Ausgabe 4/17

Cherrie feat. Z.E / Sudan Archives / Jojo Abot / Tune Yards / The Breeders / St. Vincent / Beck / Maurice und die Familie Summen / Maeckes / Liars / Metz / Dmitry Evgrafov / Superparka / The New Spring

Nur schlechte Nachrichten sind in den vergangenen Tagen aus der somalischen Hauptstadt zu uns gedrungen – von Bombenattentaten auf die Zivilbevölkerung mit zahlreichen Toten. Das Video zu Cherries Track 163 För Evigt kann vielleicht ein bisschen dazu beitragen, dass Mogadishu nicht allein mit islamistischem Terror und Bürgerkrieg assoziiert wird. Sondern auch mit einem musikalischen Talent, welches, obwohl es sich nun in der Diaspora entfalten muss, nicht vergessen hat, dass es genau dort in die Wiege gelegt wurde. Es mag in den deutschen Medien noch nicht angekommen sein, aber 163 För Evigt ist gerade nicht nur in Schweden, sondern auch international ein kleiner Hit, trotzdem kaum eine Hörerin jenseits der Achse Ystad-Kiruna versteht, was Cherrie da singt – und Gastvocalist Z.E rappt. Aber es lässt sich irgendwie schon denken, dass es in den Lyrics um das Verlassen der Heimat geht – und um die Aneignung eines neuen Zuhauses. Gleich zu Anfang des Songs macht Cherrie klar, dass sie ein Kind aus Mogadishu ist (und im Video wird dazu wie selbstverständlich die Fahne des kaum existenten Staates Somalia geschwenkt). Als Sherihan Hersi kam Cherrie am Horn von Afrika auf die Welt. Doch ihre Familie verließ wie so viele Menschen das von Gewalt gepeinigte Land und begab sich in Richtung Skandinavien. Zunächst landete sie in Norwegen, dann folgte Finnland, wo Sherihan den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte, zuletzt verschlug es die Hersis nach Schweden. Cherrie lebt heute im Stockholmer Viertel Rinkeby, das ja in der schwedischen Kollektivpsyche in etwa dieselbe Position einnimmt wie dies Neukölln im deutschen oder Molenbeek im belgischen Kontext tun. Für Cherrie war die Ankunft in der kosmopolitischen und vielstimmigen Neubausiedlung aber eine Erholung nach den alltagsrassistischen Erfahrungen, die sie in Finnland machen musste, wie sie in einem Interview mit dem Onlineportal Scandinaviansoul erzählt. Ihren musikalischen Durchbruch erzielte Cherrie 2015 mit dem leicht zum Reggae tendierenden, aber doch ziemlich düsteren Track Tabanja (ein schwedisches Slang-Wort für Waffe). 2016 kam dann Sherihan, ihre Debüt-LP, heraus, die bei der nationalen Entsprechung der Grammy-Verleihung als bestes Hip-Hop- und Soul-Album des Jahres ausgezeichnet wurde. Darauf befindet sich mit Aldrig igen auch eine Kollaboration mit dem britischen Grime-Star Stormzy, der von Cherries Performance so angetan war, dass er die Musikerin fürs Vorprogramm der Europa-Auftritte seiner diesjährigen Konzerttour buchte. Auch wenn Cherrie 2017 ziemlich häufig aus dem Koffer lebte, versteht sie Rinkeby als ihre Homebase, wie sie mit der von Amr Badr produzierten und im September veröffentlichten Single 163 För Evigt klarmacht. 163 ist nämlich schlicht und einfach die Ortsvorwahl für das Stadtteil und Cherries geschmeidiger, positivistischer Mid-Tempo-Hip-Hop-Soul-Track das Gegenstück zu Tabanja: Es ist voll okay, ein Third-Culture-Kid in Rinkeby zu sein. Natürlich wurde dort auch das Video für 163 För Evigt gedreht. Die Regisseure Fred und Olof Bendz lassen Cherrie dabei vor ihrer eigenen Nachbarschaftscrowd performen, die ihre Wurzeln erkennbar in aller Damen und Herren Länder hat. Der Clip kommt wie eine selbstbewusste Entgegnung auf die trotstlose, monoblonde Vision der einwanderungsfeindlichen Schwedendemokraten daher. Statt dieser Partei voller Ikeanazis hinterherzulaufen, sollte das Land sich lieber freuen, dass in ihm eine der besten Urban-Soul- und Hip-Hop-Szenen weltweit gedeiht – siehe auch Mc Habit, Dim Out, Kristin Amparo, und Cleo. Zu Cherries Mitstreiter Z.E lässt sich im Netz leider keine Info in deutscher oder englischer Sprache finden. Allerdings hat er im August ein Video zu seinem Track Caramel auf Youtube gepostet, das mittlerweile schon über 1,4 Millionen Mal geklickt wurde. Big in Sweden ist der also auch.

