Ausgabe 4/17

Cherrie feat. Z.E / Sudan Archives / Jojo Abot / Tune Yards / The Breeders / St. Vincent / Beck / Maurice und die Familie Summen / Maeckes / Liars / Metz / Dmitry Evgrafov / Superparka / The New Spring

Nur schlechte Nachrichten sind in den vergangenen Tagen aus der somalischen Hauptstadt zu uns gedrungen – von Bombenattentaten auf die Zivilbevölkerung mit zahlreichen Toten. Das Video zu Cherries Track 163 För Evigt kann vielleicht ein bisschen dazu beitragen, dass Mogadishu nicht allein mit islamistischem Terror und Bürgerkrieg assoziiert wird. Sondern auch mit einem musikalischen Talent, welches, obwohl es sich nun in der Diaspora entfalten muss, nicht vergessen hat, dass es genau dort in die Wiege gelegt wurde. Es mag in den deutschen Medien noch nicht angekommen sein, aber 163 För Evigt ist gerade nicht nur in Schweden, sondern auch international ein kleiner Hit, trotzdem kaum eine Hörerin jenseits der Achse Ystad-Kiruna versteht, was Cherrie da singt – und Gastvocalist Z.E rappt. Aber es lässt sich irgendwie schon denken, dass es in den Lyrics um das Verlassen der Heimat geht – und um die Aneignung eines neuen Zuhauses. Gleich zu Anfang des Songs macht Cherrie klar, dass sie ein Kind aus Mogadishu ist (und im Video wird dazu wie selbstverständlich die Fahne des kaum existenten Staates Somalia geschwenkt). Als Sherihan Hersi kam Cherrie am Horn von Afrika auf die Welt. Doch ihre Familie verließ wie so viele Menschen das von Gewalt gepeinigte Land und begab sich in Richtung Skandinavien. Zunächst landete sie in Norwegen, dann folgte Finnland, wo Sherihan den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte, zuletzt verschlug es die Hersis nach Schweden. Cherrie lebt heute im Stockholmer Viertel Rinkeby, das ja in der schwedischen Kollektivpsyche in etwa dieselbe Position einnimmt wie dies Neukölln im deutschen oder Molenbeek im belgischen Kontext tun. Für Cherrie war die Ankunft in der kosmopolitischen und vielstimmigen Neubausiedlung aber eine Erholung nach den alltagsrassistischen Erfahrungen, die sie in Finnland machen musste, wie sie in einem Interview mit dem Onlineportal Scandinaviansoul erzählt. Ihren musikalischen Durchbruch erzielte Cherrie 2015 mit dem leicht zum Reggae tendierenden, aber doch ziemlich düsteren Track Tabanja (ein schwedisches Slang-Wort für Waffe). 2016 kam dann Sherihan, ihre Debüt-LP, heraus, die bei der nationalen Entsprechung der Grammy-Verleihung als bestes Hip-Hop- und Soul-Album des Jahres ausgezeichnet wurde. Darauf befindet sich mit Aldrig igen auch eine Kollaboration mit dem britischen Grime-Star Stormzy, der von Cherries Performance so angetan war, dass er die Musikerin fürs Vorprogramm der Europa-Auftritte seiner diesjährigen Konzerttour buchte. Auch wenn Cherrie 2017 ziemlich häufig aus dem Koffer lebte, versteht sie Rinkeby als ihre Homebase, wie sie mit der von Amr Badr produzierten und im September veröffentlichten Single 163 För Evigt klarmacht. 163 ist nämlich schlicht und einfach die Ortsvorwahl für das Stadtteil und Cherries geschmeidiger, positivistischer Mid-Tempo-Hip-Hop-Soul-Track das Gegenstück zu Tabanja: Es ist voll okay, ein Third-Culture-Kid in Rinkeby zu sein. Natürlich wurde dort auch das Video für 163 För Evigt gedreht. Die Regisseure Fred und Olof Bendz lassen Cherrie dabei vor ihrer eigenen Nachbarschaftscrowd performen, die ihre Wurzeln erkennbar in aller Damen und Herren Länder hat. Der Clip kommt wie eine selbstbewusste Entgegnung auf die trotstlose, monoblonde Vision der einwanderungsfeindlichen Schwedendemokraten daher. Statt dieser Partei voller Ikeanazis hinterherzulaufen, sollte das Land sich lieber freuen, dass in ihm eine der besten Urban-Soul- und Hip-Hop-Szenen weltweit gedeiht – siehe auch Mc Habit, Dim Out, Kristin Amparo, und Cleo. Zu Cherries Mitstreiter Z.E lässt sich im Netz leider keine Info in deutscher oder englischer Sprache finden. Allerdings hat er im August ein Video zu seinem Track Caramel auf Youtube gepostet, das mittlerweile schon über 1,4 Millionen Mal geklickt wurde. Big in Sweden ist der also auch.

Hinter dem Projekt Sudan Archives verbirgt sich Brittney Denise Parks, eine Sängerin und Violonistin, die aus Cincinnati, Ohio stammt und heute in Los Angeles lebt. Als Kind verpasste ihr die Mutter den Spitznamen „Sudan“, und nachdem Brittney Denise Parks in der Stadt der Engel das Studium an einem College für Musikproduktion aufnahm, entdeckte sie für sich die Geigenklänge ausgerechnet aus jenem Land, das so heisst wie sie. In der Folge eignete sie sich den Stil der sudanesischen Violonisten an, der viel perkussiver und rhytmischer tönt als das Spiel ihrer Kollegen im Globalen Norden. Die teilweise hart gezupften Töne des Streichinstruments bettet Parks ebenso wie ihre ätherische, oft mit Hall belegte Stimme in einen elektronischen Sound ein, der träumerisch – um nicht zu sagen trip-hoppig – daherkommt. Bisjetzt hat Sudan Archives nur die EP Come Meh Way herausgebracht, auf dem Label Stones Throw. Aber auf Youtube findet man so einige Videos mit Brittney Denise Parks, zum Beispiel das, in dem sie ihre sehr eindrückliche Version des Kendrick-Lamar-Hits King Kunta vorträgt. Der König wird dabei selbtredend zur Königin. Den hier nun folgenden, zuletzt veröffentlichten Sudan-Archives-Clip drehte Eric Coleman zum Track Water, der mit seinen repetitiven Claps, dem leisem Rollgeräusch im Hintergrund und dem kurzen, mehrstimmigen Refrain einer endlosen, gemächlichen Meditation gleicht, weshalb sein abruptes Ende äußerst willkürlich anmutet. Dem Titel entsprechend ist der Song mit Impressionen aus einem Fischerort an der Küste Ghanas illustriert. Coleman, der auch die Visuals zu Come Meh Way verantwortet hat, begleitete Parks auf eine Reise in das westafrikanische Land. Dort, so erzählt die Musikerin in einem Interview mit dem Onlineportal L.A. Record, hielt sie unter anderem für die Non-Profit-Organisation Taiwo Fund an einer Schule einen Workshop zur Produktion elektronischer Klänge ab. Es war ihr erster Trip ins Ausland.

Den genau umgekehrten Weg hat Jojo Abot genommen, die noch einen Zacken radikaler als Sudan Archives mit dem ihr zur Verfügung stehenden Instrumentarium hantiert. Die Musikerin und Multimedia-Künstlerin kommt aus Ghanas Hauptstadt Accra und fühlt sich dem Afrofuturismus verpflichtet, der ja maßgeblich von dem US-amerikanischen Jazzkomponisten und Orchestervorsteher Sun Ra geprägt worden ist. Ihren eigenen Sound bezeichnet Jojo Abot als “Afro-Hypno-Sonic”. Das beinhaltet schließlich auch die Aufgabe konventioneller Songstrukturen, an denen sie auf ihrer ersten und bisher einzigen EP FYFYA WOTO aus dem Jahr 2015 noch festhielt, während der aktuellste Track Nye VeVe SeSe eine dekonstruktivistische Collage aus Abots Stimme, verschiedenen digitalen Beats und einem Harmonium-Sound ist. Hier eine Linie zu Arbeiten von Laurie Anderson zu ziehen, liegt nahe, gerade auch, wenn man sich den von Jojo Abot selbst produzierten Clip zu Nye VeVe SeSe anschaut, in dem sie der Kunst im öffentlichen Raum noch eins draufsetzt. In der kahlen und kühlen Kulisse einer nördlichen Stadt wirkt sie in ihrem farbenfrohen Outfit und mit der Sonnenbrille tatsächlich wie eine frisch Gelandete from Outer Space. Bei der Stadt handelt es sich um keine geringere als New York, wo Jojo Abot derzeit an New Inc., einem Artist-in-Residence-Programm des New Museum, teilnimmt. Dies ist auch bis zur Fugees-Ikone Lauryn Hill durchgedrungen, die daraufhin Jojo Abot gleichmal als Support-Act für zwei ihrer Shows verpflichtete.

Oha, es gibt was Neues von der kalifornischen Band Tune-Yards. Über das Projekt der umwerfenden Merrill Garbus und ihres Boyfriends Nate Brenner ist auf eareyeam genug geschrieben worden. Zuletzt in der Ausgabe 3/14. Damals hatte das Duo gerade Nikk Nack veröffentlicht, seine dritte Platte, mit der es die Home-Recording-Anmutung der beiden Vorgängeralben plötzlich weit hinter sich ließ. Dass Tune-Yards den Weg der Professionalisierung konsequent weiter beschreitet, bezeugt der Song Look At Your Hands: Gerade erst frisch ins Netz gelangt und schon landet er bei eareyeam auf dem Teller – quasi eine Pflichtspeise. Look At Your Hands und ein dazugehöriges, von Michael Speed produziertes Video voller Hände kündigen die vierte Tune-Yards-Scheibe an. Diese wird den Titel I can feel you creep into my private life tragen und am 19. Januar auf den Markt kommen. Garbus und Brenner haben für I can feel you creep into my private life die Dienste von Beau Sorensen in Anspruch genommen, ein Produzent der auch schon für Bob Mould, Superchunk oder Death Cab for Cutie die Regler runter- und hochschub. Und offensichtlich gelang es ihm, den Tune-Yards-Sound auf eine ziemlich gerade Drummaschine zu hieven, wie man zumindest am Beispiel von Look At Your Hands hören kann. Die Band klingt mit dem Stück so poppig wie niemals zuvor, selbst wenn in ihm auch immer noch die üblichen Breaks, Dissonanzen und Vokalakrobatiken vorangegangener Tune-Yards-Titel zu finden sind. Die Eingängigkeit des Songs mag das Plattenlabel 4 AD wohl dazu bewogen haben, gerade diesen als Erstauskoppelung von I can feel you creep into my private life in die Welt zu senden. Vielleicht kommen dahinter ja noch ein paar krummere Dinger. Letzlich sollte man Tune-Yards sowieso eher live genießen als aus der Konserve essen. Ein Konzert von Merrill Garbus, Nate Brenner und ihren jeweiligen MitstreiterInnen ist eine musikalische Weihnachtsbescherung. Leider werden in diesem Jahr in Deutschland nur noch die Düsseldorfer und Stuttgarter beschenkt – auf dem New-Fall-Festival am 16. und 17. November, das übrigens auch Sudan Archives im Programm hat.

Die gute alte Tante 4 AD macht Dampf. Nicht nur, dass die Band Tune-Yards eine neue LP verspricht, die ebenfalls bei der britischen Plattenfirma unter Vertrag stehende US-Indieveteranen-Formation The National ist mit ihrem siebten Album Sleep Well Beast derzeit ganz oben in den Charts der angelsächsischen Welt. Und mit Kim Deal und ihrer Gruppe and The Breeders funkelt nun auch wieder ein ganz besonders heller Stern am 4-AD-Himmel. Gerade befindet sich The Breeders auf Europa- und US-Tour, in der Besetzung, die 1993 die All-Time-Klassiker-Platte Last Splash eingespielt hatte: mit Kim an der Gitarre und als Leadsängerin, ihrer Zwillingsschwester Kelley, ebenfalls an der Gitarre und als zweite Stimme, der britischen Bassistin Josephine Wiggs und Jim Mcpherson am Schlagzeug. Mit dem neuen Song Wait In The Car signalisiert das Quartett, dass demnächst mit einem Album gerechnet werden kann, nach Kim Deals spektakulärem Abgang bei den Pixies und einer längeren Phase, in der Deal ganz für sich allen Musik geschrieben hatte. eareyeam-Ausgabe 6/13 enthält den Clip zu Are You Mine, einem Lied, in dem sie über das Verhältnis zu ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter reflektiert. Und im Adventskalender 2014 lässt sich ihr sehr schöner Song Biker Gone finden. Auch für Wait In The Car hatte Deal wieder nur die für sie typischen, erratischen, knapp gehaltenen und manchmal nur noch lautmalerischen Lyrics übrig, der Song ist aber weitaus energetischer, crisper und stärker auf den Punkt gebracht als ihre Solo-Sachen. Nicht zuletzt hat das auch etwas mit Jim Mcpherson zu tun, den man getrost als einen der besten Drummer weit und breit bezeichnen kann. Wenn er nicht gerade dem Schreinerhandwerk nachgeht, um etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Das Video zu Wait In The Car baut auf einen einzelnen Ziegelstein auf. „Wir mochten die Idee, etwas Banales aber Ikonisches zu verwenden“, so die beiden Macher Chris Bigg und Martin Andersen. Insgesamt haben sie 800 Standbilder und Stilleben aneinander geschnitten und damit eigentlich einen sehr typischen 4-AD-Musikclip geschaffen.

