden zu Studienzwecken an die University of California verbracht hatten. Fünf Jahre später starb Ishi an Tuberkulose. Die schnellen Schnitte des Videos, in das Ansichten akademischer Räumlichkeiten montiert sind, erzeugen eine starke Sogkraft. Forschung kann zugleich aufklärend und sexy, aber auch sinister sein, zeigt der Clip. Davon können Klangforscher ein Lied singen.

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LeserInnen-Poll 2016 http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/leserinnen-poll-2016/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/leserinnen-poll-2016/#comments Sat, 27 May 2017 12:11:12 +0000 Administrator LeserInnen-Polls http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/leserinnen-poll-2016/

So, nu isses endlich soweit: Der eareyeam-LeserInnen-Poll 2016 ist ausgewertet und aufgeschrieben. Einige LeserInnen haben damit wohl schon nicht mehr gerechnet. Die Revue der letztjährigen Favoriten ist nämlich noch später dran als ihre Vorgängerin – und die kam immerhin erst in der sechzehnten Woche nach Silvester 2015 ans Tageslicht. Um aus der Not eine Tugend zu machen, behauptet eareyeam einfach, dass die eigene Veröffentlichungspraxis voll vorne liegt: Entschleunigung ist angesagt – gerade in einer beständig hohldrehenden Netzwelt. Außerdem ist es gut, auch mal aus etwas größerer zeitlicher Entfernung einen Rückblick auf 2016 werfen. Um diesem Jahr gegenüber jetzt vielleicht etwas versöhnlicher gestimmt zu sein als noch im Dezember, wo es wirklich jede/r kaum erwarten konnte, dass 2016 endlich den Löffel abgeben möge. Nüchtern lässt sich feststellen: Die Politik war 2016 Scheiße, die Musik aber super, das beweist auch der insgesamt siebte LeserInnen-Poll in der Geschichte von eareyeam, das heuer seinen 6. Geburtstag feiern darf. Gückwünsche werden gerne entgegengenommen. In die Partizipationsfalle Poll 2016 gingen übrigens 19 LeserInnen. Eine/r mehr und es hätte auch noch einen Preis für den zweitplatzierten Mainstream-Gewinner gegeben, aber das ist dann wohl das Projekt für 2017. Die TeilnehmerInnen schickten insgesamt 217 Nennungen ein. Davon wurden 16 mehrfach favorisiert, das ist also ein Titel weniger als beim Poll 2015. Umso mehr einmalig genannte Kulturerzeugnisse müssen hier nun vorgestellt werden. 96 sind es. Damit aber dem geneigten Publikum nicht nur die vielen Kamellen von gestern vor die Füße geworfen werden, sondern ganz einfach auch noch die 100 vollgemacht wird, gibt es zum Warmlaufen erstmal vier Clips aus dem nun nicht mehr so taufrischen Jahr 2017 zu sehen. Wir starten mit einem Erzeugnis aus Frankreich, erleichtert darüber, dass es bei der Präsidentschaftswahl doch eine republikanische Barriere gegen die Faschisten gegeben hat, wenn auch eine sehr bröckelige. Der Sieg von Emmanuel Macron soll aber hier keineswegs gefeiert werden, eher eine queere und multiethnische französische Clubszene, die das Gegenteil von dem darstellt, was der Front National sich an Kultur herbeisehnt. In dieser Szene bewegt sich auch Corine, eine Sängerin, die erst im vergangenen Dezember ihre Debüt-EP Fille de ta région veröffentlicht hat. Die Platte enthält den Track Pluie Fine, eine sehr elegante, eightiesgefärbte Funknummer, mit der Corine sich nach eigenen Angaben explizit auf Jean-Luc Godards Film Pierrot Le Fou, mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle, bezieht. Auf der Tonspur des folgenden Videos ist aber nicht Corines Originalversion zu hören, sondern der Remix des Duos Polo & Pan. Diese minimalistische Bearbeitung in Richtung Filter-House hat wahrlich das Zeug zum Sommertanzflächenhit in den Discotheken französischer Bettenburgen an Atlantik und Mittelmeer, die sich mit dem Abspielen des Remixes ein bisschen Pariser Glamour einkaufen können. Und während im Clip ihr Hofstaat um sie herum die Hüfte schwingt oder Pirouetten dreht, muss Corine selbst kaum eine Bewegung machen, um Königin der Nacht zu sein.

Immer noch ist keine neue Missy-Elliott-Scheibe in Sicht, obwohl diese doch schon mit der Veröffentlichung des formidablen WTF-Clips angekündigt worden war. eareyeam hatte das kleine Gesamtkunstwunder in den Adventskalender 2015 gepackt. 2016 verstrich ohne weiteren Output aus dem Hause Misdemeanor, bis dann im Januar 2017 eine neue Single mitsamt Video im Netz platziert wurde. I‘m Better heißt der Track, den Elliott zusammen mit dem Produzenten Lamb geschrieben hat. Neben Timbaland ist der Mann aus Florida, der auch schon für Beyoncé die Regler hoch und runterfuhr, eine konstante Größe in Missy Elliotts Arbeitsumfeld. Die hält so große Stücke auf ihn, dass er bei I‘m Better gar sein Rap-Debüt feiern durfte. Elliott und Lamb demonstrieren hier, dass sie auch das Trap-Genre locker und lässig bedienen können. Für den zum Tune gehörenden Clip holte Elliott sich erneut Regisseur Dave Meyers ins Boot. Zusammen haben sie wieder allerlei choreographische Gimmicks vom Feinsten ausgeheckt. Ein Höhepunkt: der völlig überraschende Sturz der TänzerInnen ins Wasser. Das Video konnte auf Youtube mittlerweile fast 20 Millionen Klicks einfahren und doch ist es ein wenig vorbeigegangen an der Wahrnehmung zumindest des bundesdeutschen Publikums. Deshalb jetzt noch mal ganz groß und in Farbe: Missssiiieee

Leserin Franzi, die auch für den hübschen eareyeam-Geburtstagsheader verantwortlich zeichnet, wünscht sich, dass eareyeam Werbung für die Love Hotel Band macht. Das soll hiermit geschehen. Das Quintett wurde von dem derzeit in Berlin lebenden Wiener Hansdampf Yung Hurn formatiert. Mit dabei ist – welch Überraschung – auch der Schaubühnen-Angestellte und passionierte Nacktarschzeiger Lars Eidinger. Den Song Diamant und das dazu passende Video hat die Love Hotel Band ganz klischeehaft am Valentinstag veröffentlicht. Er ist wahrlich der Antipode zum derzeit im Radio fast schon totgenudelten Song Kein Liebeslied von Tom Schilling & The Jazz Kids. Yung Hurn ist unter anderem mit seinem Gaga-Tune Opernsänger bekanntgeworden, mit dem er sich als drolliger Ösi-Ocean auf der musikalischen Landkarte platzieren konnte. Als Frontmann der Love Hotel Band wird er aber nun geradezu zum deutschen Mehrgenerationencrooner, der eine solch unsagbare Zeile wie „Heut‘ abend schmelzen nur wir zusammen“ mit allergrößter Selbstverständlichkeit durch den Vocoder schubst. Eidinger nimmt da nur eine Nebenrolle als Umhängekeyboardhalter ein, wenn Yung Hurn ein Gitarrensolo im Falco-Style dengelt. Aber man muss schon zugeben: Die Melodieführung insbesondere der Gesangsstrophe ist ein ziemlicher Ohrwurm. Der Bub von der Donau spielt an der Spree halt sein ganzes photogeshopptes R‘n'B-Wissen aus, wenn er nicht gerade mit dem Maler Daniel Richter auf dem Sofa sitzt. Natürlich bedurfte es für den Diamant-Clip das Clustern schlimmstmöglicher Outfits: Pornobrille, Oberlippenbart, weiße Socken zu weißen, hochgekrempelten Hosen – von allem ist was dabei. Allerdings kommt nichts davon an die Vokuhila-Frisur des Bassisten ran – den Diamanten unter den Haircuts.

Zum Schluss noch etwas Experimentelleres. Handsfree ist eine Komposition, die die britische Musikerin Anna Meredith zusammen mit dem Choreographen David Olge geschrieben hat. Sie soll von einem großen Orchester vorgetragen werden, allerdings müssen dafür die Instrumente beiseitegelegt werden, zum Einsatz kommen allein die Körper und Stimmen der Orchestermitglieder. Uraufgeführt wurde das rund 15 Minuten lange Stück vom National Youth Orchestra des Vereinigten Königreichs bei den BBC Proms im Jahr 2012. Seitdem haben vor allem Jugendorchester auf der ganzen Welt Handsfree performt – immer nach einer Probezeit mit Meredith und Olge. Vor kurzem war das NDR Jugendsinfonieorchester an der Reihe. Seine Interpretation der Komposition gab es in der Elbphilharmonie zum Besten. Ein sehr abgefahrenes Ereignis, wie das untenstehende Video zeigt. Während im ersten Part von Handsfree die Bodypercussion dominiert, kommen im zweiten Teil die Stimmen zu ihrem vollen Einsatz. Das Ganze hört sich ein bisschen wie das Fieldrecording aus einem Maschinenraum an. Meredith geht es mit dieser Arbeit vor allem darum, orchestrale Hierarchien aufzubrechen; dieses eine Mal wenigstens ist der Paukenschläger dem ersten Geiger ebenbürtig. Hinzufügen lässt sich, dass Handsfree zudem noch als entlastende gymnastische Übung für Körper funktioniert, die sich ansonsten fix nach einem bestimmten Instrument ausrichten und Haltungsschäden aus Leidenschaft zur Musik so lange ignorieren, bis der erste Nerv klemmt. Ein weiterer Clip dokumentiert den Entstehungsprozess der Hamburger Aufführung.

Es darf hier schon verraten werden, dass Anna Meredith nochmal in einer Kategorie des LeserInnen-Polls vorkommt. Aber wer von den TeilnehmerInnen den LeserInnen-Poll-Mainstream-Preis gewonnen hat, wird natürlich erst am 21. Mai, am Ende der Lieblingsstraßenrubrik bekanntgegeben. Chancen auf diesen Preis hatte übrigens nur, wer auf seiner Favoritenliste mindestens 5 Übereinstimmungen mit den Charts anderer EinsenderInnen aufweisen konnte. Für den ebenso begehrten Off-Mainstream-Preis durfte man wirklich nur Unikate auf seine Liste setzen. Immerhin drei TeilnehmerInnen ist das gelungen, aber lediglich eine/r von ihnen kriegt den Gewinn. In den nun folgenden sieben Tagen gibt es erstmal ein prallgefülltes Paket mit ins Totenreich hinübergewechselten Showbiz-Größen, einer Menge Black Consciousness, Fluchtgeschichten sowie kleineren und größeren Gründerzeitstraßen. Los geht’s wie immer mit den Lieblingsvideos, dann kommen die Lieblingssongs, die Lieblingsalben, die Lieblingskonzertacts, die Lieblingsbücher, die Lieblingsfilme und schließlich die Lieblingsstraßen.

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Lieblingsvideos 2016 http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsvideos-2016/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsvideos-2016/#comments Sat, 27 May 2017 12:03:54 +0000 Administrator Lieblingsvideos http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsvideos-2016/ Platz 1
Oh, oh, da hat Coldplay sich also wieder so richtig ins Zeug gelegt, um den Erfolg des Jahres 2014 wiederholen und erneut Platz 1 der Lieblingsvideokategorie belegen zu können. Geht die britische Band also den Weg der US-Combo OK Go, die ihren Schwerpunkt einfach auf das Produzieren von möglichst spektakulären Clips verlagert hat, um die Langweiligkeit der eigenen Musik dahinter fast gänzlich zum Verschwinden zu bringen? Jedenfalls haben Chris Martin und seine Kollegen die israelischen Regisseure Vania Heymann und Gal Muggia engagiert, damit die für den 0815-Song Up & Up einen audiovisuellen Kracher basteln, was den beiden auch wirklich gelungen ist. Die Erde steht in dem Video auf dem Kopf, die Schwerkraft ist außer Kraft gesetzt, die Größenverhältnisse sind durcheinandergeraten und die Grenzen zwischen den Elementen scheinen aufgehoben. So entstehen eindrucksvolle Bilder mit einem Schuss dadaistischer Poesie, wenn zum Beispiel Fallschirmspringer aus dem geöffneten Innenraum einer Transportmaschine stürmen und sich in einen Teller mit Nudeln stürzen. Das Video ist also großes Kino, das einen darüber hinwegsehen lässt, dass Coldplay musikalisch nicht die Welt bewegt.

Coldplay muss sich die Spitzenposition dieser Kategorie allerdings ja auch teilen: zum Beispiel mit der Berliner Musikerin Christiane Rösinger. Das Video zu ihrem Song Eigentumswohnung konnte schon im eareyeam-Adventskalender 2016 bewundert werden, zwei LeserInnen, die beide zur Miete wohnen, fanden, dass es auch in den LeserInnen-Poll gehört. Sophie Hein und Lucian Busse haben den Clip gedreht, in dem eine Meute Wohnungssuchender die Gemächer einer von der Schauspielerin Eva Löbau dargestellten Frau okkupiert. Das heimgesuchte Objekt scheint vor seiner Umwandlung in Eigentum zu stehen, die Tage der Frau in dieser vergleichsweise geräumigen und günstigen Wohnung sind wohl gezählt. Die Menschenmenge gruppiert sich in der Küche, im Klavierzimmer und auf dem Balkon zu einem Chor, der das von Rösinger in den Refrain gegossene Rechtfertigungsmantra der durch Erbschaft zum Immobilienkauf Gezwungenen wieder und wieder anstimmt. Auf charmante Low-Budget-Weise wird hier also das langsame Ende der Berliner Post-Mauerfall-Bohème in Szene gesetzt.

Prince kam ja weiter oben schon vor. Der andere große Showbiz-Tote des Jahres 2016 darf hier aber natürlich auch nicht fehlen und hat in der Video-Sparte gleich Platz 1 belegt: Der Lazarus-Clip kann als so etwas wie der audiovisuelle Abschiedsgruß von David Bowie gelten, gedreht hat ihn Johan Renck, laut dem Bowie erst während der Dreharbeiten von der Unheilbarkeit seiner Krebserkrankung erfahren haben soll. In dem Video liegt der Musiker mit verbundenen Augen im Krankenbett, eine Kraft zieht seinen Körper immer wieder hoch. Zwischendurch sieht man ihn in all seiner Drahtigkeit am Schreibtisch sitzen, wie er verzweifelt Worte zu Papier zu bringen versucht. Am Ende verschwindet er hinter Schranktüren in der Dunkelheit. Rückblickend scheint es, als ob Bowie wollte, dass es genau diese Bilder sind, die seine Fans vor Augen haben sollen, wenn sie sich den Moment seines Todes imaginieren. Veröffentlicht wurde das Video drei Tage vor seinem tatsächlichen Ableben, eine Auferstehung à la Lazarus ist dem Schöpfer solch unfassbar schöner Titel wie Andy Warhol oder Sound and Vision leider nicht vergönnt gewesen.

Nennungen
In dieser Kategorie tanzt zum Auftakt Xenia Rubinos in einem recht ungewöhnlichen Lyric Video zu ihrem Song Mexican Chef. Der ist zugleich eine superfunky Tanznummer, dessen Gitarren-Hookline irgendwie verdammt an einen bestimmten Hit aus uralten Zeiten erinnert, und ein Arbeiterlied: Mag auf den Schildern über den Restauranteingängen der Stadt New York auch stehen, dass drinnen französisch, thailändisch oder italienisch gespeist werden kann – am Herd und am Spülbecken stehen doch meist Latinos und Latinas, die ohne Papiere unter harten Bedingungen und für wenig Geld schuften. Rubinos leiht diesen Unsichtbaren ihre Stimme, sie zählt sich, als Kind einer Puerto Ricanerin und eines Kubaners, das in Hartford, Conneticut, aufwuchs, aber nun schon seit einem Jahrzehnt im Big Apple lebt, selbst zu den „Braunen“. Die halten insgesamt die US-Gesellschaft am Laufen, macht der Text klar, und werden am Ende womöglich auch noch Trumps Mauer gegen Mexiko hochziehen. Im Clip zu Mexican Chef, einem Gemeinschaftswerk von Jim Larson und Xenia Rubinos, verschwindet Letztere fast hinter dem Nebel, der direkt aus den Küchen der Gastronomie ihrer Wahlheimat ins Bild zu wabern scheint. Aber die Schwaden sind natürlich in erster Linie dazu da, die Message besser zur Geltung zu bringen.

Im Jahr 2016 ist gefühlt die halbe Popwelt von uns gegangen. Einer fehlt nun besonders: the artist formerly known as The Artist Formerly Known As Prince. Deshalb greift er hier auf Wunsch eines Lesers noch einmal beherzt in die Saiten und gibt den Song She’s Always In My Hair aus dem Jahr 1985 zum Besten. Und zwar in der Show des Comedian, Schauspielers und Moderators Arsenio Hall, mit dem Prince gut befreudet war. Nach dem Tod des Musikers aus Minneapolis ging Arsenio Hall übrigens gerichtlich gegen Sinéad O‘Connor vor, die behauptet hatte, er habe die Medikamentenabhängigkeit von Prince befördert. Aber egal, wie druff Roger Nelson damals war, den Fernsehauftritt mit den Ladies seiner Begleitband 3rdeyegirl absolviert er äußerst souverän. Er wirkt fabelhaft alterslos, was seinen traurigen Tod im Fahrstuhl seines eigenen Paisley-Park-Imperiums umso unbegreiflicher macht. Und rührend, wie Prince das Saalpublikum dazu animiert, auch diesen eigentlich nebensächlichen Vier-Minuten-Slot im TV zu einem ekstatischen Live-Erlebnis zu machen. Kurz nach seinem einjährigen Todestag am 21. April erschien in der britischen Tageszeitung The Guardian ein lesenswerter Text, der nochmal herausarbeitet, welche Bedeutung Prince als Förderer von Frauen im männlich dominierten Pop- und Rockbusiness hatte. Er endet mit den Worten von Donna Grantis, jener Gitarristin, die in der Arsenio Hall Show neben Roger Nelson ein Solo performt: „I think the respect and support he showed us and other female musicians speaks volumes about his outlook on equality and sexism.”

Prince hatte zu seinen Lebzeiten einen feinen Sinn für künstlerische Talente – unzählige tolle Musiker spielten in den Formationen, die er jeweils für seine Konzerttourneen zusammenstellte. Dazu gehörte auch mal der aus Kanada stammende und in New York lebende Saxophonspieler und Komponist Ben Wedel. Wedel selbst ist ein äußerst kooperativer Typ. Dies demonstriert er mit seinem Projekt The Seasons. Angeregt durch ein Set von 12 Pianostücken, das Tschaikowsky 1876 komponiert hatte, um die einzelnen Monate des Jahres zu würdigen, stellte Wedel 2015 alle vier Wochen ein Video auf seine Homepage, das ihn bei einer Session mit einer/m befreundeten MusikerIn zeigt. Gespielt wird ein Duett, mit dem Wedel entweder Bezug auf Tschaikowskys Kompositionen oder den entsprechenden Monat der Veröffentlichung nimmt. Der Saxophonist will seine Stücke aber vor allem als Verneigung vor seinen Mitmusikern verstanden wissen, im Prozess ihres Schreibens habe er, so Wedel, auch die Eigenheiten der KollegInnen aufgegriffen. Ein Leser möchte das gesamte Projekt The Seasons gewürdigt sehen. Als repräsentativen Clip hat eareyeam sich aber den vom April ausgesucht. In ihm spielt Wedel mit dem tollen Eric Harland, der zu den besten Jazz-Schlagzeugern der Gegenwart gerechnet werden kann und im Nebenberuf übrigens Pfarrer ist.

