Edició 3/17

Filastine & Nova / Za! / Las Bistecs / Beroots Bangers feat. Lirico / Enes Suleman & Stash House / Ivan Cano / Bad Gyal / Afrojuice 195 & Blondie / Zora Jones / Awwz / Nueva Volcano / Les Sueques / Power Burkas

Oha, die LeserInnen (genauer gesagt: zwei von ihnen) haben eareyeam nach Barcelona geschickt. Die Entscheidung fiel schon im Winter, da konnten sie noch gar nicht ahnen, dass die mediterrane Metropole zuerst Mitte August vom dschihadistischen Terror heimgesucht werden würde, um nun, im Vorfeld eines für den 1. Oktober geplanten Unabhängigkeitsreferendums, als Schauplatz für das Kräftemessen zwischen katalanischen Nationalisten und spanischer Zentralregierung herzuhalten. Barcelona ist also derzeit ein viel heikleres Terrain als es Japan im August 2016 war. Damals hatte die allererste monogeographische eareyeam-Ausgabe die diversen Musikszenen Nippons zum Thema. Wenn eareyeam aber nun schon mal den Auftrag bekommen hat, Kataloniens Hauptstadt musikalisch zu porträtieren, dann will es auch ganz unverblümt den Umstand nutzen, dass gerade mehr Leute aufgrund des dortigen politischen Geschehens auf Barcelona schauen. Weshalb der Veröffentlichungstermin dieser Ausgabe kein zufälliger ist. Aber auch nichts mit einer etwaigen Sympathie für das Begehren vieler KatalanInnen nach einem eigenständigen Staatsgebilde zu tun hat. Ministerpräsident Carles Puigdemont behauptet zwar in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dass der katalanische Nationalismus kein ethnischer ist, aber einer solchen Aussage kann misstraut werden; es gibt sowieso keinen Nationalismus ohne Ausschlüsse – einige Bürgermeister der Region, die sich nicht für die Unabhängigkeit begeistern, können ein Lied von den Drohungen und Schmähungen singen, die sie deswegen in den vergangenen Wochen erfahren haben. Und obwohl offensichtlich auch Linke die Abspaltung von einem als zutiefst vom Franquismus durchtränkt empfundenen Spanien herbeisehnen, wundert es doch, dass sie sich zu diesem Zweck ausgerechnet hinter einem neoliberalen Regionalfürst versammeln. Dem sei aber nun flugs hinzugefügt, dass eareyeam auch der spanischen Regierung kein Jota zugeneigt ist. Der herrschende Partido Popular ist ein erzreaktionärer Haufen, tatsächlich überwintern in ihm muffige Reste des Gedankenguts aus der Phase der Diktatur. Daher fällt Madrid jetzt auch ganz leicht in das alte Muster der harten Hand gegenüber allzu aufmüpfigen Nicht-Kastillanern zurück und sorgt selbst dafür, dass die Verhältnisse in Katalonien in eine Absetzbewegung geraten. Bisher sprach sich eine Mehrheit der Abstimmungsberechtigten gegen die komplette Abspaltung der Region aus. Die derzeitige, wesentlich vom Zentralstaat entfachte Eskalation, inklusive der Mobilisierung der Guardia Civil, der Beschlagnahme von Wahlzetteln, der Verhaftung katalanischer Funktionäre und eines Stopps des Zuflusses öffentlicher Gelder Richtung Barcelona, hilft, das gründlich zu ändern.