Trat sie im eareyeam-Adventskalender 2014 noch als theatralische Math-Rockerin in Erscheinung, dreht St. Vincent nun am ganz großen Rad. Das heißt, Annie Clark, die hinter St. Vincent steckt, probiert aus, wie massentauglich sie sein kann. Ihr jüngstes Album trägt dementsprechend den Titel Masseduction. Und der Track Los Ageless zeigt, dass Annie Clark ihren Sound nochmal eine ganze Spur eingängiger angelegt hat. Rockschmockiger ist in diesem Fall vielleicht das passende Adjektiv. Los Ageless kann im übrigen als Gegenstück zu ihrem Song New York gelten, eine Klavierballade mit hymnischem Refrain. Die Lyrics gehen mit dem in Hollywood herrschenden Jugendwahn und Sexismus ins Gericht. Dort melken die Mütter ihre Jungen, singt St.Vincent. Der Versuch, mit solchen Metaphern über die StammhörerInnenschaft hinaus Eindruck zu machen, ist integraler Bestandteil eines präzise kalkulierten, künstlerischen Konzepts, das allerdings zugleich auch auf die Überspitzung der kritisierten Körper-Images setzt. So macht die Plattenfirma großflächig Werbung mit dem LP-Cover von Los Ageless. Dieses zielt mit einer stilisierten Darstellung der Rückansicht von Clark, die High Heels, rote Strumpfhosen und einen knappen Leopardenfellmuster-Body trägt und sich leicht nach vorne beugt, direkt auf die linke Gehirnhälfte der KonsumentInnen. Während wiederum das Video zur Single Los Ageless die ganze Absurdität der Schönheitsindustrie in ästhetisch ansprechenden und doch leicht verstörenden Bildern zusammenfasst. Wenn vier grüne Handschuhe kräftig an der Backenhaut von Annie Clark ziehen, erinnert das sehr an die plastische Chirugie, der sich die Mutter der Hauptfigur in Terry Gilliams Sci-Fi-Klassiker Brazil aus dem Jahr 1985 unterzieht. Die Regie des Los-Ageless-Clip hat Willo Perron innegehabt, der auch schon das Video zum St.-Vincent-Song Birth In Reverse verantwortete. Und mehr Ironie geht ja fast nicht: Ausgerechnet Red Bull Music schoss das nötige Geld zu, damit Perron den technicoloristischen Albtraum von einer Beauty-Farm so opulent in Szene setzten konnte.

Im vergangenen Herbst präsentierte eareyeam in Ausgabe 3/16 das Video zu Wow, einem Song, den Beck für sein damals gerade fertiggestelltes, dreizehntes Studioalbum geschrieben hatte. Allerdings wurde die Platte tatsächlich erst ein Jahr später – im September 2017 – veröffentlicht. Der britischen Tageszeitung The Guardian verriet Beck in einem Interview, dass ihm die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in die Quere gekommen war. Die politischen Ereignisse in seiner Heimat hatten es ihm seinerzeit unmöglich gemacht, dem Publikum ein Bündel von Songs zu überreichen, die allesamt Optimismus und Lebenslust ausstrahlen sollten – als Kontrast zu den melancholischeren und introvertierteren Stücken der vorangegangenen Alben. Schon klar, der Zustand der Welt ist aktuell keineswegs besser, aber Beck Hansen wollte angesichts der Arbeit, die er schon in die Aufnahmen investiert hatte, das Material dann doch nicht in der Schublade verschimmeln lassen. Weshalb Colors, so der Titel der LP, sich jetzt wie ein einzelnes Gummibärchen unter lauter Lakritzstangen ausnimmt. Dem namensgebenden Song, den Beck – und das kann nur als Provokation gemeint sein – mit einer Art Panflöten-Riff antreibt, stellte er, eventuellen Vorwürfen der Schmierigkeit vorgreifend, ein Slime-Video beiseite. Es ist nicht klar, ob der Musiker den Clip selbst produziert hat, aber offensichtlich wurde sich für diesen bei einem spezifischen Subgenre der sogenannten Autonomous-Sensory-Meridian-Response-Videos bedient, deren Zahl auf Youtube in kurzer Zeit rasant gewachsen angewachsen ist. Erklärtes Ziel der Macher dieser Clips: den ZuschauerInnen ein wohliges Kribbeln m Hinterkopf oder Rücken zu verursachen. Als Beispiel kann hier ein Video dienen, in dem jemand mit Wattestäbchen die Schaumstoffoberfläche eines High-Quality-Mikrofons bearbeitet. Genau: Es sind immer nur Hände in solchen Videos zu sehen – eben auch welche, die in Kunstschleim greifen und diesen kräftig kneten. In dem Clip zu dem Beck-Stück walken allerdings auch Finger mit äußerst ungepflegten Nägeln die wabbelige Masse. Anziehend eklig! Aber genau das trifft auch auf Colors zu.

Schon wieder Maurice und die Familie Summen? Ja, sicher. Oder kann sich etwa eine andere Formation damit rühmen, das bisher beste deutschsprachige Album des Jahres 2017 veröffentlicht zu haben? Selbst in der Radio-Eins-Sendung Soundcheck, dem freitäglichen Sammelbecken besserwisserischer Musikkritiker (die Kritikerinnen kommen akustisch stets deutlich sympathischer rüber) konnte ihre Scheibe Bmerica jüngst mit vier „Hits“ die Bestnote einheimsen. Gehen wir mal großzügig davon aus, dass diese Bewertung so garnichts mit dem Umstand zu tun hat, dass Maurice Summen, der ja bekanntermaßen dem vorzüglichen Berliner Label Staatsakt vorsteht, bei Radio Eins auch einmal im Monat die Sendung Die Sendung moderiert. Dass Bmerica funzt, konnte man gleich am Beispiel des vorveröffentlichten Tracks ZeitZurück erkennen, der dazugehörige Clip führte die eareyeam-Ausgabe 2/17 an. In dieser Nummer nun sind Maurice und die Familie Summen mit dem Video zum Song #Bock vertreten. Dessen Strophen gehorchen zwar dem Funky Spirit des Albums, der Refrain ist aber rockiger gehalten. Zusammengeklammert wird das Stück von den Bläsern, die insgesamt auf Bmerica einen formidablen Job gemacht haben und sicher auch die Partystimmung auf den aktuellen Konzerten von Maurice und seiner Familie gut anheizen. Als Gastvocalist für #Bock konnte Patric Catani gewonnen werden, der dafür sein Alter Ego Ill Till reanimiert hat. Ill Till und Maurice legen sich im #Bock-Video, ein Produkt von Sebastian Kaltmeyer aus dem Hause Industriesauger-TV, an den Strand, um den Bartleby-mäßigen Lyrics des Stückes auch wirklich gerecht zu werden. Aber mit dem Faulenzen wird das so richtig nichts, zwischendurch stehen sie doch auf der Bühne und Ill Till übt sich sogar im Seilspringen. Der Sound von #Bock sorgt ja auch eher für Hummeln unterm Hintern.

Na schön, rutscht es hier jetzt doch noch rein, obwohl es eigentlich viel zu albern ist – das Video zum Maeckes-Track Partykirche. Es bildet dann aber doch ein Stück bundesrepublikanische Wirklichkeit ab, repräsentiert durch die unzähligen Maeckes-Fans, die in die von dem Musiker aufgestellte Partizipationsfalle getappt sind. Maeckes rief seine Follower nämlich dazu auf, Material zu dem Clip beizusteuern. Das vorgeschobene Argument: Der Track wäre ja lediglich so eine Art Abfallprodukt gewesen, ihn gibt es eh‘ nur als CD-Bonus auf Tilt, Maeckes‘ jüngstem Album, dessen Titelstück samt Video übrigens im eareyeam-Adventskalender 2016 zu finden war. Partykirche habe sich allerdings bei seinen Konzerten überraschend zum Publikumsfavorit entwickelt und würde massenhaft bei Spotify gestreamt. Soll doch die AnhängerInnenschaft einfach selbst Ideen für einen passenden Clip entwickeln und Regie führen, wenn sie Partykirche so liebt. Er, Maeckes, habe keine Lust dazu. Die Fans besitzen aber mit Sicherheit genug Medienkompetenz, um zu wissen, dass derjenige, der dann am Ende mit am Schneidetisch sitzt, das Heft in der Hand hält – also Maeckes selbst. Was das nun als Regisseurin falsch titulerte „Partyvolk“ aber nicht davon abhielt, dem Musiker eine Flut von teilweise abgründigen Aufnahmen aus dem Hobbyfilmer-Hinterland zukommen zu lassen, die dann sehr eklektizistisch montiert worden sind, mit schnellen Schnitten und einer Menge Splitscreens. Süß: die Schildkröte mit dem Gotteshaus auf dem Panzer. Besonders beunruhigend: der Tanz der Mitglieder der You-Are-Great-Gemeinde zu Partykirche in einem echten Sakralraum. Das Maeckes-Double aus dem Tilt-Clip darf natürlich auch nicht fehlen. Für das Video wurde die von einem zackigen Tuba-Sample dominierte Originalversion von Partykirche mit allen existierenden, offiziellen Remixen verwurstet, einmal hört man den Track sowieso nur aus den Boxen in einer Restaurantküche, in der zwei Aushilfen mit Geschirr hantieren, ein anderes Mal wird er kurz live von einer Band eingespielt. Maeckes‘ Predigttext lässt sich dahingehend interpretieren, dass man für die Partykirche lieber doch keine Steuer zahlen möchte. Amen.

Die Band Liars gibt es jetzt auch schon eine gefühlte Ewigkeit. Lange ist es her, dass sie mal bei eareyeam vorkam. Das war in Ausgabe 2/12, mit dem Video zum Song No. 1 Against The Rush. Im August erschien bei Mute Records TFCF, das achte Studioalbum – nach einem tiefen Einschnitt in der Geschichte der Kombo. Zwar ist der Sänger und Gitarrist Angus Andrew ihr unbestrittener Frontmann. Doch seit den ersten Schritten von Liars im Jahr 2000 bis zum Frühling 2017 hatte Andrew stets Aaron Hemphill an seiner Seite, während andere Bandmitglieder nicht so lange ausgeharrt hatten. Im Mai aber kündigte Angus Andrew auf der Liars-Webpage nicht nur die baldige Veröffentlichung von neuem Material an, sondern teilte dort auch mit, dass Hemphill sich von der Gruppe verabschiedet habe – man sei freundschaftlich auseinandergegangen. Mit völlig neuer Besatzung startete Andrew dann im Sommer eine Liars-Konzerttour, die derzeit noch im Gange ist. Auf die Bühne begibt er sich dabei stets im Hochzeitkleid und mit Schleier, ein Outfit, in dem er auch auf dem Cover von TFCF abgebildet ist. Und man kommt nicht umhin, in ihm eine traurige, verlassene Braut zu sehen. Den Ruf, zu den eigenen Stücken sehr spezielle Clips produzieren zu lassen, kann Liars auch mit den Visuals für Cred Woes eindrucksvoll untermauern. Der New Yorker Regisseur Yoonha Park porträtiert einen jungen Mann, der in der Gastronomie arbeitet. Als Zuschauer schwankt man zwischen Sympathie für das von dem Lockenkopf zelebrierte Slackertum und einer Abneigung gegen seine Rastlosigkeit, Unruhe und unterschwellige Agressivität. Vorsicht: Es wird mit allerhand Sachen geworfen, so landet auch mal eine Melone im Basketballnetz. Das passt hervorragend zu dem nervösen, monotonen Duktus von Cred Woes, ein Stück, das beurkundet, wie fortgeschritten die seit Jahren betriebene Fusion aus synthetischen Klängen und Gitarrenmucke bei Liars schon ist – ohne dass das Ergebnis sich aber in die Schublade Elektropunk oder Indietronics stecken ließe.

Und jetzt wird hier nochmal ein richtig amtliches Musikvideo der kanadischen Band Metz nachgereicht. Der in der eareyeam-Ausgabe 2/17 gezeigte Promoclip für ihr diesjähriges Album Strange Peace war ja eher eine hastig gebastelte Aufwärmübung: Ein paar Hände winkten recht verhalten zum Song Cellophane. Für Cellophane gibt es mittlerweile neue, anspruchsvollere Visuals, aber da das Stück bei eareyeam schon durch ist, wird sich hier auf das von Shayne Ehman gedrehte Video zum Titel Drain Lake konzentriert, der bisweilen kurioserweise so klingt, als hätte Metz heimlich eine tiefgestimmte Querflöte in den heiligen Lärm geschmuggelt. In dem Clip biegen die Gabeln sich auf eine Weise, an der Uri Geller seine helle Freude haben müsste. Und auf die Idee, ein Cupcake-Blech zum Fliegen zu bringen, hätte eigentlich Jim Jarmusch beim Drehen seines Films Paterson kommen sollen. Die Metzmänner, also der Gitarrist und Sänger Alex Edkins, Bassist Chris Slorach und Schlagzeuger Hayden Menzies, befinden sich im übrigen gerade auf Europa-Tour. Am 6. November spielen sie im Berliner Bi Nuu, am 8. November sind sie im Hamburger Knust zu sehen und am 22. November folgt ein Konzert im Londoner Club The Garage.

Ein Moskauer Wunderkind ist erschienen (haftete einem solchen Typus zu UDSSR-Zeiten nicht etwas Inflationäres an? Heute ist er wieder eine Meldung wert). Dmitry Evgrafov brachte sich ab dem zarten Alter von 14 Jahren das Klavierspielen selbst bei, Unterricht hat er nie bekommen. Mit 17, also noch bevor er in seiner Heimatstadt Sounddesign studierte, begann er, eigene Kompositionen zu veröffentlichen. Die Macher von 130701, dem Unterlabel für post-klassische Musik der britischen Plattenfirma Fat Cat Records, wurden auf das Talent aufmerksam und nahmen den Moskowiter 2015 unter Vertrag. Evgrafov konnte dort auch gleich seine erste Platte veröffentlichen. Collage nannte er sie, da das Album eine Sammlung von über die Jahre entstandenen, miteinander unverbundenen Stücken darstellt. 2016 folgte die EP The Quiet Observation und dieses Jahr erscheint mit Comprehension of Light eine zweite LP, an der Dmitry Evgrafov nun erstmals innerhalb eines umgrenzten Zeitraums und mit einem Konzept ausgestattet bastelte. Und was zeigt das folgende Video, dass den auf Comprehension of Light enthaltenen Track Tamas illustriert? Vulkaneruptionen? Sonnenexplosionen? Die Visuals in Kombination mit der Musik könnten glatt suggerieren, dass hier doch eine Art frühsowjetisches Multimedia-Experiment re-enacted wird. Die rätselhaft-monochromen Bilder hat der Designer und Künstler Ruslan Khasanov erzeugt, der es sonst besonders bunt mag. Ohne sie kann man sich Tamas dagegen gut als Horrorfilm-Soundtrack vorstellen – dank einer dräuenden, von Streichern in Spannung gehaltenen Stimmung, in der disharmonische Bläserklänge ständig an- und abschwellen.