Das folgende Video gibt’s schon seit fast fünf Jahren auf Youtube zu sehen, aber gerade ist es mal wieder hochaktuell. Denn die Musikerin Bishi fragt in ihrem Song Albion Voice nach den stets umkämpften Kriterien, die die Zugehörigkeit einer/s Einzelnen zu einem Nationalstaat definieren. In schönstem Oxford-Englisch singt sie davon, dass sie zwar eine indische Haut hat – aber auch ein englisches Herz. Dabei bewegt sie sich in dem von Matthew Hardern gedrehten Clip in Kostümen und vor einer Landschaft, die jeden Brexiteer zum schieren Verzücken bringen müsste: das reinste, rurale Klischee-Britannien plus blümeranter Kaleidoskop-Effekte. Auch die orchestrale Musik passt da ins Bild, würde Bishi sie nur nicht mit ihrem Sitar-Spiel „verunreinigen“. Ein ziemlich kluger Kommentar auf die Wiederkehr des arroganten Imperiums. Das Video ist übrigens auch eine Entdeckung der Musikplattform Norient, die man für ihre Pionierarbeit nicht genug loben kann und die Bishis Performance gerne als ein besonders exemplarisches Beispiel für hybride Post-World-Music-Produktionen anführt.

Massive Attack und Young Fathers: das ist schon eine unschlagbare Mischung. Diese Kollaboration für den Track Voodoo In My Blood hat dazu von Regisseur Ringan Ledwidge auch noch ein sehr abgefahrenes Video verpasst bekommen. Eins, von dem man eigentlich annimmt, dass es von der Fachkritik unter die besten seines Jahrgangs gewählt werden würde. Aber weder der Rolling Stone noch Pitchfork haben den Clip in ihrer Bestenliste 2016 aufgeführt. In ihm mimt die britische Schauspielerin Rosamund Pike eine Frau, die schon leicht verunsichert in eine menschenleere Unterführung hineingeht, wo sie sich dann einer geheimnisvollen, schwebenden Kugel gegenübersieht. Ein Stachel fährt aus dem Objekt, versetzt der Frau einen Stich mitten in den Augapfel und macht sie so zu einer gefügigen Marionette, die allen Bewegungen der Kugel folgt. Wirklich sehr, sehr weird – Voodoo-Tanz im J.-G.-Ballard-Ambiente. Allein Pike hätte für ihre Performance schon eine Auszeichnung verdient.

2016 wurde zu einem Jahr, in dem insbesondere in Europa das Thema Migration den politischen Diskurs fast vollständig beherrscht hat. Dementsprechend beschäftigten sich auch zahlreiche Kulturschaffende mit den Flucht- und Wanderbewegungen der jüngsten Zeit. Einer der filmischen Versuche, die Menschen, die unterwegs sind, zu porträtieren und ihnen eine Stimme zu geben, steht nun auch auf der Lieblingsvideoliste eines Lesers. Der US-amerikanische Regisseur und Fotograf Matthew K. Firpo hat den Kurzfilm Human Stories from the Refugee Crisis gedreht; gedacht war der als Teil eines größeren Multimedia-Projekts von Firpos eigener, in New York und London ansässigen Kreativfirma Magna Charta, die kommerziellen wie nicht-gewerblichen Kunden audiovisuelle Auftritte bastelt. Das Magna-Charta-Team erklärt auf der Webseite des Unternehmens, dass sein Projekt auf dem Wunsch beruht, die Problematisierung der Ankunft der vielen Flüchtenden an den Küsten Europas mittels Personalisierung zu durchbrechen. Im Januar 2016 interviewten Firpo und seine MitstreiterInnen in Griechenland vor allem SyrerInnen, die gerade die Fahrt über die Ägäis hinter sich gebracht hatten. Die Schilderungen der Interviewten sind berührend. Leider werden sie ein wenig überlagert von der allzu sichtbaren Anstrengung des Filmemachers, ein ästhetisch möglichst anspruchsvolles Ergebnis abzuliefern. Die Musik ist eindeutig zu suggestiv und das Multimedia-Projekt ist bisher wohl auch nicht über diesen einen Film hinausgekommen. Wäre ja mal interessant zu erfahren, warum das so ist.

REFUGE | Human stories from the refugee crisis from Magna Carta on Vimeo.

Nein, hier schmachten nicht die Gallagher-Brüder eine lateinamerikanische Schönheit an. La Chica ist der Name jener Künstlerin, die im folgenden Video zu sehen ist, während sie eine Oase besingt. Marion Castera, die Regisseurin des Clips, hat sich der Fertigkeiten des belgisch-portugiesischen Filmemachers und Skulpteurs Kelzang Ravach aka Ma-Ke bedient, der La Chicas Kopf und Gesicht einer ziemlich gründlichen Dekonstruktion durch den Einsatz diverser Animationstechniken unterzog. Der Griff in die Trickkiste korrespondiert auch ganz gut mit dem elegischen Stück, das ähnlich wie das Konterfei der Musikerin immer wieder in einzelne Fragmente zerfällt. La Chica – hinter dem Namen verbirgt sich Sophie Fustec, eine Franco-Venezolanerin – hat in Oasis Klaviermusik-Sentenzen von Erik Satie, Claude Debussy und Camille Saint-Saëns mit digitalisierten Latino-Sounds vermischt. Und nebenbei bemerkt: Experimentellere Elektronika und spanische Lyrics können wirklich eine aparte Kombination abgeben, das haben auch schon Musikacts wie Helado Negro und natürlich Nicolas Jaar bewiesen.

In den Jahrescharts vieler Musikfeuilletons befindet sich Solange Knowles mit ihrem Album A Seat at the Table an der Spitze. Deswegen ist es wenig überraschend, dass sie auch im eareyeam-LeserInnen-Poll 2016 auftaucht – mit dem Video zu ihrem Song Cranes in The Sky. Frau Knowles höchstpersönlich hat die Regie geführt, zusammen mit Alan Ferguson, mit dem sie seit 2014 verheiratet ist. In dem Clip bewegt sie sich in geschmackvollem Outfit vor ausgesuchter Kulisse und ist umgeben von Sistas, die ebensolche Grazien sind wie Solange selbst. Im Großen und Ganzen sind die Audiovisuals eine Feier schwarzer Schönheit, sie stehen aber in einem starken Kontrast zu den Lyrics von Cranes in The Sky, in denen Solange beschreibt, wie sie in der Vergangenheit versucht hat, mit Konsum oder Arbeitswut jene Schmerzen zu betäuben, die ihr als schwarze Frau in den USA durch Ablehnung und Feindseligkeit zugefügt worden sind. Der Glamour funktioniert also als ausgezeichneter Träger für eine Botschaft, die nichts beschönigen möchte und dementsprechend ist Cranes in the Sky auch die Bitter Sweet Symphony des Jahres 2016.

Ha, da hat’s doch ein Video aus dem eareyeam-Adventskalender 2016 in den LeserInnen-Poll geschafft. Es ist das zu A Woch‘ vor Weihnachten von Karin Rabhansl, einer Musikerin aus Niederbayern. In dem Clip wird etwas überspitzt nachgestellt, was Rabhansl so vor, während oder nach einem ihrer ungezählten Auftritte in den Gasthöfen und Kneipen ihrer Heimatregion tatsächlich auch passiert sein mag. Von ihr stammt nämlich die Idee zu dem Video, während Stefan Gnad die Realisierung übernahm. Das Schöne an dem Clip ist, dass er, trotz aller Sticheleien, das ländliche Setting nicht vorführt oder von oben herab betrachtet. Rabhansl begreift sich selbst glaubhaft als Teil des Wirtshausuniversums, das sich hier vor der Kamera entfaltet und zwischen Verrücktheit und Bodenständigkeit changiert. Leider hat das Video bisher nicht die 10.000-Klicks-Marke erreicht und Rabhansls Abgesang auf das Glück zu Zweit passt auch nicht so recht zu den gerade wabernden Frühlingsgefühlen. Aber die nächste Adventszeit kommt so sicher wie das Amen in der Kirche und dann wird A Woch‘ vor Weihnachten hoffentlich doch noch mal zur ernsthaften Konkurrenz für Whams Last Christmas werden.

Und auch der letztjährige Japan-Schwerpunkt von eareyeam hat auf die Lieblingsvideoauswahl der LeserInnen abgefärbt: Den wirklich sehr schrägen Clip zu Suiyōbi no Campanellas Track Jeanne D‘Arc will eine Leserin hier gewürdigt sehen. Das seit 2011 bestehende Projekt der beiden Musikproduzenten Dir.F und Kenmochi, die die Sängerin KOM_I als Frontfrau für die Bühne angeheuert haben, wurde in eben jenem Japan-Schwerpunkt schon erschöpfend vorgestellt. Außerdem kam Suiyōbi no Campanella auch noch mal im Adventskalender 2016 vor, mit dem Video zu カメハメハ大王/Kamehameha the Great. Erneut soll hier betont werden, dass Suiyōbi no Campanella sich insofern vom Mainstream des J-Pop mit seinen üblichen „female idols“ abhebt, als KOM_I auf der Bühne und in den Videos besonders stark auf Komik setzt. Und der Clip, in dem sie es mit ihren Grimassen und ihrem weirden Verhalten zur Meisterschaft bringt, ist eben jener, den Regisseur Tadashi Watanabe für den Titel Jeanne d‘Arc produziert hat. KOM_I gibt darin eine Stewardess, die, per Animation mehrfach reproduziert und wie ein Geist immer wieder im Rhythmus der Beats auf- und abtauchend, die Sitzreihen einer Passagiermaschine in Beschlag nimmt. Großartig, wie sie dabei herumalbert und das Gesicht verzieht. Einen Langstreckenflug ins Land der aufgehenden Sonne würde man allerdings mit einer solchen Besatzung nur schwerlich unbeschadet überstehen.

Auch noch: Motörhead: Killed By Death / Dj Shadow feat Run the Jewels: Nobody Speak / PJ Harvey: The Community of Hope / Vince Staples: Senorita / Young Fathers: Shame / Jain: Makeba / Aparato: M.A.M.O.N. / A Tribe Called Quest: We The People Lyric Video / Daughters of the Dragon: Kaleidoscope at Summer Dance Forever / Clipping: Shooter / Neo Magazin Royale: Frühling für Frauke / Neo Magazin Royale: Laugengebäck / Beginner: Ahnma / Beginner: Es war einmal / Selah Sue Reason: On the Road – Zürich

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Lieblingssongs 2016 http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingssongs-2016/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingssongs-2016/#comments Sat, 27 May 2017 11:56:08 +0000 Administrator Lieblingssongs http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingssongs-2016/ Platz 1
Nicht nur in der Lieblingsvideokategorie, sondern auch in der Lieblingssongrubrik nimmt David Bowie die Spitzenposition ein und muss letztere mit niemandem teilen. Sein Stück Lazarus brauchte dafür lediglich zwei Stimmen aus der eareyeam-LeserInnenschaft. Er ist sowohl auf David Bowies finaler Studio-LP Blackstar zu finden als auch namensgebender Bestandteil eines von ihm zusammen mit der irischen Dramatikerin Enda Walsh geschriebenen Musicals, das im Dezember 2017 seine Premiere am Broadway hatte – also noch zu Lebzeiten des Thin White Duke. Über das zu Lazarus gehörige Video ist ja in der Poll-Auswertung schon geschrieben worden, dass es so aussieht, als hätte Bowie genau kalkuliert, welche Bilder seine Fans mit seinem Abschied vom Diesseits zukünftig verknüpfen sollten. In den Lyrics befindet sich der Künstler praktisch schon wie Lazarus auf dem Weg ins Totenreich und hält Rückschau auf sein Leben. Das musikalisch Auffälligste an Lazarus ist der breite Raum, den das Saxophon von Donny McCaslin darin einnehmen darf. Auf seine Art funktioniert es doch ganz so, wie die Bläser auf einer Jazz-Beerdigung in New Orleans. Und eine solche hat David Bowie dann irgendwie auch noch bekommen.

Nennungen
Russen – ausgerechnet diese olle Kamelle aus der Hoch- und Endphase des Kalten Kriegs darf hier ein kurzes Comeback feiern. Jener Leser, der den Udo-Lindenberg-Song auf seinem Zettel stehen hatte, spielt mit dieser Wahl wohl darauf an, dass ein vergangenes durchaus ja auch ein künftiges Bedrohungsszenario sein könnte. Nimmt man dem grassierenden Putinismus allein mit lindenbergscher Lässigkeit den Schrecken? Die passenden Lyrics dafür müssen erst noch gedichtet werden, denn Udos Liedtext hat wirklich nur zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung Sinn gemacht. Heute können „die Russen“ Sahnetörtchen und Nougatschnitten auch in Murmansk und Jekaterinburg käuflich erwerben – jedenfalls wenn sie sich das leisten können. Doch soll hier jetzt nicht weiter auf der inhaltlichen Hinfälligkeit des Songs herumgeritten werden. Angesichts der Tatsache, dass Russen der erste Udo-Lindenberg-Titel ist, der es überhaupt auf das eareyeam-Blog geschafft hat, sei hier zumindest festgestellt, dass der Mann aus Gronau im Verlauf seiner Karriere doch immer mal wieder ein starkes Stück aus seinem Hut gezaubert hat. Aber das heißt dann doch nicht Russen, sondern zum Beispiel Cello.

Ja, die Lieder von AnnenMayKantereit – das sind in musikalische Form geronnene Berliner-Jungs-WG-Befindlichkeiten. Aber Achtung: Das Quartett, deren Bassist Malte Huck der einzige ist, der seinen Nach- nicht im Bandnamen wiederfinden darf, kommt eigentlich aus Köln-Sülz. Mmmh, ist die Heimat etwa musikalisches Programm? Ach, so hart sollte man nicht sein mit AnnenMayKantereit – die Combo präsentiert die eigenen Innerlichkeiten zumindest etwas dynamischer als dies zum Beispiel Klaas Heufer-Umlaufs Truppe Gloria tut, die ja auch in schöner Regelmäßigkeit in diversen Poll-Rubriken auftaucht. Und die Stimme von Henning May lässt schon aufhorchen. Im K.I.Z.-Track Hurra die Welt geht unter ist sie bisher am besten zur Geltung gekommen. Pocahontas kam im Februar 2016 als erste Single-Auskoppelung des AnnenMayKantereit-Albums Alles Nix Konkretes heraus, das bei Universal erschienen ist. Zugegeben, das ist ein echter Ohrwurm, der Einsatz der Trompete suggeriert die Nähe zu Element of Crime, aber nach mehrmaligem Hören wünscht man sich doch, dass der Ich-Erzähler, also womöglich May selbst, bei der Bewältigung seiner Beziehungsprobleme endlich mal eine andere Platte auflegen möge.

Drowning kommt jetzt. Wie schön, dass es dieses eindrucksvolle Stück vom Debüt-Studioalbum The Healing Component des Chicagoer Musikers Mick Jenkins in die Lieblingssongkategorie geschafft hat. Bei eareyeam war es schon in der Ausgabe 3/16 vorgestellt worden. Jenkins zieht hier mit seiner Stimme alle Register: Er kann auf hohem Niveau soulful jammern, mit tiefem Organ dräuendes Unheil suggerieren und mit Lässigkeit rappen. Begleitet wird er dabei vom kanadischen Jazzquartett BadBadNotGood. Die meiste Zeit verharrt Drowning in einer Art Worksong-Modus, kaum angetrieben von einer durchgängig geschlagenen Cowbell. Zwischenzeitlich ufert es aber auch mal in eine hastige Psychedelic-Rock-Sequenz aus. Wer will, kann sich bei Rap Genius eine ausführliche Interpretation der Lyrics von Drowning abholen. Lustigerweise fordert Mick Jenkins selbst in einer Zeile seine HörerInnenschaft dazu auf, Rap Genius zu konsultieren, sollte sie die Komplexität seiner Rhymes nicht zur Gänze erfassen. Es geht natürlich um den in der US-Gesellschaft allgegenwärtigen Rassismus, das macht schon der Verweis auf Eric Garners letzte Worte „I can‘t breathe“, bevor dieser durch Polizeigewalt starb, deutlich. „Ins Wasser stolpern“ ist in den Versen eine Metapher für das Erkennen von Wahrheiten, mit denen man klar kommen muss, will man nicht untergehen. Das von Nathan R. Smith verantwortete Video zu Drowning lehnt sich eng an den Songtext an: Mick Jenkins geht auf Tauchgang, kann sich aber auf ein Floß retten – in einem Fluss irgendwo in den Südstaaten. Schauplatz und Handlung erinnern an die dunkle und immer noch nachhallende Periode der Sklaverei.

Ist Europa wirklich verloren? Kate Tempest zeichnet in ihrem Track Europe is Lost ein ziemlich desolates Bild der modernen westlichen Gesellschaft. Na ja, eigentlich richtet sich der scharf sezierende Blick der Künstlerin auf die Verhältnisse im urbanen Großbritannien. Dessen Bewohner*innen sind atomisiert in ihrem Arbeitsalltag, Frust und Ärger betäuben sie mit Drogenkonsum und Shopping, was sie indifferent macht gegenüber den politischen Entwicklungen, die doch sehr unmittelbar für das eigene Leid verantwortlich sind. Man könnte sagen, in den sehr kraftvollen Lyrics steckt eine gute Dosis marxistischer Entfremdungs- und Verblendungssprech drin. Tempest schafft es aber, sie gekonnt in eine mikroräumliche Erzählung vom Schicksal der Sozialarbeiterin Esther einzuweben, die einsetzt, als Esther um vier Uhr früh von ihrem Job nach Hause kommt. Tempest lässt die Frau zunächst über die Welt klagen, bevor sie sich deren Sorgen praktisch zu eigen macht und den sozialen Widersprüchen die bevorstehende Implosion prophezeit. Bei aller Härte des Inhalts, ist der Sound von Europe is Lost doch irgendwie ein warmer, dafür sorgt der intime Klang des stoisch durchgezogenen Gitarrenriffs, das akzentuierende Piano und ein regelmäßiges Schnurren, das entweder vom Bass oder von einem Synthie erzeugt wird. Europa ist verloren, aber zumindest ein guter Song wurde gefunden.

Paul McCartney ist ja noch immer ganz umtriebig. Und er lässt jüngere Kollegen großzügig auf seinem alten Material herumkauen. Im folgenden Fall konnten der Schaumburger DJ Timo Maas und sein kanadischer Kollege James Teej den Ex-Beatle mit einem ersten Remix des Wings-Songs Nineteen Hundred And Eighty Five aus dem Jahr 1973 so sehr begeistern, dass dieser den beiden für die Weiterbearbeitung sogar die Original-Tonspur des Stücks zur Verfügung stellte. Was daraufhin aus der Werkstaat Maas-Teej herauskam, war eine flotte Tanznummer, die weder als typischer Timo-Maas-Track gelten, noch sofort auf ihren Ursprung als McCartney-Komposition zurückgeführt werden kann. Es wäre zum Beispiel gar nicht verwunderlich, wenn anstelle von Pauls Stimme Beth Dittos Organ erklingen würde, denn Nineteen Hundred And Eighty Five hat doch tatsächlich ein wenig den Charakter eines Gossip-Songs. Die Interpretation von Nineteen Hundred And Eighty Five durch Maas und Teej ließ dank der umfangreichen Eingriffe den Remix-Status hinter sich und konnte als eigenständiger Titel veröffentlicht werden. Die beiden Produzenten begrenzten die Auflage auf 500 Stück Vinyl und sahen dabei zu, wie sich ihr McCartney-Tribut zu einem regelrechten Hype entwickelte, der schließlich eine Grammy-Nominierung zur Folge hatte.

