Ausgabe 2/17

Maurice & Die Familie Summen feat. Kryptic Joe / Großstadtgeflüster feat. Fatoni / Holy Fuck / Metz / Wolf Alice / Shabazz Palaces / Kevin Abstract / Jlin / Nick Hakim / Chad VanGaalen / Codé / Just Banco / Mount Kimbie

Wow. Musik mit deutschsprachigen Lyrics war selten so funky wie das Stück, das Maurice und seine Familie vom Stapel gelassen haben, bevor sie in die Sommerferien abgedüst sind. Maurice Summen ist ja bekanntermaßen der Mitbegründer und alleinige Geschäftsführer des wunderfeinen Berliner Labels Staatsakt, das die Grandezza besitzt, am Prenzlauer Berg als Firmenstandort festzuhalten – unbeirrt von Unkenrufen aus Kreuzkölln, das doch selbst schon vom Bionade-Biedermaier erfasst worden ist. Christiane Rösinger, Erfolg, Ja, Panik, Hans Unstern – diese Staatsakt-KünstlerInnen hat eareyeam in der Vergangenheit schon gewürdigt, natürlich ohne je dafür von Summen ein Sümmchen erhalten zu haben. Dessen eigene Band Die Türen, um die herum das Label 2003 gestrickt wurde, blieb dabei allerdings bislang außen vor. Dafür hat sich Maurice mit seinem neuen Soloprojekt umso mächtiger an die Spitze dieser eareyeam-Ausgabe gegroovt. Wobei: Das Wort „Solo“ ist nur ein schiefer Euphemismus für „keine Türen“, denn eigentlich hat Summen mit ganz viel Freundeshilfe sein Album Bmerica eingespielt, das am 6. Oktober auf Staatsakt erscheinen soll. Selbst Türen-Bassist Ramin Bajin war mit von der Partie und wird dann wohl auch der neunköpfigen Band angehören, mit der Summen in der zweiten Oktoberhälfte auf Tournee gehen möchte. Wie man hören und im obigen Video sehen kann, gibt’s in seiner Großfamilie sogar Holzbläser, die dem Track Zeit Zurück eine Portion Extra-Sahne verpassen. Das Stück ist also so etwas wie das Dessert vor Bmerica und zugleich eine Art Pro-und-Contra-Kommentar zur binär codierten Gegenwart. „Keine Angst vor Empfang / Keine Angst vor Nicht-Empfang.“ Maurice fasst seine Sehnsucht nach einem Ausstieg aus der digitalisierten Entfremdung in Worte, während er Kryptic Joe von Deichkind bittet, am Familientisch Platz zu nehmen, um – immun gegen jegliche nostalgische Anwandlung – an die glücklicherweise überwundenen Zumutungen der Prä-Internet-Epoche zu erinnern, als Mama und Papa Rot-Händle im Auto pafften. Ja, das war wirklich gefährlich damals. Dass Typen wie Summen und Kryptic Joe heutzutage vergleichsweise safe sind und trotzdem noch auf‘m Spielplatz mit Tüten voll Bier herumlungern können, musste mal heftigst gefeiert werden. Maurice und seine erweiterte Mischpoke zogen dafür in den wiedergeöffneten Festsaal Kreuzberg, wo sie beim Party machen von Yannick Riemer, Simeon Cöster und David Specht gefilmt wurden. Den daraus entstandenen Clip kürt Eareyeam zum definitiven Gute-Laune-Sommervideo 2017.