Wie? Kein klassisch gezeichnetes Animationsvideo in dieser Ausgabe? Na, das lässt sich ja noch ändern. SuperParka – Supername – hat vor ein paar Tagen den Clip zum Track Skip rausgehauen. In ihm fahren zwei Typen in einem Auto durch die Nacht. Allerdings: Die beiden befinden sich auf dem Beifahrer- und Rücksitz, das Steuer hat zunächst niemand in der Hand, dann lenkt eine Art chinesischer Drachen das Fahrzeug. Ist das etwa der Kommentar von SuperParka zur eigenen Bandgeschichte? Paco und Simon, die zwei Parkas und Pkw-Insassen, gehörten nämlich mal dem normannischen Pop-Quintett We Are Match an. Die fünf Jungs, die sich schon von Kindesbeinen an kannten, wollten sich ein Plätzchen im französischen Popbusiness ergattern und sogar darüberhinaus – verfassten sie doch ihre Lyrics in englischer Sprache. 2015 veröffentlichte We Are Match ein Debütalbum, aber gleich danach schien der Wurm in die Sache gelangt zu sein. Denn im April 2017 verkündeten die Bandmitglieder auf ihrem Facebook-Account das Ende von We Are Match. Der Versuch neue Songs einzuspielen sei leider in die Hose gegangen, hieß es dort. Nach intensiver Diskussion und langen Überlegungen seien sie zu dem Schluss gekommen, dass man eigentlich keine Lust mehr habe, zusammen weiterzumachen. Die zwei Keyboarder der Band waren da auch schon nach London aufgebrochen und der Schlagzeuger hatte sich in den Übungskeller zurückgezogen. Blieben eben noch Sänger Paco und Gitarrist Simon an Bord, die zumindest im Skip-Clip ein wenig paralysiert durch die Nacht kurven, um diesen heftigen Split zu verarbeiten. Vielleicht als Taschengorillaz, denn der SuperParka-Track mutet – vor allem noch in Kombination mit dem Zeichentrick-Video – wie eine Lo-Fi-Version der Beats und Melodien, die Damon Albarn für seine fiktive Comic-Band so bastelt, an. Der Clip wurde sicherlich nicht von Jamie Hewlitt geschaffen, aber haben Paco und Simon ihn eigentlich selbst gebastelt? Sie verweisen jedenfalls auf das Videospiel Parappa The Rapper als Vorbild für die Animation – und auf die letzte Folge der dritten Staffel von Twin Peaks. Zudem haben sie noch ihre Vorliebe für Sushi in Form umherfliegender Kaltfischhäppchen in das Filmchen eingebaut. Klingt wirr und profan – aber jetzt bitte trotzdem nicht skippen.

Ach, wie schön! Endlich mal wieder was vom dänischen Lieblingslabel Tambourhinoceros. Aus diesem Stall waren schon Efterklang, PRE-Be-UN oder Thulebasen bei eareyeam zu Gast. Alle diese Acts scheinen leider nicht mehr unterwegs zu sein. Dagegen ist der hier seine eareyeam-Premiere feiernde The New Spring umso aktiver und beglückt uns mit dem sehr melancholischen und doch wunderschönen Song Gershwin Wakes Up Singing. Bastian Kallesøe heißt der Mensch, der seit ein paar Jahren die Rolle des neuen Frühlings eingenommen hat. Er war auch mal Leadsänger einer Band namens Shout Wellington Air Forces, die 2010 ihre Debüt-LP Clean Sunset auf dem nicht mehr existierenden Label Morningside Records veröffentlicht hatte. Zwar erbte Tambourhinoceros Shout Wellington Air Forces nach dem Ende von Morningside Records, doch das geplante zweite Album der Band kam niemals zustande, auch Shout Wellington Air Forces löste sich auf. Dafür hat The New Spring mittlerweile drei LPs auf Tambourhinoceros herausgebracht und so tolle Songs wie Glow geschrieben, zu dem es auch ein rührendes Video gibt. Gershwin Wakes Up Signing ist der Vorbote eines weiteren Albums, das den Titel Wholly Wholly tragen wird und am 2. Februar 2018 in die Plattenläden kommen soll. Zugleich hat Bastian Kallesøe verkündet, dass sich The New Spring zumindest für die Aufnahme der neuen Scheibe zu einer vierköpfigen Band erweitert hat. Für den Dreh des Videos zu Gershwin Wakes Up Signing plazierte Regisseur Nick Bruhn-Petersen Bastian Kallesøe aka The New Spring in den Garten der Dänischen Königlichen Bibliothek in Kopenhagen – prompt fühlte sich der dortige Springbrunnen verpflichtet, seine Aufgabe zu erfüllen, während Kallesøe mehrmals geisterhaft ins Setting reproduziert wurde. Passt zu den Lyrics, denn in ihnen geht es laut dem Musiker um das ultimative Disaster: dass man aufwacht und feststellt, man ist tot. Kallesøe imaginiert, in diesem Moment enttäuscht zu sein, aber auch neugierig darauf, wie sich der eigene Leichnam so anfühlt. Am Ende würde einen wahrscheinlich das alberne, schöne aber nun völlig nutzlose Wissen erfüllen, dass man mal am Leben war. Ein adäquater Rausschmeißer in die dunklen Novembertage, die nun kommen werden.

Edició 3/17

Filastine & Nova / Za! / Las Bistecs / Beroots Bangers feat. Lirico / Enes Suleman & Stash House / Ivan Cano / Bad Gyal / Afrojuice 195 & Blondie / Zora Jones / Awwz / Nueva Volcano / Les Sueques / Power Burkas

Oha, die LeserInnen (genauer gesagt: zwei von ihnen) haben eareyeam nach Barcelona geschickt. Die Entscheidung fiel schon im Winter, da konnten sie noch gar nicht ahnen, dass die mediterrane Metropole zuerst Mitte August vom dschihadistischen Terror heimgesucht werden würde, um nun, im Vorfeld eines für den 1. Oktober geplanten Unabhängigkeitsreferendums, als Schauplatz für das Kräftemessen zwischen katalanischen Nationalisten und spanischer Zentralregierung herzuhalten. Barcelona ist also derzeit ein viel heikleres Terrain als es Japan im August 2016 war. Damals hatte die allererste monogeographische eareyeam-Ausgabe die diversen Musikszenen Nippons zum Thema. Wenn eareyeam aber nun schon mal den Auftrag bekommen hat, Kataloniens Hauptstadt musikalisch zu porträtieren, dann will es auch ganz unverblümt den Umstand nutzen, dass gerade mehr Leute aufgrund des dortigen politischen Geschehens auf Barcelona schauen. Weshalb der Veröffentlichungstermin dieser Ausgabe kein zufälliger ist. Aber auch nichts mit einer etwaigen Sympathie für das Begehren vieler KatalanInnen nach einem eigenständigen Staatsgebilde zu tun hat. Ministerpräsident Carles Puigdemont behauptet zwar in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dass der katalanische Nationalismus kein ethnischer ist, aber einer solchen Aussage kann misstraut werden; es gibt sowieso keinen Nationalismus ohne Ausschlüsse – einige Bürgermeister der Region, die sich nicht für die Unabhängigkeit begeistern, können ein Lied von den Drohungen und Schmähungen singen, die sie deswegen in den vergangenen Wochen erfahren haben. Und obwohl offensichtlich auch Linke die Abspaltung von einem als zutiefst vom Franquismus durchtränkt empfundenen Spanien herbeisehnen, wundert es doch, dass sie sich zu diesem Zweck ausgerechnet hinter einem neoliberalen Regionalfürst versammeln. Dem sei aber nun flugs hinzugefügt, dass eareyeam auch der spanischen Regierung kein Jota zugeneigt ist. Der herrschende Partido Popular ist ein erzreaktionärer Haufen, tatsächlich überwintern in ihm muffige Reste des Gedankenguts aus der Phase der Diktatur. Daher fällt Madrid jetzt auch ganz leicht in das alte Muster der harten Hand gegenüber allzu aufmüpfigen Nicht-Kastillanern zurück und sorgt selbst dafür, dass die Verhältnisse in Katalonien in eine Absetzbewegung geraten. Bisher sprach sich eine Mehrheit der Abstimmungsberechtigten gegen die komplette Abspaltung der Region aus. Die derzeitige, wesentlich vom Zentralstaat entfachte Eskalation, inklusive der Mobilisierung der Guardia Civil, der Beschlagnahme von Wahlzetteln, der Verhaftung katalanischer Funktionäre und eines Stopps des Zuflusses öffentlicher Gelder Richtung Barcelona, hilft, das gründlich zu ändern.


Foto: vdevivienda via Wikimedia Commons

Oh, eigentlich soll es hier ja nur um Musik gehen. Aber man kann sich wohl denken, dass gerade in Barcelona einige KünstlerInnen ansässig sind, die Melodien und Beats sowieso als hochpolitische Angelegenheit verstehen. Kaum eine Stadtbevölkerung Europas ist in den vergangenen Jahren so stark nach links gerückt wie die der mediterranen Metropole. Dafür hat aber nicht der Separatismus gesorgt, sondern eine Bewegung, die sich in Folge der landesweiten Proteste von 2011/2012 gegen die massenhaften Zwangsräumungen von durch die Wirtschaftskrise verarmten und überschuldeten Wohnungseigentümerinnen zur Wehr setzte und zudem die Schattenseiten des Tourismusbooms, der seit den Olympischen Spielen 1992 andauert, problematisierte. Mit Ada Colau steht gar nun eine Ex-Hausbesetzerin und Aktivistin aus den Reihen dieser Bewegung an der Spitze der städtischen Administration. Obiges Foto zeigt Colau, wie sie schon im Jahr 2007 gegen eine Privatisierung von Wohnraum. Bildung und Gesundheit kämpft. Damals kreuzte sie ungebeten und als Comicheldin Supervivienda verkleidet auf einer Wahlveranstaltung der kommunistischen Bürgermeisterkandidatin Imma Mayol auf. Heute hört Colau im Rathaus veilleicht gelegentlich die Musik der MacherInnen des Auftaktvideos dieser Spezialausgabe. Für eareyeam sind die keine Unbekannten mehr. Der ursprünglich aus den USA stammende, aber seit Jahren in Barcelona lebende Grey Filastine kam im Adventskalender 2012 mit dem Track Gendjer2 vor. Damals hatte er gerade indonesische Klänge für sich entdeckt und traf bei einem Aufenthalt in Jakarta auf die Sängerin Ruth Nova, die die Vocals zu Gendjer2 beisteuerte. Aus den beiden wurde ein Paar, das inzwischen auch als Duo Filastine & Nova fest zusammenarbeitet. Ihr gemeinsames Repertoire enthält hauptsächlich musikalische Interventionen mit politischer Grundierung: ein Mixtape zum Dokumentarfilm The Act of Killing, ein Sound-Schwarm für die Straßen von Paris während des Klimagipfels 2015 oder eine Performance im Dschungel von Calais. Ein Projekt von ihnen, das sich über gut anderthalb Jahre erstreckte, ist die Produktion der Videoserie Abandon. Die stellt Arbeitskräfte in verschiedenen Berufssparten an verschiedenen Orten der Welt in den Mittelpunkt. Jeder der Clips handelt vom Aufbegehren gegen die untragbaren Zumutungen, die die Arbeitswelt für das Individuum so bereithält. Der Widerstand wird jeweils tänzerisch zum Ausdruck gebracht. Filastine & Nova hat dafür mit lokalen ChoreographInnen kooperiert. Die erste Episode The Miner wurde auf Borneo und Java gedreht, die zweite Folge The Cleaner in Lissabon und für Teil 3 The Salarymen flog Filastine & Nova nach Seattle. Der oben gezeigte, vierte Clip Los Chatarreros hat das Duo schließlich nach Barcelona zurückgeführt. Er dreht sich um die migrantischen Altmetallsammler der Stadt, repräsentiert durch die Chatarreros Amadou Barri, Christian Kabeya, Diego Solaque und Alan Gonzalez. Grey Filastine, der bei dem Video allein Regie führte, lässt in ihrer Mitte den Tänzer Dougie Knight nach einer Choreographie von Celine Pimentel Vogueing-, Footwork- oder Breakdance-Moves performen – zu einem Elektronika-Track, der entsprechend seines Themas von metallisch klingenden, perkussiven Beats dominiert wird, während einzig und allein ein abgehackter Akkordeon-Riff die Melodie führt. Barcelona hat sich im übrigen selbst den Titel „Stadt der Zuflucht“ gegeben, um zu demonstrieren, dass innerhalb seiner Verwaltungsgrenzen Refugees willkommen sind. Gegenüber der italienischen Insel Lampedusa und der griechischen Insel Lesbos verpflichtete sich die barcelonesische Regierung in einem Abkommen, finanzielle und technische Hilfestellung beim Empfang und bei der Versorgung der über das Mittelmeer Geflüchteten zu leisten. Die vier Titel der Abandon-Serie sind auf der im April veröffentlichten Platte Drapetomania zu finden, dem ersten offiziellen Album von Filastine & Nova. Das folgende, von Arif Ramly produzierte Video zeigt, wie Grey Filastine und Ruth Nova während eines kürzlichen Besuchs im indonesischen Jakarta für die Reihe Wknd Sessions die ebenfalls auf Drapetomania enthaltenen Stücke Fenomena und Perbatasan auf der Straße vor einem Blumenladen darbieten. Novas Gesang kann eine ziemliche Sogwirkung entwickeln.