Die anfängliche Vermutung, hier wird gleich eine nette Norah-Jones-hafte Coffee-Table-Melodie vorgetragen, bewahrheitet sich dann doch nicht: Ida Gards Vittula Part 1 ist ein sehr trauriges, dringliches Lied über eine unerwiderte Liebe. In ihrer Heimat Dänemark ist die 23-jährige längst eine Größe, aber man mag gar nicht glauben, dass Gard den Durchbruch ihrem Sieg bei der 5. Staffel der dänischen Version von X-Factor im Jahr 2012 zu verdanken hat. Offensichtlich schafft man es nördlich von Flensburg und Fehmarn nicht nur, bessere Fernsehserien zu produzieren als anderswo in Europa, auch im Falle der zeitgenössischen Version des SWF-Talenteschuppens kommt in Dänemark hinten was Interessanteres heraus als beispielsweise bei den bundesdeutschen Entsprechungen. Und nachdem Gard die TV-Castingshow gewonnen hatte, lehnte sie erstmal ganz selbstbewusst das Vertragsangebot eines Majorlabels ab. Inzwischen kann sie zwei Longseller aufweisen und Auftritte im Vorprogramm einer Konzerttournee von Bob Dylan. Allerdings findet eareyeam ihre Songs mit vollem Instrumentarium nicht ganz so die Offenbarung, während Gard der musikalische Minimalismus, den sie in dem Clip für die Sunday-Sessions-Berlin-Reihe auf Youtube zelebriert, wirklich sehr gut steht.

Schon mal was von The White Birch gehört? eareyeam war der Name kein Begriff. Das hat auch was damit zu tun, dass die Band zwar schon Ende der neunziger Jahre von drei Jungs in Norwegens Hauptstadt Oslo gegründet worden war, aber nie so richtig aus der Hüfte kam. Immerhin veröffentlichte The White Birch drei Alben – aber in einem Zeitraum von zehn Jahren, in dem die einzelnen Mitglieder oft mit ganz anderen Dingen beschäftigt waren. Frontmann, Sänger und Songwriter Ola Fløttum zum Beispiel hat immer wieder Musik fürs Kindertheater und für Filme geschrieben. 2006 wurde The White Birch dann endgültig auf Eis gelegt – bis sich bei Fløttum wieder soviel Material angesammelt hatte, dass er 2015 einfach ohne seine Bandkollegen im heimischen Studio das vierte The-White-Birch-Album The Weight of Spring aufnahm, mithilfe seiner Ehefrau, der Schauspielerin Ellen Dorrit Petersen. Zu hören ist im folgenden ein melancholisches Duett, nämlich der Titelsong der LP, die laut Presse den Slowcore-Folk der Vorgängerplatten fortsetzt.

Wie im Vorjahr, waren auch 2016 Songs mit einer Menge Moll bei den eareyeam-LeserInnen schwer angesagt. Der im Trüben fischende Folk-Musiker Ry X konnte mit seinem Track Only bei einem Leser punkten, der 2015 Howling, ein gemeinsames Projekt des in Los Angeles lebenden Australiers und des Berliner Elektronik-Produzenten Frank Wiedemann, zu seinem Lieblingskonzertact erklärte. Ach, und wahrscheinlich war er es auch, der 2014 die Platte Liminal des Trios The Acid in die Kategorie Lieblingsalben gewählt hatte. Ry X ist nämlich auch an dieser Elektronika-Wundertüte stimmlich beteiligt. Im Moment scheint er aber eher mit seiner Solokarriere beschäftigt. Im Mai kam Dawn, der erste Longplayer, den Ry X ganz alleine auf die Beine gestellt hat, auf den Markt. Auf ihm ist auch Only erhalten, ein Song, auf dem ordentlich Hall drauf liegt und bei dem man förmlich darauf wartet, dass auf einer nach hinten gemischten Tonspur Regengeräusche einsetzen.

Auch über die Gesellschaft lässt sich ein elegisches Lied schreiben. Das hat Alice Phoebe Lou mit ihrem Song Society getan. Die im südafrikanischen Kapstadt aufgewachsene Künstlerin lebt seit 2013 in Berlin, wo sie sich den Ruf einer hartgesottenen Straßenmusikerin erwerben konnte. Regelmäßig ist sie vor dem U-Bahnhof Warschauer Straße aufgetreten, um Coverversionen bekannter Songs und eigene Kompositionen darzubieten. Das hat ihr nicht nur ein begeistertes Publikum beschert, sondern auch Avancen von Plattenfirmenfritzen, die Alice Phoebe Lou sämtlichst in den rauhen Berliner Wind schlug. Inhaltliche Unabhängigkeit schreibt sie nämlich gerne groß, wie sie in einem Interview mit dem Tagesspiegel verrät. Im vergangenen Jahr erschien dann ihr Debütalbum Orbit, das sie im Eigenverlag herausgebracht hat und über Motor vertreiben lässt. Society ist eins der Stücke auf dieser Platte, und in ihm versetzt Alice Phoebe Lou sich in einen alten Mann auf der Straße, der laut Anklage erhebt: gegen die Gesellschaft, die ihm seine Freiheit und Individualität geraubt hat und mit Konformitätsformeln sein Gehirn zu waschen versucht.

What a surprise! Joan Baez ist in dieser Kategorie gelandet. Mit ihrem Lagerfeuer-Klassiker Farewell Angelina, dem Titeltrack ihres Albums aus dem Jahr 1965. Wenig überraschend: Das Lied stammt aus der Feder von Bob Dylan, er soll es aber niemals selbst aufgenommen haben. Während ihr Exfreund zu dieser Zeit die Folk-Szene durch den Verstärker zu jagen begann, ging Baez einen anderen Weg. Okay, auch auf Farewell Angelina hatte sich ihr Begleitgitarrist Bruce Langhorne die Elektrische umgeschnallt. Die ist aber nur sehr moderat zu hören. Entscheidender ist der spürbare Einfluss des Country, dem Baez sich im Anschluss noch viel stärker aussetzte. Die Platte ist die letzte, die sie mit relativ spärlichen Arrangements und einer kleinen Anzahl von Kollegen aufnahm, für die Folgewerke holte sie sich dann ein komplettes Orchester oder eine Truppe von Nashville-Studiomusikern dazu. Und heute? Bietet niemand geringeres als der fiese Trump der guten Joan den Anlass dazu, mal wieder so einen richtig geharnischten Protestsong zu klampfen – dieser Nasty Man.

MusikerInnen, die in der jüngeren Vergangenheit die globalen Fluchtbewegungen zum Inhalt ihrer Songs gemacht haben, gibt’s gar nicht soviele. Dass M.I.A. zu denen gehört, die schon 2015 genau das taten, ist aber auch wieder nicht erstaunlich. Kaum eine andere Künstlerin hat so einen starken Drang zur politischen Aussage wie Mathangi „Maya“ Arulpragasam, das brachte ihr in den USA auch schon mal den Vorwurf der Sympathie mit Terroristen ein. Während ihrer nun schon vierzehnjährigen Karriere im Showbiz hat sie immer wieder Position bezogen – gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA, gegen die Überwachungswut von Sicherheitsbehörden und – nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Erfahrung als Geflüchtete – gegen die Abschottungspolitik Westeuropas und Nordamerikas. M.I.A. weiß ihre Themen musikalisch wie audiovisuell ins Breitwandformat zu packen. Borders ist ein geradezu hymnisches Stück, in dem sie gleich mal Identität als valides Kritierium infragestellt. Das dazugehörige, in Südindien gedrehte Video darf hier natürlich auch nicht unerwähnt bleiben. M.I.A. selbst hat es zusammen mit Sugu Arulpragasam and Tom Manaton produziert. Mittels der Choreographie von einer Masse junger Männer findet sie gewagte, aber ästhetisch ansprechende Bilder für die Problematisierung von Grenzregimen.

Insbesondere in Deutschland ist Izzy Bizus Song White Tiger gut angekommen. Im vergangenen Jahr schaffte er es in den dortigen Single-Charts bis auf Platz 54. So gelangte das Lied auch in die Ohren eines eareyeam-Lesers, der es auf seine Favoritenliste gesetzt hat. Zunächst tritt es als veritables, flottes Happy-Go-Lucky-Stück auf, mit dem man das morgendliche Müsli trotz Müdigkeit besser wegzuputzen vermag. Interessanterweise endet es aber mit einer langsameren Passage, durch die man sachte daran erinnert wird, dass das Leben nicht immer ein Pony….äh…Tigerhof sein kann. What about the lyrics? Die bleiben metaphorisch und man muss raten, ob Izzy Bizu mit dem weißen Raubtier womöglich doch nur einfach einen Lover meint, der sie auf eine emotionale Achterbahnfahrt schickt. White Tiger ist auf dem Debütalbum A Moment of Madness zu finden, das die Absolventin des British and Irish Modern Music Institute im September 2016 veröffentlicht hat.

Oh, nicht nur ist der Clip zu Christiane Rösingers Lied Eigentumswohnung auf Platz 1 der Kategorie Lieblingsvideo gewählt worden. Für eine Leserin ist der Song selbst auch schlicht der beste des vergangenen Jahres. Eigentumswohnung ist die schon im Dezember veröffentlichte erste Single-Auskoppelung des neuen und zweiten Rösinger-Albums Lieder ohne Leiden, das, wie auch schon sein Vorgänger Songs of L. and Hate, vom verdienstvollen Label Staatsakt verlegt wird. Am 24. Februar diesen Jahres kam Lieder ohne Leiden in die Läden. Die Lyrics von Eigentumswohnung werden im Adventskalender 2016 ausführlich besprochen. Hier sei nur noch mal angemerkt, dass die geborene Badnerin, die aber inzwischen als Kreuzberger Urgestein durchgeht, sich dankenswerter Weise eines wichtigen Themas angenommen hat, das im zeitgenössischen Pop ob seiner Unsexyness bisher gemieden wurde: der Wohnungsfrage. Im Besonderen geht es um Angehörige des alternativen Milieus, die gegenüber Ihresgleichen mit allen möglichen Argumenten zu rechtfertigen oder zu entschuldigen versuchen, dass sie nun doch planen, eine Immobilie zu erwerben. Rösinger vermeidet ein normatives Drüberbügeln über diejenigen, die die Verhältnisse, die sie bis dahin immer bekämpft haben, jetzt lieber reproduzieren. Allein der resignative Ton, in dem sie das wie ein guter alter Lassie-Singers-Hit klingende Lied singt, lässt ahnen, dass eine Gesellschaft der Eigentümer nicht gerade ihre persönliche Utopie darstellt.

Sie kommt im eareyeam-LeserInnen-Poll nicht zum ersten Mal vor: Lady Gaga. 2012 war sie mal in der Lieblingskonzertsparte gelandet. Nun gibt es mindestens einen guten Grund dafür, dass ihr Song Million Reasons von einer Poll-Teilnehmerin zum Favoritensong erklärt wurde. Vielleicht den, dass Lady Gaga sich mit diesem Track endgültig aus der Kirmesdisco verabschiedet hat, die in der Vergangenheit so manchen Kritiker zu dem Urteil hat kommen lassen: Perfomance = 1+, Musik = 6-. Mit Million Reasons stürmt sie stattdessen schnurstracks in die Rockkneipe, in der Bon Jovi und Bryan Adams für gewöhnlich abhängen. Jetzt kann man sagen, Gagas Sound ist zwar nicht mehr fies, aber trotzdem weiterhin langweilig. Ihr großes Plus ist aber, dass sie (im Video sicherlich, aber vielleicht auch im Studio und auf der Bühne, wer weiß …) die Gitarre mit weitaus mehr Coolness und Grandezza zu handhaben versteht als ihre brusthaarigen Konkurrenten. Und das ist tatsächlich so etwas wie ein Grund, dass sie in dieser Rubrik bleiben darf, ungeachtet der Millionen Argumente, die dafür sprächen, sie zum Gehen aufzufordern.

Rihannas jüngste Scheibe Anti wurde ja auch von MusikjournalistInnen gelobt, die dem Oeuvre der Frau aus Barbados ansonsten kaum Beachtung schenken. Work ist einer der Songs des Albums. Einen leichten Dancehall-Drall hat er und ein explizites Thema – aber das überrascht ja bei Rihanna jetzt auch nicht sonderlich. Eher erstaunlich, dass „work“ im jamaikanischen Patois für „Sex“ steht, wie sich der Genius-Webseite entnehmen lässt. Wird auf der Karibikinsel damit ganz unverblümt deutlich gemacht, dass auch Vögeln ein Akt der Entfremdung ist? Aus der Perspektive von Rihanna als Ich-Erzählerin könnte genau das der Fall sein, denn sie singt, dass sie eine spirituell bedeutungsvolle Beziehung ersehne und ihrem Lover deshalb ihre ganze Aufmerksamkeit und Zuneigung geschenkt habe. Das männliche Gegenüber würde sie aber kalt lassen und langweilen – mit seinem lediglich technischen Interesse am Geschlechtsverkehr. Nun ist der Part mit dem Pimmel vokalistisch ausgerechnet von Drake besetzt, dem Gefühligsten unter den Mainstream-Rappern (wenn man Frank Ocean nicht darunter verbuchen möchte). Schon zum dritten Mal seit 2010 kollaboriert Rihanna mit ihm, immer wieder haben die Klatschmedien von einer Paarung der beiden geunkt. Würden Realität und Perfomance hier tatsächlich ineinanderfallen, dann wäre ihre Beziehung also jetzt praktisch zu Ende, weil die Sängerin keinen Bock mehr hat. Drakes Entschuldigungen für vergangene Verfehlungen und seine Bitte, ihn nicht zu verlassen, klingen leider nicht besonders überzeugend. Letztendlich wünscht er sich ja eh nur, dass sie für ihn „weiterarbeiten“ möge.

Auch noch: Meshuggah: Born in Dissonance / Lucinda Williams: Factory / Kvelertak: Nattesferd / Vektor: Recharging the Void / William Z. Villain: Anybody Gonna Move? / Kenji Kawai:傀儡 謡_陽炎は黄泉に待たむと (O.S.T. – Innocence) / Clueso: Gordo / Petrels: Terra Nullius / Moop Mama: Über den Dingen / Moglii & Novaa: Her / Moderat: Rusty Nails / John Bennet: Weep O Mine Eyes / Julia Holter: Feel You / Radiohead: Identikit / Portishead: S.O.S. / Red Hot Chilly Peppers: Dark Necessities / Selah Sue: Mommy / Moderat: Bad Kingdom / Solange: Don‘t touch my Hair / Sia feat. Sean Paul: Cheap Thrills

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Lieblingsalben 2016 http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsalben-2016/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsalben-2016/#comments Sat, 27 May 2017 11:54:13 +0000 Administrator Lieblingsalben http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsalben-2016/ Platz 1
Fünf Stimmen für Kate Tempests Let Them Eat Chaos – soviel Zuspruch hat noch kein Longplayer in der Geschichte des LeserInnen-Polls ernten können. Die Londoner Musikerin/Autorin hat es aber auch verdient, das Feld anzuführen. Sie ist derzeit die scharfzüngigste und genaueste Chronistin des westlichen Großstadtlebens in einer Phase, wo etwas zu Ende geht, aber das Neue noch kaum Gestalt angenommen hat. Tempest schaut sich genau an, wie das Individuum, aber auch das soziale Kollektiv im neoliberalen Kapitalismus, der nach außen hin rosig glänzt, während er innen schon fault, sein physisches und psychisches Überleben erledigt. Zwar ist sie darin durchaus eine Gesinnungsgenossin von Sleaford Mods, aber sie seziert mehr als das sie so schimpft wie das Duo aus Nottingham. eareyeam findet wiederum auch nicht, das sie in der Kontinuität von The Streets steht, eher ist sie die Anne Clark der zehner Jahre; der kalte Wave-Synthie ist in seiner Funktion als Trägermaterial für die urbane Dystopoesie bei Kate Tempest nun einfach von einem wärmeren, gleichwohl ähnlich abstrakten Hip-Hop- und Break-Beat-Sound abgelöst worden. Let Them Eat Chaos ist wie sein Vorgänger Everybody Down eine Art vertonte Novelle über die Existenz mehrerer Londoner Bewohner zu einem bestimmten Zeitpunkt – nämlich um 4.18 Uhr morgens, wenn diese Menschen entweder keinen Schlaf finden oder noch wach sein müssen. Sieben Personen kommen in den dreizehn Kapiteln des Albums vor, die von der genormten Sterilität der Kaffeehausketten, dem Trübsal nach dem Rausschmiss aus dem Pub und der Bindungsschwierigkeit der Tinderinen und Grindristen handeln. Tempest führt ihre Figuren nicht vor, sondern ist um sie besorgt, ohne die Distanz zu verlieren. Wahrscheinlich wird es auch die Südlondonerin sein, die demnächst das nahende Unglück des Brexit in die richtigen Worte und Töne fasst.

Platz 2
2015 genügten drei LeserInnenstimmen, um eine LP auf Platz 1 dieser Kategorie zu hieven, diesmal benötigte eine Platte vier FürsprecherInnen, um wenigstens Platz 2 zu ergattern. III von Moderat hat’s gepackt, obwohl darauf Hits vom Schlage Rusty Nails oder Bad Kingdom fehlen. Mit dem Abschluss ihrer Album-Trilogie sind die drei Projekt-Mitglieder Gernot Bronsert, Sebastian Szary und Sascha Ring endgültig zu einer Einheit zusammengewachsen, denn Moderat ist inzwischen größer und erfolgreicher als Modeselektor und Apparat es je waren; jene zwei Berliner Acts, aus denen heraus Moderat einst als netter Sidekick entstand. Anders als auf den beiden Vorgängern, ist auf III die Stimme von Ring fast durchgängig präsent. Er singt zu ätherischen, zurückgenommenen Sounds, die ohne fette Beats und Bässe auskommen. Eigentlich ließe sich deshalb sagen, dass Moderat nun apparatschiger als modeselektorisch klingen, die Kritiker stellen aber auch häufig Bezüge zu Radiohead her und loben die Kohärenz von III – ein Werk, das trotz seiner vorgeblichen Unauffälligkeit zu den besten Elektronika-Veröffentlichungen des Jahres 2016 gezählt werden muss.

Fast hätte David Bowie auch in der Lieblingsalbenkategorie die Spitze erreicht. Seinem finalen Werk Blackstar fehlte lediglich eine Stimme. Es wurde am 8. Januar 2016, dem 69. Geburtstag des Künstlers veröffentlicht, zwei Tage später erlag Bowie seinem Krebsleiden. Das 25. Studioalbum des Thin White Duke schaffte es als einzige seiner Veröffentlichungen bis auf den Spitzenplatz der US-Albumcharts – obwohl der Sound der Platte weniger marktgängig ist als das, was Bowie zum Beispiel in den achtziger Jahren so produzierte – siehe Let’s Dance oder Tonight. Der Titelsong Blackstar hat Überlänge, die Beats sind unstet, wechseln mehrmals das Tempo, die Atmosphäre changiert zwischen Abschiedsstimmung in futuristischem Soundgewand und typisch bowiesker Melodieführung mit leicht orientalischem Einschlag, Begleitchor und Bläsersatz. Von letzterem losgelöst, interveniert immer wieder das nervöse Saxophon Donny McCaslins in das bisweilen orchestrale Arrangement. Die Platte ist nicht das, was man als Hintergrundrauschen beim Kochen oder Bügeln laufen lassen könnte, aber deshalb umso mehr eine gute Erinnerung an die Virtuosität und das Einfallsreichtum einer der Größten der gesamten Pop-Historie.