Hinter dem Projekt Sudan Archives verbirgt sich Brittney Denise Parks, eine Sängerin und Violonistin, die aus Cincinnati, Ohio stammt und heute in Los Angeles lebt. Als Kind verpasste ihr die Mutter den Spitznamen „Sudan“, und nachdem Brittney Denise Parks in der Stadt der Engel das Studium an einem College für Musikproduktion aufnahm, entdeckte sie für sich die Geigenklänge ausgerechnet aus jenem Land, das so heisst wie sie. In der Folge eignete sie sich den Stil der sudanesischen Violonisten an, der viel perkussiver und rhytmischer tönt als das Spiel ihrer Kollegen im Globalen Norden. Die teilweise hart gezupften Töne des Streichinstruments bettet Parks ebenso wie ihre ätherische, oft mit Hall belegte Stimme in einen elektronischen Sound ein, der träumerisch – um nicht zu sagen trip-hoppig – daherkommt. Bisjetzt hat Sudan Archives nur die EP Come Meh Way herausgebracht, auf dem Label Stones Throw. Aber auf Youtube findet man so einige Videos mit Brittney Denise Parks, zum Beispiel das, in dem sie ihre sehr eindrückliche Version des Kendrick-Lamar-Hits King Kunta vorträgt. Der König wird dabei selbtredend zur Königin. Den hier nun folgenden, zuletzt veröffentlichten Sudan-Archives-Clip drehte Eric Coleman zum Track Water, der mit seinen repetitiven Claps, dem leisem Rollgeräusch im Hintergrund und dem kurzen, mehrstimmigen Refrain einer endlosen, gemächlichen Meditation gleicht, weshalb sein abruptes Ende äußerst willkürlich anmutet. Dem Titel entsprechend ist der Song mit Impressionen aus einem Fischerort an der Küste Ghanas illustriert. Coleman, der auch die Visuals zu Come Meh Way verantwortet hat, begleitete Parks auf eine Reise in das westafrikanische Land. Dort, so erzählt die Musikerin in einem Interview mit dem Onlineportal L.A. Record, hielt sie unter anderem für die Non-Profit-Organisation Taiwo Fund an einer Schule einen Workshop zur Produktion elektronischer Klänge ab. Es war ihr erster Trip ins Ausland.

Den genau umgekehrten Weg hat Jojo Abot genommen, die noch einen Zacken radikaler als Sudan Archives mit dem ihr zur Verfügung stehenden Instrumentarium hantiert. Die Musikerin und Multimedia-Künstlerin kommt aus Ghanas Hauptstadt Accra und fühlt sich dem Afrofuturismus verpflichtet, der ja maßgeblich von dem US-amerikanischen Jazzkomponisten und Orchestervorsteher Sun Ra geprägt worden ist. Ihren eigenen Sound bezeichnet Jojo Abot als “Afro-Hypno-Sonic”. Das beinhaltet schließlich auch die Aufgabe konventioneller Songstrukturen, an denen sie auf ihrer ersten und bisher einzigen EP FYFYA WOTO aus dem Jahr 2015 noch festhielt, während der aktuellste Track Nye VeVe SeSe eine dekonstruktivistische Collage aus Abots Stimme, verschiedenen digitalen Beats und einem Harmonium-Sound ist. Hier eine Linie zu Arbeiten von Laurie Anderson zu ziehen, liegt nahe, gerade auch, wenn man sich den von Jojo Abot selbst produzierten Clip zu Nye VeVe SeSe anschaut, in dem sie der Kunst im öffentlichen Raum noch eins draufsetzt. In der kahlen und kühlen Kulisse einer nördlichen Stadt wirkt sie in ihrem farbenfrohen Outfit und mit der Sonnenbrille tatsächlich wie eine frisch Gelandete from Outer Space. Bei der Stadt handelt es sich um keine geringere als New York, wo Jojo Abot derzeit an New Inc., einem Artist-in-Residence-Programm des New Museum, teilnimmt. Dies ist auch bis zur Fugees-Ikone Lauryn Hill durchgedrungen, die daraufhin Jojo Abot gleichmal als Support-Act für zwei ihrer Shows verpflichtete.