Dass die Barcelona-Ausgabe überhaupt zustande gekommen ist, hat eareyeam vor allem auch Lucia Gea zu verdanken, die schon als Autorin der Ausgabe 1/17 den LeserInnen die Geschichte der schwarzen Punk-Band Death aus Detroit nahebrachte. Zwar ist Lucia in der Musikszene Valencias beheimatet, sie nimmt aber auch immer wieder das Geschehen in anderen spanischen Städten in den Blick. Auf der Liste ihrer LieblingsmusikerInnen aus Barcelona steht ein weiteres Duo ganz oben, das für die hier vorliegende Ausgabe sogleich als gesetzt galt: Za!. Seine beiden Mitglieder, die sich Papa DuPau und Spazzfrica Ehd nennen, sind verrückte Hunde, die über eine breite Palette an Instrumenten verfügen: Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, Trompete, Kalimba, Sampler und natürlich ihre Stimmen befinden sich im Einsatz für einen Sound, der sich wirklich schwer in eine Schublade stecken lässt. Noise, Free Jazz, balinesische Polyrhythmen, Math Rock und Drone – alles das verwurstet Za! zu einem erstaunlichen Hörerlebnis. Und stets überlässt das Duo bei seinen Live-Gigs einen Großteil der musikalische Dramaturgie Meister Zufall. Za! tourt ganz schön eifrig durch die Welt und hat sich dabei die Bühne mit Acts wie Shonen Knife, … And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Mark Etzel oder Peter Brötzmann geteilt. 2013 veröffentlichte Za! sein Debütalbum Wanananai im Selbstverlag. Das Rockdelux Magazine erklärte es damals zur Platte des Jahres und obendrauf Za! auch noch zur besten Live-Band Spaniens. 2015 erhielt das Duo den Premi Ciutat de Barcelona, den Musikpreis der Stadt Barcelona, unter anderem für seine Improvisations-Workshops mit Kindern und Erwachsenen. Zudem sind Papa DuPau und Spazzfrica Ehd Gründer des Improvisations-Kollektivs El Cabalo Ganador. Dass Humor ein zentraler Aspekt des Schaffens von Za! ist, demonstriert das Video zu dem Track Badulake von der derzeit aktuellsten Platte Loloismo aus dem Jahr 2015. Die Produzenten des Clips, Jordi Castells und Aitor Garay, sorgten dafür, dass es im Spätkauf heftig rauscht. Gedreht wurde in einem Laden mit dem schönen Namen Pim Pam – und dieser gehört auch in echt der Familie jenes jungen Mannes, der im Video hinter der Kasse bewusstseinserweiternde Erfahrungen macht. In seiner Halluzination verwandeln Papa DuPau und Spazzfrica Ehd sich dabei zwischen den Regalen in verschiedene komische Charakterpaare. Als sie jedoch die Gestalt eines Troublemaker-Duos annehmen, schlägt der Händler sie allein mit einem lässigen Schulterschütteln in die Flucht. Toll, wie dabei das Slayer-Motiv auf seiner Jeansweste zu leuchten anfängt. Es scheint so, als ob der subkontinentale Background des Geschäfts Za! zum den Track Badulake mitprägenden, exzessiven Sampling einer kurzen, womöglich von einem indischen Instrument erzeugten Melodie inspiriert hat. Oder wird umgekehrt ein Schuh draus? Ansonsten mutet der Titel dank unvorhersagbarer Breaks und Tempowechsel bei gleichzeitig nervöser Erfüllung und Verballhornung von Rock-Schemata irgendwie zappaesk an.

Und weil die Musik von Za! so schön durchgeknallt ist, hier noch eine Zugabe: Der folgende Clip zeigt die Live-Aufführung einer natürlich von Improvisationen durchsetzten extended Version des Titels Súbeme El Monitor vom Debütalbum der beiden Za!patisten. Er ist im Rahmen des Projekts Tots Sants entstanden. Die OrganisatorInnen von Tots Sants laden regelmäßig Bands und SolomusikerInnen in das Tonstudio La Casa Murada in dem südwestlich von Barcelona gelegenen Ort Banyeres del Penedès ein. Dort können die Gäste eine Zeitlang in Ruhe proben, neue Stücke erarbeiten und dem schon vorhandenen Material eine veränderte Form geben. Ein Kamerateam dokumentiert schließlich die Resultate dieses Retreats. Im Fall von Za! wird so anschaulich, wie virtuos das Duo mit Loop- und Effekt-Geräten hantiert und dass Spazzfrica Ehd ein verdammt begnadeter Drummer ist. Es macht jedenfalls Spaß, den zwei Typen beim beherzten Bearbeiten ihrer Instrumente zuzuschauen. Súbeme El Monitor heißt auf Deutsch im übrigen „Zieh‘ den Regler des Monitors hoch“. Papa DuPau und Spazzfrica Ehd veralbern diese Standardphrase im Konzertbusiness geradezu, wenn sie ihren Gesang extra bis zur Unverständlichkeit verzerren.

Kann sich überhaupt noch jemand an das Duo Baccara erinnern? In den siebziger Jahren war es Spaniens heißester Pop-Export. Jetzt hat in Barcelona eine Art Baccara 2.0. die Bühne betreten: Las Bistecs. Dieses Tandem, gebildet von Alba Rihe und Carla Moreno, fabriziert einen iberischen Elektropunk, den es selbst als Electro-Disgusting bezeichnet und an dem so jemand wie Peaches ihre wahre Freude haben dürfte. Las Bistecs machen den Anspruch geltend, dass auch feministisch orientierte Musikerinnen anstößig und explizit sein dürfen. Ein ähnliches, zweiköpfiges Konzept haben schon viel früher die Berlinerinnen Gina V. D‘Orio und Annika Trost mit ihrem Projekt Cobra Killer verfolgt. Las Bistecs bezieht sich aber ausdrücklich auf die Movida der frühen achtziger Jahre, als im Spanien nach Francos Tod nachts die Wände wackelten und jeder Schweinekram gefeiert wurde. 2016 konnten Rihe und Moreno dank Crowdfunding ihre erste Platte namens Oferta auf den Markt bringen. Diese enthält zum Beispiel den Track Señoras Bien, der nicht dementierten Gerüchten zufolge den Habitus diverser Politikerinnen des Partido Popular auf’s Korn nimmt. Die Damen verkehren im Ritz, gehen aber auch zum Bingo, täglich werfen sie sich nach dem Aufstehen Pillen ein und bei ihren Besuchen im Schönheitssalon kann sie nichts schrecken, heißt es sinngemäß in den Lyrics. Die Vocals werden mit einer monotonen Drum-Machine, einem Achtziger-Jahre-New-Wave-Synthie und Videospiel-Soundbites unterfüttert. Klar ist das Geschmackssache, aber spanischsprachiger Gesang erhält so eine Sexyness, die ihm in einem rockistischeren Kontext oftmals abgeht. Das Visuelle ist Las Bistecs offenbar genauso wichtig wie die Musik. In dem von Carla Parmenter gedrehten Video zu Señoras Bien, das, seit es Anfang Februar vergangenen Jahres gepostet wurde, immerhin schon 1,2 Millionen Klicks bekommen hat, performen Alba Rihe und Carla Moreno mit Hingabe und Liebe zum Detail gut situierte, mondän-gelangweilte Ladies, die sich jenseits der Saison in einer verlassenen Hotelanlage am Meer ein wenig gehen lassen. Der Swimming Pool ist längst geleert worden, was die zwei Frauen aber nicht davon abhält, sich Gurkenscheiben über die Augen zu legen und auf der Terrasse ein Sonnenbad zu nehmen. Las Bistecs lässt uns wissen, dass die erste Klasse ganz schön cheap sein kann.

Auf Oferta befindet sich auch das folgende sehr kurze aber dafür herzallerliebst klingende A-Cappella-Stück Ano. Las Bistecs hat dem allerdings einen schrägen Clip hinzugefügt, in dem Rihe und Morena nackig durchs Bild schwimmen oder trudeln und der einen dazu veranlasst, sich die Lyrics nochmal genauer anzuhören. „Ano ano ano es culo en castellano“ – kann sich ja jede/r selbst ausmalen, was das auf Deutsch heißt. „Ano ano ano con pelo tibetano.“ Häh? Warum ausgerechnet mit tibetanischen Haaren? Die letzte Zeile preist Ano als „das Lied des Sommers“ an, während das Video ausgerechnet am 1. April 2016 ins Netz gestellt wurde und zwar exklusiv bei Vimeo, denn Youtube hätte es eh‘ gleich in die unzugängliche Schmuddelecke verbannt. Obwohl Las Bistecs hier doch ganz brav mit Verpixelung gearbeitet hat.

ANO from las bistecs on Vimeo.

Na sicher kann Barcelona mit einer signifikanten Hip-Hop-Community aufwarten. Die scheint aber stark von den französischen Schwestern und Brüdern beeinflusst zu sein, weshalb auch rund um die Ramblas gilt: sound follows words. Klangliche Innovationen spielen sich andernorts ab. Einen raren ästhetischen Höhepunkt in der bisherigen Historie des barcelonesischen Hip-Hop stellt vielleicht das Oeuvre der vierköpfigen Posse Beroots Bangers dar. In der ersten Hälfte der zehner Jahre rappten die MCs Enes Suleman, Drako und Zemo gemeinsam auf Spanisch und Französisch, während Dj Ru Ondo dazu die passenden Beats und Samples herstellte. Das Debütalbum der Beroots Bangers kam 2011 heraus und trägt den programmatischen Titel Mainstream Is Dead. Sein Herzstück ist – wenig überraschend – der Track Underground, an dem auch MC Lirico aus Zaragoza beteiligt war. Damals gehörten Ru Ondo und Drako noch gar nicht zu Beroots Bangers, letzterer tritt im Underground-Video lediglich als Tänzer in Erscheinung. In dem von Esmol Jonze und Brazo de Hierro zusammengebastelten Clip, der, dem üblichen Performance-Muster von Hip-Hop-Videos in aller Welt folgend, die Jungs von Beroots Bangers vor dem Hintergrund der Stadtkulisse Barcelonas in Szene setzt oder sie inmitten ihres weitläufigen Freundeskreises zeigt, liefert auch Indee Styla eine Move-Einlage. Die Rapperin hat sich mittlerweile mit einem Sound im Latino-Style fest in der Musikszene Barcelonas etabliert. Wie viele andere lokale KünstlerInnen schlüpft sie immer wieder unter das Dach von LaineREC, dem Aufnahmestudio von Enes Suleman. Enes mischte und masterte dort auch Underground, während Dave Bee zuvor die Produktion des Tracks besorgte und Dj Swet ihm die Scratches zufügte. Gerade letztere geben Underground die nötige Würze. Interessant ist auch der akzentuierte Einsatz eines gleichförmigen Tons, der wie das Signal einer sich schließenden Bahnschranke klingt und stets den Refrain einläutet. Leider findet man im Netz weder eine gescheite deutsche noch eine englische Übersetzung der Lyrics, aber grob lässt sich entziffern, dass die Botschaft von Underground – logisch – die Behauptung eigener Realness und eine klare Absage an künstlerische Kompromisse umfasst. Im Clip halten die Jungs von Beroots Bangers diverse Plattecover in die Kamera, um klarzustellen, wer für sie dabei als Vorbild taugt: IAM aus Marseille, Violadores del Verso aus Zaragoza (Liricos eigene Crew) sowie Nas und Boogie Down Productions.

Beroots Bangers hat sich zwar aufgelöst, aber die ehemaligen Mitglieder sind noch musikalisch unterwegs, hin und wieder kommt es auch zu Kooperationen zwischen ihnen. Am schaffigsten ist Enes Suleman, der in Créteil bei Paris aufgewachsen ist, aber seit 1997 in Barcelona lebt. In den vergangenen Jahren bastelte häufiger ein Produzententeam unter dem Pseudonym Stash House an der Soundunterlage für Sulemans Wordflow. Das tat es auch für einen Track, der Ende März scheinbar exklusiv mit dem entsprechenden Clip auf Youtube auftauchte. Sollte es sich dabei um den Prototyp für eine Serie namens #Keepitsample handeln, die aus Stücken besteht, die jeweils ein prägnantes Sample featuren? Im Fall des vermeintlichen Openers Doctrina del Shock handelt es sich um eine Drittverwertung: Enes Suleman rappt über eine Sequenz von Un bon sond brut pour les truands der französischen Formation IAM, die sich für ihren Track wiederum Yusef Lateefs Passacaglia angeeignet hat. Auf #Keepitsample 1 ist aber offensichtlich bisher kein zweiter Titel gefolgt. Im Netz sind keine Lyrics zu finden, der Titel Doctrina del Shock verweist aber irgendwie auf das gleichnamige Buch der kanadischen Autorin Naomi Klein. Außerdem legt das von Olivier Kowalczyk verantwortete Video nahe, dass Suleman womöglich die Konsequenzen der Digitalisierung des Alltags problematisiert. So mag Doctrina del Shock von allen hier präsentierten Beispielen dem noch am nächsten kommen, was Nordlichter sich als typischen globalisierungkritischen Multikulti-Sound von Barcelona vorstellen, geprägt von Übervater Manu Chao, dessen Homebase die Stadt schließlich viele Jahre gewesen war. Visuell will Enes aber vor allem auch demonstrieren, dass er sich selbst in der guten alten Traditionslinie der Geistesverwandtschaft zwischen Hip-Hop und Martial Arts sieht. Die Schwerter ziehen hierfür Kämpfer des Kendo-Clubs der Universität Barcelona.