Der nächste Track ist doch wieder die Hinterlassenschaft einer durchzechten Nacht, oder? Großstadtgeflüster tauchte schon im eareyeam-LeserInnen-Poll 2015 in der Kategorie Lieblingsvideos auf. Damals hielt das Trio mit seiner Hymne Fickt-Euch-Allee der Welt den Stinkefinger entgegen und wurde deshalb vom Publikum zum Nachfolger von Seed auf dem inoffiziellen Posten der Berliner Stadtmusikanten bestimmt. Nach der Reggaetonisierung der Spreeuferböschung sollte es also zurück in die Rauchschwaden der Kiezkneipen mit ihren klebrigen Theken gehen. Da saßen die Bioberlinerin Jennifer Bender und der aus Bremen stammende Raphael Schulz aber bereits seit 2003. Nach drei Jahren Philosophiestudium am Stammtisch schafften sie mit ihrem Debütalbum Muss laut sein gerade mal so den Bachelor, denn damals wollte sie kaum einer hören. Und das änderte sich auch nicht, nachdem 2008 der Schlagzeuger Chriz Falk zu den beiden gestoßen war. Die folgenden zwei LPs wurden auf dem eigenen Label ChickenSoup-Records herausgebracht, 2013 gelang Großstadtgeflüster dann die Unterschrift unter einen Vertrag mit Sony. Die vierte Platte Oh, ein Reh kann als Masterarbeit gewertet werden, weil sich auf ihr der für die Band typische Elektropop-Sound mit Punkattitude und Hip-Hop-Anleihen konsolidierte und Bender, Schulz und Falk schließlich schnurstracks in eben jene Fickt-Euch-Allee einbogen, auf der sie beschlossen, in nächster Zeit nur noch EPs rauszuhauen, dann aber so richtig mit Ausrufezeichen! Keiner Fickt mich – hinter diese Klage hat Großstadtgeflüster mindestens drei solche gesetzt. So, wie Bender, Schulz und Falk den Refrain zum Besten geben, zielt der volle Kanne auf’s Mitgrölen nach dem achten Bier. Als Verstärkung konnten sie noch den feinen Fantoni gewinnen, was beweist, das Großstadtgeflüster nicht die öde provinzberlinische Nummer des München-Bashings abzieht, denn der Gastrapper kommt von der Isar und war einst Teil der Brass-Band Moop Mama. Zu den Lyrics von Keiner Fickt Mich liefert er die wirklich im Gedächtnis haften bleibenden Zeilen: „Ich ess‘ tausend Mürbteigplätzchen, um meinen Würgereiz zu testen“. Großstadtgeflüster hat das gemächliche Tempo, mit dem es über die Fickt-Euch-Allee gecruist war, nun weiter gedrosselt, die Keiner-Fickt-Mich-Beats sind noch scheppernder, und die sie begleitenden Soundgimmicks klingen albern genug, um der lamoryanten Stimmung des Gesprochenen/Gesungenen gründlich eins drüberzubügeln. Im dem von Urban Media Tree produzierten Keiner-Fickt-Mich-Clip machen Bender, Schulz, Falk und Fantoni sich an verschiedenen Orten – in einem Box-Gym, einer Karaoke-Bar, einem Späti – zum Horst, die als Assemblage ein trashig-rootiges Berln repräsentieren, das hoffentlich nicht nur in der Performance von Großstadtgeflüster überlebt. Das Trio kann auch schneller: Im Frühling erschien Wie man Feuer macht. Dieser Track lässt einen fast glauben, die Band wäre ein Audiolith-Act. Das hochtourige Stück gehört übrigens zum Soundtrack des Films Tiger Girl – noch so ein Fetisch für den Rauhes-Berlin-Kult.

