Lieblingsfilme 2015

Platz 1
Victoria macht das Rennen. Und das mit einer so hohen Stimmenzahl wie noch kein anderes kulturelles Produkt in der Geschichte des eareyeam-LeserInnen-Poll. Gleich fünf TeilnehmerInnen votierten für den Film von Sebastian Schipper. Obwohl der Regisseur laut dem taz-Autor Bert Schulz ein Spreeathen jenseits aller Hauptstadt-Hipness zeigt, hat natürlich genau diese Tatsache Victoria megahip gemacht. Das Werk übernimmt also den Staffelstab für den ultimativen Berlin-Streifen von Lola-Rennt-Regisseur Tom Tykwer. Die sich in Echtzeit abspielende Geschichte von der spanischen Teilzeitberlinerin Victoria und ihrer Zufallsbekanntschaft mit den vier Bioberliner Jungs Sonne, Boxer, Blinker und Fuß ragt deshalb über so viele andere in jüngerer Zeit in Kreuzberg oder Neukölln gedrehte Filme hinaus, weil sie in einem einzigen Take eingefangen wurde. Immerhin 140 Minuten hing der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grøvlen ohne Pause an den ProtagonistInnen dran – zwischen Clubbesuch und Banküberfall. Insgesamt drei Durchgänge fanden statt. Angeblich war es der letzte, der dann von Schipper für kinotauglich erklärt wurde. Das Geld, dass der Regisseur sich für den/die Cutter/in sparte, floss in längere Proben und hoffentlich auch in eine Zulage für Grøvlen, der mit dieser Arbeit jedenfalls Sportsgeist bewiesen hat. Die fünf Stimmen sind für Dich, Sturla.

Platz 2
Dass die neue Star-Wars-Episode unter den eareyeam-Lieblingsfilmen auftaucht, kann jetzt nicht ernsthaft überraschen. Die Welt wurde ja Ende 2015 geradezu zugeballert mit Werbung für diesen Blockbuster unter den Blockbustern. Und obwohl er in Deutschland erst am 17. Dezember in die Kinos kam, war er dort sofort der erfolgreichste Release des Jahres – mit 8,6 Millionen Zuschauern. Bei The Force Awakens – Regie führte J. J. Abrams – handelt es sich um die siebte Folge der Saga, deren erste drei Teile ja bekanntlich Jahre nach den Folgen 4, 5 und 6 abgedreht wurden. Star-Wars-Erfinder George Lucas war damals über die verhaltene Resonanz auf die Prequel-Trilogie allerdings so enttäuscht, dass er seine Firma Lucasfilm und die Rechte für die dritte Star-Wars-Staffel, die er noch in petto hatte, danach an Disney verscherbelte. Der ganze Bohei um The Force Awakens ist also eine Anstrengung von Walts Vermögensverwaltern, die 2017 die Menschheit schließlich noch mit Episode 8 beglücken werden. Die Handlung von Nummer 7 wird hier jetzt nicht nacherzählt. Einfach auf jeden beliebigen Schulhof gehen: Dort bekommt man auf Nachfrage bestimmt ein kostenloses Re-Enactment erster Güte geboten. Zwei eareyeam-Leserinnen können sich das sparen. Sie haben The Force Awakens mit Sicherheit gesehen, sonst wäre der Streifen hier nicht auf dem einzigen zweiten Platz des gesamten Polls gelandet.

Nennungen
Vom frankokanadischen Autorenfilmer zum Hollywood-Regisseur: Mit Der 32. August auf Erden hatte Denis Villeneuve 1998 ein fulminantes Debüt hingelegt, sein jüngstes Werk Sicario ist die dritte Arbeit für ein US-Studio – mit Benicio Del Toro als schillernde Zentralfigur eines Narco-Thrillers, der im mexikanisch-US-amerikanischen Grenzgebiet spielt. Die Handlung wird allerdings mehr oder weniger aus der Perspektive der jungen aufstrebenden FBI-Agentin Kate Macer betrachtet, verkörpert von Emily Blunt. Macer, die noch an Recht und Gerechtigkeit glaubt, wird im Laufe eines Einsatzes gegen den mexikanischen Drogenboss Fausto Alarcón immer klarer, dass Moral kein behördliches Kritierum bei der Bekämpfung der organisierten Rauschmittelkriminaliät darstellt. Insbesondere Del Toro als kolumbianischer Staatsanwalt Alejandro Gillick handelt mit Erlaubnis von oben ohne Rücksicht auf gesetzliche Grenzen. Während persönliche Rache sein Motiv dafür ist, Alarcón töten zu wollen, hofft der Sicherheitsapparat, damit dem Medellin-Kartell wieder zum Monopol im Drogenhandel zu verhelfen, um so ein gewisses Maß an Ordnung zurückzugewinnen. Ein Film mit teilweise ziemlich grausamen Szenen. Inzwischen wird auch schon an der Fortsetzung von Sicario gearbeitet. Sie soll das Leben von Alejandro Gillick noch näher ausleuchten.