Oha, es gibt was Neues von der kalifornischen Band Tune-Yards. Über das Projekt der umwerfenden Merrill Garbus und ihres Boyfriends Nate Brenner ist auf eareyeam genug geschrieben worden. Zuletzt in der Ausgabe 3/14. Damals hatte das Duo gerade Nikk Nack veröffentlicht, seine dritte Platte, mit der es die Home-Recording-Anmutung der beiden Vorgängeralben plötzlich weit hinter sich ließ. Dass Tune-Yards den Weg der Professionalisierung konsequent weiter beschreitet, bezeugt der Song Look At Your Hands: Gerade erst frisch ins Netz gelangt und schon landet er bei eareyeam auf dem Teller – quasi eine Pflichtspeise. Look At Your Hands und ein dazugehöriges, von Michael Speed produziertes Video voller Hände kündigen die vierte Tune-Yards-Scheibe an. Diese wird den Titel I can feel you creep into my private life tragen und am 19. Januar auf den Markt kommen. Garbus und Brenner haben für I can feel you creep into my private life die Dienste von Beau Sorensen in Anspruch genommen, ein Produzent der auch schon für Bob Mould, Superchunk oder Death Cab for Cutie die Regler runter- und hochschub. Und offensichtlich gelang es ihm, den Tune-Yards-Sound auf eine ziemlich gerade Drummaschine zu hieven, wie man zumindest am Beispiel von Look At Your Hands hören kann. Die Band klingt mit dem Stück so poppig wie niemals zuvor, selbst wenn in ihm auch immer noch die üblichen Breaks, Dissonanzen und Vokalakrobatiken vorangegangener Tune-Yards-Titel zu finden sind. Die Eingängigkeit des Songs mag das Plattenlabel 4 AD wohl dazu bewogen haben, gerade diesen als Erstauskoppelung von I can feel you creep into my private life in die Welt zu senden. Vielleicht kommen dahinter ja noch ein paar krummere Dinger. Letzlich sollte man Tune-Yards sowieso eher live genießen als aus der Konserve essen. Ein Konzert von Merrill Garbus, Nate Brenner und ihren jeweiligen MitstreiterInnen ist eine musikalische Weihnachtsbescherung. Leider werden in diesem Jahr in Deutschland nur noch die Düsseldorfer und Stuttgarter beschenkt – auf dem New-Fall-Festival am 16. und 17. November, das übrigens auch Sudan Archives im Programm hat.

Die gute alte Tante 4 AD macht Dampf. Nicht nur, dass die Band Tune-Yards eine neue LP verspricht, die ebenfalls bei der britischen Plattenfirma unter Vertrag stehende US-Indieveteranen-Formation The National ist mit ihrem siebten Album Sleep Well Beast derzeit ganz oben in den Charts der angelsächsischen Welt. Und mit Kim Deal und ihrer Gruppe and The Breeders funkelt nun auch wieder ein ganz besonders heller Stern am 4-AD-Himmel. Gerade befindet sich The Breeders auf Europa- und US-Tour, in der Besetzung, die 1993 die All-Time-Klassiker-Platte Last Splash eingespielt hatte: mit Kim an der Gitarre und als Leadsängerin, ihrer Zwillingsschwester Kelley, ebenfalls an der Gitarre und als zweite Stimme, der britischen Bassistin Josephine Wiggs und Jim Mcpherson am Schlagzeug. Mit dem neuen Song Wait In The Car signalisiert das Quartett, dass demnächst mit einem Album gerechnet werden kann, nach Kim Deals spektakulärem Abgang bei den Pixies und einer längeren Phase, in der Deal ganz für sich allen Musik geschrieben hatte. eareyeam-Ausgabe 6/13 enthält den Clip zu Are You Mine, einem Lied, in dem sie über das Verhältnis zu ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter reflektiert. Und im Adventskalender 2014 lässt sich ihr sehr schöner Song Biker Gone finden. Auch für Wait In The Car hatte Deal wieder nur die für sie typischen, erratischen, knapp gehaltenen und manchmal nur noch lautmalerischen Lyrics übrig, der Song ist aber weitaus energetischer, crisper und stärker auf den Punkt gebracht als ihre Solo-Sachen. Nicht zuletzt hat das auch etwas mit Jim Mcpherson zu tun, den man getrost als einen der besten Drummer weit und breit bezeichnen kann. Wenn er nicht gerade dem Schreinerhandwerk nachgeht, um etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Das Video zu Wait In The Car baut auf einen einzelnen Ziegelstein auf. „Wir mochten die Idee, etwas Banales aber Ikonisches zu verwenden“, so die beiden Macher Chris Bigg und Martin Andersen. Insgesamt haben sie 800 Standbilder und Stilleben aneinander geschnitten und damit eigentlich einen sehr typischen 4-AD-Musikclip geschaffen.