Nennungen
Schön, dass es das zweite Album von Nicolas Jaar noch in den LeserInnen-Poll geschafft hat. Sirens kam praktisch im letzten Moment des vergangenen Jahres um die Ecke – und etabliert den New Yorker Musiker und Sohn des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar endgültig als einen der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter der elektronischen Musik. Na gut, schon mit seiner Debütplatte Space is the Only Noise, die 2011 erschien, konnte er eine Marke setzen. Jaar hat es mit ihr geschafft, ungefähr die langsamste Musik zu produzieren, die in einem House-Club noch akzeptiert wird, weil sie auf ganz eigensinnige Art dennoch groovy ist. Für Sirens hat er den Minimalismus seines Erstlings zu Gunsten fülligerer Arrangements aufgegeben. Die Playlist ist geradezu aufreizend eklektizistisch: Ambient, Free Jazz, Field Recording, Drone- und Latino-Sounds werden miteinander zu einer durchgängigen Narration verwoben, in der Jaar sowohl die jüngere Geschichte Chiles als auch die Story seiner eigenen Familie reflektiert. Zwischendurch hängt er dafür sogar den Elektropunker raus. Vertreten wird Sirens hier durch No, einen Track auf Reggae-Grundlage, dessen Lyrics sich auf das chilenische Referendum des Jahres 1988 beziehen, bei dem die Bevölkerung über eine Fortsetzung der Pinochet-Diktatur abstimmte. Die Gegner von General Pinochet konnten mit fast 56 Prozent der Stimmen das Referendum für sich entscheiden, damit ging die sechszehn Jahre dauernde Schreckensherrschaft der reaktionären Militärjunta zu Ende. Im Vorfeld des türkischen Referendums zur Einführung des Präsidialsystems hatten die Erdogen-Kritiker sich übrigens die damalige Kampagne für ein Nein zu Pinochet zum Vorbild für den eigenen Kampf gegen die Autokratie genommen. Leider, leider konnten sie mit ihrem „Hiyar“ nicht denselben Erfolg erzielen wie damals die progressiven Kräfte in Chile. Letztere hatten es aber auch mit einem Regime zu tun, dem wohl die Kraft zur Wahlmanipulation abhanden gekommen war.

Die Welt hatte schon sehnsüchtig auf was Neues von Frank Ocean gewartet. Seine Debüt-LP Channel Orange aus dem Jahr 2012 war geradezu frenetisch gefeiert worden, nicht zuletzt, weil Ocean mit ihr die Vorstellungen des breiten Publikums von einem modernen R‘n'B entscheidend zu erweitern vermochte und diese Könnerschaft es ihm gleichzeitig auch erlaubte, die heteronormativen Grenzen des Genres zu durchlöchern. Nach der Veröffentlichung von Channel Orange brauchte der enigmatische Musiker dann vier Jahre bis zum Nachfolgealbum Blonde. Das hatte mit dem Heckmeck zwischen Ocean und seiner bisherigen Plattenfirma Def Jam Recordings zu tun, die den Künstler scheinbar nur ungern in die Unabhängigkeit entlassen wollte. Die Ankunft von Blonde kündigte Frank Ocean zunächst mit einer Art Visual Album mit dem Titel Endless an. Dessen Musik besteht aus mehreren Preludes zu einem wahrscheinlich super-smarten Crowdpleaser, der dann aber natürlich nie kommt. Die laufenden Bilder zeigen Ocean in einem großen Raum als Heimwerker. Beglückt wurde das Publikum dann kurz darauf mit 17 Blonde-Tracks, die die Ausnahmestellung des in New Orleans aufgewachsenen, aber nun in L.A. lebenden Mannes unter den heutigen Hip-Hop- und R‘n'B-Künstlern festigt. Die Struktur der Songs ist kaum vorausschaubar, die Melodieführung eigensinnig, seine Sounds setzt Ocean Dissonanzen und Verfremdungen aus, und er zeigt Mut zur Lücke. Blonde ist auf seinem eigenem Label Boys don‘t Cry erschienen, das auch der Namensgeber für ein Hochglanzmagazin ist, das der Künstler synchron zu Blonde auf den Markt gebracht hatte. Dieses diente als eine Art Booklet für die Blonde-CD, die in ihm eingelegt war, während das Album ansonsten nur über Apple Music downgeloadet werden konnte. Ocean hat also die Beschränkung des Outputs und dessen erschwerte Zugänglichkeit zu einem entscheidenden Stilmittel gemacht, dementsprechend geizt er auch mit offiziellen Videos zu den Tracks auf Blonde. Eine Ausnahme macht hier der Clip für den Titel Nikes, der sogar schon durch eine Parodie geadelt worden ist.


Frank Ocean – Nikes von VanityFairFR

Bach ist definitiv größer als die Beatles. Keiner hat sich so lange in den Charts gehalten wie der Hitmacher des 18. Jahrhunderts. In den Repertoires unzähliger Orchester, Ensembles und Solisten nimmt er einen zentralen Platz ein, auch in dem der Violistin Isabelle Faust, die es im Starsystem der E-Musik ziemlich weit nach oben geschafft hat. Ihre Professur an der Berliner Universität der Künste musste sie sogar nach einer Weile wieder aufgeben, weil die Dichte der Konzerte, die sie in aller Welt gibt, eine Lehrtätigkeit einfach nicht zuließ. Sie spielte schon mit den Münchner Philharmonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig und dem Orchestre de Paris. Yehudi Menuhin, Michael Gielen, James Levine und Claudio Abbado sind unter den Dirigenten, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Die ersten Stücke, die Faust auf CD aufnahm, stammen von Béla Bartók, aber Johann Sebastian Bach bezeichnet sie in einem lesenswerten Gespräch mit KlassikInfo.de als Übervater, als Ursprung all dessen, was danach kommt. In dem Interview, anlässlich der Veröffentlichung von Volume 1 ihrer Interpretationen der Bach’schen Sonaten und Partiten im Jahr 2010, erklärt sie auch, dass sie glaubt, der intime, intovertierte Charakter der Stücke käme am besten zur Geltung, wenn man sie ganz für sich alleine, also ohne jegliches Publikum performt. Man lege beim Spiel, praktisch die Seele auf den Tisch, so Faust, da sei es schon komisch, wenn viele Leute mithörten. Zudem sei die Polyphonie der Musik sowieso eine große Herausforderung für den Rezipienten. Ihr zu folgen, erfordere viel Konzentration und Energie. Und vielleicht will der Zuhörer dabei auch gerne alleine sein, weshalb es gut ist, dass man die Sonatas & Partitas bequem daheim in den CD-Player einlegen und dann die Banalitäten der irdischen Welt gedanklich weit hinter sich lassen kann.

Ach, John Peel. Du bleibst unvergessen – mit deinem einmaligen Gespür für neue, aufregende Musik jenseits des Mainstreams! Eine Leserin hat sich das hässliche Jahr 2016 mit den Produktionen von Dandelion Records verschönert. Das kleine Plattenfirmchen war 1969 von Peel gegründet worden und existierte gerade mal drei Jahre. Es kann als so etwas wie der Vorläufer der Independent-Labels der achtziger Jahre gelten, aber damals gab es noch keine solche breite Szene, die das Unternehmen hätte stützen können, die Distribution lief über die Großen wie CBS, Warner und Polydor. Jeglicher Gewinn sollte zurück in die Förderung der Künstlerinnen fließen, aber der kommerzielle Erfolg war wohl eher mager. Nur eine Single schaffte es mal in die britischen Charts. Aber natürlich wurden die Veröffentlichungen von Dandelion Records (im übrigen damals benannt nach einem der Hamster im Haushalt von Peel – auf Vorschlag von Marc Bolan) nach Ableben des Labels zum Kult und fanden LiebhaberInnen in der ganzen Welt. Cherry Red Records erwarb für Großbritannien die Rechte am Backkatalog und brachte 2006 eine Box mit drei CDs voller Dandelion-Stücke heraus. Besagte Leserin favorisiert vor allem den ersten Silberling, der mit dem Stück 1917 Revolution von einem englischen Folk-Sänger namens Beau beginnt – wie passend angesichts des diesjährigen Jubiläums dieses weltbewegenden Ereignisses. 1917 Revolution war die erste Single, die Dandelion Records 1969 auf den Markt schmiss – und ausgerechnet im Libanon schaffte sie es im selben Jahr auf Platz eins der dortigen Charts. Es heißt, der Titel habe außerdem die Band America zu ihrem Evergreen A Horse With No Name inspiriert. Beau ist laut Wikipedia im übrigen noch immer around. Könnte man das doch bloß auch von John Peel sagen.

Schwester Solange wurde für ihre letztjährige Platte vom Feuilleton über den grünen Klee gelobt. Dabei erscheint am Ende doch Beyoncés Lemonade-LP als der größere Knaller. Während der Tisch, an dem Solange sitzt, ein feiner Coffee Table ist, muss man sich den von Beyoncé als überbordende Festtafel vorstellen. Praktisch über Nacht wurde er aufgestellt – das gehört mittlerweile wohl zur gängigen Praxis im US-amerikanischen Musikbusiness. Abrufen konnte man die 12 Stücke von Lemonade zunächst nur über Tidal, den Streamingdienst ihres Ehemanns Jay-Z. Wirklich komplett ist das Album aber erst in seiner audiovisuellen Variante, die längst auf mehreren Plattformen erhältlich ist. Die Stücke sind in einen einstündigen Film eingebettet, bei dem, neben Beyoncé selbst, Regisseure wie Jonas Akerlund oder Mark Romanek mitgemischt haben. Lemonade wurde von den KaffeesatzleserInnen der Popkultur als Frau Knowles‘ Verarbeitung ihrer Eheprobleme gelesen. Ihr Göttergatte soll fremdgegangen sein. Aber genauso gut liest sich das Album als musikalische Umsetzung des Werks der britisch-somalischen Poetin Warsan Shire, die sich mit häuslicher Entfremdung und Misstrauen innerhalb von Beziehungen auseinandersetzt. Beyoncé schafft es, Persönliches mit dem Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen auf eindrucksvolle Weise zu verweben. Schwarze Frauen waren es, die in den USA – und insbesondere in den Südstaaten, der Heimat Beyoncés – historisch am untersten Ende der sozialen Hierarchie standen, was bis zum heutigen Tage nachwirkt. Enttäuschungen, Schmerz und Zorn sind kollektive Empfindungen – transponiert in eine wilde Mischung aus R‘n'B, Gospel, Country, Bluesrock und Hip-Hop, an der Produzenten wie Diplo und Musiker wie The Weeknd, Kendrick Lamar, Jack White und James Blake bastelten. Sicher, Beyoncé weiß heute eine größere Musikmaschinerie mit diversen Ansaugstutzen hinter sich als sie Madonna je hatte, aber sie muss ja praktisch auch Madonna und Michael Jackson in einer Künstlerperson inszenieren. Hoffen wir, dass sie darin unbeschadet bleibt und lieber noch ein paar Autoscheiben mit dem Baseballschläger zertrümmert – wie in dem sehr schönen Video zu dem tollen, minimalistischen Song Hold Up – als autodestruktiv zu werden. Im Folgenden gibt es hier aber den ebenso umwerfenden Clip zu Beyoncés Trap-Hammer Formation sehen. Die Nummer sang sie ja auch in der Halbzeitshow des Superbowl – in einer Choreografie, die klar eine Hommage an die Black-Panther-Bewegung darstellte. Damit hat sie sogar das linke Milieu für sich gewonnen – Formation tönte neulich aus den Boxen eines Lauti-Wagens auf einer Anti-Gentrifizierungs-Demo durch Berlin-Mitte.

Auch noch: Gojira: Magma / Xenia Rubinos: Black Terry Cat / PJ Harvey: The Hope Six Demolition Project / Boss Keloid: Herb Your Enthusiasm / Kashkashian, Rothenberg, Schick, Bruzauskas, Snouffer, Houston Chamber Choir & Simpson: Feldman, Satie & Cage – Rothko Chapel / Gray Matter: Food For Thought / Lee Harvey Osmond: Beautiful Scars / Pye Corner Audio: Stasis / Ida Gard: Womb / Clueso: Neuanfang / The White Birch: The Weight Of Spring / Leonard Cohen: You Want It Darker / Leyla: Spanish Disco / Kaili: Melancholy Drift / A Seated Craft: Of Birds / Alice Phoebe Lou: Orbit / Radiohead: A Moon Shaped Pool / David Bowie: Hunky Dory / Selah Sue: Reason / Inna Modja: Motel Bamako / M.I.A.: AIM / Izzy Bizu: A Moment of Madness / Rio Wolta: Swing for the Nation

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Nachdem Kate Tempest im LeserInnen-Poll schon in der Lieblingssongkategorie gelistet ist und ihre Platte Let Them Eat Chaos den ersten Platz der Album-Charts besetzt hält, überrascht es wenig, dass zumindest zwei LeserInnen ihr auch noch zum Titel der Live-Performerin des vergangenen Jahres verholfen haben. Auftreten ist ja auch ihr Kerngeschäft, Tempest auf der Bühne gab’s vor Tempest auf Platte, im Video oder zwischen Buchseiten. Erst vor Publikum entfaltet sich ihr Preacher-Talent zu voller Blüte, die Frau bräuchte ja nicht mal die musikalische Untermalung, um die Menge für Stunden in ihren Bann zu ziehen. Es wäre dann einfach Slam Poetry, eine Messe der unbarmherzigen Alltagserzählung, vorgetragen mit geradezu evanglikalem Gestus – allerdings ohne großen Erlösungsmoment. Aber natürlich sind die Sounds dann doch von großer Bedeutung für die Akzentuierung und Unterstreichung des work- beziehungsweise wordflow, das wird beim Betrachten eines Videos von Tempest on stage noch klarer als beim Hören ihrer Platten. Die eareyeam-LeserInnen, die hier für Tempest votierten, haben diese jeweils in Berlin und Hamburg gesehen, Stationen auf der Tour nach der Veröffentlichung von Let Them Eat Chaos im vergangenen Jahr. Der folgende Clip zeigt aber ihren Gig im Ballroom Tivoli in Südlondon, also dort, wo sie auch zuhause ist. Besonders eindrücklich ist hier Tempests Storytelling über die schlaflosen MetropolenbewohnerInnen, wenn sie zum Part von Bradley dem Mancunian gelangt. Der zog für einen Job in der PR-Branche nach Süden und fragt sich nun, warum er kein Auge zudrücken kann, obwohl doch der Kredit für seine Wohnung abbezahlt ist, er einen Traumjob hat und ein tolles Leben führt. So, wie Tempest das erzählt, ist sie näher bei den Filmen von Mike Leigh als bei denen von Ken Loach. Oder ist es vielleicht doch andersrum?

Tempest muss sich die Spitze allerdings unter anderem mit dem Berliner Elektronik-Trio Moderat teilen, das ebenso wie die Südlondonerin zu den Abräumern des 2016er-LeserInnen-Polls gezählt werden kann, kam es doch in der Lieblingsalbum-Kategorie immerhin auf Platz 2. Auch ein Gig der Fusion aus Modeselektor und Apparat evoziert Assoziationen an religiöse Zeremonien – hier sind es aber mehr die überwältigende Lightshow, der wahnsinnige Hall, den die Knöpfchendrücker und -schieber Gernot Bronsert und Sebastian Szary auf ihre Musik geben, und der entrückte, introvertierte Gesang von Sascha Ring, die für eine sakrale Atmosphäre bei Moderat-Auftritten sorgen. Die zwei LeserInnen, die das Trio als besten Livekonzertact 2016 gewählt haben, sahen Bronsert, Szary und Ring Mitte August vorigen Jahres in der Jahrhunderthalle Bochum, wo diese im Rahmen des Ritournelle Festivals ihre ausgedehnte Europa- und Nordamerika-Tournee abschlossen. Das folgende Video zeigt Moderat auf der vorletzten Station, nämlich in der Columbiahalle in der Heimat Berlin. Bei diesem Konzert hatte wohl die Telekom ihre Finger drin, die sich mit ihrer Electronic-Beats-Webseite bei den LieberhaberInnen digital produzierter Mucke beliebt machen möchte. Und darüberhinaus auch schon mal die Kabelleger-Jobs bei Moderat-Gigs übernimmt? Den Künstlern winkt dafür in der Folge ein perfektes Live-Video aus dem Magenta-Stadel.

Back to Bach: Die Sonaten und Partiten des Altmeisters in der Interpretation der Geigerin Isabelle Faust haben es ja schon in die Albumcharts geschafft. Zusätzlich bezeichnen zwei LeserInnen eine Aufführung seines Weihnachtsoratoriums als eines der Konzertereignisse des vergangenen Jahres. Das Weihnachtsoratorium ist wohl die bekannteste und populärste geistliche Komposition von Johann Sebastian Bach. Es besteht aus sechs Teilen, die, wie es bei Wikipedia heißt, durch die Freude über Christi Geburt miteinander verbunden sind und erstmals um die Jahreswende 1734/35 vom Thomanerchor in zwei Leipziger Kirchen aufgeführt wurden. Interessant ist auch die Info, dass Bach im Oratorium eigene ältere, weltliche Stücke quasi gesampelt hat. Gerne wird das Werk in der Adventszeit in seiner Gesamtheit oder aber auch nur in Ausschnitten zum Besten gegeben, die Gläubigen versorgt man so mit einer vollen Packung Kontemplation und Erhabenheit für die hohen Festtage. Die Performance des Werks durch das Freiburger Barockorchester und den RIAS Kammerchor im Festspielhaus Baden-Baden kam demnach noch ganz fresh nach Genuss auf die Poll-Liste. Und natürlich: Ein Video davon lässt sich bei Youtube nicht finden. Als Ersatz dient deshalb ein Clip, in dem der Chor leider nicht auftaucht, dafür aber das Orchester, das eine rein instrumentelle Passage des Oratoriums in stattlicher Kulisse darbietet – nämlich im Freiburger Münster.

Nennungen
Lucinda Williams macht den Anfang. Das folgende Video zeigt einen Auschnitt ihres Konzerts im Berliner Kesselhaus am 26. Januar des vorigen Jahres. Der Leser, der Williams in diese Rubrik gewählt hat, war dort zugegen und durfte also miterleben, wie die legendäre Sängerin und Gitarristin auf der Bühne ihren 63. Geburtstag feierte, bei ihrem einzigen Gig in Deutschland. Zu Beginn ihrer Karriere litt Lucinda Williams unter wahnsinnigem Lampenfieber und hatte keinen Spaß an öffentlichen Auftritten. Davon scheint sie jetzt befreit. Im Kesselhaus gab sie eine überzeugende, dem Publikum zugewandte Performance, die sie mit ihrer Begleitband Buick 61 und zumeist mit Akustikgitarre bestritt. Auf dem Programm standen natürlich auch Songs von ihrer jüngsten Platte The Ghosts of Highway 20. Der Highway 20 durchzieht die Südstaaten und spielt eine wichtige Rolle im Leben von Williams, weshalb sie sogar ihr eigenes Label nach diesem Asphaltband benannt hat. In ihrer musikalischen Betrachtung der Atmosphäre und der sozialen Lage in diesem Teil der Vereinigten Staaten befindet Lucinda Williams sich schon viel länger auf dem Weg, den Beyoncé gerade eben eingeschlagen hat. Vielleicht begegnen sich die beiden mal auf dem Highway 20. Ein solches Treffen könnte interessant sein.