Zu einer jüngeren Generation von MCs aus Barcelona gehört Ivan Cano, der in der nördlichen Suburb Santa Coloma de Gramanet beheimatet ist. Mit seinen Kumpels Oktoba und Jhise bildet er das Kollektiv Sacrificio y Pasta. Am 29. September wird Cano sein Debütalbum Baraka an den Start bringen, weshalb er im Vorfeld schon mal ein paar Videos zu auf der Platte enthaltenen Tracks ins Netz katapultiert hat. Eines dieser Stücke ist Partenón, in dem Cano mutmaßlich seine Kindheit und Jugend auf den Straßen seines Viertels schildert. Der 1992 geborene Rapper ist kein Spitter, er bevorzugt einen zurückgelehnten, ruhigeren Flow. Dano Ziontifik hat an den Beats und Samples von Partenón gebastelt und die laufen so smoothly und sophisticated arrangiert rein, dass man einfach nicht überrascht ist, wnn man erfährt, wer hier außerdem schon wieder seine Finger im Spiel hatte: natürlich Enes Suleman, der in seinem LaineREC-Studio Partenón wie wahrscheinlich auch allen anderen Titeln auf Baraka den allerletzten Schliff gab. Im von Mendozzi gedrehten, zugehörigen Clip begibt Cano sich an die Schauplätze seiner Adoleszenz. Zog er als Teenie kräftig am Joint, so behält er diese Angewohnheit jedenfalls bis heute bei. Und Jägermeister scheint seit damals das Getränk seiner Wahl zu sein (oder der Hersteller tritt einfach nur als Sponsor auf den Plan). Ach, außerdem hat Cano in dem Video auch noch irgendwie die eigene Mutter untergebracht.

Interessant ist, dass Dancehall-Rhythmen in Spanien auf besonders große Resonanz stoßen. Und Barcelona kann man durchaus als ein Epizentrum dieser Bewegung bezeichnen, die irritierenderweise oft und eigentlich falsch als Trap gelabelt wird. Zu der Blüte trägt unter anderem Bad Gyal bei, eine der wenigen weiblichen Stimmen in dem doch sehr von Testosteron durchtränkten Genre; eine, die noch dazu auf Katalanisch rappt. Bad Gyal hat in ihrem Pass den Namen Alba Farelo stehen, kam 1997 zur Welt und ist die Tochter des Theater- und Filmschauspielers Eduard Farelo Nin. Bisher veröffentlichte Bad Gyal nur einzelne Singles mit entsprechenden Videos, aber letztere entwickelten sich auf Youtube rasch zu Klickmonstern und haben der Frau eine Popularität eingebracht, die die ihres Erzeugers derzeit wohl locker in den Schatten stellt. Ganz frech hat sie zum Beispiel einfach mal Rihannas Hit Work abgegriffen und ihm katalanische Lyrics verpasst, die mit dem Originalinhalt allerdings nichts zu tun haben. Ihre Coverversion trägt den Titel Pai, was auf deutsch „Vater“ heißt. Na sowas. Auch wenn aktuellere Videos von Bad Gyal existieren, soll hier nun der im Mai 2016 publizierte Clip zu ihrem Track Indapanden gezeigt werden. Leider vollziehen nämlich die neuesten Visuals eine sterotypische Sexualisierung der Performance von Bad Gyal, während die junge Frau im von Polrenom produzierten Indapanden-Video noch recht unschuldig vor einem DHL-Lieferwagen Selfies schießt (Product Placement?) und mit ihren Freundinnen auf den Plätzen Barcelonas cornert. Funny übrigens, dass es Bad Gyal wichtig war, in der Info-Spalte unter dem Clip auf ihrem Youtube-Account auch an dem Nagelstudio ihres Vertrauens Credits zu geben. Zwar lassen sich die Lyrics von Indapanden im Netz finden, aber auch hier schlägt der Google Translator bei der Übersetzung ins Deutsche verbale Purzelbäume. Indapanden meint sicherlich „Unabhängigkeit“ – aber es ist anzunehmen, dass es Bad Gyal kaum um eine staatliche, sondern lediglich um die eigene, persönliche Selbstbestimmtheit geht.

Bad Gyals Lokalrivalin nennt sich Blondie. Na ja, vielleicht wird Blondie von Alba Farelo nicht wirklich ernst genommen, denn sie scheint neben ihrem Youtube-Account andere Social-Media-Kanäle kaum zu bespielen, was ja zumindest in jener Sphäre, in der Musikerinnen wie sie Fame abgreifen wollen, als unentschuldbare Nachlässigkeit gilt. Dafür hat die junge Frau aus der Vorstadt L‘Hospitalet de Llobregat, die im 20. Jahrhundert in Windeseile zur zweitgrößten Kommune Kataloniens heranwuchs, einen ziemlichen Coup gelandet, in dem sie – Achtung – neulich mit einer Posse aus Madrid gemeinsame Sache machte. Trotz katalanischem Separatismus und kastillanischem Chauvinismus ist also doch so etwas wie grenzüberschreitende Verständigung möglich. Na ja, vielleicht auch nur deshalb, weil die aus dem madrilenischen Satellit Fuenlabrada stammenden Jungs von Afrojuice 195 zumeist gar keine Biospanier sind. Alle MCs der Gruppe sind Kinder afrikanischer MigrantInnen, dementsprechend ist die Wahrung oder, umgekehrt, die Auflösung der zentralstaatlichen Einheit nun nicht gerade ihre dringlichste Angelegenheit. Der Alltagsrassismus wird in keinem der beiden Fälle von der iberischen Halbinsel verschwinden. Eigentlich ist aber Fußball das Leib- und Magenthema von Afrojuice 195: Einer der Tracks der Combo heißt Fifa Street, ein weiterer feiert den Real-Madrid-Stürmer Karim Benzema. Umso gewagter, dass eine Rapperin, die praktisch im Schatten von Camp Nou, der Homebase des FC Barcelona, aufwuchs, mit diesen Typen das Mikro teilt, um über eine von Blackthoven produzierte Nummer namens Biziness (Afro) Trap zu rappen. Eindeutig nimmt das rasante Stück, das mit Leichtigkeit jede Tanzfläche füllen sollte, Anleihen beim Kuduro. Das dazugehörige Video, verantwortet von Hugo Lopez, zeigt Blondie sogar beim Twerken mit diesen Madridleños, die sich in ihren Friseursalons die Dreadlocks am liebsten mit Cola durchwaschen lassen. Aber Achtung: Anders als Bad Gyal reimt Blondie nicht auf Katalanisch, sondern nutzt die spanische Sprache als Transportmittel ihrer Botschaften. Das ist vielleicht wirklich ihrem Heimatort geschuldet: L‘Hospitalet de Llobregat gilt nicht nur als eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt, hier konzentierten sich insbesondere seit den fünfziger Jahren vor allem Zuwanderer aus Andalusien, die wegen besserer Arbeitsaussichten in den Ballungsraum von Barcelona gezogen waren.

Weiß doch inzwischen jedes Kind, dass Barcelona der Schauplatz des weltweit größten Festivals für elektronische Musik ist. Alljährlich im Juni gibt das Sónar komprimiert darüber Auskunft, wer in der Szene gerade das Zepter schwingt oder demnächst durchstarten wird. Die Stadt ist aber nicht nur Auftrittsort, sondern auch Heimat so einiger Elektronika-Produzenten und Discjockeys, zum Beispiel von Zora Jones. Die wuchs in Österreich auf und beschloss, nach einem Besuch bei Freunden in Barcelona, zum Studieren in der Stadt zu bleiben – klingt ein bisschen nach der Erasmus-Filmkomödie L‘Auberge Espagnole des französischen Regisseurs Cédric Klapisch, deren Handlung ja auch größtenteils in der katalanischen Hauptstadt angesiedelt ist. Zora Jones schaffte sich während ihrer Zeit an der Uni hobbymäßig das Dj-Handwerk drauf, fand an ihm aber so großes Gefallen, dass sie das Pult mit den Plattentellern zu ihrem hauptsächlichen Arbeitsplatz machte. 2010 traf sie auf den kanadischen Kollegen Sinjin Hawke, verknallte sich ihn ihn, reiste zu ihm nach Montreal und hatte dort, wie sie dem Magazin The Fader in einem Interview verriet, eine weitere, für sie wichtige Begegnung – mit Dj Rashad, dem unumstrittenen König des Footwork. Zurück in Barcelona, bastelte Zora Jones nun selbst an Tracks, die von dem Chicagoer Sound inspiriert waren. Sinjin Hawke zog zu ihr ans Mittelmeer und gemeinsam gründeten sie Fractal Fantasy, eine Online-Plattform für ultratechnoide Töne und Visuals. Auf der entstand zunächst die Videoserie Visceral Minds, und ein Clip dieser Reihe, nämlich der zum Track Flash Alert von Sinjin Hawke und L-Vis 1990, hatte es dank des ihm zugrundeliegenden unbedingten Willens zum Futurismus in den eareyeam-Adventskalender 2013 geschafft. Zora Jones gab sich derweil die Aufgabe, rund hundert Stücke einfach so für die Schublade zu produzieren, bevor sie sich an eine Veröffentlichung unter eigenem Namen machen wollte. Dieses Vorgehen war der Auffassung geschuldet, ein schnelles und frühes Raushauen von Material könne nur mit dem eigenen Perfektionismus in Kollision geraten. Ende 2015 komprimierte Jones dann den musikalischen Wust zu sieben Tracks auf einer EP, die sie unter dem Titel 100 Ladies ins Netz stellte. Das hier präsentierte Video ist aber keins zu einem 100-Ladies-Stück, sondern gehört zur Visceral-Minds-Serie, zu der natürlich auch Zora Jones etwas beigetragen hat, nämlich den auf den Punkt gebrachten Track Moonstar. Dessen dystopisch angehauchte Flimmer-Sounds und die Knusprigkeit des Bounce-Beats lassen einem die Nackenhaare hochstehen. Gekoppelt wurde Moonstar mit computergenerierten Bildern des Videokünstlers VL-TR. Die zeigen mit geradezu fetischisierendem Gestus einen Kampfjet, der in einer Art Showroom von Laserstrahlen abgescannt wird. Alle Visceral-Minds-Titel kann man aber inzwischen unabhängig von ihren Visuals downloaden. Und es steht sogar schon eine zweite Palette voller Visceral-Minds-Material zur Verfügung.

Zora Jones – Moonstar from FractalFantasy on Vimeo.

Zora Jones ist bei weitem nicht die einzige Frau, die in der Elektronik-Community Barcelonas kräftig mitmischt. Da wären zum Beispiel auch Sara Reig und Gemma Thuggie. Zusammen bilden sie das Dj-Duo Thug Ladies, sie sind aber auch als Solistinnen zugange. Gemma Thuggie veröffentlichte unter dem Alias Awwz zunächst auf dem US-Label Freshmore die EP Gals, 2016 brachte sie dann auf der Plattform Galaxxy Sandwich die EP Glid heraus, mit fünf Titeln, von denen einer das sehr schöne Awake ist; ein Low-Tempo-Stück, dessen ätherische Melancholie ein bisschen an das Repertoire des australischen Produzenten Flume erinnert, zieht man mal dessen Hang zum dicken Auftrag ab. Als bezaubernd lässt sich auch das Video zu Awake bezeichnen, dass Eloi Colom verantwortet hat. Dank allerlei optischer Tricks werden in ihm menschliche Körper in unmögliche Stellungen gebracht. Am liebsten ist mir der vermeintliche Handstand auf der Straße. Sicherlich sollen die einzelnen Sequenzen jeweils als Allegorien eines bestimmten Beziehungszustandes dienen. Bedeutungsschwerer Emo-Kram eben, dessen Poesie dennoch anziehend wirkt. Im Netz kann man sich eine interaktive Version des Clips anschauen.

Mmmh … ich muss sagen, dass mir in der zugegeben kurzen Zeit meiner Recherche nach Musik aus Barcelona gar nicht so viele interessante oder gar herausragende Clips untergekommen sind. Und das, obwohl die Stadt Sitz einer der wohl international innovativsten und gefragtesten Videoproduktionsschmieden ist: Canada hat erst kürzlich spektakuläre Visuals für Up All Night, die neue Single von Beck, veröffentlicht. Der folgende Clip zum Song El mirlo der Band Nueva Vulcano besitzt immerhin eine ganz charmante Narration. Die Regisseure Aitor Garay und Jordi Castells inszenieren ein doch recht unsympathisches Fest zum zehnjährigen Jubiläum des fiktiven Unternehmens Nueva Volcano Futuristic Designs. Es wird reichlich Alkohol ausgeschenkt, und eine Karaoke-Anlage ist in Betrieb. Zwischen der Dame am Mikrofon und einem ihrer Kollegen hat es gefunkt, doch bis sie schließlich zueinanderfinden, gilt es für den Mann so einige Hindernisse zu überwinden – glücklicherweise kommt ihm da die Rewind-Funktion zu Hilfe (oder ganz viel Fusel). Aus der Karaoke-Box plärrt – natürlich – El mirlo von Nueva Vulcano. Die Band selbst ist auf dem Bildschirm der Anlage zu sehen und reagiert wider den Gesetzmäßigkeiten auf das, was bei der Betriebsfeier gerade so geschieht. Nueva Volcano existiert schon seit 2004, die Mitglieder der Gruppe sind der Sänger und Gitarrist Albert Estrada, der Drummer Albert Guárdia und der Bassist Wences Aparicio. Alle drei wurzeln tief in der Rockszene der katalanischen Metropole. El mirlo ist ein gutes Beispiel für den äußerst poppigen Ansatz, mit dem die Herren von Nueva Volcano ans Postpunk-Genre herangehen und der im konkreten Fall durch den Gebrauch eines Xylophons unterstrichen wird. Insgesamt fühlt man sich beim Hören der Songs von Nueva Volcano ans Ende der achtziger Jahre zurückversetzt, als die US-Independent-Mucke ihre Hochphase hatte. Sicherlich besitzen Estrada und seine beiden Mitstreiter auch sämtliche Scheiben des SST-Labels. El mirlo ist auf ihrem vierten Longseller Novelería zu finden, der schon Anfang 2015 bei Bcore, dem wichtigsten Zuhause barcelonesischer Alternativmusik, erschienen war. Ein Jahr später hat Nueva Volcano noch die EP Nombre Y Apellidos ausgestoßen, doch seitdem ruht der Vulkan.