Trat sie im eareyeam-Adventskalender 2014 noch als theatralische Math-Rockerin in Erscheinung, dreht St. Vincent nun am ganz großen Rad. Das heißt, Annie Clark, die hinter St. Vincent steckt, probiert aus, wie massentauglich sie sein kann. Ihr jüngstes Album trägt dementsprechend den Titel Masseduction. Und der Track Los Ageless zeigt, dass Annie Clark ihren Sound nochmal eine ganze Spur eingängiger angelegt hat. Rockschmockiger ist in diesem Fall vielleicht das passende Adjektiv. Los Ageless kann im übrigen als Gegenstück zu ihrem Song New York gelten, eine Klavierballade mit hymnischem Refrain. Die Lyrics gehen mit dem in Hollywood herrschenden Jugendwahn und Sexismus ins Gericht. Dort melken die Mütter ihre Jungen, singt St.Vincent. Der Versuch, mit solchen Metaphern über die StammhörerInnenschaft hinaus Eindruck zu machen, ist integraler Bestandteil eines präzise kalkulierten, künstlerischen Konzepts, das allerdings zugleich auch auf die Überspitzung der kritisierten Körper-Images setzt. So macht die Plattenfirma großflächig Werbung mit dem LP-Cover von Los Ageless. Dieses zielt mit einer stilisierten Darstellung der Rückansicht von Clark, die High Heels, rote Strumpfhosen und einen knappen Leopardenfellmuster-Body trägt und sich leicht nach vorne beugt, direkt auf die linke Gehirnhälfte der KonsumentInnen. Während wiederum das Video zur Single Los Ageless die ganze Absurdität der Schönheitsindustrie in ästhetisch ansprechenden und doch leicht verstörenden Bildern zusammenfasst. Wenn vier grüne Handschuhe kräftig an der Backenhaut von Annie Clark ziehen, erinnert das sehr an die plastische Chirugie, der sich die Mutter der Hauptfigur in Terry Gilliams Sci-Fi-Klassiker Brazil aus dem Jahr 1985 unterzieht. Die Regie des Los-Ageless-Clip hat Willo Perron innegehabt, der auch schon das Video zum St.-Vincent-Song Birth In Reverse verantwortete. Und mehr Ironie geht ja fast nicht: Ausgerechnet Red Bull Music schoss das nötige Geld zu, damit Perron den technicoloristischen Albtraum von einer Beauty-Farm so opulent in Szene setzten konnte.