Die Schweizer Gitarristin und Sängerin Evelinn Trouble war schon vor längerer Zeit mal Gast bei eareyeam gewesen: Die Ausgabe 2/13 machte damals auf ihr Können aufmerksam. Jetzt hat ein Leser sie in die Lieblingskonzertact-Kategorie gehievt. Trouble ist schließlich eine amtliche Rampensau. Auf besondere Art und Weise bewahrt sie auf der Bühne den Ethos der Rrriot-Girls-Bewegung der neunziger Jahre, gleichzeitig weist sie sich aber auch als Rock-Archivarin aus, wenn sie mit Passion und Wucht bestimmte Klassiker interpretiert. Ihr Konzert am 22. Januar 2016 in der Zürcher Roten Fabrik, das von besagtem Leser besucht worden war, ist leider nicht auf Youtube dokumentiert, dafür gibt es hier ihren Auftritt im El Lokal, ebenfalls in Zürich, zu sehen, wo sie zusammen mit weiteren helvetischen KünstlerInnen aus verschiedenen Generationen zum 75. Geburtstag Bob Dylans Songs des Literaturnobelpreisträgers darbot. Das Schweizer Fernsehen hat diese Veranstaltung aufgezeichnet. Stilles Jammern im Kämmerchen ist die Sache der mittlerweile in Berlin lebenden Musikerin selbstredend nicht. Dylans Love Sick morpht sie in eine fette Hardrock-Nummer und sollte jemand auf die Idee kommen, Evelinn liebeskrank zu machen, bekommt er/sie echten Trouble. In der Schweizer WOZ ist im Januar übrigens ein schönes Porträt über die Frau erschienen.

Das kalifornische Trio Clipping ist schon öfters von eareyeam gefeatured worden, denn die Clips zu seinen Songs sind echte Perlen – siehe zum Beispiel das famose Video zu Shooter, das im Adventskalender 2016 zu finden war. So sehr das Artwork der Band auch überzeugt, beim Hören des Sounds und der Lyrics von Clipping stellt sich immer so ein bisschen das Gefühl ein, man habe es hier mit Musterschülern und Besserwissern zu tun. Die Beats sind zu präzise und crispy, die Samples zu erlesen und kennerhaft gesetzt und Daveed Diggs sagt dir mal, was wirklich Sache ist, Du Dummerchen. Wie schön, dass dieses Image keinen Bestand mehr hat, wenn Clipping auf die Bühne tritt, wie geschehen am 15. Dezember 2016 im Berliner Cassiopeia. Dann geben die Klangingenieure William Hutson und Jonathan Snipes dem Publikum ordentlich was auf die Ohren, das Grundflirren würde bei einem Doom-Metal-Konzert wohl kein anderes sein. Während Diggs den charismatischen Performer aus sich herausholt. Seine Praxis als Schauspieler hilft ihm dabei, Unmengen von Text schnell aber klar und deutlich wegzurappen. Dabei agiert er mit einem Selbstbewusstsein, dass nie in Arroganz abrutscht, obwohl man doch genau das nach Konsum der Clipping-Alben erwarten würde. Tatsächlich scheint Diggs den Menschen vor der Bühne in der Regel freundlich zugewandt zu sein: Im Cassiopeia entschuldigte er sich mehrfach dafür, dass er aufgrund einer Erkältung nicht auf vollen Touren lief, obwohl man sich kaum vorstellen wollte, wie Diggs bei völliger Gesundheit eine noch höhere Umdrehungszahl zu erreichen vermag. Die folgende Sequenz wurde von einem Fan während des Konzerts in dem Club auf dem RAW-Gelände mit dem Handy gedreht, wirklich nicht sehr weit entfernt von der Stelle, wo jene/r LeserIn stand, die Clipping hier gewürdigt wissen wollte.

Jetzt mal Jazzmusik. Und zwar von The Necks, einem australischen Trio, bestehend aus dem Pianisten Chris Abrahams, dem Schlagzeuger Tony Buck und dem Bassisten Lloyd Swanton. Der Sound von The Necks wird dem Dark Jazz oder auch Trance Jazz zugeordnet, die Combo spielt Improvisationen, bei denen die Musiker gerne auf meditative Weise ein bestimmtes Motiv wiederholen und variieren. Meist bestehen ihre Aufnahmen aus einem durchgängigen, etwa eine Stunde dauernden Track. 18 Alben hat The Necks schon herausgebracht und unter anderem mit Brian Eno und Karl Hyde zusammengearbeitet. Die Methodik von Abrahams, Buck und Swanton sorgt dafür, das jedes ihrer Konzerte einzigartig ist, weil ja weder der Ausgangs- noch der Endpunkt der dargebotenen Improvisation feststeht. Zu seinem 30. Geburtstag hat sich das Trio eine Europa-Tournee gegönnt, die es auch ins Berliner Funkhaus in der Nalepastraße führte. Dort spielte es am 22. November 2016 zwei Sets von jeweils 45 Minuten Länge. Das Funkhaus ist ein Super-Konzertort für Acts wie The Necks. Abrahams, Buck und Swanton waren dementsprechend auch ganz begeistert von seiner Akustik und Atmosphäre, wie das folgende Video dokumentiert, das leider nur kleine Schnipsel der eigentlichen Performance zeigt.

Im kleinen Örtchen Brüssow in der brandenburgischen Uckermark findet 2017 zum dritten Mal das von Ry X und Frank Wiedemann veranstaltete Sacred Ground Festival statt. Ein Leser hatte schon die letztjährige, zweite Ausgabe des Ereignisses genossen – inklusive Mümmeln im Campingzelt und Katzenwäsche im nahen See. Aber Schlafen und Körperpflege sind ja auf heiligem Grund vernachlässigenswerte Banalitäten, was zählt ist die Musik. Neben Peter Kruder und Alice Phoebe Lou trat beim Sacred Gound 2016 auch die österreichische Combo Elektroguzzi auf. Sie muss den bei ihrem Gig anwesenden Leser so in Schwingung versetzt haben, dass er die Band prompt zu einem seiner Lieblingskonzertacts 2016 erwählt hat. Das ist ja nur allzu verständlich: Die drei Elektroguzzis Jakob Schneidewind, Bernhard Breuer und Bernhard Hammer spielen zwar in der klassischen Besetzung Gitarre, Bass und Schlagzeug, erzeugen aber handgemachte Techno-Musik – also den adäquaten Stoff für einen veritablen Outdoor-Rave, wie er dann wohl in Brüssow tatsächlich vonstatten ging. Davon gibt es leider keinen Clip auf Youtube – womöglich war aus „religiösen“ Gründen das Filmen auf dem Festivalgelände verboten. Stattdessen bietet eareyeam ein Video auf, das einen Auftritt von Elektroguzzi beim NextSound-16-Festival in der ukrainischen Hauptstadt Kiew festhält. Was soll man dazu sagen? Es braucht jedenfalls definitiv keine Synthies und Computer, um den Flur brennen zu lassen.

Barnaby Tree hat es wie so viele Künstler irgendwo aus dem englischsprachigen Raum nach Berlin verschlagen. Der Mann ist Pianist, Cellist, Sänger, Maler und Tänzer, er gibt Stimmunterricht und veranstaltet Performance-Workshops. Ein Tausendsassa also, der wahrscheinlich trotz all seiner Talente eine prekäre Existenz zwischen Kreuzberg und Neukölln führt. Anfang 2016 begann Barnaby Tree ein Solo-Projekt, das eine Leserin hier dokumentiert wissen will, auch wenn es den strengen Rahmen eines Konzerts sprengt. The Musical Pie Kino ist eine wöchentlich stattfindende Performance, bei der 3 bis 11 Leute zugegen sein können. Nach eigenen Angaben versucht Barnaby Tree dabei zu erkunden, was sich so alles „mit bloßen Knochen“ anstellen lässt, „nur mit dem Körper und akustischem Sound, der Luft zwischen dem Performer und dem Publikum“. Das kann wahrscheinlich das Rezitieren eines Gedichts beinhalten, wohl aber auch die Darbietung eines Cello-Stücks. Ob Tree das Projekt in diesem Jahr fortsetzt, verrät seine Facebook-Seite nicht. Wenn ja, wird nicht klar, ob der Aufführungsort noch das Pinkmelonjoy in der Harzer Str. 119 ist, und an welchem Wochentag mit The Musical Pie Kino zu rechnen ist. Die Events sind oder waren jedenfalls so intim, dass die Präsenz von Kameras dabei nur stören würde bzw. gestört hätte. So gibt es keine Kino-Clips und eareyeam muss sich mit dem Video eines Live-Auftritts von Barnaby Tree in dem Berliner Etablissement Gelegenheiten im November 2013 behelfen.

Jochen Distelmeyer ist als Bühnenperson immer noch sexy. Deshalb konnte er erneut hier landen – nachdem er mit seiner alten, kurzfristig wiedervereinigten Band Blumfeld schon mal 2014 der Lieblingskonzertact eines/r LeserIn gewesen war. 2016 tourte er dann wieder solo durch Deutschland, um dem Publikum sein jüngstes Album Songs from the Bottom, Vol. 1 nahezubringen. Wie sich wahrscheinlich längst herumgesprochen hat, enthält die Platte nur Cover-Versionen von Songs, die aus dem Repertoire von Joni Mitchell, Radiohead oder The Verve stammen. Am meisten Aufsehen erregte aber wohl Distelmeyers Interpretation von Britney Spears‘ Hit Toxic als Lagerfeuer-Evergreen – sozusagen der Ritterschlag durch die Hamburger Schule für den Achterbahn fahrenden Popengel. Ob Britney das je zu Ohren gekommen ist? Wie das untenstehende Video beweist, hat Jochen Distelmeyer auf seiner Tournee aber auch gutes, altes Blumfeld-Material beackert. Immer wieder schön herzzerreißend: Tausend Tränen tief. Da brechen die KonzertgängerInnen natürlich aus Freude in selbige aus, wie zum Beispiel am 9. April 2016 im Knust in seiner alten Basis Hamburg (residiert Distelmeyer nicht auch schon längst an der Spree?). Der Leserin, die den Künstler unbedingt in dieser Rubrik haben wollte, passierte das allerdings schon zwei Tage vorher, im Lagerhaus im Bremen.

Dass Anna Meredith in dieser Kategorie auftaucht, freut eareyeam ganz besonders, schließlich war das Debütalbum der Musikerin und Komponistin eine der Entdeckungen des vergangenen Jahres und gleich zwei Videos zu Merediths Stücken schafften es in den Adventskalender 2016. Die 1978 geborene Britin wagte mit der Platte Varmints den Schritt in die elektronische Popmusik, nachdem sie lange Zeit Werke für klassische Orchester und Ensembles geschrieben hatte. Die Presse feierte das Werk euphorisch und Meredith konnte für Varmints gleich auch noch den Scottish Album of the Year Award ergattern. Dann machte sie sich mit den MusikerInnen, die an Varmints mitgewirkt hatten, auf Konzerttournee durch das United Kingdom und Europa. Natürlich führte sie der Weg auch nach Berlin, wo sie in der Kantine im Berghain auftrat – der passende Ort für so eine hybride und komplexe Angelegenheit wie Merediths Brass-Drone-Folk-Acid-Sound. Dass sie dort das Publikum für sich einnehmen konnte – darunter auch eine eareyeam-Leserin – ist auf Youtube leider nicht dokumentiert, deshalb kommt hier nun ein Clip mit dem Auftritt von Anna Meredith und ihren wirklich hervorragenden KollegInnen auf dem letztjährigen Iceland Airwaves Festival in Reykjavik.

Watt denn? Noch nie was vom Adriano Celentano Gebäckorchester gehört? eareyeam kannte dieses Ensemble bisher auch nicht, aber Gott sei dank gibt es ja eine Leserin, die Fan ist, und das ACGO deshalb in den Poll gehievt hat. Eigentlich war die Formation nur als kurzer kleiner Witz gedacht, sie wurde extra für die Fête de la Musique 2010 ins Leben gerufen. Dann machte es allen Beteiligten aber solch einen Spaß, italienische Beat- und Popmusik der fünfziger bis achtziger Jahre auf der Bühne dazubieten, dass aus dem Gebäckorchester ein längerfristiges Projekt wurde. Inzwischen hat das Kollektiv sich zu einer festen Berliner Underground-Institution entwickelt und selbst das Ende des Friedrichshainer Clubs Antje Øklesund überlebt, als dessen Hausband sich das Adriano Celentano Gebäckorchester verstand. Sein jüngstes Konzert fand Anfang März im Ballhaus Berlin in der Chausseestr statt, der passende Ort für die bis zu zwölfköpfige Combo, die so einen Gassenhauer wie das Signor-Rossi-Thema Viva La Felicità mit angemessener Leidenschaft und Ernsthaftigkeit zu performen vermag und dabei gleichzeitig versucht, die Unschuld und Leichtigkeit der alten Lieder vom Stiefel Europas in die Gegenwart zu retten. Visuelles Material des schon fast mythischen Gebäckorchesters ist im Netz kaum vorhanden, schon gar keins aus dem Jahr 2016. Deshalb hier jetzt ein Video mit einem Auftritt des ACGO im Haus der Kulturen der Welt im Mai 2014.

Ebenfalls schwer zu finden: ein Video, das einen letztjährigen Live-Auftritt von Alin Coen und ihrer Band zeigt. Hier ist der Clip von einem Konzert, das in einem Ort mit dem schönen Namen Täubchenthal stattfand. Die Sängerin und Songwriterin Alin Coen stammt aus Hamburg. 2003 ging sie nach Weimar, um dort Umweltschutztechnik zu studieren, allerdings beschäftigte sie sich mehr mit ihrer Gitarre als mit Solarpanelen oder Biogasanlagen und gründete schließlich 2007 zusammen mit zwei Jazzstudenten und einem Kommilitonen aus der Architekturfakultät die Alin Coen Band. Das Quartett landete im „Popcamp“, dem Meisterkurs des Deutschen Musikrats, wo es quasi den Feinschliff erhielt, bevor es im Vorprogramm solcher Größen wie Philipp Poisel, Regina Spektor und Amos Lee auftrat. Tatsächlich waren es aber die Videos ihrer Live-Gigs bei TV Noir, die der Alin Coen Band eine breitere AnhängerInnenschaft bescherte. Sie wurden teilweise bis zu eine Million Mal angeklickt. Mittlerweile hat die Gruppe eine EP, zwei Studioplatten und seit dem vergangenen Jahr mit Alles was ich hab auch ein Live-Album herausgebracht. Auch wenn die Alin Coen Band sich mittlerweile als durchaus anschlussfähig ans Deutschpop-Spektrum von Glanz und Gloria oder Bendzko und Clueso erweist, Coens Stimme ist eine sehr angenehme und zumindest auf der Bühne kommt die Frontfrau als sympathische und unprätentiöse Person rüber.

Auch noch: Voivod / Meshuggah / Sinistro / Mars Red Sky / Alice Phoebe Lou / Lianne La Havas / Pecco Billo / Underworld / Eleanor Friedberger

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Lieblingsbücher 2016 http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsbuecher-2016/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsbuecher-2016/#comments Sat, 27 May 2017 11:45:39 +0000 Administrator Lieblingsbücher http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsbuecher-2016/ Platz 1
Hammer: Das erste Mal seit 2012 gibt es wieder ein Schriftstück, die von mehr als einer/m eareyeam-LeserIn als Lieblingsbuch gelistet worden ist. Damals votierten zwei Leute für Don Winslows Kings of Cool, nun ist es A Little Life von Hanya Yanagihara, das zwei Stimmen auf sich vereinigen konnte. Die 1975 auf Hawai‘i geborene und mittlerweile in New York lebende Autorin landete mit diesem Wälzer sofort nach Veröffentlichung im vergangenen Jahr in den USA auf allen Bestsellerlisten: Allein das Buchcover, eine Fotografie von Peter Hujar aus dem Jahr 1969, die das verzerrte Gesicht eines hübschen jungen Mannes zeigt, errang rasch einen ikonographischen Status. Das Bild, so heisst es, schiebe sich aber auch unwillkürlich vielen LeserInnen vor das innere Auge beim Lesen der Schmerzensgeschichte des Hauptprotagonisten von A Little Life. Der Anwalt Jude St. Francis ist Teil eines Männerquartetts, das sich während des Studiums an einem Ostküstencollege formiert und auch noch bestehen bleibt, als die Herren nach New York gehen, um ihre beruflichen Karrieren zu verfolgen. Hanya Yanagihara schildert das Leben der Vier und ihre Freundschaft zueinander mit überbordender Detailgenauigkeit. Und noch schärfer stellt sie die Beobachtungslinse, wenn es ihr darum geht, jene Leiden zu schildern, die Jude St. Francis in seiner Kindheit und Jugend durchlitt und die er den anderen tunlichst zu verschweigen versucht. Nach Erscheinen der deutschen Übersetzung zeigte sich das Feuilleton zwischen Berlin und München gespalten. Manch ein/e KritikerIn fand das Buch viel zu dick aufgetragen, sein Duktus böte keinen Raum für eigene Imaginationen und verrate die Ausbildung von Yanagihara in einem Workshop für Creative Writing. Der Gastgeber der ZDF-Sendung Das Literarische Quartett, Volker Weidermann, gab jedoch zu, der Überwältigungsstrategie der Autorin auf den Leim gegangen zu sein und mehrere Tränen angesichts des Schicksals von Jude St. Francis verdrückt zu haben, woraufhin seine Kolleginnen zu der Erkenntnis kamen, dass es sich bei A Little Life doch irgendwie um ein Männerbuch handeln müsse. In dem sich insbesondere die zentrale Figur immer wieder fragt, wie man den Wert des eigenen Lebens bemessen soll. Das tut sie, weil sie auch in der vermeintlich glücklichen Gegenwart regelmäßig von den Dämonen der Vergangenheit heimgesucht wird und zusammenbricht. Aber da der Roman ja vor allem auch von Freundschaft handelt, wird Jude von den später eingeweihten drei anderen Jungs stets aufs Neue aufgefangen und stabilisiert, bevor es zum nächsten Rückfall kommt. Freundschaft kann also unendlich viele Empathie-Ressourcen mobilisieren. Aber helfen die wirklich jemanden, der unbedingt die Schuld an seiner Entwürdigung bei sich selbst suchen möchte? Tja, das herauszufinden bedeutet wohl für interessierte eareyeam-LeserInnen, nun die 960 Seiten von A Little Life in Angriff zu nehmen.

Nennungen
Bald 25 Jahre ist es her, dass Unruhen die Stadt Los Angeles erschütterten. Der Grund dafür war rassistisch motivierte Polizeigewalt – ein Problem, das in den Vereinigten Staaten bis heute nicht gelöst ist und erst jüngst zu den Ereignissen in Ferguson oder Baltimore führte. Der Autor Ryan Gattis war damals erst 14 und lebte im entfernten Colorado als die Straßen in der Stadt der Engel zum Schauplatz harter Auseinandersetzungen zwischen dem Sicherheitsapparat und verschiedenen Banden wurde. Und doch hat er sich getraut, die damaligen Ereignisse in einen Roman zu verpacken, der aus der Ich-Perspektive 17 verschiedener, ins damalige Geschehen involvierter Personen erzählt ist. Zweieinhalb Jahre recherchierte Gattis für All Involved (die deutsche Übersetzung trägt den Titel In den Straßen die Wut) in L.A., er sprach mit ehemaligen Gangmitgliedern oder Polizisten. Herausgekommen ist ein extrem gut und dicht geschriebenes Buch, das gleich zwei Funktion erfüllt: die einer spannungsreichen Lektüre ebenso wie die eines informativen Geschichtsunterrichts.