Ach, das ist rührend: Bassistin Blanca Lamar und Gitarristin Tuixén Benet performen im Studio 3 von Ràdio Arenys den Les-Sueques-Song Tu em caus molt bé in einer abgespeckten Version. Denn zuhause geblieben sind zwei weitere Mitglieder von Les Sueques: die Keyboarderin Raquel Tomàs und der Schlagzeuger Pau Albà, der verhindert, dass man der Band zu simpel das Siegel Frauenpower verpassen kann. Dieses Jahr stellten die vier MusikerInnen ihre neue Platte Moviment fertig, die sie unter anderem in London aufgenommen hatten. Tu em caus molt bé ist eines der elf Stücke auf dem Album. Die beiden Damen haben großen Spaß an der Darbietung, sie schauen sich dabei geradezu verliebt an. Ihre Stimmen sind nicht die kräftigsten, wecken aber auf angenehme Art und Weise die Erinnerung an den unschlagbaren Evergreen Por que te vas von Jeanette Anne Dimech aus dem Jahr 1974. Die Spannung zwischen einem zurückgenommeneren Spiel der Instrumente und dem Einsatz der Effektgeräte hält dabei bis zum Schluss. Die krachigeren Passagen von Tu em caus molt bé legen schließlich Zeugnis davon ab, dass es sich bei Les Sueques um eine amtliche Garagenband handelt.

Den Status, den das Sónar für die globale Elektronika-Szene hat, kann Primavera Sound hinsichtlich seiner Bedeutung für das Rock-Geschehen nicht für sich in Anspruch nehmen. Das seit 2001 jeweils in zeitlicher Nähe zu Sónar stattfindende Musikfestival hat aber, was die Besucherzahlen angeht, zum Beispiel das große, traditionsreiche, englische Vorbild Glastonbury längst überholt. Les Sueques durfte dieses Jahr auf dem Primavera Sound spielen. 2016 trat dort die Combo Power Burkas auf, und wie ein Video von ihrem Gig dokumentiert, haben Lokalmatadoren auf dem Festival in Sachen Publikumszuspruch nicht zwingend einen Heimvorteil. Dafür übernimmt die vierköpfige, ursprünglich aus Menorca stammende Band eben den dankbaren Job des Rausschmeissers aus dieser Ausgabe. Power Burkas ist gleichfalls bei Bcore untergekommen, nachdem die Gruppe ihr Debütalbum noch ganz ohne Hilfe einer Plattenfirma zustandegebracht hatte. Der untenstehende Clip wurde bei einem Live-Gig am 19. Mai 2016 in dem barcenolesischen Club Sidecar gedreht. Während die vier Burkas Aleix Marban, Claudi Dosta, Marcel Pujols und Martí Ferrer ziemlich unverhüllt dem Namen ihrer Formation alle Ehre machen und den Song Llarga vida al tarannà, was sich ins Deutsche mit „Es lebe die Güte“ übersetzen lässt, von der im selben Jahr erschienenen, gleichnamigen LP mit mächtig Druck durch Mikrofone und Verstärker jagen, geht vor der Bühne erkennbar die Luzie ab. Der von Madera Films produzierte Clip fängt die euphorisch-aufgeheizte Atmosphäre im Sidecar sehr gut ein. Und süß auch, wie die Jungs dann backstage noch auf den Zirkusmarsch aus der Konserve abfahren. Ohne auch nur ansatzweise zu behaupten, ein vollständiges Porträt der lokalen Musikszene abgeliefert zu haben, verabschiedet eareyeam sich hiermit von Barcelona. Adéu! Wohin wohl wird die Reise als nächstes gehen?

Ausgabe 2/17

Maurice & Die Familie Summen feat. Kryptic Joe / Großstadtgeflüster feat. Fatoni / Holy Fuck / Metz / Wolf Alice / Shabazz Palaces / Kevin Abstract / Jlin / Nick Hakim / Chad VanGaalen / Codé / Just Banco / Mount Kimbie

Wow. Musik mit deutschsprachigen Lyrics war selten so funky wie das Stück, das Maurice und seine Familie vom Stapel gelassen haben, bevor sie in die Sommerferien abgedüst sind. Maurice Summen ist ja bekanntermaßen der Mitbegründer und alleinige Geschäftsführer des wunderfeinen Berliner Labels Staatsakt, das die Grandezza besitzt, am Prenzlauer Berg als Firmenstandort festzuhalten – unbeirrt von Unkenrufen aus Kreuzkölln, das doch selbst schon vom Bionade-Biedermaier erfasst worden ist. Christiane Rösinger, Erfolg, Ja, Panik, Hans Unstern – diese Staatsakt-KünstlerInnen hat eareyeam in der Vergangenheit schon gewürdigt, natürlich ohne je dafür von Summen ein Sümmchen erhalten zu haben. Dessen eigene Band Die Türen, um die herum das Label 2003 gestrickt wurde, blieb dabei allerdings bislang außen vor. Dafür hat sich Maurice mit seinem neuen Soloprojekt umso mächtiger an die Spitze dieser eareyeam-Ausgabe gegroovt. Wobei: Das Wort „Solo“ ist nur ein schiefer Euphemismus für „keine Türen“, denn eigentlich hat Summen mit ganz viel Freundeshilfe sein Album Bmerica eingespielt, das am 6. Oktober auf Staatsakt erscheinen soll. Selbst Türen-Bassist Ramin Bajin war mit von der Partie und wird dann wohl auch der neunköpfigen Band angehören, mit der Summen in der zweiten Oktoberhälfte auf Tournee gehen möchte. Wie man hören und im obigen Video sehen kann, gibt’s in seiner Großfamilie sogar Holzbläser, die dem Track Zeit Zurück eine Portion Extra-Sahne verpassen. Das Stück ist also so etwas wie das Dessert vor Bmerica und zugleich eine Art Pro-und-Contra-Kommentar zur binär codierten Gegenwart. „Keine Angst vor Empfang / Keine Angst vor Nicht-Empfang.“ Maurice fasst seine Sehnsucht nach einem Ausstieg aus der digitalisierten Entfremdung in Worte, während er Kryptic Joe von Deichkind bittet, am Familientisch Platz zu nehmen, um – immun gegen jegliche nostalgische Anwandlung – an die glücklicherweise überwundenen Zumutungen der Prä-Internet-Epoche zu erinnern, als Mama und Papa Rot-Händle im Auto pafften. Ja, das war wirklich gefährlich damals. Dass Typen wie Summen und Kryptic Joe heutzutage vergleichsweise safe sind und trotzdem noch auf‘m Spielplatz mit Tüten voll Bier herumlungern können, musste mal heftigst gefeiert werden. Maurice und seine erweiterte Mischpoke zogen dafür in den wiedergeöffneten Festsaal Kreuzberg, wo sie beim Party machen von Yannick Riemer, Simeon Cöster und David Specht gefilmt wurden. Den daraus entstandenen Clip kürt Eareyeam zum definitiven Gute-Laune-Sommervideo 2017.

Der nächste Track ist doch wieder die Hinterlassenschaft einer durchzechten Nacht, oder? Großstadtgeflüster tauchte schon im eareyeam-LeserInnen-Poll 2015 in der Kategorie Lieblingsvideos auf. Damals hielt das Trio mit seiner Hymne Fickt-Euch-Allee der Welt den Stinkefinger entgegen und wurde deshalb vom Publikum zum Nachfolger von Seed auf dem inoffiziellen Posten der Berliner Stadtmusikanten bestimmt. Nach der Reggaetonisierung der Spreeuferböschung sollte es also zurück in die Rauchschwaden der Kiezkneipen mit ihren klebrigen Theken gehen. Da saßen die Bioberlinerin Jennifer Bender und der aus Bremen stammende Raphael Schulz aber bereits seit 2003. Nach drei Jahren Philosophiestudium am Stammtisch schafften sie mit ihrem Debütalbum Muss laut sein gerade mal so den Bachelor, denn damals wollte sie kaum einer hören. Und das änderte sich auch nicht, nachdem 2008 der Schlagzeuger Chriz Falk zu den beiden gestoßen war. Die folgenden zwei LPs wurden auf dem eigenen Label ChickenSoup-Records herausgebracht, 2013 gelang Großstadtgeflüster dann die Unterschrift unter einen Vertrag mit Sony. Die vierte Platte Oh, ein Reh kann als Masterarbeit gewertet werden, weil sich auf ihr der für die Band typische Elektropop-Sound mit Punkattitude und Hip-Hop-Anleihen konsolidierte und Bender, Schulz und Falk schließlich schnurstracks in eben jene Fickt-Euch-Allee einbogen, auf der sie beschlossen, in nächster Zeit nur noch EPs rauszuhauen, dann aber so richtig mit Ausrufezeichen! Keiner Fickt mich – hinter diese Klage hat Großstadtgeflüster mindestens drei solche gesetzt. So, wie Bender, Schulz und Falk den Refrain zum Besten geben, zielt der volle Kanne auf’s Mitgrölen nach dem achten Bier. Als Verstärkung konnten sie noch den feinen Fantoni gewinnen, was beweist, das Großstadtgeflüster nicht die öde provinzberlinische Nummer des München-Bashings abzieht, denn der Gastrapper kommt von der Isar und war einst Teil der Brass-Band Moop Mama. Zu den Lyrics von Keiner Fickt Mich liefert er die wirklich im Gedächtnis haften bleibenden Zeilen: „Ich ess‘ tausend Mürbteigplätzchen, um meinen Würgereiz zu testen“. Großstadtgeflüster hat das gemächliche Tempo, mit dem es über die Fickt-Euch-Allee gecruist war, nun weiter gedrosselt, die Keiner-Fickt-Mich-Beats sind noch scheppernder, und die sie begleitenden Soundgimmicks klingen albern genug, um der lamoryanten Stimmung des Gesprochenen/Gesungenen gründlich eins drüberzubügeln. Im dem von Urban Media Tree produzierten Keiner-Fickt-Mich-Clip machen Bender, Schulz, Falk und Fantoni sich an verschiedenen Orten – in einem Box-Gym, einer Karaoke-Bar, einem Späti – zum Horst, die als Assemblage ein trashig-rootiges Berln repräsentieren, das hoffentlich nicht nur in der Performance von Großstadtgeflüster überlebt. Das Trio kann auch schneller: Im Frühling erschien Wie man Feuer macht. Dieser Track lässt einen fast glauben, die Band wäre ein Audiolith-Act. Das hochtourige Stück gehört übrigens zum Soundtrack des Films Tiger Girl – noch so ein Fetisch für den Rauhes-Berlin-Kult.

Was jetzt kommt, klingt wie eine heruntergepitchte Variation von Mr Oizos Klassiker Flat Beat. Bird Brains ist auf dem Mist von Holy Fuck gewachsen, einer 2004 gegründeten Band aus Toronto, die neben herkömmlichen Instrumenten auch Geräte wie Kinderkeyboards oder eine Spielzeugpistole einsetzt, um einen Sound zu erzeugen, der elektronisch anmutet, ohne aber mit dem Laptop oder Synthesizer erzeugt worden zu sein. Ja, das kann dann einen so groben, geradezu primitiven Ton zum Resultat haben, wie er dem Stomper Bad Brains innewohnt. Das Youtube-Video eines Holy-Fuck-Konzerts von 2008 zeigt aber, dass die Band auch recht ätherisch-psychedelisch klingen kann – oder anstrengend-experimentell. Im selben Jahr machte die Zeitung Ottawa Citizen publik, dass die damals im Bund regierenden Konservativen ein Programm zur Finanzierung von Auslandstourneen kanadischer Musiker streichen wollten, mit dem expliziten Verweis darauf, dass von den Geldern auch eine Formation mit Schimpfwort im Namen profitiert hätte. Shit happens. Regisseurin Allison Johnston lässt im Video zu Bad Brains zwar nicht die nagetierähnliche Flat-Eric-Puppe auftreten. Doch auch sie bedient sich eines Stofftier-Charakters: Ein spitzschnabeliger Birdman gibt tanzend einer Clubcrowd mächtig Zucker. In einer Pressemitteilung schrieb Johnston dementsprechend, dass der Clip auf der Beobachtung beruhe, wie leicht die Masse der selbstbewusstesten Person im Raum folgen würde. Die im Clip inszenierte Fete sei, so Johnston, genauso, wie sie sich Partys in ihrer Jugend immer vorgestellt habe, bevor sie selbst auf eine eingeladen wurde. Früher wollte sie, dass Partys immer so seien wie Nellys Hot in Herre.

Ein Mitglied von Holy Fuck, Graham Walsh, hat sich auch mit Produzentenjobs einen Namen machen können. Zum Beispiel mischte er bei den ersten beiden Alben von Metz mit. Das Trio, bestehend aus Alex Edkins, Hayden Menzies and Chris Slorach, machte seinen ersten eareayem-Aufschlag in Ausgabe 4/13 und ist mittlerweile zu einer der Bands herangewachsen, die dem Ahornland den Ruf als Qualitätsexporteur in Sachen Gitarrenkrach sichern. Am 22. September wirft das allseits geschätzte Label Sub Pop den dritten Metz-Longplayer auf den Markt. Strange Peace wird der heißen, und vorab gibt es schonmal die Single Cellophane zu hören. Die demonstriert: Kaum einer kann auf seinen sechs Saiten so schön sägen wie Alex Edkins und dabei auch noch die eigene Stimme ins Johnny-Rotten-hafte changieren lassen. Während Metz mit Cellophane fast so etwas wie einen barocken Core hinlegt, ist das Video zum Song an Minimalismus kaum zu überbieten: Es bewegen sich allein und auch nur recht verhalten – animierte Hände. Wahrscheinlich ein Teil der Promo: Hallo, winke winke, hier sind wir. Kauft die neue Metz-LP. Dann lebt Noise länger.