Im vergangenen Herbst präsentierte eareyeam in Ausgabe 3/16 das Video zu Wow, einem Song, den Beck für sein damals gerade fertiggestelltes, dreizehntes Studioalbum geschrieben hatte. Allerdings wurde die Platte tatsächlich erst ein Jahr später – im September 2017 – veröffentlicht. Der britischen Tageszeitung The Guardian verriet Beck in einem Interview, dass ihm die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in die Quere gekommen war. Die politischen Ereignisse in seiner Heimat hatten es ihm seinerzeit unmöglich gemacht, dem Publikum ein Bündel von Songs zu überreichen, die allesamt Optimismus und Lebenslust ausstrahlen sollten – als Kontrast zu den melancholischeren und introvertierteren Stücken der vorangegangenen Alben. Schon klar, der Zustand der Welt ist aktuell keineswegs besser, aber Beck Hansen wollte angesichts der Arbeit, die er schon in die Aufnahmen investiert hatte, das Material dann doch nicht in der Schublade verschimmeln lassen. Weshalb Colors, so der Titel der LP, sich jetzt wie ein einzelnes Gummibärchen unter lauter Lakritzstangen ausnimmt. Dem namensgebenden Song, den Beck – und das kann nur als Provokation gemeint sein – mit einer Art Panflöten-Riff antreibt, stellte er, eventuellen Vorwürfen der Schmierigkeit vorgreifend, ein Slime-Video beiseite. Es ist nicht klar, ob der Musiker den Clip selbst produziert hat, aber offensichtlich wurde sich für diesen bei einem spezifischen Subgenre der sogenannten Autonomous-Sensory-Meridian-Response-Videos bedient, deren Zahl auf Youtube in kurzer Zeit rasant gewachsen angewachsen ist. Erklärtes Ziel der Macher dieser Clips: den ZuschauerInnen ein wohliges Kribbeln m Hinterkopf oder Rücken zu verursachen. Als Beispiel kann hier ein Video dienen, in dem jemand mit Wattestäbchen die Schaumstoffoberfläche eines High-Quality-Mikrofons bearbeitet. Genau: Es sind immer nur Hände in solchen Videos zu sehen – eben auch welche, die in Kunstschleim greifen und diesen kräftig kneten. In dem Clip zu dem Beck-Stück walken allerdings auch Finger mit äußerst ungepflegten Nägeln die wabbelige Masse. Anziehend eklig! Aber genau das trifft auch auf Colors zu.

Schon wieder Maurice und die Familie Summen? Ja, sicher. Oder kann sich etwa eine andere Formation damit rühmen, das bisher beste deutschsprachige Album des Jahres 2017 veröffentlicht zu haben? Selbst in der Radio-Eins-Sendung Soundcheck, dem freitäglichen Sammelbecken besserwisserischer Musikkritiker (die Kritikerinnen kommen akustisch stets deutlich sympathischer rüber) konnte ihre Scheibe Bmerica jüngst mit vier „Hits“ die Bestnote einheimsen. Gehen wir mal großzügig davon aus, dass diese Bewertung so garnichts mit dem Umstand zu tun hat, dass Maurice Summen, der ja bekanntermaßen dem vorzüglichen Berliner Label Staatsakt vorsteht, bei Radio Eins auch einmal im Monat die Sendung Die Sendung moderiert. Dass Bmerica funzt, konnte man gleich am Beispiel des vorveröffentlichten Tracks ZeitZurück erkennen, der dazugehörige Clip führte die eareyeam-Ausgabe 2/17 an. In dieser Nummer nun sind Maurice und die Familie Summen mit dem Video zum Song #Bock vertreten. Dessen Strophen gehorchen zwar dem Funky Spirit des Albums, der Refrain ist aber rockiger gehalten. Zusammengeklammert wird das Stück von den Bläsern, die insgesamt auf Bmerica einen formidablen Job gemacht haben und sicher auch die Partystimmung auf den aktuellen Konzerten von Maurice und seiner Familie gut anheizen. Als Gastvocalist für #Bock konnte Patric Catani gewonnen werden, der dafür sein Alter Ego Ill Till reanimiert hat. Ill Till und Maurice legen sich im #Bock-Video, ein Produkt von Sebastian Kaltmeyer aus dem Hause Industriesauger-TV, an den Strand, um den Bartleby-mäßigen Lyrics des Stückes auch wirklich gerecht zu werden. Aber mit dem Faulenzen wird das so richtig nichts, zwischendurch stehen sie doch auf der Bühne und Ill Till übt sich sogar im Seilspringen. Der Sound von #Bock sorgt ja auch eher für Hummeln unterm Hintern.