Was jetzt kommt, klingt wie eine heruntergepitchte Variation von Mr Oizos Klassiker Flat Beat. Bird Brains ist auf dem Mist von Holy Fuck gewachsen, einer 2004 gegründeten Band aus Toronto, die neben herkömmlichen Instrumenten auch Geräte wie Kinderkeyboards oder eine Spielzeugpistole einsetzt, um einen Sound zu erzeugen, der elektronisch anmutet, ohne aber mit dem Laptop oder Synthesizer erzeugt worden zu sein. Ja, das kann dann einen so groben, geradezu primitiven Ton zum Resultat haben, wie er dem Stomper Bad Brains innewohnt. Das Youtube-Video eines Holy-Fuck-Konzerts von 2008 zeigt aber, dass die Band auch recht ätherisch-psychedelisch klingen kann – oder anstrengend-experimentell. Im selben Jahr machte die Zeitung Ottawa Citizen publik, dass die damals im Bund regierenden Konservativen ein Programm zur Finanzierung von Auslandstourneen kanadischer Musiker streichen wollten, mit dem expliziten Verweis darauf, dass von den Geldern auch eine Formation mit Schimpfwort im Namen profitiert hätte. Shit happens. Regisseurin Allison Johnston lässt im Video zu Bad Brains zwar nicht die nagetierähnliche Flat-Eric-Puppe auftreten. Doch auch sie bedient sich eines Stofftier-Charakters: Ein spitzschnabeliger Birdman gibt tanzend einer Clubcrowd mächtig Zucker. In einer Pressemitteilung schrieb Johnston dementsprechend, dass der Clip auf der Beobachtung beruhe, wie leicht die Masse der selbstbewusstesten Person im Raum folgen würde. Die im Clip inszenierte Fete sei, so Johnston, genauso, wie sie sich Partys in ihrer Jugend immer vorgestellt habe, bevor sie selbst auf eine eingeladen wurde. Früher wollte sie, dass Partys immer so seien wie Nellys Hot in Herre.

Ein Mitglied von Holy Fuck, Graham Walsh, hat sich auch mit Produzentenjobs einen Namen machen können. Zum Beispiel mischte er bei den ersten beiden Alben von Metz mit. Das Trio, bestehend aus Alex Edkins, Hayden Menzies and Chris Slorach, machte seinen ersten eareayem-Aufschlag in Ausgabe 4/13 und ist mittlerweile zu einer der Bands herangewachsen, die dem Ahornland den Ruf als Qualitätsexporteur in Sachen Gitarrenkrach sichern. Am 22. September wirft das allseits geschätzte Label Sub Pop den dritten Metz-Longplayer auf den Markt. Strange Peace wird der heißen, und vorab gibt es schonmal die Single Cellophane zu hören. Die demonstriert: Kaum einer kann auf seinen sechs Saiten so schön sägen wie Alex Edkins und dabei auch noch die eigene Stimme ins Johnny-Rotten-hafte changieren lassen. Während Metz mit Cellophane fast so etwas wie einen barocken Core hinlegt, ist das Video zum Song an Minimalismus kaum zu überbieten: Es bewegen sich allein und auch nur recht verhalten – animierte Hände. Wahrscheinlich ein Teil der Promo: Hallo, winke winke, hier sind wir. Kauft die neue Metz-LP. Dann lebt Noise länger.

Nicht ganz so kompakt wie Cellophane, stattdessen etwas nervöser und ausfasernder kommt der Titel Yuk Foo der britischen Band Wolf Alice rüber. Wolf Alice ist schon ziemlich big in ihrer Heimat, ihr Debütalbum My Love Is Cool schaffte es 2015 bis auf Platz zwei der UK-Charts. Ellie Rowsell und Joff Oddie fanden 2010 zusammen – als Folkpop spielendes Akkustikgitarrenduo. Sieben Jahre später und nach Einstieg von Bassist Theo Ellis und Drummer Joel Amey nehmen sie eine Position irgendwo zwischen The Duke Spirit und Royal Blood ein. Yuk Foo ist die erste Auskoppelung aus der Ende September erscheinenden, zweiten Wolf-Alice-LP Visions Of A Life. Richten sich die von Rowsell herausgeschrieenen Lyrics an eine/n Lover/in, den/die sie gerade verlässt? Jedenfalls wirft die Sängerin ihm/ihr vor, sie zu Tode zu langweilen. Allerdings richtet sich ihre Wut nicht nur gegen diesen einen Menschen, sie scheint praktisch auf jeden und alles einen Brass zu haben. Angsichts ihrer Performance in dem von Adam Powell gedrehten Video zu Yuk Foo, nimmt man Rowsell dieses Gefühl voll ab. Gut gebrüllt, Wolf Alice.