Nicht ganz so kompakt wie Cellophane, stattdessen etwas nervöser und ausfasernder kommt der Titel Yuk Foo der britischen Band Wolf Alice rüber. Wolf Alice ist schon ziemlich big in ihrer Heimat, ihr Debütalbum My Love Is Cool schaffte es 2015 bis auf Platz zwei der UK-Charts. Ellie Rowsell und Joff Oddie fanden 2010 zusammen – als Folkpop spielendes Akkustikgitarrenduo. Sieben Jahre später und nach Einstieg von Bassist Theo Ellis und Drummer Joel Amey nehmen sie eine Position irgendwo zwischen The Duke Spirit und Royal Blood ein. Yuk Foo ist die erste Auskoppelung aus der Ende September erscheinenden, zweiten Wolf-Alice-LP Visions Of A Life. Richten sich die von Rowsell herausgeschrieenen Lyrics an eine/n Lover/in, den/die sie gerade verlässt? Jedenfalls wirft die Sängerin ihm/ihr vor, sie zu Tode zu langweilen. Allerdings richtet sich ihre Wut nicht nur gegen diesen einen Menschen, sie scheint praktisch auf jeden und alles einen Brass zu haben. Angsichts ihrer Performance in dem von Adam Powell gedrehten Video zu Yuk Foo, nimmt man Rowsell dieses Gefühl voll ab. Gut gebrüllt, Wolf Alice.

2014 führte Gastautor Ed Jeunet Shabazz Palaces auf eareyeam ein. Damals hatte das afrofuturistische Duo aus Seattle gerade sein zweites Album Lese Majesty herausgebracht. Diesen Sommer nun melden Ishmael Butler aka Palaceer Lazaro und Tendai „Baba“ Maraire sich mit gleich zwei Longplayern zurück: Quazarz: Born of a Gangster Star und Quazarz vs the Jealous Machines. Oh je, dieser Blogbeitrag droht zu einer Werbeveranstaltung für Sub Pop zu verkommen, denn wie das Metz-Album Strange Peace sind auch die beiden Shabazz-Palaces-Werke beim einstigen Heimatlabel von Nirvana erschienen. Was demonstriert, dass Sub Pop nicht an der Gitarrenwand haften geblieben ist. Aber darüber haben ja schon genug MusikkritikerInnen Worte verloren. Hinter dem Doppelass von Shabazz Palaces steckt erwartungsgemäß ein Konzept: Es dreht sich um Quazarz, einen fiktiven intergalaktischen Emissär, der Station auf der Erde macht, um mit ihren BewohnerInnen über Musik zu kommunizieren. Dabei beobachtet er die Genese von Hip-Hop, die Situation der People of Colour in den Vereinigten Staaten und ganz allgemein das Verhältnis der Menschen zu technischen Geräten. Keine Angst: Das Quazarz-Skript gemahnt zwar durchaus an das Sci-Fi-Musical auf Clippings letzter LP Splendor & Misery, ist aber nicht ganz so rigide und atemlos konstruiert. Shabazz Palaces lässt dem eigenen Free-Jazz-Vibe genügend Spielraum und schert sich weniger um unbedingte erzählerische Kohärenz. Allerdings unterscheiden sich die zwei Teilalben stark voneinander. Bei Born of a Gangster Star geht’s eher um Stimmungen, die Platte wurde 2016 innerhalb von zwei Wochen im Studio in Seattle mit Hilfe von Produzent Erik Blood herausgehauen – gebastelt aus ursprünglichen Bonustracks wie dem retrospektiven Shine A Light, bei dem Thaddillac als Gastmusiker beteiligt ist. Der Song hängt derzeit volle Kanne und zurecht in der Heavy Rotation von Radio Eins. The Jealous Machines ist dagegen programmatischer und über Monate hinweg in Südkalifornien unter Aufsicht von Sunny Levine entstanden, wie Pitchfork berichtet. Welcome to Quazarz kann als das große Erklärstück auf The Jealous Machine gelten. Seine Lyrics sind auf Genius zu finden, aber praktisch kein/e UserIn hatte bisher das Bedürfnis, dort eine Exegese dieser Palastrede zu posten. Vielleicht machen schon die ersten Worte nach dem Intro überdeutlich, worum es geht: Die Vereinigten Staaten von Amurderca sind im Post-Sprech-Zeitalter angekommen. Dort unterhält man sich nur noch per Waffe. Es scheint, als ob Text und Musik untrennbar mit dem Video verbunden sind, das Nep Sidhu zu Welcome to Quazarz gebastelt hat. Der in Toronto beheimatete Multimedia-Künstler entwarf zum Beispiel schon für das Künstlerkollektiv The Black Constellation, dem sich Shabazz Palaces zugehörig fühlt, eine Uniform. Für den Clip computeranimierte Sidhu eine Townscape, die nicht so richtig erkennen lässt, ob er sie als Tech-Utopia oder als Hölle angelegt hat.

Kevin Abstract ist bei eareyeam kein Unbekannter: Ausgabe 3/14 enthielt den Clip zu seinem epischen Track Drugs. Im Winter des vergangenen Jahres erschien sein Album American Boyfriend, auf dem Abstract seine Highschool-Zeit und seine damalige Auseinandersetzung mit dem eigenen Begehren thematisiert. American Boyfriend wurde von Michael Uzowuro produziert, der schon für Vince Staples and Vic Mensa arbeitete, dessen Name aber vor allem mit Frank Oceans Blond-LP in Verbindung gebracht wird, da Uzowuro den darauf enthaltenen Titel Nights mitgeschrieben und abgemischt hat. Oceans knappe öffentliche Ansage, sein Sexlife sei nicht eindimensional, verursachte aufgrund seiner Pole Position im Black-Music-Universum ziemlichen Wirbel. Kritik und Publikum klopften daraufhin jede Liedzeile, jeden Soundfetzen auf Blond und auch jedes die Platte begleitende Bild nach Indizien für Oceans Bisexualität ab. Der enigmatische Musiker gab aber nicht viel preis. Ohne dafür einen ähnlichen Beifall wie Ocean zu bekommen, äußerte Kevin Abstract sich auf American Boyfriend weitaus konkreter über die eigene Queerness – der Track Empty erzählt zum Beispiel von seiner Beziehung zu einem an der Schule allseits beliebten Footballspieler, der nebenher auch noch eine Freundin hatte. Und von Kevins Mutter, die mit der Orientierung ihres Sohnes so garnicht zurechtkam. Tatsächlich haute Abstract mit 17 Jahren von zuhause ab. Das dazugehörige, von ihm selbst gedrehte Video zu Empty spitzt die Realität noch zu, wenn in ihm der Footballer von seiner Freundin beim Oralsex mit Kevin erwischt wird, woraufhin er sich im Swimming Pool ertränkt. Eine Suburban Love Story eben. In dem energetischeren, vorwärtstreibenderen Breitwandtrack Miserable America macht Abstract noch einmal die Homophobie seiner Mutter zum Thema der Lyrics, schneidet sie aber mit dem Rassimus der Eltern seines Boyfriends. Letztere haben absolut nichts gegen Schwule, nur schwarz dürfen sie halt nicht sein. Ganz besonders einprägsam ist bei Miserable America der gemischtstimmige Gospelchor, der Kevin Abstracts Klage über die bigotte, feindselige Umgebung mit einem penetranten „I don‘t care“ wegzuwischen versucht. Auch den Miserable-America-Clip, der erst seit einer Woche auf Youtube zu finden ist, hat Abstract selbst verantwortet. Das Video zeigt ihn kopfüber von der Wohnzimmerdecke eines Hauses hängend, in dem ein älterer weißer Herr namens Mr. Red ein Conversion Camp betreibt. Sprich: Abstract soll von dem Mann umgepolt werden. Schwarze Cheerleaderinnen wackeln um den Hängenden gequält mit der Hüfte, bis eine der Damen endlich zur Waffe greift und Mr. Red zur Strecke bringt. Die Truppe sitzt anschließend lachend und Sekt trinkend auf der Couch, während Abstract wie wild neben der Leiche von Mr. Red tanzt. Das ist ganz schön harter Stoff aus Donaldistan, wo die Adressat*innen des reaktionären Hasssprechs sich oftmals dazu gezwungen sehen, mit möglichst drastischen Mitteln zu kontern. Verwunderlich, dass in der Kommentarspalte unter dem Video noch kein Krieg tobt, aber womöglich hat Youtube sich extra dafür mal eine gründliche Moderation geleistet. Kevin Abstract hat ja auch das Rapper-Kollektiv Brockhampton mitgegründet, und die Visuals für die Tracks der Crew dreht ausschließlich er. Will man Abstract derzeit in den USA auf der Bühne sehen, kriegt man gleich ein ganzes Paket von MCs on top.

Jlin’s Rhythmen werden gerade als der hotteste Shit gehandelt. Sie haben sich aus dem Chicagoer Footwork-Universum herausgeschält – und an den Reglern und Knöpfen dreht mal nicht der erwartbare weiße Brillenjunge. Jlin ist Jerrylinn Patton aus Gary, Indiana. Ihren Maschinen entlockt sie vielschichtige, perkussiv-technoide Tracks, die einen in Erstaunen darüber versetzen, dass solche Musik gedacht werden kann. Um sich die eigene Künstlerexistenz ökonomisch abzusichern, arbeitete Patton in der Vergangenheit in einem Stahlwerk, verneint aber, dass dieser Job irgendeinen Einfluss auf ihre Sounds gehabt hätte. It’s not that simple. Wahrscheinlich war die Kritik ihrer Mom an den ersten eigenen musikalischen Gehversuchen das viel härtere Stahlbad für Jlin. Ihr Track Erotic Heat, der 2011 auf der Footwork-Compilation Bangs & Works Vol. 2 des britischen Planet Mu Labels erschien, ließ die Musikkritik erstmals auf Jlin aufmerksam werden. Ihr Debütalbum Dark Energy wurde dann frenetisch bejubelt und von The Wire zur Platte des Jahres 2015 gewählt. Soeben ist Black Origami, ihr zweites Album, veröffentlicht worden – ebenfalls auf Planet Mu. Im Vorfeld hat sie sogar olle Simon Reynolds, der ansonsten überall in der Musik nur noch Retro wittert, für den Guardian interviewt. Bei den Aufnahmen zu Black Origami kollaborierte Jlin unter anderem mit Holly Herndon und der südafrikanischen Rapperin Dope Saint Jude, die ja auch ein eareyeam-Liebling ist. Jlin besitzt zudem über Footwork hinaus eine hohe Affinität zu Tanz. Sie pflegt eine kreative Partnerschaft mit der indischen Performerin Avril Stormy Unger, und gerade ist sie mit dem britischen Choreographen Wayne McGregor zugange. Für das Video zum Black-Origami-Track Carbon 7 hat die in Berlin ansässige Regisseurin Joji Koyama aber Corey Scott-Gilbert in einen großen Werkstattraum irgendwo in Oberschöneweide gesteckt. Dort lässt der Tänzer auf atemberaubende Weise die Grenze zwischen Mensch und Avatar selbst noch in der kleinsten Gesichtzuckung verschwimmen. Und hebt damit den futuristischen Dreh in Jlins Musik stärker hervor. Für eareyeam bisher ganz klar der beste Dance-Clip des Jahres.

Ein Liebeslied gefällig, das sich im Schritttempo zwischen R‘n'B und Psychedelic Folk bewegt? Nehmt doch Roller Skates von Nick Hakim. Der Mann kommt aus Washington D.C. und hat am Berklee College of Music Musiktherapie studiert. Auf Pitchfork schreibt der Autor einer Rezension von Hakims Debütalbum Green Twins, man würde diesem die Studienwahl des Künstlers anmerken. Die Mitte Mai erschienene Platte habe eine therapeutische Wirkung, jede der in ein Summen und Brummen gekleideten Reflektionen Hakims sei heilsam, würde dampfen bis zur Katharsis. Was Nostalgisches heftet dem Werk aber auch an – wer betitelt heutzutage schon einen Song nach den Rollschuhen vom Ende der siebziger Jahre? Selbst Inline Skates gelten längst als Schnee von gestern – die mit den vier Rädern unter der Sohle sind dies erst recht. Der kurze Text von Roller Skates dreht sich aber garnicht um selbige. Vielmehr geht’s darum, dass man Gefahr laufen kann, eine Liebesbeziehung als zu selbstverständlich zu nehmen, wenn sie schon längst fragil geworden ist. Der Schöpfer des tollen Animationsvideos zu Roller Skates hat den Songtitel dann doch wörtlich genommen. Zeichner und Musiker Micah Buzan entwarf für den Clip ein Panoptikum trauriger Figuren, die an einer Rollschuhbahn zusammenkommen. Jede von ihnen kann das nicht haben, wonach es ihr gerade verlangt: etwa ein Stofftier aus dem Automat, sportliches Talent, soziale Kontakte oder gar die große Liebe. Die Nichterfüllung verschiedener Wünsche hat Autodidakt Buzan in sehr schönen, teils slapstickhaften Sentenzen visualisiert. Schließlich vereinigen sich die Charaktere mit ihren Mängeln und ungestillten Bedürfnissen tanzend auf der Rollschuhbahn, nachdem sie von einer weiteren Figur, bei der es sich wohl um Nick Hakim selbst handelt, auf den Geschmack gebracht worden sind. Ein versöhnliches Ende, das selbst den Stofftieren aus dem Automat eine Ausfahrt gönnt.