Serhij Zhadan ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Ukraine und außerdem auch noch Frontmann der Band Sobaki v Kosmose (auf deutsch: Hunde im Weltall). Sein Roman Mesopotamien handelt vom Leben in seiner Heimatstadt Charkiw in der Zeit zwischen dem Fall der Sowjetunion und dem Beginn des Kriegs in der Ostukraine. Der erste Teil des Romans besteht aus neun „Geschichten und Biographien“ von Menschen zwischen 30 und 40, die alle im selben Quartier leben, wo sie sich gegenseitig die Nasen blutig schlagen, Seitensprünge wagen, die Tristesse der eigenen, nicht mehr ganz so frischen Existenz in Alkohol ertränken und sich auf der Flucht vor Gläubigern befinden. Das Leben der Freunde, Nachbarn und Gegner in dem Viertel ist prekär, es gibt keine Gewissheiten und jeder ist sich selbst der Nächste. Im zweiten, kürzeren Teil von Mesopotamien, reflektiert Serhij Zhadan in Gedichtform noch einmal über die Unübersichtlichkeit und Maßlosigkeit der Charkiwer Gesellschaft im Post-Sozialismus. Der Rezensent vom Deutschlandradio findet, dass das Buch hier abfällt und bemängelt allgemein, dass der Autor seinen spätpubertären Fantasmagorien ein bisschen zuviel zweistromländischen Plüsch und Plunder beigemischt habe. Er schließt aber, dass Zhadan dennoch stellenweise mitreißend von der Sehnsucht nach Liebe in einer hoffnungslosen Welt erzählen würde.

Donna Tartt hat sich die Rolle der mystischen Autorin durch ihre zurückhaltende Veröffentlichungspolitik hart erarbeitet. Kommt von ihr was auf den Markt, wird es dann umso frenetischer bejubelt – so wie ihr Roman The Goldfinch, den Tartt 2013 nach 10 Jahren absoluter Funkstille der Öffentlichkeit vorstellte. 2014 erschien er unter dem Titel Der Distelfink in deutscher Übersetzung. Namensgeber des Buchs ist ein kleiner, an die Sitzstange seines Käfigs geketteter Vogel auf einem Bild des niederländischen Malers Carel Fabritius aus dem 17. Jahrhundert. Im Roman hängt das Gemälde im Metropolitan Museum in New York, wo die Handlung von Der Distelfink ihren Ausgang nimmt. Auf das Gebäude wird ein Terroranschlag verübt, der das Leben des 13-jährigen Theo Decker schlagartig verändert. Bei der Bombenexplosion kommt seine Mutter, mit der Theo gerade das Museum besucht, ums Leben. der Junge entsteigt den Trümmern mit Fabritius‘ Gemälde, das beide kurz zuvor noch bewundert hatten, unterm Arm und muss sich fortan alleine durchschlagen. Der gestohlene Distelfink bleibt dabei das Verbindungsglied zur toten Mutter. Die verschiedenen Stationen seiner Odyssee, unter anderem bei seinem heruntergekommenen Vater in der Spielermetropole Las Vegas, erzählt Tartt aus der zurückblickenden Ich-Perspektive des 26-jährigen Theo. Mit geradezu altmodischer Akkuratesse verhandelt sie dabei gegenwärtige Themen wie Terror und Drogen. Die 1.022 Seiten des Romans sind schon von einer großen LeserInnenschaft verschlungen worden. In den USA hatte sich The Goldfinch in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen rund 1,5 Millionen Mal verkauft.

In seinem Roman … pardon … Märchen Das größere Wunder nimmt Thomas Glavinic genau den umgekehrten Weg, den AutorInnen normalerweise gerne ihren ProtagonistInnen zumuten, damit diese am Ende zur Selbsterkenntnis kommen. Statt ihn auf den Boden der Tatsachen zu schubsen, lässt Glavinic die Figur Jonas vollkommen abheben. Jonas – so hieß schon der Hauptcharakter in den beiden vorangegangenen Büchern des aus Graz stammenden Schriftstellers, insofern ist Das größere Wunder als Abschluss einer Jonas-Trilogie zu verstehen. Den Rahmen der Handlung bildet eine Expedition zum Gipfel des Mount Everest, an der Jonas teilnimmt, nachdem er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens schon die verrücktesten Sachen gemacht hat. Seine rastlose Reise um die Welt wird in der Rückschau erzählt, während Jonas sich im Himalaya von Basislager zu Basislager schleppt: Er flog nach Buenos Aires, nur um dort aufs Klo zu gehen, kaufte in Rom eine Wohnung, die er zwei Jahre nicht verließ, wurde in Hamburg drogensüchtig. Nacheinander starben sein behinderter Bruder, sein seelenverwandter Freund und sein ominöser Mentor. Nun steigt er quasi der Welt auf’s Dach, um erleuchtet zu werden. Ist seine Bergtour erfolgreich? Machen wir hier doch einen richtig schönen Cliffhanger, wie ihn Glavinic in seinem 2013 veröffentlichten Buch auch mehrmals eingebaut hat. Ein Leser hat sich jedenfalls mit Begeisterung von Kliff zu Kliff gehangelt, so dass Das größere Wunder nun hier in der Lieblingsbuchkategorie gelandet ist.

Und zu guter Letzt taucht Kate Tempest auch in dieser Kategorie auf. Ihr Debütroman Worauf Du Dich verlassen kannst ist praktisch die literarische Expansion ihres Albums Everybody Down aus dem Jahr 2014. Die auf der Platte nur angerissenen Geschichten von vier Südlondoner Existenzen werden in dem Buch auserzählt – in Exkursen werden zum Beispiel auch noch die Biographien von den Eltern und Großeltern der ProtagonistInnen aufgeblättert. Becky, Pete, Leon und Harry – die in den Lyrics von Everybody Down zum Teil ein anderes Geschlecht haben als im Roman – fristen das für junge MetropolenbewohnerInnen oft typische Dasein als prekär Beschäftigte, die sich in transitorischen Wohnsituationen befinden, problematische Liebesbeziehungen haben und an einem diffusen Unbehagen über den Zustand der Welt leiden. Nach Veröffentlichung der deutschen Ausgabe hatte die verdienstvolle Kultur-Webseite Perlentaucher.de ein Potpourri der Rezensionen von Worauf Du Dich verlassen kannst zusammengestellt. Es gibt Anerkennung dafür, dass die Slam-Poetry-Meisterin Kate Tempest auch in ihrer Prosa so manche Punchline zu setzen vermag. Andererseits bemängelt ein Kritiker, dass die Randgestalten des Buches sich am Ende ja doch nur als verwirrte Mittelschichtskinder herausstellten, die sowieso schon die Gegenwartsliteratur dominieren würden. Mit dem Abhorchen ihrer vage definierten Bauchgefühle könne Tempest den selbstbehaupteten politischen Anspruch nicht einlösen.

Ein Kritiker der FAZ meint, dass diejenigen die um das folgende Buch einen Bogen machen, einfach weil es dem Fantasy-Genre zugeordnet ist und in ihm auch noch ein Drache vorkommt, echt was versäumen. Schauplatz des Romans Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro, dessen deutsche Version 2015 auf den Markt kam, ist das Britannien des 6. Jahrhunderts. Über der nach dem Abzug der Römer ins dunkle Zeitalter gefallenen Insel liegt ein dichter Nebel. Ein altes Ehepaar vermisst seinen Sohn, der vor Jahren spurlos verschwand und macht sich auf die Suche nach ihm. Was in dem Werk wirklich Phase ist, erschließt sich dem Leser erst nach und nach, die Motive der Hauptfiguren – zu ihnen gehört auch ein Ritter, der den schon erwähnten Drachen töten will, weil dieser schuld sei am Nebel – bleiben lange im Ungefähren. Irgendwann wird klar, dass die Menschen, denen das alte Ehepaar auf seiner Reise begegnet, in einen Bürgerkrieg verwickelt waren und der undurchdringliche Dunst es ihnen nun ermöglicht, die Schrecken zu verdrängen und in Koexistenz mit ehemaligen Feinden weiterzuleben. Ishiguro reflektiert mit seiner Erzählung über den Sinn und Zweck des Vergessens. Ist es wirklich immer gut, sich zu erinnern? Und was ist überhaupt Erinnerung? Auch das alte Ehepaar wird mit diesen Fragen konfrontiert, als es immer tiefer in der eigenen Familiengeschichte gräbt. Am Ende kommt es zur seltsamsten und schönsten Todesszene der jüngeren Weltliteratur – schwärmt jedenfalls der Schreiber von der FAZ.

Jetzt kommt ein Fotobuch und gleichzeitig geht’s um hinduistische Mythologie. Die Publikation Early Times des französischen Fotografen Vasantha Yogananthan ist das erste Kapitel des Langzeitprojekts A Myth of Two Souls, das eine zeitgenössische Neuerzählung der alten Hindu-Saga Ramayana leisten soll. Die wurde erstmals 300 v. Chr. von dem Sanskrit-Poeten Valmiki in die Welt gesetzt. Die Saga startet mit der Kindheit und Jugend von Rama, dem Sohn von König Dasharatha, und Sita, König Janakas Tochter, die sich noch nicht begegnet sind, aber dennoch vom Schicksal dafür bestimmt wurden, sich zu treffen und ineinander zu verlieben. Ramayana ist im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder umgeschrieben und neu interpretiert worden. Für Yoganathans Buch hat dies der indische Autor Anjali Raghbeer getan. Der Fotograf beauftragte zudem das der Tradition der Madhubani-Malerei verpflichtete Künstlerduo Mahalaxmi & Shantanu Das damit, Illustrationen zu erschaffen, mit denen er dann den Text unterlegte. Blöd, dass man aufgrund von Datenschutzeinstellungen unten nicht direkt ein Still des Vimeo-Clips sieht, in dem die Publikation einmal durchgeblättert wird, sondern extra den blauen Button drücken muss. Das lohnt sich aber trotzdem. Hier also ein hässlicher Platzhalter für ein ästhetisch äußerst ansprechendes Werk. Der in Paris beheimatete Vasantha Yogananthan ist im übrigen einer größeren Öffentlichkeit mit seinem Projekt Last Days of a Wild Beach bekanntgeworden. Es dokumentiert das sommerliche Leben in Piémanson (Camargue), dem letzten unreglementierten Strand an der französischen Meeresküste.


Vasantha Yogananthan – Early Times from PhotoBookStore.co.uk on Vimeo.

Auch 2016 lagen also eher Erscheinungen aus den Vorjahren auf den Nachttischschränkchen der eareyeam-LeserInnen, als dass diese sofort zu den neuesten Veröffentlichungen gegriffen hätten. Schon 2014 war zum Beispiel der Roman Dunkelsprung von der deutschen Autorin Leonie Swann in die Buchläden gelangt. Swann hatte sich davor mit zwei Schafskrimis auf die Bestsellerlisten geschrieben, mit Dunkelsprung wagte sie sich an die Darstellung von tierischen Charakteren, die höchstens in den Fellen von Schafen zu finden sind: Flöhe. Lazarus Dunkelsprung, so heißt der Albinofloh, welcher der Anführer der Zootruppe des Juweliers Julius Birdwell ist. Birdwill wird bei einem Sturz in einen Kanal von einer Nixe gerettet, der er in die Flosse verspricht, ihre Schwester zu finden. Dunkelsprung und seine FlohkollegInnen gehören in der Folge ebenso zu Birdwells Suchtrupp wie die mysteriöse Elisabeth und der konzentrationsschwache Privatdetektiv Green. Gemeinsam stoßen sie bei ihrer Fahndung auf den dubiosen Professor Fawkes, der eine Zaubershow betreibt. Der Untertitel des Romans lautet: Vielleicht kein Märchen. Tatsächlich wird es aber wohl genau das sein. Dunkelsprung liest man am besten, wenn die Tage wieder kürzer werden – bei einer Tasse Kräutertee und im Schein von Kerzen.

Ha, Robert Seethalers Der Trafikant konnte man schon unter den Lieblingsbüchern des Jahres 2015 finden. Der Roman des österreichischen Autors und Schauspielers entwickelt sich also langsam zu einem Klassiker, davon zeugt auch seine Adaption fürs Theater. Das folgende Video besteht aus Ausschnitten aus der Aufführung der Bühnenversion am Wiener Volkstheater. In dem Roman siedelt der noch nicht ganz erwachsene Franz Huchler aus dem Salzkammergut nach Wien um. Die Geschichte spielt in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, die Republik ist noch jung, aber schon wieder auf dem absteigenden Ast. Der herzensgute Tor Franz staunt über all die politischen und gesellschaftlichen Turbulenzen um ihn herum. Aber gerade seine Unbelecktheit bringt ihm die Freundschaft zum großen Sigmund Freud ein. Der sucht täglich den Tabak- und Zeitschriftenladen auf, den zunächst der Exliebhaber seiner Mutter und dann Franz selbst führt. Den Liebhaber führen die Braunhemden ab, Freud bleibt irgendwann für immer fort und auch für Franz wird der Anschluss Österreichs an Nazideutschland Konsequenzen haben. Das Theaterstück unter der Regie von Sebastian Schug feierte zu Beginn des vergangenen Dezembers seine Premiere. Zumindest auf der Webseite der Tageszeitung Der Standard lässt sich eine äußerst positive Rezension finden.

Patrick Kingsley, der Migrationskorrespondent der britischen Zeitung The Guardian, veröffentlichte 2016 The New Odyssee, ein Buch über die gegenwärtigen Fluchtbewegungen nach Norden, aus denen bestimmte Akteure Millionenprofite herausziehen. Insgesamt 17 Länder hat er während seiner Recherchen bereist, hat mit Menschenschmugglern gebechert, Lokalpolitiker ins Kreuzfeuer genommen und er begleitete Verzweifelte auf lebensgefährlichen Pfaden durchs Grenzgebiet. Am Ende fällt er ein vernichtendes Urteil über die europäische Abschottungspolitik und die grassierende Xenophobie auf dem so reichen Kontinent. Noch im Erscheinungsjahr des Originals wurde Kingsleys Buch auch in deutscher Sprache auf den Markt gebracht. Die KritikerInnen zeigten sich beeindruckt von der Unmittelbarkeit der Schilderungen Kingsleys, von seiner Empathie für die von ihm beobachteten Menschen. Dass der Journalist das Buch durchaus mit heißer Nadel gestrickt hatte, um es in den Diskurs einzuspeisen, noch während das Phänomen der massenhaften Flucht aus Bürgerkriegen und Armutsregionen in die westlichen Gesellschaften Topthema der Abendnachrichten aller Sender in den EU-Ländern war, wurde ihm von den RezensentInnen weitestgehend nachgesehen. Im folgenden gibt es ein Video vom Guardian zu bewundern, das äußerst professionell Werbung für das Buch von Patrick Kingsley macht.

Ein weiteres Buch, das von Flucht handelt. Diesmal ist es ein Comic, gezeichnet von Reinhard von Kleist. Der ist mittlerweile einer der renommiertesten deutschen Graphic-NovelistInnen und hat schon jeweils eine Biographie von Johnny Cash, Elvis und Castro aufs Papier gezaubert. Von Kleist wird zudem Ende August diesen Jahres einen Comic über Nick Cave veröffentlichen – zu dessen 60. Geburtstag. Auftragsarbeiten muss der Zeichner nicht mehr annehmen, stattdessen kann er sich auch Projekten widmen, von denen er sich nicht gleich sicher ist, ob sich ihr Resultat überhaupt verkaufen lässt. So war das zum Beispiel mit von Kleists Rekonstruktion der Geschichte von Samia Yusuf Omar. Zunächst erschien sie nur in gekürzter From in der FAZ, aber die Erzählung des traurigen Schicksals der jungen somalischen Sprinterin stieß daraufhin auf so große Resonanz, dass von Kleist seinen Comic schließlich doch beim Carlsen Verlag unterbringen konnte. Als 17-jährige schaffte Samia Yusuf Omar im 200-Meter-Lauf der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking persönliche Bestzeit, blieb damit aber natürlich weit hinter der Weltspitze zurück. Trug sie in Peking noch die Fahne ihres Landes, behinderte nach ihrer Rückkehr in die Heimat die islamistische Al-Shabaab-Miliz jegliche Bemühungen Samias, für Olympia in London zu trainieren. Sie entschied sich für den Aufbruch, reiste durch mehrere Länder Afrikas und stieg schließlich im April 2012 in Libyen in ein Flüchtlingsboot, dass das Mittelmeer überqueren sollte. Sie ertrank vor der Küste Maltas, denn Schwimmen hatte Samia leider nie lernen dürfen. Von Kleist findet für seinen Comic über die Sportlerin starke Grauton-Bilder, die Story wird gerahmt von fiktiven Facebook-Posts, die Samia in Somalia und auf ihrer Flucht schreibt. Auch die Schwester der Verstorbenen zeigte sich beeindruckt von der zurückhaltenden Annäherung des Zeichners an seine Hauptfigur, als der ihr sein Projekt vorstellte. Ohne die Einwilligung der Schwester wäre es nie zur Veröffentlichung von Der Traum von Olympia gekommen, verriet von Kleist der Wochenzeitung Die Zeit in einem Interview.

Rachel Kushner schickt Reno, die Heldin ihres Romans Flammenwerfer, ins New York der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Dort partizipiert die aus Nevada stammende Künstlerin an den letzten Ausläufern der wilden Undergroundszene, die in maroden Häuserblöcken wohnt, liebt, feiert und arbeitet, wenn sie nicht gerade den städtischen Alltag zur Bühne situationistischer Performances macht. Toughness ist angesagt und Reno hat in dieser Hinsicht einen Ruf zu verlieren, denn sie gilt als cool und draufgängerisch, nimmt sie doch zum Beispiel an einem Motorradrennen in der Salzwüste von Utah teil, wo ein neuer Geschwindigkeitsweltrekord aufgestellt werden soll. Dann verliebt sie sich aber in Sandro, einen älteren Konzeptkünstler und Sprößling einer italienischen Fabrikantendynastie. Reno begleitet Sandro in dessen Heimat und prompt gerät sie in die politischen Kämpfe, die Italien zu dieser Zeit beherrschen. Die Familie wird mit einem Streik ihrer Beschäftigten konfrontriert, Sandros Bruder, der Chef des Unternehmens, wird von den Roten Brigaden entführt. Akribisch hat Rachel Kushner für ihren Roman recherchiert, ihren fiktiven Charakteren begegnen so einige reale Figuren der Zeitgeschichte. Die Handlung entwickelt sich auf dem Humus programmatischer Ideen, wie sie bis in die jüngere Vergangenheit beispielsweise durch die Occupy-Bewegung verkörpert worden sind. Doch nie, so schreibt der Kritiker von Spiegel-Online begeistert, würde Flammenwerfer unangenehm nach Theorie riechen. Stets bleibe der Roman, in dem Männer zwar revolutionäre Momente anzetteln, dabei aber bemitleidenswert eitel und machistisch erscheinen, eigenartig schön.