2014 führte Gastautor Ed Jeunet Shabazz Palaces auf eareyeam ein. Damals hatte das afrofuturistische Duo aus Seattle gerade sein zweites Album Lese Majesty herausgebracht. Diesen Sommer nun melden Ishmael Butler aka Palaceer Lazaro und Tendai „Baba“ Maraire sich mit gleich zwei Longplayern zurück: Quazarz: Born of a Gangster Star und Quazarz vs the Jealous Machines. Oh je, dieser Blogbeitrag droht zu einer Werbeveranstaltung für Sub Pop zu verkommen, denn wie das Metz-Album Strange Peace sind auch die beiden Shabazz-Palaces-Werke beim einstigen Heimatlabel von Nirvana erschienen. Was demonstriert, dass Sub Pop nicht an der Gitarrenwand haften geblieben ist. Aber darüber haben ja schon genug MusikkritikerInnen Worte verloren. Hinter dem Doppelass von Shabazz Palaces steckt erwartungsgemäß ein Konzept: Es dreht sich um Quazarz, einen fiktiven intergalaktischen Emissär, der Station auf der Erde macht, um mit ihren BewohnerInnen über Musik zu kommunizieren. Dabei beobachtet er die Genese von Hip-Hop, die Situation der People of Colour in den Vereinigten Staaten und ganz allgemein das Verhältnis der Menschen zu technischen Geräten. Keine Angst: Das Quazarz-Skript gemahnt zwar durchaus an das Sci-Fi-Musical auf Clippings letzter LP Splendor & Misery, ist aber nicht ganz so rigide und atemlos konstruiert. Shabazz Palaces lässt dem eigenen Free-Jazz-Vibe genügend Spielraum und schert sich weniger um unbedingte erzählerische Kohärenz. Allerdings unterscheiden sich die zwei Teilalben stark voneinander. Bei Born of a Gangster Star geht’s eher um Stimmungen, die Platte wurde 2016 innerhalb von zwei Wochen im Studio in Seattle mit Hilfe von Produzent Erik Blood herausgehauen – gebastelt aus ursprünglichen Bonustracks wie dem retrospektiven Shine A Light, bei dem Thaddillac als Gastmusiker beteiligt ist. Der Song hängt derzeit volle Kanne und zurecht in der Heavy Rotation von Radio Eins. The Jealous Machines ist dagegen programmatischer und über Monate hinweg in Südkalifornien unter Aufsicht von Sunny Levine entstanden, wie Pitchfork berichtet. Welcome to Quazarz kann als das große Erklärstück auf The Jealous Machine gelten. Seine Lyrics sind auf Genius zu finden, aber praktisch kein/e UserIn hatte bisher das Bedürfnis, dort eine Exegese dieser Palastrede zu posten. Vielleicht machen schon die ersten Worte nach dem Intro überdeutlich, worum es geht: Die Vereinigten Staaten von Amurderca sind im Post-Sprech-Zeitalter angekommen. Dort unterhält man sich nur noch per Waffe. Es scheint, als ob Text und Musik untrennbar mit dem Video verbunden sind, das Nep Sidhu zu Welcome to Quazarz gebastelt hat. Der in Toronto beheimatete Multimedia-Künstler entwarf zum Beispiel schon für das Künstlerkollektiv The Black Constellation, dem sich Shabazz Palaces zugehörig fühlt, eine Uniform. Für den Clip computeranimierte Sidhu eine Townscape, die nicht so richtig erkennen lässt, ob er sie als Tech-Utopia oder als Hölle angelegt hat.