Foto: vdevivienda via Wikimedia Commons

Oh, eigentlich soll es hier ja nur um Musik gehen. Aber man kann sich wohl denken, dass gerade in Barcelona einige KünstlerInnen ansässig sind, die Melodien und Beats sowieso als hochpolitische Angelegenheit verstehen. Kaum eine Stadtbevölkerung Europas ist in den vergangenen Jahren so stark nach links gerückt wie die der mediterranen Metropole. Dafür hat aber nicht der Separatismus gesorgt, sondern eine Bewegung, die sich in Folge der landesweiten Proteste von 2011/2012 gegen die massenhaften Zwangsräumungen von durch die Wirtschaftskrise verarmten und überschuldeten Wohnungseigentümerinnen zur Wehr setzte und zudem die Schattenseiten des Tourismusbooms, der seit den Olympischen Spielen 1992 andauert, problematisierte. Mit Ada Colau steht gar nun eine Ex-Hausbesetzerin und Aktivistin aus den Reihen dieser Bewegung an der Spitze der städtischen Administration. Obiges Foto zeigt Colau, wie sie schon im Jahr 2007 gegen eine Privatisierung von Wohnraum. Bildung und Gesundheit kämpft. Damals kreuzte sie ungebeten und als Comicheldin Supervivienda verkleidet auf einer Wahlveranstaltung der kommunistischen Bürgermeisterkandidatin Imma Mayol auf. Heute hört Colau im Rathaus veilleicht gelegentlich die Musik der MacherInnen des Auftaktvideos dieser Spezialausgabe. Für eareyeam sind die keine Unbekannten mehr. Der ursprünglich aus den USA stammende, aber seit Jahren in Barcelona lebende Grey Filastine kam im Adventskalender 2012 mit dem Track Gendjer2 vor. Damals hatte er gerade indonesische Klänge für sich entdeckt und traf bei einem Aufenthalt in Jakarta auf die Sängerin Ruth Nova, die die Vocals zu Gendjer2 beisteuerte. Aus den beiden wurde ein Paar, das inzwischen auch als Duo Filastine & Nova fest zusammenarbeitet. Ihr gemeinsames Repertoire enthält hauptsächlich musikalische Interventionen mit politischer Grundierung: ein Mixtape zum Dokumentarfilm The Act of Killing, ein Sound-Schwarm für die Straßen von Paris während des Klimagipfels 2015 oder eine Performance im Dschungel von Calais. Ein Projekt von ihnen, das sich über gut anderthalb Jahre erstreckte, ist die Produktion der Videoserie Abandon. Die stellt Arbeitskräfte in verschiedenen Berufssparten an verschiedenen Orten der Welt in den Mittelpunkt. Jeder der Clips handelt vom Aufbegehren gegen die untragbaren Zumutungen, die die Arbeitswelt für das Individuum so bereithält. Der Widerstand wird jeweils tänzerisch zum Ausdruck gebracht. Filastine & Nova hat dafür mit lokalen ChoreographInnen kooperiert. Die erste Episode The Miner wurde auf Borneo und Java gedreht, die zweite Folge The Cleaner in Lissabon und für Teil 3 The Salarymen flog Filastine & Nova nach Seattle. Der oben gezeigte, vierte Clip Los Chatarreros hat das Duo schließlich nach Barcelona zurückgeführt. Er dreht sich um die migrantischen Altmetallsammler der Stadt, repräsentiert durch die Chatarreros Amadou Barri, Christian Kabeya, Diego Solaque und Alan Gonzalez. Grey Filastine, der bei dem Video allein Regie führte, lässt in ihrer Mitte den Tänzer Dougie Knight nach einer Choreographie von Celine Pimentel Vogueing-, Footwork- oder Breakdance-Moves performen – zu einem Elektronika-Track, der entsprechend seines Themas von metallisch klingenden, perkussiven Beats dominiert wird, während einzig und allein ein abgehackter Akkordeon-Riff die Melodie führt. Barcelona hat sich im übrigen selbst den Titel „Stadt der Zuflucht“ gegeben, um zu demonstrieren, dass innerhalb seiner Verwaltungsgrenzen Refugees willkommen sind. Gegenüber der italienischen Insel Lampedusa und der griechischen Insel Lesbos verpflichtete sich die barcelonesische Regierung in einem Abkommen, finanzielle und technische Hilfestellung beim Empfang und bei der Versorgung der über das Mittelmeer Geflüchteten zu leisten. Die vier Titel der Abandon-Serie sind auf der im April veröffentlichten Platte Drapetomania zu finden, dem ersten offiziellen Album von Filastine & Nova. Das folgende, von Arif Ramly produzierte Video zeigt, wie Grey Filastine und Ruth Nova während eines kürzlichen Besuchs im indonesischen Jakarta für die Reihe Wknd Sessions die ebenfalls auf Drapetomania enthaltenen Stücke Fenomena und Perbatasan auf der Straße vor einem Blumenladen darbieten. Novas Gesang kann eine ziemliche Sogwirkung entwickeln.