In ihrem kurzen Roman Für den Herrscher aus Übersee aus dem Jahr 2012 verwebt die junge österreichische Autorin Teresa Präauer mehrere Geschichten miteinander: Zwei kleine Kinder werden von ihren Eltern, die sich auf Weltreise begeben, auf dem Bauernhof der Großeltern zurückgelassen. Ihr Opa liest ihnen die Postkarten von Mutter und Vater aus den exotischsten Ecken der Welt vor, aber natürlich zumeist genau das Gegenteil dessen, was auf ihnen tatsächlich geschrieben steht. Die Kinder ahnen das und bringen sich daraufhin selbst das Lesen bei, das man ihrer Ansicht nach auch von den Vögeln lernen kann. Flugfähiges spielt in Für den Herrscher aus Übersee eine große Rolle – vor allem in den weiteren Handlungssträngen. Da ist die traumhafte Story einer gehemnisvollen Pilotin, die mit ihrem einer Bohne ähnlichen Flugzeug einen Zugvogelschwarm anführt. Und da sind die Erinnerungen des Großvaters an eine japanische Fliegerin während des Zweiten Weltkriegs, deren Maschine er reparierte und mit der er eine Affäre hatte. Seine Enkel versuchen schließlich selbst in die Lüfte zu steigen – mit aus Federn, Papier und Draht gebauten Gestellen. Die einzelnen Geschichten böten viel Raum für Kitsch und Pathos, aber beides kann Präauer komplett vermeiden und schlägt stattdessen einen geradezu belustigten Ton an. Meist ist das Buch aus der Sicht des älteren der beiden Kinder erzählt, doch ist die Perspektive keine kindliche. Und obwohl das kurze Format von Für den Herrscher aus Übersee das Schmökern in einem Rutsch nahelegt, muss man es wohl noch ein zweites Mal lesen, um die seltsame innere Logik des Romans zu erfassen. Das tat vergangenes Jahr nicht nur eine eareyeam-Leserin, sondern schon vor vier Jahren auch die Redaktion des ZDF-Kulturmagazins aspekte, die Präauer daraufhin mit dem aspekte-Literaturpreis für das beste Prosa-Debüt auszeichnete.

Lange galt ja Sven Regeners Herr Lehmann als die exemplarische Erzählung über Westberlin knapp vor dem Mauerfall. Seit seinem Erscheinungsjahr 2007 darf man auch Katja Langen-Müllers Roman Böse Schafe dieses Label verpassen. Tief taucht die Autorin in das Milljöh der Außenseiter und Aussteiger ein, das neben den Schaufenstern des Westens im Schatten des antifaschistischen Schutzwalls überwintert. Und sie legt dabei die Geschichte einer unmöglichen Liebe frei, die umso mehr berührt, je trockener und lakonischer Langen-Müller sie schildert. Es geht um Soja, die aus der DDR geflüchtet ist und sich nun zwischen Neukölln und Schöneberg mit Gelegenheitjobs über Wasser hält. Sie verliebt sich in den Junkie und Ex-Knacki Harry. Und obwohl der ihre Zuneigung nur partiell erwidert und ihr außerdem wichtige Aspekte seiner Vergangenheit verschweigt, bleibt Soja unerschütterlich und versucht Harry mithilfe ihrer FreundInnen aus seinem Sumpf zu ziehen. Dass das nicht gut ausgehen kann, ist ja wohl vorprogrammiert – aber noch nach dem Tod von Harry gibt die Frau den Mann nicht auf. Der Roman ist aus der zurückblickenden Perspektive Sojas geschrieben, zur Hand hat sie dabei die Tagebuchnotizen Harrys aus der Zeit als die beiden ein Paar waren. Spärliche Eintragungen, die sein Hadern mit dem Leben offenbaren, nur Soja kommt darin praktisch nicht vor. Hah, während diese Zeilen geschrieben werden, läuft gerade im inneren Ohr der Ton-Steine-Scherben-Song Halt Dich an Deiner Liebe fest. Ob der wohl Katja Langen-Müller als Inspiration für ihr auch vom Feuilleton hochgelobtes Buch gedient hat?

Wäre eigentlich auch seltsam, hätte es das nächste Werk nicht auf die Lieblingsbücherliste 2016 geschafft, war es doch einer der Anwärter auf den letztjährigen Deutschen Buchpreis und Gegenstand heftiger Diskussionen unter KritikerInnen. Thomas Melle erzählt in Die Welt im Rücken von seiner bipolaren Störung. Der Autor, der sich schon mit seinen Romanen Sickster (2011) und 3000 Euro (2014) einen Namen machen konnte, lässt hier jegliche Fiktion fahren und blättert schonungslos bis ins letzte Detail seine eigene Krankheitsgeschichte auf. 1999 bekommt er seinen ersten manischen Schub. Irrwitzige Fehlannahmen und Hypothesen spinnt er sich zusammen und driftet so in eine Parallelwelt ab, aus der ihn seine ratlose Umgebung nicht mehr herauszuholen vermag. Und danach: tiefe Depression inklusive Suizidgedanken. Schließlich liefern ihn Freunde in die Klinik ein. Bei der ersten Begegnung mit dem psychatrischen Komplex helfe auch die zuvor erfolgte Foucault-Lektüre nicht, merkt Melle an. Er rettet sich in die Illusion, er halte sich in der therapeutischen Einrichtung nur zu Recherchezwecken auf. Im Laufe der folgenden Jahre durchleidet der Autor zwei weitere große Schübe mit immer drastischeren Symptomen. Darüber gehen Beziehungen in die Brüche, er macht sich Feinde im Literaturbetrieb und schließlich landet er als Obdachloser im betreuten Wohnen. Was Melle da von sich preisgibt, ist ganz schön harter Tobak, so mancher Kritiker hat sich auch geweigert, Die Welt im Rücken überhaupt als belletristisches Werk zur Kenntnis zu nehmen. Zumal Melle in ihm auch noch die Rolle von Transmittern, Blutwerten und Noradrenalinverteilung analysiert und die rechtliche Frage anschneidet, wie „Verrückte vor sich selbst zu schützen sind“. Das wirklich Krasse ist: Der Zustand des Geheiltseins wird für den Betroffenen immer nur ein temporärer sein, die Möglichkeit des Ausbruchs eines neuen Schubs hängt lebenslang wie ein Schatten über der Existenz des bipolar Gestörten. Melle hat deshalb das Schreiben über sein Schicksal auch garnicht als Selbsttherapie anlegen können, er wollte aber wenigstens die eigene Geschichte aus dem Reich der Gerüchte und Mythen zurückerobern und mit dem Buch zur Enttabuisierung der bei ihm diagnostizierten Krankheit beitragen.

Auch noch: Charles L. Hughes: Country Soul / Jack Hamilton: Just around Midnight / Maria Höhn & Martin Klimke: Ein Hauch von Freiheit / Rolf Rothmann: Im Frühling sterben / Donald Ray Pollock: Die Himmlische Tafel / Christiane Grefe: Global Gardening: Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? / Frank O‘Connor: Junge Wölfe / Paul Collier: Exodus / Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita / Patricia de Young: Understanding and Treating Chronic Shame: A Relational/Neurobiological Approach / George Perec: Die Dinge / Ravita Navai: Stadt der Lügen / Laird Barron: Hallucigenia / Nnedi Okorafor: Lagune / J.D Vance: Hilbilly Elegy / Meg Wolitzer: Die Interessanten / e.e. cummings: vereinzelte Gedichte im Netz / Didier Eribon: Rückkehr nach Reims / Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen / Margarete Stokowski: Untenrum frei / Paul Theroux: Hotel Honolulu

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Lieblingsfilme 2016 http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsfilme-2016/ http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsfilme-2016/#comments Sat, 27 May 2017 11:42:30 +0000 Administrator Lieblingsfilme http://eareyeam.blogsport.de/2017/05/27/lieblingsfilme-2016/ Platz 1
Sechs LeserInnen votierten für den Sieger in der eareyeam-Lieblingsfilmkategorie. Das ist neuer Gesamtpoll-Rekord, den alten hielt bisher Sebastian Schippers Streifen Viktoria (5 Stimmen). Dass Toni Erdmann von Maren Ade nun ganz oben auf dem Treppchen steht, ist jetzt auch keine Sensation: Der Film wurde vom deutschen Feuilleton gefeiert, erwies sich zudem an der Kinokasse als profitabel und hat es bis zur Oscar-Nominierung geschafft. Gerade eben gewann Toni Erdmann auch noch alle sechs Lolas bei der Verleihung des 67. Deutschen Filmpreises. Die Handlung muss hier nicht nochmal wiedergegeben werden, den Streifen haben wohl auch diejenigen schon gesehen, die ihn nicht in diese Kategorie wählen wollten. Erwähnt werden soll aber, dass nicht nur die beiden HauptdarstellerInnen, Peter Simonischek als pensionierter Musiklehrer Winfried Conradi und Sandra Hüller als seine Tochter Ines, die eine Karriere als Unternehmensberaterin verfolgt, in ihren Rollen überzeugen. Auch das übrige Ensemble glänzt, wie zum Beispiel Trystan Pütter, der in der eigentlich schlimmsten Fremdschäm-Szene des Films das männliche Gegenüber von Hüller spielt. Eine wichtige Akteurin in Toni Erdmann ist zudem die Stadt Bukarest, die zum einen die nachgiebige Kulisse für die Optimierungsfantasien der westlichen ManagerInnenbatterie abgibt, zum anderen aber auch den folkloristischen Fundus für die spielerischen bis verzweifelten Versuche eines Alt-Achtundsechzigers, die eigene Tochter wieder aus dem Sushi-Wellness-Blackberry-Kokon herauszuschälen. Offensichtlich bilden aber beide Funktionsweisen die Komplexität der rumänischen Metropole nur unzureichend ab, weshalb Bukarest am Ende wie eine entfernte Bekannte erscheint, die vernachlässigt wird, weil man ihr auch schwer in die Karten schauen kann. Toni Erdmann ist zweifelsohne ein guter Film, aber dennoch kommt er nicht an Maren Ades Debüt heran. Eareyeam sagt, Der Wald vor lauter Bäumen sollte man/frau unbedingt gesehen haben – nur gibt’s auf Youtube leider keinen Trailer-Clip, der diesen Appell visuell bekräftigen könnte.

Platz 2
Denis Villeneuve war schon 2015 in dieser Rubrik vertreten, mit dem Narco-Thriller Sicario. Sein Sci-Fi-Drama The Arrival hat es nun sogar auf den zweiten Platz der eareyeam-Lieblingsfilmkategorie geschafft, den er sich allerdings gleich mit drei weiteren Produktionen teilen muss. Der Plot hört sich ganz schön krude an, er beruht auf der Kurzgeschichte Story of Your Life (1998) von Ted Chiang. Aliens landen mit ihren riesigen, muschelähnlichen Raumschiffen gleichzeitig an verschiedenen Stellen auf der Welt. In den USA haben sie sich den Bundesstaat Montana ausgesucht. Forest Whitaker ist in die Rolle des Colonel Weber geschlüpft, der die Linguistin Dr. Louise Banks, gespielt von Amy Adams, und den Physiker Ian Donnelly, verkörpert von Jeremy Renner, beauftragt, mit den Außerirdischen zu kommunizieren und das Motiv ihrer Landung auf der Erde zu ergründen. Die Wissenschaftler erlangen Zugang zum Raumschiff und sehen sich zwei siebenfüßlerischen Aliens gegenüber, die verschnörkelte Schriftzeichen an die Wand malen. In mühevoller Kleinarbeit gelingt es Banks und Donnelly, die unbekannte Sprache zu dekodieren, doch inzwischen hat das Misstrauen gegenüber den Besuchern aus dem Weltall so zugenommen, dass ein militärischer Einsatz gegen die Aliens droht. Und in Montana nimmt eine Gruppe von Soldaten das Heft ohne Erlaubnis der Vorgesetzten in die Hand. So, jetzt hier den Cliffhanger setzen – für diejenigen, die Arrival noch nicht gesehen haben, aber sich das jetzt vornehmen. Nicht nur zwei eareyeam-LeserInnen waren von dieser futuristischen Story begeistert, auch das Feuilleton lobte den Film für seine Tiefgründigkeit, die ihn von so plakativen, oberflächlichen Blockbustern wie Independence Day wohltuend abheben würde. So lässt Arrival den Zuschauer nicht nur über die Begegnung mit dem Fremden sinnieren, sondern eröffnet zudem noch einen intelligenten Diskurs über die Wahrnehmung und das Wesen von Zeit. Gestern kann heute eben schon morgen sein.

Die 1876 in Dresden geborene Malerin Paula Modersohn-Becker starb viel zu jung, im Alter von 31 Jahren. Während ihres kurzen Erdendaseins hatte sie aber einige der wichtigsten Werke des deutschen Expressionismus geschaffen. Christian Schwochow, ein profilierter Regisseur des deutschen Fernsehfilms, ließ sich von Modersohn-Beckers Lebensgeschichte faszinieren und schuf ein wirklich sehenswertes Biopic mit Carla Juri in der Hauptrolle. Juri, die schon in der Verfilmung von Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete zu überzeugen vermochte, verkörpert in Paula mit sichtbarer Spielfreude eine Frau, die gegenüber ihrem Umfeld auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung pocht. Sie möchte auf keinen Fall nur Ehefrau und Mutter sein, sondern auch eine Künstlerin, die vom männlich dominierten Kulturbetrieb ernstgenommen wird. Als sie in die Malerkolonie Worpswede zieht, begegnet man ihr dort jedoch mit Skepsis und einer misogynen Haltung, das es nur so kracht. Es ist ein Verdienst des Films, dass er die reichlich machistische Atmosphäre in Worpswede so detailliert herausarbeitet, denn eigentlich besaß dieser Ort aufgrund seines künstlerischen Outputs stets eine positive, ja fast magische Konnotation. Allerdings begegnet ihr in Worpswede auch der zehn Jahre ältere Otto Modersohn, ein Softie unter all den pinselschwingenden Herrenreitern. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch ihre Liaison hat einen Haken: Otto will mit Paula nur Petting exerzieren, denn er hat Angst, sie könne durch ihn schwanger werden und im Kindsbett sterben – ein Schicksal, das der Mutter seiner Tochter widerfahren war. Paula fühlt sich unbefriedigt und zudem auch eingesperrt in dem ihr immer piefiger erscheinenden Worpswede. Sie flüchtet sich schließlich nach Paris, wo sie Rotweingläser an die Wand schmeißt, sich einen heißen French Lover nimmt und durch Cézannes Skulpturen inspiriert wird. Gerade an der Seine schafft sie die Schlüsselwerke ihres Oeuvres. Der Film ist auch deshalb gut, weil er Paula nicht durchgängig als Sympathin zeigt. In Paris geriert sie sich geradezu biestig und super-egoistisch, als ihr verlassener und gehörnter Ehemann vorbeischaut, um sie nachhause zu holen. Dass Otto Modersohn seine Paula dennoch zurückgewinnt liegt auch daran, dass er dort ihr Genie endlich vollumfänglich zu erkennen vermag. Sie kriegt mit ihm dann zusammen doch ein Kind, aber ihr Schicksal endet leider wie das von Ottos erster Frau. Schwochows Film ist einer, der auch hervorragend für Schulaufführungen geeignet ist. Nicht nur, um dem Nachwuchs zu zeigen, in welchem gesellschaftlichen Kontext die künstlerische Moderne das Licht der Welt erblickte, sondern auch, was für einen langen Bart die Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen mittlerweile hat.

Ist Paterson ein prätentiöser Streifen oder doch einfach nur eine anrührende, poetische Abweichung von den Mainstream-Erzählungen des US-Kinos? Jim Jarmusch nimmt den Zuschauer mit in die alte Industriestadt Paterson im Bundesstaat New Jersey und lässt ihn am demonstrativ unspektakulären Alltag des dichtenden Busfahrers Paterson teilhaben. Den spielt Adam Driver, den meisten wohl bekannt aus der US-Fernsehserie Girls, in der Driver den Boyfriend von Lena Dunham mimt. Im Vergleich zu anderen amerikanischen Darstellern hat Driver ein wirklich außergewöhnliches Gesicht. Und Jim Jarmuschs Streifen könnte noch so schlecht sein – allein Drivers Profil macht ihn dann doch sehenswert, eine solche Kombi aus Nase, Augen und Mund bekommt man nicht alle Tage im Kino vorgesetzt. Zudem ist die Figur des ruhigen und geerdeten Paterson, der keinerlei Ambitionen hegt, aus seiner Lyrik ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Werk zu machen, dem Zuschauer sofort sympathisch. Vielleicht liegt das aber auch an seiner Lebenspartnerin, die von der französisch-iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani verkörpert wird: Laura nervt gewaltig mit ihrem Gestaltungswillen, ihrer Cupcake-Bäckerei und dem Druck, den sie auf Paterson ausübt, damit dieser doch eine Literatenkarriere einschlägt. Ob Jarmusch intendiert hat, dass diese Frau so schlecht wegkommt? Damit die Genügsamkeit und Bescheidenheit von Paterson umso stärker leuchtet und der Beruf des Busfahrers als gleichwertig zu all den Kreativjobs vermittelt werden kann, die die Leute heutzutage anstreben. Paterson ist aber nicht nur eine Hommage an jene unscheinbaren Existenzen, die für sich genommen dann doch im wahrsten Sinne des Wortes Poesie besitzen, sondern auch das Sittengemälde einer mittelgroßen Rust-Belt-City, die sicher zwar schon bessere Tage gesehen hat, aber doch noch sehr lebendig wirkt. Die urbane Dichte Patersons überrascht, da hat man von US-Städten ähnlicher Dimension andere Bilder im Kopf. So ein Schauplatz findet im amerikanischen Kino selten statt und wenn, dann eigentlich nur als Cluster sozialer Probleme. Ein Lob für Jarmusch, dass er diese Routine durchbrochen hat. Auf nach Paterson!

The Big Short von Adam McKay hat mit Christian Bale, Ryan Gosling, Brad Pitt und Steve Carell eine veritable Starbesetzung zu bieten. Die Charaktere, die sie verkörpern, bewegen sich alle in der Finanzwelt kurz vor dem Platzen der Blase auf dem US-Häusermarkt im Jahr 2007. Teilweise sind sie nur angelehnt an real existierende Personen, aber einige Protagonisten, wie zum Beispiel die zentrale Figur des schrulligen Hedgefonds-Managers Michael Burry, hat Adam McKay eins zu eins der Wirklichkeit entnommen. Sein Film basiert nämlich auf dem 2010 veröffentlichten Sachbuch The Big Short: Inside the Doomsday Machine von Michael Lewis, das in den USA ein Bestseller war. Für die beiden eareyeam-LeserInnen, die The Big Short in den Poll gewählt haben, scheint der Streifen nicht nur einen hohen Unterhaltungswert zu besitzen, er schaffte es wohl auch, ihnen das dubiose, hyperkapitalistische Treiben zahlreicher Banker vor dem großen Knall, ausreichend anschaulich zu machen. Er zeigt, wie die Männer im Anzug faule Kredite in Wertpapierpaketen verstecken oder mit der Wette auf den Absturz der Immobilienpreise gegen die Finanzinstitute auch noch fette Gewinne einstreichen. Während am anderen Ende der Katastrophenkette hunderttausende Menschen aus ihren Eigenheimen zwangsgeräumt werden, weil sie die steigenden Zinsen nicht mehr bedienen können. Natürlich arbeitet die Realität schon längst wieder fleißig an Vorlagen für zukünftige Finanzbranchen-Thriller.