Kevin Abstract ist bei eareyeam kein Unbekannter: Ausgabe 3/14 enthielt den Clip zu seinem epischen Track Drugs. Im Winter des vergangenen Jahres erschien sein Album American Boyfriend, auf dem Abstract seine Highschool-Zeit und seine damalige Auseinandersetzung mit dem eigenen Begehren thematisiert. American Boyfriend wurde von Michael Uzowuro produziert, der schon für Vince Staples and Vic Mensa arbeitete, dessen Name aber vor allem mit Frank Oceans Blond-LP in Verbindung gebracht wird, da Uzowuro den darauf enthaltenen Titel Nights mitgeschrieben und abgemischt hat. Oceans knappe öffentliche Ansage, sein Sexlife sei nicht eindimensional, verursachte aufgrund seiner Pole Position im Black-Music-Universum ziemlichen Wirbel. Kritik und Publikum klopften daraufhin jede Liedzeile, jeden Soundfetzen auf Blond und auch jedes die Platte begleitende Bild nach Indizien für Oceans Bisexualität ab. Der enigmatische Musiker gab aber nicht viel preis. Ohne dafür einen ähnlichen Beifall wie Ocean zu bekommen, äußerte Kevin Abstract sich auf American Boyfriend weitaus konkreter über die eigene Queerness – der Track Empty erzählt zum Beispiel von seiner Beziehung zu einem an der Schule allseits beliebten Footballspieler, der nebenher auch noch eine Freundin hatte. Und von Kevins Mutter, die mit der Orientierung ihres Sohnes so garnicht zurechtkam. Tatsächlich haute Abstract mit 17 Jahren von zuhause ab. Das dazugehörige, von ihm selbst gedrehte Video zu Empty spitzt die Realität noch zu, wenn in ihm der Footballer von seiner Freundin beim Oralsex mit Kevin erwischt wird, woraufhin er sich im Swimming Pool ertränkt. Eine Suburban Love Story eben. In dem energetischeren, vorwärtstreibenderen Breitwandtrack Miserable America macht Abstract noch einmal die Homophobie seiner Mutter zum Thema der Lyrics, schneidet sie aber mit dem Rassimus der Eltern seines Boyfriends. Letztere haben absolut nichts gegen Schwule, nur schwarz dürfen sie halt nicht sein. Ganz besonders einprägsam ist bei Miserable America der gemischtstimmige Gospelchor, der Kevin Abstracts Klage über die bigotte, feindselige Umgebung mit einem penetranten „I don‘t care“ wegzuwischen versucht. Auch den Miserable-America-Clip, der erst seit einer Woche auf Youtube zu finden ist, hat Abstract selbst verantwortet. Das Video zeigt ihn kopfüber von der Wohnzimmerdecke eines Hauses hängend, in dem ein älterer weißer Herr namens Mr. Red ein Conversion Camp betreibt. Sprich: Abstract soll von dem Mann umgepolt werden. Schwarze Cheerleaderinnen wackeln um den Hängenden gequält mit der Hüfte, bis eine der Damen endlich zur Waffe greift und Mr. Red zur Strecke bringt. Die Truppe sitzt anschließend lachend und Sekt trinkend auf der Couch, während Abstract wie wild neben der Leiche von Mr. Red tanzt. Das ist ganz schön harter Stoff aus Donaldistan, wo die Adressat*innen des reaktionären Hasssprechs sich oftmals dazu gezwungen sehen, mit möglichst drastischen Mitteln zu kontern. Verwunderlich, dass in der Kommentarspalte unter dem Video noch kein Krieg tobt, aber womöglich hat Youtube sich extra dafür mal eine gründliche Moderation geleistet. Kevin Abstract hat ja auch das Rapper-Kollektiv Brockhampton mitgegründet, und die Visuals für die Tracks der Crew dreht ausschließlich er. Will man Abstract derzeit in den USA auf der Bühne sehen, kriegt man gleich ein ganzes Paket von MCs on top.