Dass die Barcelona-Ausgabe überhaupt zustande gekommen ist, hat eareyeam vor allem auch Lucia Gea zu verdanken, die schon als Autorin der Ausgabe 1/17 den LeserInnen die Geschichte der schwarzen Punk-Band Death aus Detroit nahebrachte. Zwar ist Lucia in der Musikszene Valencias beheimatet, sie nimmt aber auch immer wieder das Geschehen in anderen spanischen Städten in den Blick. Auf der Liste ihrer LieblingsmusikerInnen aus Barcelona steht ein weiteres Duo ganz oben, das für die hier vorliegende Ausgabe sogleich als gesetzt galt: Za!. Seine beiden Mitglieder, die sich Papa DuPau und Spazzfrica Ehd nennen, sind verrückte Hunde, die über eine breite Palette an Instrumenten verfügen: Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, Trompete, Kalimba, Sampler und natürlich ihre Stimmen befinden sich im Einsatz für einen Sound, der sich wirklich schwer in eine Schublade stecken lässt. Noise, Free Jazz, balinesische Polyrhythmen, Math Rock und Drone – alles das verwurstet Za! zu einem erstaunlichen Hörerlebnis. Und stets überlässt das Duo bei seinen Live-Gigs einen Großteil der musikalische Dramaturgie Meister Zufall. Za! tourt ganz schön eifrig durch die Welt und hat sich dabei die Bühne mit Acts wie Shonen Knife, … And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Mark Etzel oder Peter Brötzmann geteilt. 2013 veröffentlichte Za! sein Debütalbum Wanananai im Selbstverlag. Das Rockdelux Magazine erklärte es damals zur Platte des Jahres und obendrauf Za! auch noch zur besten Live-Band Spaniens. 2015 erhielt das Duo den Premi Ciutat de Barcelona, den Musikpreis der Stadt Barcelona, unter anderem für seine Improvisations-Workshops mit Kindern und Erwachsenen. Zudem sind Papa DuPau und Spazzfrica Ehd Gründer des Improvisations-Kollektivs El Cabalo Ganador. Dass Humor ein zentraler Aspekt des Schaffens von Za! ist, demonstriert das Video zu dem Track Badulake von der derzeit aktuellsten Platte Loloismo aus dem Jahr 2015. Die Produzenten des Clips, Jordi Castells und Aitor Garay, sorgten dafür, dass es im Spätkauf heftig rauscht. Gedreht wurde in einem Laden mit dem schönen Namen Pim Pam – und dieser gehört auch in echt der Familie jenes jungen Mannes, der im Video hinter der Kasse bewusstseinserweiternde Erfahrungen macht. In seiner Halluzination verwandeln Papa DuPau und Spazzfrica Ehd sich dabei zwischen den Regalen in verschiedene komische Charakterpaare. Als sie jedoch die Gestalt eines Troublemaker-Duos annehmen, schlägt der Händler sie allein mit einem lässigen Schulterschütteln in die Flucht. Toll, wie dabei das Slayer-Motiv auf seiner Jeansweste zu leuchten anfängt. Es scheint so, als ob der subkontinentale Background des Geschäfts Za! zum den Track Badulake mitprägenden, exzessiven Sampling einer kurzen, womöglich von einem indischen Instrument erzeugten Melodie inspiriert hat. Oder wird umgekehrt ein Schuh draus? Ansonsten mutet der Titel dank unvorhersagbarer Breaks und Tempowechsel bei gleichzeitig nervöser Erfüllung und Verballhornung von Rock-Schemata irgendwie zappaesk an.

Und weil die Musik von Za! so schön durchgeknallt ist, hier noch eine Zugabe: Der folgende Clip zeigt die Live-Aufführung einer natürlich von Improvisationen durchsetzten extended Version des Titels Súbeme El Monitor vom Debütalbum der beiden Za!patisten. Er ist im Rahmen des Projekts Tots Sants entstanden. Die OrganisatorInnen von Tots Sants laden regelmäßig Bands und SolomusikerInnen in das Tonstudio La Casa Murada in dem südwestlich von Barcelona gelegenen Ort Banyeres del Penedès ein. Dort können die Gäste eine Zeitlang in Ruhe proben, neue Stücke erarbeiten und dem schon vorhandenen Material eine veränderte Form geben. Ein Kamerateam dokumentiert schließlich die Resultate dieses Retreats. Im Fall von Za! wird so anschaulich, wie virtuos das Duo mit Loop- und Effekt-Geräten hantiert und dass Spazzfrica Ehd ein verdammt begnadeter Drummer ist. Es macht jedenfalls Spaß, den zwei Typen beim beherzten Bearbeiten ihrer Instrumente zuzuschauen. Súbeme El Monitor heißt auf Deutsch im übrigen „Zieh‘ den Regler des Monitors hoch“. Papa DuPau und Spazzfrica Ehd veralbern diese Standardphrase im Konzertbusiness geradezu, wenn sie ihren Gesang extra bis zur Unverständlichkeit verzerren.

Kann sich überhaupt noch jemand an das Duo Baccara erinnern? In den siebziger Jahren war es Spaniens heißester Pop-Export. Jetzt hat in Barcelona eine Art Baccara 2.0. die Bühne betreten: Las Bistecs. Dieses Tandem, gebildet von Alba Rihe und Carla Moreno, fabriziert einen iberischen Elektropunk, den es selbst als Electro-Disgusting bezeichnet und an dem so jemand wie Peaches ihre wahre Freude haben dürfte. Las Bistecs machen den Anspruch geltend, dass auch feministisch orientierte Musikerinnen anstößig und explizit sein dürfen. Ein ähnliches, zweiköpfiges Konzept haben schon viel früher die Berlinerinnen Gina V. D‘Orio und Annika Trost mit ihrem Projekt Cobra Killer verfolgt. Las Bistecs bezieht sich aber ausdrücklich auf die Movida der frühen achtziger Jahre, als im Spanien nach Francos Tod nachts die Wände wackelten und jeder Schweinekram gefeiert wurde. 2016 konnten Rihe und Moreno dank Crowdfunding ihre erste Platte namens Oferta auf den Markt bringen. Diese enthält zum Beispiel den Track Señoras Bien, der nicht dementierten Gerüchten zufolge den Habitus diverser Politikerinnen des Partido Popular auf’s Korn nimmt. Die Damen verkehren im Ritz, gehen aber auch zum Bingo, täglich werfen sie sich nach dem Aufstehen Pillen ein und bei ihren Besuchen im Schönheitssalon kann sie nichts schrecken, heißt es sinngemäß in den Lyrics. Die Vocals werden mit einer monotonen Drum-Machine, einem Achtziger-Jahre-New-Wave-Synthie und Videospiel-Soundbites unterfüttert. Klar ist das Geschmackssache, aber spanischsprachiger Gesang erhält so eine Sexyness, die ihm in einem rockistischeren Kontext oftmals abgeht. Das Visuelle ist Las Bistecs offenbar genauso wichtig wie die Musik. In dem von Carla Parmenter gedrehten Video zu Señoras Bien, das, seit es Anfang Februar vergangenen Jahres gepostet wurde, immerhin schon 1,2 Millionen Klicks bekommen hat, performen Alba Rihe und Carla Moreno mit Hingabe und Liebe zum Detail gut situierte, mondän-gelangweilte Ladies, die sich jenseits der Saison in einer verlassenen Hotelanlage am Meer ein wenig gehen lassen. Der Swimming Pool ist längst geleert worden, was die zwei Frauen aber nicht davon abhält, sich Gurkenscheiben über die Augen zu legen und auf der Terrasse ein Sonnenbad zu nehmen. Las Bistecs lässt uns wissen, dass die erste Klasse ganz schön cheap sein kann.