Auch das Video zu dem Lied Pine and Clover von Chad vanGaalen ist animiert. Hier stammen die Zeichentricks gar vom Musiker höchstpersönlich. Denn der greift nicht nur in die Saiten, sondern immer wieder auch zum Stift. Eareyeam hatte schonmal einen Clip, für den der Mann aus dem kanadischen Calgary sowohl die Tonspur als auch die Visuals besorgte, im Programm. In der Ausgabe 4/14 traten vanGaalens Monster auf, in all ihrer schönen Hässlichkeit. Die Wesen, die sich für Pine and Clover häuten, aufblasen oder Vielfältiges absondern, haben dagegen eine etwas gefälligere Erscheinung. Sind es Mikroben oder unbekannte BewohnerInnen des Meeres? Aber was soll dann der ballspielende Mann auf dem Saturn? Und überhaupt: doch etwas gruselig, das undeutliche, sich verzerrende Gesicht, das in dem Video immer wieder eingeblendet wird. Chad vanGaalen selbst beschreibt den Clip laut DiY Magazine so: „Der Stil und die Beschaffenheit der Animation richtete sich danach, wie lange ich auf einem Stuhl sitzen und zeichnen konnte, ohne von meinem wundervollen Gemüsegarten abgehalten zu werden. Dessen Schönheit hat mich dazu inspiriert, Szenen nach dem zu zeichnen, was ich im Garten so alles entdeckte. Selbstredend, dass es im Garten eine Menge Kopfsalat gab.“ Pine and Clover ist auf Light Information, dem sechsten Studioalbum Chad vanGaalens zu finden. Das erscheint am 8. September und ist – natürlich – ein Produkt aus dem Hause Sub Pop. Das Label aus Seattle hat, wie es scheint, einfach gerade einen guten Lauf.

Die abstraktesten Visuals dieser eareyeam-Ausgabe bietet das Video zum Track Retreatment. Die Farbexplosionen in dem von DJIZEZ produzierten Clip wollen sich partout nicht zu etwas Figürlichem formieren, während der von Codé losgeschickte Beat nur schwer und schleppend vorwärtskommt. Über das Projekt Codé lassen sich im Netz fast null Informationen finden. Wahrscheinlich versteckt sich hinter dem Alias ein Franzose namens Benjamin Bouffénie. Schließlich ist Codé auch beim Label Tentacule Records untergekommen, das in der westfranzösischen Stadt Bordeaux residiert und dessen Schwerpunkt eigentlich auf Sounds aus Afrika liegt. Retreatment befindet sich auf der Debüt-EP von Codé, zu der Tentacule eine kleine Fake Story aufgefahren hat: Das Projekt verfügt demnach am Ende des 22. Jahrhunderts über die letzten Soundsamples in einer grausamen Diktatur, die die Musikproduktion und -speicherung unter Strafe gestellt hat. Nachdem es kein sicheres Versteck mehr auf der Erde gibt, entkommt Codé mitsamt den Samples in einer Rakete Richtung Weltall. Na ja, Codés Töne sind letztlich doch viel spannender als diese Schmalspur-Sci-Fi. Wer will, kann die gesamte EP bei Bandcamp streamen oder heunterladen. Und habt bitte noch ein paar Klicks mehr für das schon Ende Juni auf Youtube gepostete Video übrig – als die bisher mageren 200.

Hier kommt nun eines der Talente aus der jüngeren Manchester-Szene, der ja auch das eareyeam-Lieblings-Hip-Hop-Kollektiv Levelz angehört. Dem 22-jährigen Just Banco ist dank des Produzenten Just Loco und unter Anwendung geringster Mittel ein ultramelancholisches, dopiges R‘n'B-Stück gelungen. Can‘t Stay basiert auf einen durchgängig geloopten Synthieklavierriff, der aus gerade mal drei Tönen besteht. Davor und dahinter hat Just Banco eine Menge Atmo geschaffen, beispielsweise durch halliges Geistergeheule, das er sich bei Burial geborgt haben mag. Auch die anderen Tracks, die der Mancunian bisher auf Soundcloud gepostet hat, lassen darauf schließen, dass zukünftig mehr von ihm zu hören und zu sehen sein wird. Das zu Can‘t Stay gehörende Video ist von Oliver Brian Productions geschneidert worden, die Bilderklitsche aus Sheffield hat den Clip so reduziert gehalten, wie es die Musik verlangt. Eine unbekannte Begleiterin im Kimono auf dem Bett und eine Posse aus Jungs, die allesamt Mundschutz tragen, vor einem Gebäude mit Art-Déco-Neonschrift: Das muss reichen, um eine fernöstliche Anmutung zu suggerieren. Ach ja, und wohin geht Just Banco denn nun eigentlich, wenn er die Nacht weder bei der Dame noch seiner Gang verbringen darf? Etwa heim zu Mom und Dad, die ihm verboten haben, nach Mitternacht auf der Straße zu sein?

Den Rausschmeißer stellt Mount Kimbie. Das britische Duo hatte es ja mit Cold Spring Fault Less Youth auf den ersten Platz der Kategorie Lieblingsalben im eareyeam-LeserInnen-Poll 2013 geschafft. Alllein schon deshalb soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Veröffentlichung von Love What Survives, der dritten LP von Dominic Maker und Kai Campos, kurz bevorsteht. Ab 8. September soll die Scheibe käuflich erwerbbar sein, und Ende Oktober beginnt Mount Kimbie eine ausgedehnte Europa-Tour mit mehreren Stationen in Deutschland und der Schweiz. Für Love What Survives haben Maker und Campos mit James Blake und Micachu zusammengearbeitet – und erneut mit King Krule, dessen unverwechselbare Stimme schon zwei Tracks auf Cold Spring Fault Less Youth geprägt hatte. Nun steuert der König auch die Vocals zu Blue Train Lines bei, der mittlerweile dritten Vorab-Single vom kommenden Longplayer. Mit seiner Röhre gibt er dem Stück, bei dem die Schläge auf die Hi-Hat tatsächlich ziemlich lange der Basstrommel wie ein Schnellzug vorauseilen, eine überraschend punkige Note. Ist die Eisen- auch als Blutbahn zu verstehen? Das dazugehörige Video hat Frank Lebon gedreht, dem Macher des Clips für den Frank-Ocean-Track Nikes. Es taucht in die historischen Untiefen der Wissenspeicherung und -produktion ein, denn Lebon stellt den kolonialen Blick von Anthropologen auf das Leben eines indigenen Amerikaners nach. Hierfür bedient der Regisseur sich der Dokumente über einen realen Fall – den eines Mannes namens Ishi, der 1865 das Three Knolls Massaker überlebt hatte, bei dem praktisch die gesamte Yahi Nation ausgerottet wurde, und den die Behörden zu Studienzwecken an die University of California verbracht hatten. Fünf Jahre später starb Ishi an Tuberkulose. Die schnellen Schnitte des Videos, in das Ansichten akademischer Räumlichkeiten montiert sind, erzeugen eine starke Sogkraft. Forschung kann zugleich aufklärend und sexy, aber auch sinister sein, zeigt der Clip. Davon können Klangforscher ein Lied singen.

Ausgabe 1/17

Death ist ein US-amerikanisches Trio, das 1971 in Detroit von drei schwarzen Brüdern gegründet wurde: Bobby (Bass und Gesang), David (Gitarre) und Dannis Hackney (Schlagzeug). David hatte damals ein Konzert von The Who besucht und schlug daraufhin seinen Geschwistern vor, eine ähnliche Art von Musik zu machen wie Pete Townshend und Roger Daltrey. Die Brüder ließen sich ebenso von der Band um Vincent Damon Furnier alias Alice Cooper inspirieren, der wie sie aus der Auto-Metropole an der Grenze zu Kanada stammte. Die Hackney-Brüder wohnten in Briggs, bekannt als North Corktown – ein Viertel in der Innenstadt Detroits, in dem sie auch aufgewachsen waren. Sie begannen zuhause zu proben und Demos aufzunehmen. Ihre ersten Konzerte vor Publikum gaben sie in der elterlichen Garage. Weil sie professionelle Aufnahmen ihrer Songs machen wollten, wandten sie sich 1975 an das legendäre Plattenstudio United Sound Systems, in dem 1959 die erste Scheibe für Berry Gordy’s Label Tamla aufgenommen worden war. Das Studio befindet sich noch heute an demselben Standort, an dem Death damals ihre Instrumente auspackten, in der Hoffnung, einen Plattenvertrag zu ergattern. Es ist jedoch seit Jahren vom Abriss bedroht, da es dem Ausbau einer Autobahn Platz machen soll. Insgesamt sieben von David und Bobby geschriebene Songs wurden bei United Sound Systems aufgenommen.

Musikalisch stand Detroit damals in voller Blüte. Die Firma Motown, die aus dem Label Tamla hervorgegangen war, veröffentlichte all die großartigen Hits, für die sie auch heute noch berühmt ist. Aber es war eben auch die Ära des Soul und des aufkommenden Disco-Sounds. Die Plattenfirmen fanden die Musik von Death und den Bandnamen zu furchterregend. Sie gaben dem Trio deshalb niemals eine richtige Chance. Clive Davis, damals Chef von Columbia Records, der laut der Familie Hackney die Aufnahmen bei United Sound Systems finanziert hatte, bot den Brüdern einen Vertrag an für den Fall, dass sie dazu bereit wären, ihre Gruppe umzubenennen. David, der Frontmann von Death sagte daraufhin zu Bobby und Dannis: „Mann, wenn sie Dich danach fragen, den Namen zu ändern, und Du machst das auch noch, dann werden sie Dich danach fragen, alles andere auch zu ändern.“ Die Realität war, dass Death eine komplett neue Art von Musik machte. Die Band wurde nicht nur wegen ihres Namens von der Industrie und vom Publikum abgelehnt, sondern auch dafür, dass sie zugleich schwarz waren und schnellen, harten Rock‘n'Roll spielten.

Death konnte also auch nicht in Detroits weißer Punk-Szene Fuß fassen, die ab Mitte der siebziger Jahre entstand. Ist vom Punkrock dieser Zeit die Rede, werden normalerweise die „großen Drei“ angeführt: Ramones, Sex Pistols und The Clash. Die Ramones aus New York brachten ihr gleichnamiges Debüt im Frühjahr 1976 heraus, eine Platte, die der Band zu Starruhm verhalf – mit schnellen, harten und oft nicht mal drei Minuten langen Anthems wie Blitzkrieg Bop und Judy is a Punk. Was vielen bis heute nicht bewusst ist: Zwei Jahre vor der Veröffentlichung der ersten Ramones-Scheibe, knapp über 600 Meilen entfernt in Detroit, hatten die Death-Mitglieder schon eine Art Punk-Sound und -Haltung konsolidiert – mit der Untergrund-Zirkulation ihres Songs Politicians in My Eyes. Im Jahr des Ramones-Debüt brachte Death dann die bei United Sound Systems entstandene Aufnahme des Stücks, mit Keep on Knocking auf der B-Seite, auf den Markt – im Selbstverlag (auf dem eigenen Label Tryangle) und in einer Auflage von gerade mal 500 Stück. Das fast sechs Minuten lange Epos Politicians in My Eyes fügt die Sounds des rasanten Punk und des R‘n'B mit Lyrics zusammen, die jene politischen und sozialen Botschaften transportieren, für die viele Punkbands heute bekannt sind. In den Lyrics heisst es: „The number one biggest game / It’s when they gain the most fame / It’s like a race to the top / Because they wanna be boss / They don‘t care who they step on / As long as they get along / Politicians in my eyes.“

1977 lösten die Hackneys ihre Band auf. Sie waren der Strapazen müde und zogen nach Burlington, Vermont, um. In den frühen achtziger Jahren veröffentlichten sie als The 4th Movement zwei Alben mit Gospel-Rock. David kehrte 1982 allerdings nach Detroit zurück und starb dort 2000 an Lungenkrebs. Die Story von Death ist auch die von David, die eines „Loser“, der seinen eigenen Weg gehen wollte und das schließlich auch tat. Bobby erzählt, dass ihm David kurz vor seinem Tod die Masterbände mit den gemeinsamen Aufnahmen übergeben habe. David habe sie Zeit seines Lebens wie einen goldenen Schatz gehütet. Er soll zu Bobby gesagt haben: „Behalte sie und bewahre sie gut auf, denn eines Tages wird jemand kommen und sie verstehen.“ Bobby und Dannis Hackney wohnen nach wie vor in Vermont und spielen in der Reggae-Band Lambsbread. 2008 gründeten wiederum die Söhne von Bobby (Julian, Urian und Bobby Jr.) die Band Rough Francis, die die Songs von Death coverte, nachdem die drei die alten Aufnahmen ihres Vaters und ihrer Onkel im Netz entdeckt hatten.

Ironischerweise kam Death selbst dann doch noch zu einem gewissen Erfolg, als das meiste ihres Materials 2009 wiederveröffentlicht wurde. Unter dem Titel …For the Whole World to See brachte Drag City Records alle sieben bei United Sound Systems aufgenommenen Songs auf CD und LP heraus. Im September desselben Jahres spielte das wiedergegründete Death-Trio drei Konzerte – mit den Original-Mitgliedern Bobby und Dannis Hackney, sowie mit Lambsbread-Gitarrist Bobbie Duncan, der nun Davids Platz einnahm. Inzwischen gibt es zwei weitere Studioalben von Death: III aus dem Jahr 2014 und das 2015 entstandene N.E.W.. Die Karriere von Death kombiniert familiäre Verbundenheit mit persönlicher Tragik und ist eine einzigartige Geschichte von Brüdern, die niemals aufgaben und Musik auf höchstem Niveau zustandebrachten. Mittlerweile gelten sie als die erste schwarze Punkband (Ach, zur Hölle … als erste Punkband überhaupt!), die damals einen Sound machte, der seiner Zeit unglaublich voraus war, und erfahren endlich die längst überfällige Anerkennung als wahre Rockpioniere.

eareyeam Selection by Dig It Sound System