Jlin’s Rhythmen werden gerade als der hotteste Shit gehandelt. Sie haben sich aus dem Chicagoer Footwork-Universum herausgeschält – und an den Reglern und Knöpfen dreht mal nicht der erwartbare weiße Brillenjunge. Jlin ist Jerrylinn Patton aus Gary, Indiana. Ihren Maschinen entlockt sie vielschichtige, perkussiv-technoide Tracks, die einen in Erstaunen darüber versetzen, dass solche Musik gedacht werden kann. Um sich die eigene Künstlerexistenz ökonomisch abzusichern, arbeitete Patton in der Vergangenheit in einem Stahlwerk, verneint aber, dass dieser Job irgendeinen Einfluss auf ihre Sounds gehabt hätte. It’s not that simple. Wahrscheinlich war die Kritik ihrer Mom an den ersten eigenen musikalischen Gehversuchen das viel härtere Stahlbad für Jlin. Ihr Track Erotic Heat, der 2011 auf der Footwork-Compilation Bangs & Works Vol. 2 des britischen Planet Mu Labels erschien, ließ die Musikkritik erstmals auf Jlin aufmerksam werden. Ihr Debütalbum Dark Energy wurde dann frenetisch bejubelt und von The Wire zur Platte des Jahres 2015 gewählt. Soeben ist Black Origami, ihr zweites Album, veröffentlicht worden – ebenfalls auf Planet Mu. Im Vorfeld hat sie sogar olle Simon Reynolds, der ansonsten überall in der Musik nur noch Retro wittert, für den Guardian interviewt. Bei den Aufnahmen zu Black Origami kollaborierte Jlin unter anderem mit Holly Herndon und der südafrikanischen Rapperin Dope Saint Jude, die ja auch ein eareyeam-Liebling ist. Jlin besitzt zudem über Footwork hinaus eine hohe Affinität zu Tanz. Sie pflegt eine kreative Partnerschaft mit der indischen Performerin Avril Stormy Unger, und gerade ist sie mit dem britischen Choreographen Wayne McGregor zugange. Für das Video zum Black-Origami-Track Carbon 7 hat die in Berlin ansässige Regisseurin Joji Koyama aber Corey Scott-Gilbert in einen großen Werkstattraum irgendwo in Oberschöneweide gesteckt. Dort lässt der Tänzer auf atemberaubende Weise die Grenze zwischen Mensch und Avatar selbst noch in der kleinsten Gesichtzuckung verschwimmen. Und hebt damit den futuristischen Dreh in Jlins Musik stärker hervor. Für eareyeam bisher ganz klar der beste Dance-Clip des Jahres.

Ein Liebeslied gefällig, das sich im Schritttempo zwischen R‘n'B und Psychedelic Folk bewegt? Nehmt doch Roller Skates von Nick Hakim. Der Mann kommt aus Washington D.C. und hat am Berklee College of Music Musiktherapie studiert. Auf Pitchfork schreibt der Autor einer Rezension von Hakims Debütalbum Green Twins, man würde diesem die Studienwahl des Künstlers anmerken. Die Mitte Mai erschienene Platte habe eine therapeutische Wirkung, jede der in ein Summen und Brummen gekleideten Reflektionen Hakims sei heilsam, würde dampfen bis zur Katharsis. Was Nostalgisches heftet dem Werk aber auch an – wer betitelt heutzutage schon einen Song nach den Rollschuhen vom Ende der siebziger Jahre? Selbst Inline Skates gelten längst als Schnee von gestern – die mit den vier Rädern unter der Sohle sind dies erst recht. Der kurze Text von Roller Skates dreht sich aber garnicht um selbige. Vielmehr geht’s darum, dass man Gefahr laufen kann, eine Liebesbeziehung als zu selbstverständlich zu nehmen, wenn sie schon längst fragil geworden ist. Der Schöpfer des tollen Animationsvideos zu Roller Skates hat den Songtitel dann doch wörtlich genommen. Zeichner und Musiker Micah Buzan entwarf für den Clip ein Panoptikum trauriger Figuren, die an einer Rollschuhbahn zusammenkommen. Jede von ihnen kann das nicht haben, wonach es ihr gerade verlangt: etwa ein Stofftier aus dem Automat, sportliches Talent, soziale Kontakte oder gar die große Liebe. Die Nichterfüllung verschiedener Wünsche hat Autodidakt Buzan in sehr schönen, teils slapstickhaften Sentenzen visualisiert. Schließlich vereinigen sich die Charaktere mit ihren Mängeln und ungestillten Bedürfnissen tanzend auf der Rollschuhbahn, nachdem sie von einer weiteren Figur, bei der es sich wohl um Nick Hakim selbst handelt, auf den Geschmack gebracht worden sind. Ein versöhnliches Ende, das selbst den Stofftieren aus dem Automat eine Ausfahrt gönnt.