Auf Oferta befindet sich auch das folgende sehr kurze aber dafür herzallerliebst klingende A-Cappella-Stück Ano. Las Bistecs hat dem allerdings einen schrägen Clip hinzugefügt, in dem Rihe und Morena nackig durchs Bild schwimmen oder trudeln und der einen dazu veranlasst, sich die Lyrics nochmal genauer anzuhören. „Ano ano ano es culo en castellano“ – kann sich ja jede/r selbst ausmalen, was das auf Deutsch heißt. „Ano ano ano con pelo tibetano.“ Häh? Warum ausgerechnet mit tibetanischen Haaren? Die letzte Zeile preist Ano als „das Lied des Sommers“ an, während das Video ausgerechnet am 1. April 2016 ins Netz gestellt wurde und zwar exklusiv bei Vimeo, denn Youtube hätte es eh‘ gleich in die unzugängliche Schmuddelecke verbannt. Obwohl Las Bistecs hier doch ganz brav mit Verpixelung gearbeitet hat.

ANO from las bistecs on Vimeo.

Na sicher kann Barcelona mit einer signifikanten Hip-Hop-Community aufwarten. Die scheint aber stark von den französischen Schwestern und Brüdern beeinflusst zu sein, weshalb auch rund um die Ramblas gilt: sound follows words. Klangliche Innovationen spielen sich andernorts ab. Einen raren ästhetischen Höhepunkt in der bisherigen Historie des barcelonesischen Hip-Hop stellt vielleicht das Oeuvre der vierköpfigen Posse Beroots Bangers dar. In der ersten Hälfte der zehner Jahre rappten die MCs Enes Suleman, Drako und Zemo gemeinsam auf Spanisch und Französisch, während Dj Ru Ondo dazu die passenden Beats und Samples herstellte. Das Debütalbum der Beroots Bangers kam 2011 heraus und trägt den programmatischen Titel Mainstream Is Dead. Sein Herzstück ist – wenig überraschend – der Track Underground, an dem auch MC Lirico aus Zaragoza beteiligt war. Damals gehörten Ru Ondo und Drako noch gar nicht zu Beroots Bangers, letzterer tritt im Underground-Video lediglich als Tänzer in Erscheinung. In dem von Esmol Jonze und Brazo de Hierro zusammengebastelten Clip, der, dem üblichen Performance-Muster von Hip-Hop-Videos in aller Welt folgend, die Jungs von Beroots Bangers vor dem Hintergrund der Stadtkulisse Barcelonas in Szene setzt oder sie inmitten ihres weitläufigen Freundeskreises zeigt, liefert auch Indee Styla eine Move-Einlage. Die Rapperin hat sich mittlerweile mit einem Sound im Latino-Style fest in der Musikszene Barcelonas etabliert. Wie viele andere lokale KünstlerInnen schlüpft sie immer wieder unter das Dach von LaineREC, dem Aufnahmestudio von Enes Suleman. Enes mischte und masterte dort auch Underground, während Dave Bee zuvor die Produktion des Tracks besorgte und Dj Swet ihm die Scratches zufügte. Gerade letztere geben Underground die nötige Würze. Interessant ist auch der akzentuierte Einsatz eines gleichförmigen Tons, der wie das Signal einer sich schließenden Bahnschranke klingt und stets den Refrain einläutet. Leider findet man im Netz weder eine gescheite deutsche noch eine englische Übersetzung der Lyrics, aber grob lässt sich entziffern, dass die Botschaft von Underground – logisch – die Behauptung eigener Realness und eine klare Absage an künstlerische Kompromisse umfasst. Im Clip halten die Jungs von Beroots Bangers diverse Plattecover in die Kamera, um klarzustellen, wer für sie dabei als Vorbild taugt: IAM aus Marseille, Violadores del Verso aus Zaragoza (Liricos eigene Crew) sowie Nas und Boogie Down Productions.