Na schön, rutscht es hier jetzt doch noch rein, obwohl es eigentlich viel zu albern ist – das Video zum Maeckes-Track Partykirche. Es bildet dann aber doch ein Stück bundesrepublikanische Wirklichkeit ab, repräsentiert durch die unzähligen Maeckes-Fans, die in die von dem Musiker aufgestellte Partizipationsfalle getappt sind. Maeckes rief seine Follower nämlich dazu auf, Material zu dem Clip beizusteuern. Das vorgeschobene Argument: Der Track wäre ja lediglich so eine Art Abfallprodukt gewesen, ihn gibt es eh‘ nur als CD-Bonus auf Tilt, Maeckes‘ jüngstem Album, dessen Titelstück samt Video übrigens im eareyeam-Adventskalender 2016 zu finden war. Partykirche habe sich allerdings bei seinen Konzerten überraschend zum Publikumsfavorit entwickelt und würde massenhaft bei Spotify gestreamt. Soll doch die AnhängerInnenschaft einfach selbst Ideen für einen passenden Clip entwickeln und Regie führen, wenn sie Partykirche so liebt. Er, Maeckes, habe keine Lust dazu. Die Fans besitzen aber mit Sicherheit genug Medienkompetenz, um zu wissen, dass derjenige, der dann am Ende mit am Schneidetisch sitzt, das Heft in der Hand hält – also Maeckes selbst. Was das nun als Regisseurin falsch titulerte „Partyvolk“ aber nicht davon abhielt, dem Musiker eine Flut von teilweise abgründigen Aufnahmen aus dem Hobbyfilmer-Hinterland zukommen zu lassen, die dann sehr eklektizistisch montiert worden sind, mit schnellen Schnitten und einer Menge Splitscreens. Süß: die Schildkröte mit dem Gotteshaus auf dem Panzer. Besonders beunruhigend: der Tanz der Mitglieder der You-Are-Great-Gemeinde zu Partykirche in einem echten Sakralraum. Das Maeckes-Double aus dem Tilt-Clip darf natürlich auch nicht fehlen. Für das Video wurde die von einem zackigen Tuba-Sample dominierte Originalversion von Partykirche mit allen existierenden, offiziellen Remixen verwurstet, einmal hört man den Track sowieso nur aus den Boxen in einer Restaurantküche, in der zwei Aushilfen mit Geschirr hantieren, ein anderes Mal wird er kurz live von einer Band eingespielt. Maeckes‘ Predigttext lässt sich dahingehend interpretieren, dass man für die Partykirche lieber doch keine Steuer zahlen möchte. Amen.

Die Band Liars gibt es jetzt auch schon eine gefühlte Ewigkeit. Lange ist es her, dass sie mal bei eareyeam vorkam. Das war in Ausgabe 2/12, mit dem Video zum Song No. 1 Against The Rush. Im August erschien bei Mute Records TFCF, das achte Studioalbum – nach einem tiefen Einschnitt in der Geschichte der Kombo. Zwar ist der Sänger und Gitarrist Angus Andrew ihr unbestrittener Frontmann. Doch seit den ersten Schritten von Liars im Jahr 2000 bis zum Frühling 2017 hatte Andrew stets Aaron Hemphill an seiner Seite, während andere Bandmitglieder nicht so lange ausgeharrt hatten. Im Mai aber kündigte Angus Andrew auf der Liars-Webpage nicht nur die baldige Veröffentlichung von neuem Material an, sondern teilte dort auch mit, dass Hemphill sich von der Gruppe verabschiedet habe – man sei freundschaftlich auseinandergegangen. Mit völlig neuer Besatzung startete Andrew dann im Sommer eine Liars-Konzerttour, die derzeit noch im Gange ist. Auf die Bühne begibt er sich dabei stets im Hochzeitkleid und mit Schleier, ein Outfit, in dem er auch auf dem Cover von TFCF abgebildet ist. Und man kommt nicht umhin, in ihm eine traurige, verlassene Braut zu sehen. Den Ruf, zu den eigenen Stücken sehr spezielle Clips produzieren zu lassen, kann Liars auch mit den Visuals für Cred Woes eindrucksvoll untermauern. Der New Yorker Regisseur Yoonha Park porträtiert einen jungen Mann, der in der Gastronomie arbeitet. Als Zuschauer schwankt man zwischen Sympathie für das von dem Lockenkopf zelebrierte Slackertum und einer Abneigung gegen seine Rastlosigkeit, Unruhe und unterschwellige Agressivität. Vorsicht: Es wird mit allerhand Sachen geworfen, so landet auch mal eine Melone im Basketballnetz. Das passt hervorragend zu dem nervösen, monotonen Duktus von Cred Woes, ein Stück, das beurkundet, wie fortgeschritten die seit Jahren betriebene Fusion aus synthetischen Klängen und Gitarrenmucke bei Liars schon ist – ohne dass das Ergebnis sich aber in die Schublade Elektropunk oder Indietronics stecken ließe.

