Ausgabe 1/13

Schorsch Kamerun / Big Zis / The Uncluded / Shugo Tokumaru / James Blake / My Bloody Valentine

Ist das jetzt sein musikalischer Kommentar zur Gentrifizierung? Der güldene Zitronen-Schorsch hat Anfang Februar eine Platte mit dem Titel Der Mensch lässt nach auf Buback Tonträger veröffentlicht. Sie enthält Songs aus Stücken aka Performances, die Kamerun in der letzten Zeit in den Stadttheatern des deutschsprachigen Raums inszeniert hat. Und darunter befindet sich auch Unabhängigkeit ist keine Lösung für moderne Babies. Eine catchy Phrase, die man super mitsingen kann zu minimalistischer Musik, die nach hinten raus regelrecht zur Hymne wird. Und was soll das jetzt mit urbanen Aufwertungsprozessen zu tun haben? Na ja, vielleicht weil Kamerun in den Lyrics und mit Ko-Regisseurin Katja Eichbaum auch im dazugehörigen Clip die besungenen „modernen Babies“ in Stadtvierteln verortet, in denen gerade der Gentrifzierungsbär steppt? St. Pauli, Kreuzkölln usw.. Wobei Kamerun nicht etwa konkret über Preistreiberei auf dem Mietenmarkt oder die Nachfrage der „Babies“ nach Eigentumswohnungen in Szenequartieren singt. Seine Karikatur von VertreterInnen der jüngeren Generation (so lässt sich das Wort „Babies“ interpretieren) bezieht sich viel allgemeiner auf deren Hang zum dumpfbackigen Vergnügen, auf die Annahme, mit dem Tragen von Markenklamotten und -schuhen bedeutungsvolle Aussagen zu treffen und darauf, dass sie der Realität kein eigenständiges, kritisches Denken entgegenzusetzen vermögen. Aber ist diese Kritik nicht selbst zu simpel gestrickt? Weder sind diese Phänomene nur auf junge Leute beschränkt, dann kann man aber nicht mehr von „Babies“ sprechen, noch sind sie exklusiv in den hippen Gegenden der Ballungsräume anzutreffen. Die gibt’s doch überall. Und schließlich sind nicht alle Jüngeren fremdgesteuerte KonsumentInnen, die insbesondere den traditionellen hot spots noch die letzten Tropfen Widerständigkeit aussaugen, wie die im Video gemachte Referenz an die Teenage-Vampir-Serien der letzten Jahre nahelegt. Aber so‘n bisschen hebt der Schorsch eben doch den Altherren-Zeigefinger gegen das junge Gemüse, das mit unangemessenem Lifestyle in die angestammten Territorien drängt. Oder sollte man die Sache völlig entgegengesetzt lesen? Und Kamerun verballhornt distinktionsfreudige Poplinke, die sich auf das leicht zu treffende Angriffsziel des „Spaß-Hipsters“ eingeschossen haben, selbst aber auch nur eine vage Vorstellung von der richtigen Ware im falschen Leben formulieren können? Ach, was auch immer: Kunst ist nach allen Seiten offen, und außerdem könnte auch noch der Einwand gebracht werden, das Video ist nur als Ausschnitt von Kameruns Konzertinstallation Sender Freies Düsseldorf am Schauspielhaus der NRW-Landeshauptstadt zu verstehen, deren Mitwirkende in dem Clip das „Baby“-Dasein re-enacten. Und da geht es wohl in der Hauptsache um die Verflachung der Kulturprogramme im Zuge ihrer betriebswirtschaftlichen Optimierung. Das Thema Gentrifizierung in seiner enger geführten Definition wird also von Unabhängigkeit ist keine Lösung für moderne Babies nur ganz, ganz leicht gestreift. Weil die MedienmacherInnen und ihre EmpfängerInnen sich nicht gerade zufällig oft auch an jenen Orten aufhalten, deren Grund- und Geschossflächen ebenfalls Profitabilisierungsschübe erfahren. Aber kann man denn überhaupt über Gentrifizierungsprozesse Lieder machen? Müssen die nicht umso peinlicher sein, je konkreter sie die Sache beschreiben? Ist das nicht langweilig, wenn in den Lyrics hauptsächlich gewohnt (oder nicht mehr) statt geliebt (oder nicht mehr) wird? Wer über einen misslungenen oder guten, aber zumindest interessanten Gentrifzierungs-Song stolpert: bitte diese Fundsache bei eareyeam abgeben. Die wird dann hier präsentiert – unter der Rubrik Der Sound zur Verdrängung.

Und wo wir schon dabei sind: Das Institut für vergleichende Irrelevanz (IvI) in Frankfurt am Main ist in Gefahr; einer der wenigen Hochschulräume hierzulande, in denen Universität nicht als exzellent oder bolognaseweis daherkommt. Und letztlich auch einer der wenigen nicht-kommerziellen, selbstverwalteten Veranstaltungsstätten in der Bankenmetropole. Seit rund zehn Jahren residiert das IvI im ehemaligen Seminargebäude des Fachbereichs Amerikanistik der Johann-Wolfgang-Goethe-Uni. Am 15. Februar hat das Landgericht Frankfurt einer Räumungsklage der Immobiliengesellschaft Franconofurt AG stattgegeben, die das Haus 2012 von der Uni gekauft hat. Kann man sich ja denken, was die mit der Liegenschaft anfangen möchte. Die IvI-NutzerInnen haben jedoch angekündigt, nicht einfach so zu weichen. Über Soli-Aktionen informiert der Ivi-Blog. War da nicht schon mal was im Frankfurter Westend?