Beroots Bangers hat sich zwar aufgelöst, aber die ehemaligen Mitglieder sind noch musikalisch unterwegs, hin und wieder kommt es auch zu Kooperationen zwischen ihnen. Am schaffigsten ist Enes Suleman, der in Créteil bei Paris aufgewachsen ist, aber seit 1997 in Barcelona lebt. In den vergangenen Jahren bastelte häufiger ein Produzententeam unter dem Pseudonym Stash House an der Soundunterlage für Sulemans Wordflow. Das tat es auch für einen Track, der Ende März scheinbar exklusiv mit dem entsprechenden Clip auf Youtube auftauchte. Sollte es sich dabei um den Prototyp für eine Serie namens #Keepitsample handeln, die aus Stücken besteht, die jeweils ein prägnantes Sample featuren? Im Fall des vermeintlichen Openers Doctrina del Shock handelt es sich um eine Drittverwertung: Enes Suleman rappt über eine Sequenz von Un bon sond brut pour les truands der französischen Formation IAM, die sich für ihren Track wiederum Yusef Lateefs Passacaglia angeeignet hat. Auf #Keepitsample 1 ist aber offensichtlich bisher kein zweiter Titel gefolgt. Im Netz sind keine Lyrics zu finden, der Titel Doctrina del Shock verweist aber irgendwie auf das gleichnamige Buch der kanadischen Autorin Naomi Klein. Außerdem legt das von Olivier Kowalczyk verantwortete Video nahe, dass Suleman womöglich die Konsequenzen der Digitalisierung des Alltags problematisiert. So mag Doctrina del Shock von allen hier präsentierten Beispielen dem noch am nächsten kommen, was Nordlichter sich als typischen globalisierungkritischen Multikulti-Sound von Barcelona vorstellen, geprägt von Übervater Manu Chao, dessen Homebase die Stadt schließlich viele Jahre gewesen war. Visuell will Enes aber vor allem auch demonstrieren, dass er sich selbst in der guten alten Traditionslinie der Geistesverwandtschaft zwischen Hip-Hop und Martial Arts sieht. Die Schwerter ziehen hierfür Kämpfer des Kendo-Clubs der Universität Barcelona.

Zu einer jüngeren Generation von MCs aus Barcelona gehört Ivan Cano, der in der nördlichen Suburb Santa Coloma de Gramanet beheimatet ist. Mit seinen Kumpels Oktoba und Jhise bildet er das Kollektiv Sacrificio y Pasta. Am 29. September wird Cano sein Debütalbum Baraka an den Start bringen, weshalb er im Vorfeld schon mal ein paar Videos zu auf der Platte enthaltenen Tracks ins Netz katapultiert hat. Eines dieser Stücke ist Partenón, in dem Cano mutmaßlich seine Kindheit und Jugend auf den Straßen seines Viertels schildert. Der 1992 geborene Rapper ist kein Spitter, er bevorzugt einen zurückgelehnten, ruhigeren Flow. Dano Ziontifik hat an den Beats und Samples von Partenón gebastelt und die laufen so smoothly und sophisticated arrangiert rein, dass man einfach nicht überrascht ist, wnn man erfährt, wer hier außerdem schon wieder seine Finger im Spiel hatte: natürlich Enes Suleman, der in seinem LaineREC-Studio Partenón wie wahrscheinlich auch allen anderen Titeln auf Baraka den allerletzten Schliff gab. Im von Mendozzi gedrehten, zugehörigen Clip begibt Cano sich an die Schauplätze seiner Adoleszenz. Zog er als Teenie kräftig am Joint, so behält er diese Angewohnheit jedenfalls bis heute bei. Und Jägermeister scheint seit damals das Getränk seiner Wahl zu sein (oder der Hersteller tritt einfach nur als Sponsor auf den Plan). Ach, außerdem hat Cano in dem Video auch noch irgendwie die eigene Mutter untergebracht.

Interessant ist, dass Dancehall-Rhythmen in Spanien auf besonders große Resonanz stoßen. Und Barcelona kann man durchaus als ein Epizentrum dieser Bewegung bezeichnen, die irritierenderweise oft und eigentlich falsch als Trap gelabelt wird. Zu der Blüte trägt unter anderem Bad Gyal bei, eine der wenigen weiblichen Stimmen in dem doch sehr von Testosteron durchtränkten Genre; eine, die noch dazu auf Katalanisch rappt. Bad Gyal hat in ihrem Pass den Namen Alba Farelo stehen, kam 1997 zur Welt und ist die Tochter des Theater- und Filmschauspielers Eduard Farelo Nin. Bisher veröffentlichte Bad Gyal nur einzelne Singles mit entsprechenden Videos, aber letztere entwickelten sich auf Youtube rasch zu Klickmonstern und haben der Frau eine Popularität eingebracht, die die ihres Erzeugers derzeit wohl locker in den Schatten stellt. Ganz frech hat sie zum Beispiel einfach mal Rihannas Hit Work abgegriffen und ihm katalanische Lyrics verpasst, die mit dem Originalinhalt allerdings nichts zu tun haben. Ihre Coverversion trägt den Titel Pai, was auf deutsch „Vater“ heißt. Na sowas. Auch wenn aktuellere Videos von Bad Gyal existieren, soll hier nun der im Mai 2016 publizierte Clip zu ihrem Track Indapanden gezeigt werden. Leider vollziehen nämlich die neuesten Visuals eine sterotypische Sexualisierung der Performance von Bad Gyal, während die junge Frau im von Polrenom produzierten Indapanden-Video noch recht unschuldig vor einem DHL-Lieferwagen Selfies schießt (Product Placement?) und mit ihren Freundinnen auf den Plätzen Barcelonas cornert. Funny übrigens, dass es Bad Gyal wichtig war, in der Info-Spalte unter dem Clip auf ihrem Youtube-Account auch an dem Nagelstudio ihres Vertrauens Credits zu geben. Zwar lassen sich die Lyrics von Indapanden im Netz finden, aber auch hier schlägt der Google Translator bei der Übersetzung ins Deutsche verbale Purzelbäume. Indapanden meint sicherlich „Unabhängigkeit“ – aber es ist anzunehmen, dass es Bad Gyal kaum um eine staatliche, sondern lediglich um die eigene, persönliche Selbstbestimmtheit geht.