Und jetzt wird hier nochmal ein richtig amtliches Musikvideo der kanadischen Band Metz nachgereicht. Der in der eareyeam-Ausgabe 2/17 gezeigte Promoclip für ihr diesjähriges Album Strange Peace war ja eher eine hastig gebastelte Aufwärmübung: Ein paar Hände winkten recht verhalten zum Song Cellophane. Für Cellophane gibt es mittlerweile neue, anspruchsvollere Visuals, aber da das Stück bei eareyeam schon durch ist, wird sich hier auf das von Shayne Ehman gedrehte Video zum Titel Drain Lake konzentriert, der bisweilen kurioserweise so klingt, als hätte Metz heimlich eine tiefgestimmte Querflöte in den heiligen Lärm geschmuggelt. In dem Clip biegen die Gabeln sich auf eine Weise, an der Uri Geller seine helle Freude haben müsste. Und auf die Idee, ein Cupcake-Blech zum Fliegen zu bringen, hätte eigentlich Jim Jarmusch beim Drehen seines Films Paterson kommen sollen. Die Metzmänner, also der Gitarrist und Sänger Alex Edkins, Bassist Chris Slorach und Schlagzeuger Hayden Menzies, befinden sich im übrigen gerade auf Europa-Tour. Am 6. November spielen sie im Berliner Bi Nuu, am 8. November sind sie im Hamburger Knust zu sehen und am 22. November folgt ein Konzert im Londoner Club The Garage.

Ein Moskauer Wunderkind ist erschienen (haftete einem solchen Typus zu UDSSR-Zeiten nicht etwas Inflationäres an? Heute ist er wieder eine Meldung wert). Dmitry Evgrafov brachte sich ab dem zarten Alter von 14 Jahren das Klavierspielen selbst bei, Unterricht hat er nie bekommen. Mit 17, also noch bevor er in seiner Heimatstadt Sounddesign studierte, begann er, eigene Kompositionen zu veröffentlichen. Die Macher von 130701, dem Unterlabel für post-klassische Musik der britischen Plattenfirma Fat Cat Records, wurden auf das Talent aufmerksam und nahmen den Moskowiter 2015 unter Vertrag. Evgrafov konnte dort auch gleich seine erste Platte veröffentlichen. Collage nannte er sie, da das Album eine Sammlung von über die Jahre entstandenen, miteinander unverbundenen Stücken darstellt. 2016 folgte die EP The Quiet Observation und dieses Jahr erscheint mit Comprehension of Light eine zweite LP, an der Dmitry Evgrafov nun erstmals innerhalb eines umgrenzten Zeitraums und mit einem Konzept ausgestattet bastelte. Und was zeigt das folgende Video, dass den auf Comprehension of Light enthaltenen Track Tamas illustriert? Vulkaneruptionen? Sonnenexplosionen? Die Visuals in Kombination mit der Musik könnten glatt suggerieren, dass hier doch eine Art frühsowjetisches Multimedia-Experiment re-enacted wird. Die rätselhaft-monochromen Bilder hat der Designer und Künstler Ruslan Khasanov erzeugt, der es sonst besonders bunt mag. Ohne sie kann man sich Tamas dagegen gut als Horrorfilm-Soundtrack vorstellen – dank einer dräuenden, von Streichern in Spannung gehaltenen Stimmung, in der disharmonische Bläserklänge ständig an- und abschwellen.