Nicht nur dem IvI, auch der Binz, einer besetzten Fabrik in Zürich, wird es an den Kragen gehen. Der Räumungstermin ist vorraussichtlich im Mai. Auf dem 6.000 Quadratmeter großen Gelände sollen nach seiner Entkontaminierung Wohnungen für Spitalangestellte und StudentInnen entstehen. Klingt eigentlich erstmal vernünftig, angesichts der Wohnraumknappheit in der Little Big City. Verloren ginge dafür aber ein ziemlich besonderer, abgedrehter Ort: eine soziale Plastik, in der schon 50-60 Menschen leben und die von vielen weiteren genutzt wird. Die BinzlerInnen versuchen gerade die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Eine ihrer Unterstützerinnen ist die Musikerin und Rapperin Big Zis. Längst schon hätte sie bei eareyeam vorkommen sollen, aber die Veröffentlichung ihrer letzten LP liegt drei Jahre zurück. Jetzt wäre der Release ihrer EP 819215 in der Adventszeit auch fast untergegangen. Aber nur fast. Die Videos zu den vier auf ihr enthaltenen Stücken hat sie alle in der besetzten Fabrik gedreht. In ihnen wird Big Zis jeweils während einer einzigen ungeschnittenen Aufnahme auf einem weißen Stuhl sitzend durch die riesige, eindrucksvolle Halle der Binz gezogen, so auch in dem Clip für den Track Mojo. Währenddessen intervenieren die BinzlerInnen mit dadaistischen Übersprungshandlungen und setzen das abenteuerspielplatzartige Interieur in Schwingung. Die Halle wird so zur eigentlichen Hauptdarstellerin des Videos: Schöner Wohnen in der Autonomen Zone. Und Big Zis beweist, dass sich Funky Tunes und Züridütsch nicht gegenseitig ausschließen, während sie ihren ZuhörerInnen in schwesterlicher Fürsorge die Angst vorm Alleinsein nimmt.

Da haben zwei recht eigenwillige Gestalten Gefallen aneinander gefunden: Der New Yorker Indie-Rapper Aesop Rock und Kimya Dawson, die Anti-Folk-Queen und Ex-Sängerin der Moldy Peaches machen schon seit einiger Zeit gemeinsam Musik, wann immer es ihre sonstigen zahlreichen Projekte zulassen. Als The Uncluded veröffentlichen die beiden bald einen Longplayer mit dem Titel Hokey Fright. Vorab gibt’s die Single Earthquake, die sich exemplarisch mit dem Grundthema der ganzen Platte, nämlich der Vergänglichkeit alles Lebenden, auseinandersetzt. Allerdings auf eine recht skurrile und verschrobene Weise, der das Video, in dem Aesop Rock und Dawson eine regelrechte Kinderzimmerregression exerzieren, noch mal eins draufsetzt. Earthquake ist ein hörenswertes Amalgam der jeweiligen musikalischen Herangehensweisen der beiden. Seinen Reiz hat aber auch das Stück That Cat has Worms.

Wow! In das nächste Video hat jemand echt viel Arbeit reingesteckt: Per Stop-Motion-Technik wurden hier im Sekundentakt insgesamt 2.000 Scherenschnitte aus Kunststoffmaterial hintereinandergereiht – als Illustration von Shigo Tokumaros Track Katachi, einem Song, der wie eine Mischung aus dem Easy Listening-Sound von Pizzicato Five und einem Stück der US-Indie-Band The Dodos daherkommt. Wobei: Tokumaro, ein Singer/Songwriter (Jahrgang 1980) aus Tokio, gibt die Beach Boys ebenso wie traditionelle japanische Musikgenres als seine Inspirationsquellen an. Der Clip ist im übrigen nicht, wie vielleicht vermutet werden könnte, von einem Origami-Spezialisten aus Nippon zusammengefaltet worden, sondern er ist das Werk der polnischen Animationsfilmer Kijek und Adamski. Dem Blog Make: haben sie verraten, wie sie die Bastelei bewerkstelligt haben.

Ist ja krass: Hat James Blake (oder vielmehr der Regisseur Martin de Thurah) etwa hellseherische Fähigkeiten? Im Video zu Blakes neuer Single Retrograde sucht ein Meteorit die Erde heim, und Tage nach Veröffentlichung des Clips wird tatsächlich die russische Stadt Tscheljabinsk von einem solchen Gestirn aus dem All getroffen. Durch die Luft schwirren die Souvenirs aus der Vergangenheit des Weltraums, auf dem Boden lodern Feuer. Retrograde ist Vorbote für Blakes kommendes Album Overgrown und das kongeniale Nachfolge-Stück von Limit to Your Love. Kaum einer kann schöner traurig singen. Ein Musiker namens Syler J. hat den Song dann aus dem Ural ins Wohltemperierte transponiert.

Ach, beim Hype um My Bloody Valentine macht eareyeam doch gerne mit. Ganze 22 Jahre dauerte es, bis die irisch/englische Band um Frontmann Kevin Shields eine Nachfolgerin der legendären Platte Loveless zustande gebracht hat. Das Ergebnis mit dem Titel mbv ist im Feuilleton abgefeiert worden wie nur selten ein Longplayer in der letzten Zeit – weil die heutigen MusikredakteurInnen früher alle mal kleine ShoegazerInnen in der Indie-Disco waren. Bis jetzt kann man sich mbv nur von der Homepage der Gruppe herunterladen. Alle Songs sind aber auch auf Youtube zu finden. Der Eareyeam-Favorit ist Only Tomorrow, ein typisches My Bloody Valentine-Stück, aus dessen Gitarrengrundmauern sich nur langsam eine nachvollziehbar strukturierte Melodie herausschält, die sich dann aber umso penetranter ins Gedächtnis einfräßt.