Bad Gyals Lokalrivalin nennt sich Blondie. Na ja, vielleicht wird Blondie von Alba Farelo nicht wirklich ernst genommen, denn sie scheint neben ihrem Youtube-Account andere Social-Media-Kanäle kaum zu bespielen, was ja zumindest in jener Sphäre, in der Musikerinnen wie sie Fame abgreifen wollen, als unentschuldbare Nachlässigkeit gilt. Dafür hat die junge Frau aus der Vorstadt L‘Hospitalet de Llobregat, die im 20. Jahrhundert in Windeseile zur zweitgrößten Kommune Kataloniens heranwuchs, einen ziemlichen Coup gelandet, in dem sie – Achtung – neulich mit einer Posse aus Madrid gemeinsame Sache machte. Trotz katalanischem Separatismus und kastillanischem Chauvinismus ist also doch so etwas wie grenzüberschreitende Verständigung möglich. Na ja, vielleicht auch nur deshalb, weil die aus dem madrilenischen Satellit Fuenlabrada stammenden Jungs von Afrojuice 195 zumeist gar keine Biospanier sind. Alle MCs der Gruppe sind Kinder afrikanischer MigrantInnen, dementsprechend ist die Wahrung oder, umgekehrt, die Auflösung der zentralstaatlichen Einheit nun nicht gerade ihre dringlichste Angelegenheit. Der Alltagsrassismus wird in keinem der beiden Fälle von der iberischen Halbinsel verschwinden. Eigentlich ist aber Fußball das Leib- und Magenthema von Afrojuice 195: Einer der Tracks der Combo heißt Fifa Street, ein weiterer feiert den Real-Madrid-Stürmer Karim Benzema. Umso gewagter, dass eine Rapperin, die praktisch im Schatten von Camp Nou, der Homebase des FC Barcelona, aufwuchs, mit diesen Typen das Mikro teilt, um über eine von Blackthoven produzierte Nummer namens Biziness (Afro) Trap zu rappen. Eindeutig nimmt das rasante Stück, das mit Leichtigkeit jede Tanzfläche füllen sollte, Anleihen beim Kuduro. Das dazugehörige Video, verantwortet von Hugo Lopez, zeigt Blondie sogar beim Twerken mit diesen Madridleños, die sich in ihren Friseursalons die Dreadlocks am liebsten mit Cola durchwaschen lassen. Aber Achtung: Anders als Bad Gyal reimt Blondie nicht auf Katalanisch, sondern nutzt die spanische Sprache als Transportmittel ihrer Botschaften. Das ist vielleicht wirklich ihrem Heimatort geschuldet: L‘Hospitalet de Llobregat gilt nicht nur als eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt, hier konzentierten sich insbesondere seit den fünfziger Jahren vor allem Zuwanderer aus Andalusien, die wegen besserer Arbeitsaussichten in den Ballungsraum von Barcelona gezogen waren.