Krasser Stoff aus Chile: Eine Gruppe ehemaliger Priester wohnt abgeschieden in einem Haus in einem kleinen Küstenort. Jeder von ihnen hat Dreck am Stecken, das Dasein am Rande ist die Buße für ihre Vergehen – kontrolliert durch die strenge Schwester Mónica. Dennoch haben die Ex-Kirchenmänner sich darin halbwegs wohlig eingerichtet, sie halten sich zum Beispiel einen Rennhund, den sie regelmäßig an Wettbewerben teilnehmen lassen. Doch eines Tages wird ihre Routine jäh gestört: Ein Neuer wird der Gemeinschaft zugeteilt. Er soll sich an Minderjährigen vergangen haben und ein Mann, der einst sein Opfer war, ist ihm nachgereist, bezieht Posten vor dem Haus und klagt den Vertreter Gottes lautstark und mit obszönen Worten an. Woraufhin dieser sich erschießt. Ein smarter jesuitischer Gesandter wird von der Kirche an die Küste geschickt, um den Vorfall zu klären. Er droht mit der Auflösung der kleinen Gemeinschaft. Um sich des Missbrauchsopfers, das sich inzwischen in dem Ort niedergelassen hat und mit seinem Verhalten gute Gründe für das Ende ihrer WG liefern könnte, zu entledigen, schmieden die ausgemusterten Talarträger einen perfiden Plan, für den sie bereit sind, selbst ihren geliebten Vierbeiner zu opfern. Mit seinem Film El Club hat Regisseur Pablo Larrain ganz schön tief in die Abgründe der Katholischen Kirche geblickt. Ein Kino-Passionsweg für Gläubige, der ganz zum Schluss noch eine überraschende Richtung einschlägt.

Der Sci-Fi-Streifen Gravity stand schon mal auf dem Siegerpodest der Kategorie Lieblingsfilm – nämlich beim LeserInnen-Poll 2013. Mit seinem erneuten Auftauchen im Favoriten-Ranking ist also erwiesen, dass Alfonso Cuarón mit diesem 3D-Spektakel einen Klassiker geschaffen hat. Sandra Bullocks freier Fall durchs All ist ja auch ein visueller Knüller. Unweigerlich duckt man sich als ZuschauerIn im Kinosessel nach links oder rechts, wenn der ganze Weltraumschrott in den Saal zu schießen droht. Da nimmt man doch glatt dramaturgische Schwächen in Kauf, etwa, dass das Drehbuch in typisch US-amerikanischer Manier kräftig herumpsychologisiert und dem Publikum die Bullocksche Odyssee als Katharsis nach einer durch den Unfalltod des Kindes ausgelösten Introversion und Hartleibigkeit unterjubeln möchte. Eleganter dagegen die Volte, Labersack George Clooney recht früh im Filmverlauf als Major Tom enden zu lassen. Sollte Euch die auf der Erde herrschende Schwerkraft mal wieder gehörig auf den Sack gehen, schmeißt einfach Gravity in den DVD-Player und schon wiegt das eigene Schicksal wieder leichter.

Julianne Moore ist sowieso eine der tollsten US-Aktricen. Und für ihre Rolle der Linguistin Dr. Alice Howland in Still Alice bekam sie 2015 zurecht den Oskar als beste Hauptdarstellerin. In dem Streifen der Regisseure Richard Glatzer und Wash West glänzt sie als Intellektuelle, die mit Anfang 50 eine zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit an sich bemerkt. Nach Untersuchungen bekommt sie schließlich eine Alzheimer-Diagnose. Zunächst versucht sie diesen Befund geheimzuhalten, aber auch ihrer Umgebung fallen die Veränderungen an Alice bald deutlich auf. Hollywood hat hier mal den Versuch unternommen, Krankengeschichten nicht nur in zuckrigem Kitsch zu ertränken. Und das ist auf jeden Fall auch Julianne Moores Verdienst.