Nennungen
Im Grunde genommen ist sie ja nur das Upcycling von Rudis Tagesshow aus den tiefen achtziger Jahren, aber mittlerweile kann die Heute Show als das Satire-Flagschiff des ZDF gelten. Das Gewohnheitstier Fernsehzuschauer braucht zum Wochenausklang pünktlich um 22 Uhr 30 die handliche Packung Politikbashing, um danach in den wohlverdienten Sabbat-Schlaf zu fallen. Die Qualität der Beiträge der „Außenreporter“ vor dem Greenscreen oder im realen Draußen sowie der „Experten im Studio“ geht dabei ziemlich auseinander, zum Beispiel kommt Olaf Schubert einfach nicht mehr aus seinem Sachsen-Pollunder heraus und auch Hans-Joachim Heist könnte ja mal versuchen, seinen Hassknechtschen Ereiferungsloop aufzubrechen. Frauen sind wie meistens in der TV-Satire auch in der Heute Show in der Unterzahl, aber wenn zum Beispiel Martina Hill, Carolin Kebekus, Hazel Brugger und Christine Prayon einen Auftritt haben, gewinnt die Sendung an Farbe. Gut böse ist aber auch Lutz van der Horsts Heimsuchung diverser Parteitage. Eigentlich möchte man ja gar nicht wissen, wes Geistes Kind das Personal solcher Veranstaltungen sein kann. Ach ja, nachdem sie die FDP bundesweit unter die 5-Prozent-Hürde kabarettisiert hatte, macht sich die Heute Show in jüngster Zeit vor allen Dingen um die satirische Vermessung der AfD verdient, Bernd H. weiß davon ein Lied zu singen. Dafür sollte Oliver Welkes Trupp natürlich den nächsten Grimme-Preis kriegen. Hier kommt nun das Video der Sendung kurz nach der Wahl eines hyperegozentrischen Immobilientycoons zum US-Präsidenten.

Alejandro G. Iñárritus The Revenant ist ein bildmächtiger Schneewestern, den überraschenderweise nur ein eareyeam-Leser auf seiner Favoritenliste stehen hat. In den USA feierte er im Dezember 2015 seine Premiere, in Deutschland kam er dann Anfang Januar 2016 in die Kinos. Schon die anfängliche Szene mit dem Angriff von Arikaree-Kriegern auf ein Trapper-Camp macht schwindelig, man sieht die Kamera förmlich auf den Pfeilen mitfliegen. Alle folgenden Bilder dienen dann dazu, Leonardo DiCaprio endlich den heißersehnten Oscar für den besten männlichen Hauptdarsteller zukommen zu lassen. In der Rolle des wortkargen Fellvertickers Hugh Glass muss er dafür mit einem computeranimierten Bären kämpfen und sich nackt in ein ausgeweidetes totes Pferd legen. Mehr kann man auch wirklich nicht tun, um an die begehrte Trophäe zu gelangen. Die hätte aber durchaus auch Tom Hardy verdient, der den John Fitzgerald mimt, den Widersacher von Glass. Der britische Schauspieler ist sowieso einer der besten Bösewicht-Verkörperer der jüngeren Filmgeschichte. In The Revenant meuchelt er Hawk, den Sohn von Glass vor den Augen des schwerverletzten Vaters und lässt letzteren lebendig begraben in der Wildnis zurück. Die Story des Fiilms besteht eigentlich in der Hauptsache aus dem Rachfeldzug von DiCaprio/Glass gegen Hardy/Fitzgerald. Dieser ist ohne Frage grandios in die winterliche Natur der Drehorte in Kanada und Argentinien eingebettet. Dass den ZuschauerInnen dank der überwältigenden Landschaftsaufnahmen die Banalität der Narration irgendwie verborgen bleibt, beweist, dass Kameramann Emmanuel Lubezki einfach einen famosen Job gemacht hat und dafür verdientermaßen ebenfalls einen Oscar ergattern konnte.

Da hat sich schon so etwas wie ein eigenes Genre herausgebildet: das skandinavische Wohngemeinschaftsdrama. Jüngstes Exemplar ist Thomas Vinterbergs Die Kommune. Der Dogma-Mitstreiter von Lars von Trier (der mit seinem Film Idioten auch einen Beitrag zu der oben behaupteten Gattung beigesteuert hat, Lukas Modyssons Zusammen! gehört ebenfalls dazu) hat selbst die ersten 19 Jahre seines Lebens in einer Hippie-Kommune verbracht, weiß also aus eigener Anschauung, was er da in Szene gesetzt hat. Interessanterweise inszenierte Vinterberg den Stoff zunächst als Theaterstück, das 2011 an der Wiener Burg uraufgeführt wurde, bevor er sich an den Film machte, der im April 2016 in die deutschen Kinos kam. Eine Abrechnung mit dem Vergemeinschaftungsgedanken angesichts von Psychoblessuren, die Vinterberg als Kind erlitten haben könnte, ist sein Streifen nicht geworden. Eher eine distanziert-sympathisierende Chronik des Scheiterns idealistisch gestimmter Menschen wie Anna, die Hauptfigur des Films. Die prominente Nachrichtensprecherin, die ihren Mann Erik, einen Architekten, in den Siebzigerjahren dazu drängt, die von ihm geerbte Riesenvilla mitten in Kopenhagen zum Standort einer bunt zusammengewürfelten Kommune zu machen, mit der eigenen Kleinfamilie als Kernbesatzung, wird von Tryne Dyrholm gespielt. Dyrholm war schon eine Wucht in der TV-Serie Die Erbschaft, wo sie sich als Tochter einer berühmten Künstlerin mit ihren Geschwistern um die mütterliche Hinterlassenschaft zankte. In Die Kommune trumpft sie erneut auf: als treibende Kraft hinter einem emanzipatorischen Projekt, die dann doch hart auf die Probe gestellt wird, als ihr Gatte sich – wie überraschend – in ein jüngeres Ebenbild Annas verliebt. Ihr Versuch, nun eine Menage à trois als Teil des kommunardischen Fortschritts zu leben, muss schließlich schiefgehen. Die halbwüchsige Tochter von Anna und Erik beobachtet die Experimente ihrer Eltern und wählt daraufhin einen gänzlich anderen Weg. Mit Die Kommune beweist die dänische Filmkunst erneut, dass sie im europäischen Maßstab ziemlich weit vorne liegt.

Da hat eine Leserin tief in die Filmkiste gegriffen und ein vierzig Jahre altes Schmuckstück hervorgezaubert: Mababangong Bangungot oder Perfumed Nightmare, den Debütfilm des philippinischen Regisseurs Kidlat Tahimik aus dem Jahr 1977. Dieses frühe Werk des postkolonialen Kinos entstand interessanterweise zu einem Zeitpunkt, als der 1942 geborene Tahimik in Deutschland lebte, nachdem er länger in den USA und Paris studiert und gearbeitet hatte. Er bewegte sich damals im Dunstkreis der Münchner Filmhochschule und erhielt von deren StudentInnen Geld, um sein Erstlingswerk zu finanzieren. Perfumed Nightmare handelt von einem philippinischen Jeepney-Fahrer. Jeepneys sind jene zu Kleinbussen umgebaute Army-Jeeps, die die US-Armee nach dem Pazifikkrieg auf den Philippinen zurückgelassen hatte und die bis heute das wichtigste Massen-Beförderungsmittel des Inselstaats sind. Der Fahrer möchte nach Amerika auswandern, um dort Astronaut zu werden. Er ist Präsident des Wernher-von-Braun-Fanclubs seines Heimatdorfes und träumt sich einen idealen Westen zurecht, und das inmitten einer lebendigen Populärkultur in der Provinz Laguna, die Tahimik in seinem Film liebevoll porträtiert. Mit Hilfe eines Amerikaners gelangt der Hauptprotagonist schließlich mit seinem Jeepney nach Paris. Doch die Begegnung mit dem Westen zerstört seine Illusionen und er kehrt in seine Heimat zurück. Mit seinem poetischen Realismus und wilder Montagetechnik verhandelt Perfumed Nightmare so Meta-Fragen wie die nach den sozioökonomischen Beziehungen zwischen dem Globalen Süden und dem Norden, nach kultureller Hybridität und der Rolle der Menschen im technischen Fortschritt. Die Premiere des Werks auf der Berlinale war ein überraschend großer Erfolg, Perfumed Nightmare lief danach sogar für eine Weile in verschiedenen deutschen Programmkinos und ermöglichte Kidlat Tahimik den Start in eine Regie-Karriere, die mittlerweile fünf lange und sechs mittellange Filme sowie fünf kürzere Video Diaries umfasst. Tahimik lebt längst wieder auf den Philippinen und ist dort nicht nur als Regisseur, sondern auch als Installationskünstler und „Kulturenbeobachter“ unterwegs. Legendär sind seine öffentliche Auftritte, mit denen er die Vorführungen seiner Filme begleitet, und bei denen seine vielfältigen Beschäftigungen und Anliegen sich zu spontanen Gesamtkunstwerken fügen. Die Leserin, die Perfumed Nightmare in dieser Kategorie platziert haben wollte, bekam den Streifen im übrigen auf einer Kidlat-Tahimik-Retrospektive zu sehen, die das Berliner Kino Arsenal im März 2016 veranstaltet hatte. Ein Hoch auf diesen Hort der Filmkunst!

Nicolas Winding Refn hatte vor ein paar Jahren mit Drive einen hochgelobten Kultfilm zustandegebracht. Dagegen ist er mit seinen Nachfolgeprojekten bei der Kritik weniger gut angekommen. Auch der Horror-Thriller The Neon Demon, der in der Modeszene von Los Angeles spielt, rief keine Begeisterungsstürme hervor, im Gegenteil: Bei der Premiere in Cannes schallten Refn kräftige Buhrufe entgegen. Im Mittelpunkt des Films steht das junge Mädchen Jesse, gespielt von Elle Fanning, das eintaucht in eine Welt, in der Schönheit das einzig relevante Kapital ist. Der Regisseur ist wenig interessiert an einer realistischen Darstellung des Model-Daseins, etwa an einer Zeichnung der komplexen Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den jungen Frauen und dem übrigen Personal wie StylistInnen, FotografInnen, RedakteurInnen, ModedesignerInnen und AgenturmanagerInnen. Der Kritiker von Spiegel-Online sieht mit The Neon Demon – und hier urteilt er wohlwollender als viele seiner KollegInnen – eingelöst, was Refn bei Drive nicht wirklich zustandegebracht hatte: die Schaffung eines radikalen Kinos, das völlig sich selbst genügt, das quasi an seiner eigenen Schönheit erstickt und die ZuschauerInnen zu bloßen Reizempfängern macht, zu Augen ohne Anschluss an das Gehirn. Puh …, klingt volle Kanne nach Achtzigerjahre-Ästhetik, aber die durchzog ja eben schon Drive. Refn selbst ist im übrigen farbenblind. Für Amazon dreht er in diesem Jahr eine zehnteilige Fernsehserie mit dem Titel Too Old to Die Young über die kriminelle Unterwelt von Los Angeles.

Wie können die gegenwärtigen Fluchtbewegungen in Richtung Europa am besten filmisch erzählt werden. Vor allem, in dem man, so gut es geht, die Perspektive der Flüchtenden einnimmt. Die Regisseurin Elke Sasse hat aus unzähligen Aufnahmen, die die Refugees auf ihren Routen mit ihren Handys gemacht haben, den Film My Escape/Meine Flucht zusammenmontiert. Das Material dafür fand sie einfach auf Youtube, sie besuchte aber auch direkt Flüchtlingsunterkünfte, um deren BewohnerInnen zu bitten, ihre auf dem Smartphone gespeicherte Dokumentation der eigenen Odyssee zur Verfügung zu stellen. Diejenigen, die übrigens mosern, dass die Menschen aus Syrien oder Eritrea während der Flucht über mobile Netzgeräte verfügen, wollen’s einfach nicht kapieren: Das Smartphone ist lebensnotwendiges Navigationsgerät und wer sein ganzes Hab und Gut, seine Familie und Freunde in der vom Krieg gebeutelten Heimat zurücklassen musste, hat schließlich nur noch ein paar Fotos im Handy als Erinnerung an seine/ihre frühere Existenz. Und natürlich entstanden auf den Routen über das Mittelmeer und durch den Balkan auch Bilder, die professionelle Kameraleute der Tagesschau oder dem Heute-Journal nicht liefern konnten, die aber das Gesamtmosaik der zeitgenössischen Fluchterfahrung entscheidend vervollständigen. Zum Beispiel heimlich mit dem im Ärmel versteckten Smartphone gefilmte Verhandlungen mit Schleusern um die Höhe des Preises für eine Fahrt mit dem Seelenverkäufer durch die Ägäis. In Interviews kommentieren die Geflüchteten in My Escape/Meine Flucht schließlich die von ihnen produzierten Sequenzen. Die eindrucksvolle Collage wurde vom WDR, von der Deutschen Welle und Berlin Producers finanziert und produziert, der Westdeutsche Rundfunk strahlte sie am 10. Februar 2016 in seinem dritten Programm aus. Dankenswerterweise kann man sie sich aber auch in ganzer Länge auf Youtube anschauen.

Den nächsten Film hat man bisher zwischen Flensburg und Oberstdorf offiziell noch garnicht sehen können, denn Loving von Jeff Nichols sollte zwar Anfang Februar 2017 in die deutschen Lichtspielhäuser kommen, aber der Veröffentlichungstermin wurde kurz vorher auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Leserin, die Loving in die Lieblingsfilmkategorie gewählt hat, rezipierte den Streifen also in seiner Originalversion in einem Mulitplexkino am Rande irgendeiner US-Großstadt. Und dessen Thema ist ja auch ein sehr amerikanisches. Es geht um Liebe in einem rassistisch gefärbten Umfeld, genauer: um den realen Fall Loving v. Virginia, der in den sechziger Jahren das oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten beschäftigte. Kann sich das jemand vorstellen? In Virginia waren Mischehen durch ein Gesetz aus dem Jahr 1924 verboten worden, das noch zwei Dekaden nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Kraft ist. Mildred Jeter und Richard Loving aus Richmond, in dem Film dargestellt von Ruth Negga und Joel Edgerton, heiraten deshalb in Washington, D.C., werden aber nach ihrer heimlichen Rückkehr in den Südstaat festgenommen und unter Anklage gestellt. Sie kommen unter der Auflage frei, in den nächsten 25 Jahren nicht als Ehepaar nach Virginia einzureisen, um eine Gefängnisstrafe zu vermeiden. Erst lange danach, als sie zunehmend unter der Trennung vom Rest ihrer Familie leiden, schreiben sie an den damaligen US-Generalbundesanwalt Robert F. Kennedy, der den Fall an ein Gericht verweist. Dieser endet schließlich vor dem Supreme Court, der am 12. Juni 1967 feststellt, dass jegliches Verbot von rassenübergreifender Heirat gegen die Verfassung der USA verstößt. Der Film ist kein Gerichtsdrama, Szenen aus dem Justizapparat gibt es nur sehr wenige. Stattdessen fokussiert er auf den Alltag zweier Menschen, die einfach nur um die Anerkennung ihrer Verbundenheit zueinander kämpfen. Da heutzutage offensichtliche Rassisten dem kindlichen Präsidenten im Weißen Haus direkt ins Ohr flüstern können, gerät die Aufführung von Loving fast schon zur notwendigen pädagogischen Gegenmaßnahme statt zur erleichternden Vergewisserung, dass die Zeiten sich ja schon längst zum Besseren gewendet haben.

Rico, Oscar und die Tieferschatten kam schon 2014 in die Kinos, hat aber eine eareyeam-Leserin so nachhaltig beeindruckt, dass sie ihn auch noch 2016 zu ihrem Lieblingsfilm erklärt hat. Der von Neele Vollmar gedrehte Streifen, dessen Erwachsenenrollen unter anderem mit Karoline Herfurth, Axel Prahl, Ronald Zehrfeld, Milan Peschel und Katharina Thalbach besetzt sind, beruht auf dem gleichnamigen Roman von Andreas Steinhöfel aus dem Jahr 2008 und handelt von der Freundschaft zweier sehr verschiedener Jungs. Rico wohnt allein mit seiner Mutter in der Dieffenbachstraße in Berlin-Kreuzberg. Von sich selbst sagt er, dass er „tiefbegabt“ sei, sprich: dumm. Eines Tages lernt er den zwei Jahre jüngeren, hochbegabten Oskar kennen. Allerdings fürchtet Oskar sich ständig vor allen möglichen Dingen und seine Angst scheint nicht grundlos zu sein, denn eines Tages ist er spurlos verschwunden und Rico bekommt heraus, dass der berüchtigte Kindesentführer „Mister 2000″ hinter Oskars Abwesenheit stecken muss. Rico nimmt die Fährte auf und landet zunächst im Stadtteil Schöneberg. Er muss eine Menge Mut beweisen, bis er seinen Freund wiederfindet. Zu zweit bringen sie dann den Entführer zur Strecke. Die Geschichte ist aus der Perspektive von Rico erzählt, der in seiner Unverbildetheit Fragen stellt, die Erwachsene garnicht mehr auf dem Schirm haben. Film und Buch insistieren darauf, dass Freundschaft auch zwischen vermeintlich Klugen und vermeintlich weniger Schlauen möglich ist, weil es dabei auf Qualitäten ankommt, die garnicht per iQ zu messen sind. Eine schöne Botschaft, die so einen großen Erfolg in den Kinosälen hatte, dass die Macher von Rico, Oskar und die Tieferschatten noch zwei Fortsetzungen des Streifens drehten. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat im übrigen ein schönes Interview mit dem Buchautor Andreas Steinhöfel und den beiden Hauptdarstellern Anton Petzold und Juri Winkler geführt.

Auch noch: Die Anstalt (ZDF-Satireshow) / Tobias Weber: Late Shift / Adam Curtis: Hyper normalization / Sacha Baron Cohen: Grimsby / Tomer Heymann: Mr. Gaga / Baz Luhrmann & Stephen Adly Guirgis: The Get Down (Netflix-Serie) / Giorgos Lanthimos: The Lobster / Ulrich Seidl: Safari / Sean Baker: Tangerine / Byron Howard & Rich Moore: Zoomania / Maïwenn: Mon Roi / Nico Hofmann, Henriette Lippold, Jörg Winger & Anna Winger: Deutschland 1983 (RTL-Serie) / Matt Duffer & Ross Duffer: Stranger Things (Netflix-Serie) / Tom Tykwer: Ein Hologramm für den König / Quentin Tarantino: The Hateful 8 / David Yates: Phantastische Wesen und wo sie zu finden sind / Lutz Gregor: Mali-Blues / Axel Ranisch: Ich fühl mich Disco /Alex Ranisch: Dicke Mädchen / Tilda Swinton & Colin McCabe u.a.: The Seasons in Quincy / Tatiana Huezo: Tempestad / Moritz Siebert: Les Sauteurs / Andrea Arnold: American Honey / Alberto Rodríguez: La Isla Minima / Maria Schrader: Vor der Morgenröte / Gustave Kervern & Benoît Delépine: Aalto / Jennie Snyder Urman: Jane, The Virgin (The-CW-Serie) / Sabine Derflinger, Harald Sicheritz & Uli Brée: Vorstadtweiber (ORF-Serie) / Ramón Campos & Gema R. Neira: Gran Hotel (Antena-3--Serie)

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