Weiß doch inzwischen jedes Kind, dass Barcelona der Schauplatz des weltweit größten Festivals für elektronische Musik ist. Alljährlich im Juni gibt das Sónar komprimiert darüber Auskunft, wer in der Szene gerade das Zepter schwingt oder demnächst durchstarten wird. Die Stadt ist aber nicht nur Auftrittsort, sondern auch Heimat so einiger Elektronika-Produzenten und Discjockeys, zum Beispiel von Zora Jones. Die wuchs in Österreich auf und beschloss, nach einem Besuch bei Freunden in Barcelona, zum Studieren in der Stadt zu bleiben – klingt ein bisschen nach der Erasmus-Filmkomödie L‘Auberge Espagnole des französischen Regisseurs Cédric Klapisch, deren Handlung ja auch größtenteils in der katalanischen Hauptstadt angesiedelt ist. Zora Jones schaffte sich während ihrer Zeit an der Uni hobbymäßig das Dj-Handwerk drauf, fand an ihm aber so großes Gefallen, dass sie das Pult mit den Plattentellern zu ihrem hauptsächlichen Arbeitsplatz machte. 2010 traf sie auf den kanadischen Kollegen Sinjin Hawke, verknallte sich ihn ihn, reiste zu ihm nach Montreal und hatte dort, wie sie dem Magazin The Fader in einem Interview verriet, eine weitere, für sie wichtige Begegnung – mit Dj Rashad, dem unumstrittenen König des Footwork. Zurück in Barcelona, bastelte Zora Jones nun selbst an Tracks, die von dem Chicagoer Sound inspiriert waren. Sinjin Hawke zog zu ihr ans Mittelmeer und gemeinsam gründeten sie Fractal Fantasy, eine Online-Plattform für ultratechnoide Töne und Visuals. Auf der entstand zunächst die Videoserie Visceral Minds, und ein Clip dieser Reihe, nämlich der zum Track Flash Alert von Sinjin Hawke und L-Vis 1990, hatte es dank des ihm zugrundeliegenden unbedingten Willens zum Futurismus in den eareyeam-Adventskalender 2013 geschafft. Zora Jones gab sich derweil die Aufgabe, rund hundert Stücke einfach so für die Schublade zu produzieren, bevor sie sich an eine Veröffentlichung unter eigenem Namen machen wollte. Dieses Vorgehen war der Auffassung geschuldet, ein schnelles und frühes Raushauen von Material könne nur mit dem eigenen Perfektionismus in Kollision geraten. Ende 2015 komprimierte Jones dann den musikalischen Wust zu sieben Tracks auf einer EP, die sie unter dem Titel 100 Ladies ins Netz stellte. Das hier präsentierte Video ist aber keins zu einem 100-Ladies-Stück, sondern gehört zur Visceral-Minds-Serie, zu der natürlich auch Zora Jones etwas beigetragen hat, nämlich den auf den Punkt gebrachten Track Moonstar. Dessen dystopisch angehauchte Flimmer-Sounds und die Knusprigkeit des Bounce-Beats lassen einem die Nackenhaare hochstehen. Gekoppelt wurde Moonstar mit computergenerierten Bildern des Videokünstlers VL-TR. Die zeigen mit geradezu fetischisierendem Gestus einen Kampfjet, der in einer Art Showroom von Laserstrahlen abgescannt wird. Alle Visceral-Minds-Titel kann man aber inzwischen unabhängig von ihren Visuals downloaden. Und es steht sogar schon eine zweite Palette voller Visceral-Minds-Material zur Verfügung.

Zora Jones – Moonstar from FractalFantasy on Vimeo.

Zora Jones ist bei weitem nicht die einzige Frau, die in der Elektronik-Community Barcelonas kräftig mitmischt. Da wären zum Beispiel auch Sara Reig und Gemma Thuggie. Zusammen bilden sie das Dj-Duo Thug Ladies, sie sind aber auch als Solistinnen zugange. Gemma Thuggie veröffentlichte unter dem Alias Awwz zunächst auf dem US-Label Freshmore die EP Gals, 2016 brachte sie dann auf der Plattform Galaxxy Sandwich die EP Glid heraus, mit fünf Titeln, von denen einer das sehr schöne Awake ist; ein Low-Tempo-Stück, dessen ätherische Melancholie ein bisschen an das Repertoire des australischen Produzenten Flume erinnert, zieht man mal dessen Hang zum dicken Auftrag ab. Als bezaubernd lässt sich auch das Video zu Awake bezeichnen, dass Eloi Colom verantwortet hat. Dank allerlei optischer Tricks werden in ihm menschliche Körper in unmögliche Stellungen gebracht. Am liebsten ist mir der vermeintliche Handstand auf der Straße. Sicherlich sollen die einzelnen Sequenzen jeweils als Allegorien eines bestimmten Beziehungszustandes dienen. Bedeutungsschwerer Emo-Kram eben, dessen Poesie dennoch anziehend wirkt. Im Netz kann man sich eine interaktive Version des Clips anschauen.