Der Engadin, ist der nicht Nietzscheland? Eben dort, in der einstigen Sommerfrische des Philosophen, siedelt der französische Regisseur Olivier Assayas seinen Film Die Wolken von Sils Maria an, eine Reflektion über das Alter und die Vergänglichkeit. Die Edeldarstellerin Juliette Binoche stellt darin die Edeldarstellerin Maria Enders dar, die einst in einem Kultstreifen über eine komplizierte Beziehung zweier Frauen den jüngeren, aufstrebenden Charakter Sigrid mimen durfte und dafür heftig umjubelt wurde. 20 Jahre später soll sie in einer Neuauflage des Dramas mitwirken – diesmal aber als die ältere Helena. Erst wehrt sie sich gegen dieses Angebot, nimmt es dann aber doch an und übt schließlich ihren Part mit Hilfe ihrer Assistentin Valentine, verkörpert von Kirsten Stewart, ein. Die Sigrid wird mit einem jungen Hollywoodtalent Jo-Ann Ellis, das gerade eben mit einem Sci-Fi-Blockbuster großen Erfolg hatte, besetzt. Assayas gab diese Rolle dem US-Nachwuchsstar Chloe Grace Moretz. Die tatsächliche Konkurrenz unter Schauspielerinnen, die Furcht vor dem möglichen Abstieg ragt dabei weit in die Narration rein. Binoche ist eben längst nicht mehr die Berufsanfängerin, die in den Filmen von Leos Carax oder André Téchiné so furios aufspielt. Während die 26-jährige Stewart nach ihrer Mitwirkung in der Twilight-Saga den Durchbruch gerade hinter sich und doch schon wieder den Nachwuchs auf den Fersen hat. Was dieses Gewirr von Realität und Fiktion wohl mit Nietzscheanischen Weltvorstellungen zu schaffen hat? Die Antwort darauf lässt Assayas in den Wolken.

Dies ist nicht Hollywood, sondern der Berliner Stadtrand. Deswegen gibt’s auch kein Happy End für den Hauptprotagonisten in Andreas Dresens Halt auf freier Strecke. Die Diagnose für den 44-jährigen Frank Lange lautet: bösartiger Gehirntumor. Volksbühnenmime Milan Peschel hätte für seine Rolle als Krebs- und Sterbepatient mindestens mal den Oskar verdient. Aber auch Steffi Kühnert als mit der Situation überforderte Ehefrau brilliert in dem Streifen. Mit dem Dresen 2011 zu den Internationalen Filmfestspielen von Cannes eingeladen wurde, jedoch nur für die Sektion „Un Certain Regard“, obwohl ihm eigentlich ein Platz im Wettbewerb gebührt hätte. Halt auf freier Strecke zeigt die Persönlichkeitsveränderung Langes aufgrund des Tumorwachstums und der medizinischen Behandlung. Der Vater zweier halbwüchsiger Kinder hat zwischendurch die Wahnvostellung, sein Geschwür würde menschliche Züge annehmen und bei Harald Schmidt als Talkshowgast auftreten. Ein unprätentiöser Film über das Näherkommen des Todes, der auch noch vier Jahre nach seiner Kinopremiere eine Leserin so sehr berühren konnte, dass sie ihn gegenüber den aktuellen Produktionen favorisiert hat.

Der schwedische Kurzfilm Kung Fury wurde am 28. Mai 2015 auf Youtube veröffentlicht und hat seitdem fast 25 Millionen Klicks generiert. Regisseur David Sandberg bewerkstelligte die Finanzierung des Streifens dank einer Crowdfunding-Kampagne über Kickstarter, die ihm das Dreifache des ursprünglich angestrebten Budgets von 200.000 Dollar einbrachte. Was für eine Story veranlasste also die Leute, so freigiebig zu sein? Man kann sagen, sie wollten einem fulminanten B-Movie-Schrott zur Geburt verhelfen. Kung Fury kämpft erst gegen einen zur Kampfmaschine mutierten Glücksspielautomaten und dann gegen einen Kung-Fu-Meister namens Adolf Hitler. Dabei unternimmt er eine Zeitreise zu den Wikingern und ins Dritte Reich. Sandberg hat den Plot nicht nur selbst verbrochen und den Regiestuhl aufgeklappt, sondern spielt auch noch die Hauptrolle. Als Zuckerstück obendrauf kommt der Titelsong True Survivor, beigesteuert von keinem Geringeren als David Hasselhoff. Und hier ist nun das Werk in voller Schönheit und Länge zu bewundern.

Die DänInnen gehören weltweit zu den MeisterInnen des Fachs TV-Serie. Tatsächlich können sie dabei nicht nur das Krimi- oder Polit-Drama-Genre bestens bedienen, sondern auch komödienhaftere Stoffe tadellos in laufende Bilder überführen, wie die Produktion Rita beweist – eine Serie in drei Staffeln mit jeweils 8. Folgen. Die Staffel-Trilogie scheint inzwischen dänischer Standard zu sein, siehe Kommissarin Lund und Borgen. Rita lief von 2012 bis 2015 auf TV 2, dem zweiten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Dänemark, später dann auf Netflix. Und als gäbe es mit Paprika Steen, Trine Dyrholm, Sofie Gråbøl und Sidse Babett Knudsen nicht schon genug erstklassige Schauspielerinnen in dem kleinen Land, muss man auch noch Mille Dinesen in diese Reihe einfügen. Sie brilliert in der Rolle der Rita Madsen, einer Lehrerin und alleinerziehenden Mutter dreier Kinder, die eine recht unkonventionelle Lebenseinstellung pflegt. Die Story schrieb Autor Christian Torpe, bei den meisten Folgen führte Lars Kaalund Regie. Vergangenes Jahr haben die beiden übrigens einen kleinen Spin-Off von Rita zur Ausstrahlung gebracht. In dieser vierteiligen Miniserie steht Rita Madsens Kollegin Hjørdis im Mittelpunkt.