Wie? Kein klassisch gezeichnetes Animationsvideo in dieser Ausgabe? Na, das lässt sich ja noch ändern. SuperParka – Supername – hat vor ein paar Tagen den Clip zum Track Skip rausgehauen. In ihm fahren zwei Typen in einem Auto durch die Nacht. Allerdings: Die beiden befinden sich auf dem Beifahrer- und Rücksitz, das Steuer hat zunächst niemand in der Hand, dann lenkt eine Art chinesischer Drachen das Fahrzeug. Ist das etwa der Kommentar von SuperParka zur eigenen Bandgeschichte? Paco und Simon, die zwei Parkas und Pkw-Insassen, gehörten nämlich mal dem normannischen Pop-Quintett We Are Match an. Die fünf Jungs, die sich schon von Kindesbeinen an kannten, wollten sich ein Plätzchen im französischen Popbusiness ergattern und sogar darüberhinaus – verfassten sie doch ihre Lyrics in englischer Sprache. 2015 veröffentlichte We Are Match ein Debütalbum, aber gleich danach schien der Wurm in die Sache gelangt zu sein. Denn im April 2017 verkündeten die Bandmitglieder auf ihrem Facebook-Account das Ende von We Are Match. Der Versuch neue Songs einzuspielen sei leider in die Hose gegangen, hieß es dort. Nach intensiver Diskussion und langen Überlegungen seien sie zu dem Schluss gekommen, dass man eigentlich keine Lust mehr habe, zusammen weiterzumachen. Die zwei Keyboarder der Band waren da auch schon nach London aufgebrochen und der Schlagzeuger hatte sich in den Übungskeller zurückgezogen. Blieben eben noch Sänger Paco und Gitarrist Simon an Bord, die zumindest im Skip-Clip ein wenig paralysiert durch die Nacht kurven, um diesen heftigen Split zu verarbeiten. Vielleicht als Taschengorillaz, denn der SuperParka-Track mutet – vor allem noch in Kombination mit dem Zeichentrick-Video – wie eine Lo-Fi-Version der Beats und Melodien, die Damon Albarn für seine fiktive Comic-Band so bastelt, an. Der Clip wurde sicherlich nicht von Jamie Hewlitt geschaffen, aber haben Paco und Simon ihn eigentlich selbst gebastelt? Sie verweisen jedenfalls auf das Videospiel Parappa The Rapper als Vorbild für die Animation – und auf die letzte Folge der dritten Staffel von Twin Peaks. Zudem haben sie noch ihre Vorliebe für Sushi in Form umherfliegender Kaltfischhäppchen in das Filmchen eingebaut. Klingt wirr und profan – aber jetzt bitte trotzdem nicht skippen.

Ach, wie schön! Endlich mal wieder was vom dänischen Lieblingslabel Tambourhinoceros. Aus diesem Stall waren schon Efterklang, PRE-Be-UN oder Thulebasen bei eareyeam zu Gast. Alle diese Acts scheinen leider nicht mehr unterwegs zu sein. Dagegen ist der hier seine eareyeam-Premiere feiernde The New Spring umso aktiver und beglückt uns mit dem sehr melancholischen und doch wunderschönen Song Gershwin Wakes Up Singing. Bastian Kallesøe heißt der Mensch, der seit ein paar Jahren die Rolle des neuen Frühlings eingenommen hat. Er war auch mal Leadsänger einer Band namens Shout Wellington Air Forces, die 2010 ihre Debüt-LP Clean Sunset auf dem nicht mehr existierenden Label Morningside Records veröffentlicht hatte. Zwar erbte Tambourhinoceros Shout Wellington Air Forces nach dem Ende von Morningside Records, doch das geplante zweite Album der Band kam niemals zustande, auch Shout Wellington Air Forces löste sich auf. Dafür hat The New Spring mittlerweile drei LPs auf Tambourhinoceros herausgebracht und so tolle Songs wie Glow geschrieben, zu dem es auch ein rührendes Video gibt. Gershwin Wakes Up Signing ist der Vorbote eines weiteren Albums, das den Titel Wholly Wholly tragen wird und am 2. Februar 2018 in die Plattenläden kommen soll. Zugleich hat Bastian Kallesøe verkündet, dass sich The New Spring zumindest für die Aufnahme der neuen Scheibe zu einer vierköpfigen Band erweitert hat. Für den Dreh des Videos zu Gershwin Wakes Up Signing plazierte Regisseur Nick Bruhn-Petersen Bastian Kallesøe aka The New Spring in den Garten der Dänischen Königlichen Bibliothek in Kopenhagen – prompt fühlte sich der dortige Springbrunnen verpflichtet, seine Aufgabe zu erfüllen, während Kallesøe mehrmals geisterhaft ins Setting reproduziert wurde. Passt zu den Lyrics, denn in ihnen geht es laut dem Musiker um das ultimative Disaster: dass man aufwacht und feststellt, man ist tot. Kallesøe imaginiert, in diesem Moment enttäuscht zu sein, aber auch neugierig darauf, wie sich der eigene Leichnam so anfühlt. Am Ende würde einen wahrscheinlich das alberne, schöne aber nun völlig nutzlose Wissen erfüllen, dass man mal am Leben war. Ein adäquater Rausschmeißer in die dunklen Novembertage, die nun kommen werden.