Mmmh … ich muss sagen, dass mir in der zugegeben kurzen Zeit meiner Recherche nach Musik aus Barcelona gar nicht so viele interessante oder gar herausragende Clips untergekommen sind. Und das, obwohl die Stadt Sitz einer der wohl international innovativsten und gefragtesten Videoproduktionsschmieden ist: Canada hat erst kürzlich spektakuläre Visuals für Up All Night, die neue Single von Beck, veröffentlicht. Der folgende Clip zum Song El mirlo der Band Nueva Vulcano besitzt immerhin eine ganz charmante Narration. Die Regisseure Aitor Garay und Jordi Castells inszenieren ein doch recht unsympathisches Fest zum zehnjährigen Jubiläum des fiktiven Unternehmens Nueva Volcano Futuristic Designs. Es wird reichlich Alkohol ausgeschenkt, und eine Karaoke-Anlage ist in Betrieb. Zwischen der Dame am Mikrofon und einem ihrer Kollegen hat es gefunkt, doch bis sie schließlich zueinanderfinden, gilt es für den Mann so einige Hindernisse zu überwinden – glücklicherweise kommt ihm da die Rewind-Funktion zu Hilfe (oder ganz viel Fusel). Aus der Karaoke-Box plärrt – natürlich – El mirlo von Nueva Vulcano. Die Band selbst ist auf dem Bildschirm der Anlage zu sehen und reagiert wider den Gesetzmäßigkeiten auf das, was bei der Betriebsfeier gerade so geschieht. Nueva Volcano existiert schon seit 2004, die Mitglieder der Gruppe sind der Sänger und Gitarrist Albert Estrada, der Drummer Albert Guárdia und der Bassist Wences Aparicio. Alle drei wurzeln tief in der Rockszene der katalanischen Metropole. El mirlo ist ein gutes Beispiel für den äußerst poppigen Ansatz, mit dem die Herren von Nueva Volcano ans Postpunk-Genre herangehen und der im konkreten Fall durch den Gebrauch eines Xylophons unterstrichen wird. Insgesamt fühlt man sich beim Hören der Songs von Nueva Volcano ans Ende der achtziger Jahre zurückversetzt, als die US-Independent-Mucke ihre Hochphase hatte. Sicherlich besitzen Estrada und seine beiden Mitstreiter auch sämtliche Scheiben des SST-Labels. El mirlo ist auf ihrem vierten Longseller Novelería zu finden, der schon Anfang 2015 bei Bcore, dem wichtigsten Zuhause barcelonesischer Alternativmusik, erschienen war. Ein Jahr später hat Nueva Volcano noch die EP Nombre Y Apellidos ausgestoßen, doch seitdem ruht der Vulkan.

Ach, das ist rührend: Bassistin Blanca Lamar und Gitarristin Tuixén Benet performen im Studio 3 von Ràdio Arenys den Les-Sueques-Song Tu em caus molt bé in einer abgespeckten Version. Denn zuhause geblieben sind zwei weitere Mitglieder von Les Sueques: die Keyboarderin Raquel Tomàs und der Schlagzeuger Pau Albà, der verhindert, dass man der Band zu simpel das Siegel Frauenpower verpassen kann. Dieses Jahr stellten die vier MusikerInnen ihre neue Platte Moviment fertig, die sie unter anderem in London aufgenommen hatten. Tu em caus molt bé ist eines der elf Stücke auf dem Album. Die beiden Damen haben großen Spaß an der Darbietung, sie schauen sich dabei geradezu verliebt an. Ihre Stimmen sind nicht die kräftigsten, wecken aber auf angenehme Art und Weise die Erinnerung an den unschlagbaren Evergreen Por que te vas von Jeanette Anne Dimech aus dem Jahr 1974. Die Spannung zwischen einem zurückgenommeneren Spiel der Instrumente und dem Einsatz der Effektgeräte hält dabei bis zum Schluss. Die krachigeren Passagen von Tu em caus molt bé legen schließlich Zeugnis davon ab, dass es sich bei Les Sueques um eine amtliche Garagenband handelt.

Den Status, den das Sónar für die globale Elektronika-Szene hat, kann Primavera Sound hinsichtlich seiner Bedeutung für das Rock-Geschehen nicht für sich in Anspruch nehmen. Das seit 2001 jeweils in zeitlicher Nähe zu Sónar stattfindende Musikfestival hat aber, was die Besucherzahlen angeht, zum Beispiel das große, traditionsreiche, englische Vorbild Glastonbury längst überholt. Les Sueques durfte dieses Jahr auf dem Primavera Sound spielen. 2016 trat dort die Combo Power Burkas auf, und wie ein Video von ihrem Gig dokumentiert, haben Lokalmatadoren auf dem Festival in Sachen Publikumszuspruch nicht zwingend einen Heimvorteil. Dafür übernimmt die vierköpfige, ursprünglich aus Menorca stammende Band eben den dankbaren Job des Rausschmeissers aus dieser Ausgabe. Power Burkas ist gleichfalls bei Bcore untergekommen, nachdem die Gruppe ihr Debütalbum noch ganz ohne Hilfe einer Plattenfirma zustandegebracht hatte. Der untenstehende Clip wurde bei einem Live-Gig am 19. Mai 2016 in dem barcenolesischen Club Sidecar gedreht. Während die vier Burkas Aleix Marban, Claudi Dosta, Marcel Pujols und Martí Ferrer ziemlich unverhüllt dem Namen ihrer Formation alle Ehre machen und den Song Llarga vida al tarannà, was sich ins Deutsche mit „Es lebe die Güte“ übersetzen lässt, von der im selben Jahr erschienenen, gleichnamigen LP mit mächtig Druck durch Mikrofone und Verstärker jagen, geht vor der Bühne erkennbar die Luzie ab. Der von Madera Films produzierte Clip fängt die euphorisch-aufgeheizte Atmosphäre im Sidecar sehr gut ein. Und süß auch, wie die Jungs dann backstage noch auf den Zirkusmarsch aus der Konserve abfahren. Ohne auch nur ansatzweise zu behaupten, ein vollständiges Porträt der lokalen Musikszene abgeliefert zu haben, verabschiedet eareyeam sich hiermit von Barcelona. Adéu! Wohin wohl wird die Reise als nächstes gehen?