Der Film Nordsee ist Mordsee feiert 2016 seinen 40. Geburtstag. Eine Leserin hat ihn schon im vergangenen Jahr wieder aus dem Archiv hervorgeholt, mit Begeisterung geschaut und deshalb auf die Lieblingsfilmliste gesetzt. Die Story von Uwe und Dschingis aus dem Hamburger Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg, die sich erst beharken und dann gemeinsam abhauen, war tatsächlich so etwas wie eine Blaupause für das moderne deutsche Jugendkino. Regisseur Hark Bohm spannte für seinen zweiten Langstreifen Bruder Marquard und Sohn Uwe ein und hatte damals Ärger mit der Freiwilligen Selbstkontrolle, die das Werk nicht für Zuschauer ab 12 Jahren freigeben wollte. In Nordsee ist Mordsee fand nämlich zuviel Realität statt: das perspektivlose Leben einer abgehängten sozialen Schicht in einem peripheren Quartier, Bandenwesen und pubertäre Revolte. Auch zehn Jahre nach ’68 konnten offizielle Gremien mit einem solch widerständigen Stoff nicht entspannt umgehen. Umso wichtiger, dass Nordsee ist Mordsee als Zeugnis progressiven Filmschaffens heute nicht in Vergessenheit gerät. Der folgende Clip zeigt die sogenannte Automatenszene, in der Uwe und seine Gang einen einarmigen Banditen knacken. Das erbeutete Geld wird Uwe später, statt es mit den anderen Jungs gerecht zu teilen, in ein Springmesser investieren.

Teenage Angst ist ein dankbarer Stoff und US-Regisseur David Robert Mitchell hat ihn zu einem erfolgreichen und sehenswerten Horrorfilm vernäht. Im Mittelpunkt von It Follows steht das Mädchen Jay, das nach seinem ersten Sex mit einem Jungen names Hugh von einem Wesen verfolgt wird, welches die Gestalt unbekannter wie auch bekannter Personen annehmen kann und Jay zu töten droht – wenn sie diesen Fluch nicht per Geschlechtsverkehr an jemand anderes weiterzugeben imstande ist. Gemeinsam mit FreundInnen versucht Jay das Wesen zur Strecke zu bringen. Einerseits ist das eine schön plakative Allegorie auf die üblichen Grenzerfahrungen der Adoleszenz-Phase, andererseits lässt sich der Film auch als Kommentar zum scheinbar alle Wellen und Moden überdauernden krampfigen Umgang Middle Americas mit sexuellen Angelegenheiten lesen. Vorsicht: Hat man all die gruseligen Szenen von It Follows tief eingesunken im Kinosessel überstanden, wird man trotzdem nicht mit einem Happy End belohnt.

Auch noch: Andrew Haigh: 45 Years / Lars Kraume: Der Staat gegen Fritz Bauer / Paul Thomas Anderson: Inherent Vice / J.C. Chandor: A Most Violent Year / Ruben Östlund: Turist (Force Majeure) / Alex Garland: Ex Machina / Nic Pizzolatto & Cary Joji Fukunaga: True Detective, 1 .Staffel / Jill Soloway: Transparent (Serie) / Jörg & Anna Winger: Deutschland 83 (Serie) / Todd A. Kessler & Glenn Kessler & Daniel Zelman: Bloodline (Serie) / Pete Docter & Ronaldo del Carmen: Alles Steht Kopf / Asif Kapadia: Amy / Laura Poitras: Citizen Four / Josh Lawson: Der Kleine Tod / Lars van Trier: Melancholia / Frederick Wiseman: National Gallery / Jafar Panahi: Taxi Teheran / Patricio Guzmán: Der Perlmuttkopf / Marjane Satrapi: The Voices / Daniel Barnz: Cake / Wolfgang Murnberger: Das ewige Leben / Sabine Jäger: Hier sprach der Preis / Andre Siegers: Souvenir / Michael Samuels: Fear (Serie) / Jane Campion: Top Of The Lake (Serie) / Jennie Snyder Urman: Jane The Virgin (Serie) / Alejandro González: 23 Gramm