Auch das Video zu dem Lied Pine and Clover von Chad vanGaalen ist animiert. Hier stammen die Zeichentricks gar vom Musiker höchstpersönlich. Denn der greift nicht nur in die Saiten, sondern immer wieder auch zum Stift. Eareyeam hatte schonmal einen Clip, für den der Mann aus dem kanadischen Calgary sowohl die Tonspur als auch die Visuals besorgte, im Programm. In der Ausgabe 4/14 traten vanGaalens Monster auf, in all ihrer schönen Hässlichkeit. Die Wesen, die sich für Pine and Clover häuten, aufblasen oder Vielfältiges absondern, haben dagegen eine etwas gefälligere Erscheinung. Sind es Mikroben oder unbekannte BewohnerInnen des Meeres? Aber was soll dann der ballspielende Mann auf dem Saturn? Und überhaupt: doch etwas gruselig, das undeutliche, sich verzerrende Gesicht, das in dem Video immer wieder eingeblendet wird. Chad vanGaalen selbst beschreibt den Clip laut DiY Magazine so: „Der Stil und die Beschaffenheit der Animation richtete sich danach, wie lange ich auf einem Stuhl sitzen und zeichnen konnte, ohne von meinem wundervollen Gemüsegarten abgehalten zu werden. Dessen Schönheit hat mich dazu inspiriert, Szenen nach dem zu zeichnen, was ich im Garten so alles entdeckte. Selbstredend, dass es im Garten eine Menge Kopfsalat gab.“ Pine and Clover ist auf Light Information, dem sechsten Studioalbum Chad vanGaalens zu finden. Das erscheint am 8. September und ist – natürlich – ein Produkt aus dem Hause Sub Pop. Das Label aus Seattle hat, wie es scheint, einfach gerade einen guten Lauf.

Die abstraktesten Visuals dieser eareyeam-Ausgabe bietet das Video zum Track Retreatment. Die Farbexplosionen in dem von DJIZEZ produzierten Clip wollen sich partout nicht zu etwas Figürlichem formieren, während der von Codé losgeschickte Beat nur schwer und schleppend vorwärtskommt. Über das Projekt Codé lassen sich im Netz fast null Informationen finden. Wahrscheinlich versteckt sich hinter dem Alias ein Franzose namens Benjamin Bouffénie. Schließlich ist Codé auch beim Label Tentacule Records untergekommen, das in der westfranzösischen Stadt Bordeaux residiert und dessen Schwerpunkt eigentlich auf Sounds aus Afrika liegt. Retreatment befindet sich auf der Debüt-EP von Codé, zu der Tentacule eine kleine Fake Story aufgefahren hat: Das Projekt verfügt demnach am Ende des 22. Jahrhunderts über die letzten Soundsamples in einer grausamen Diktatur, die die Musikproduktion und -speicherung unter Strafe gestellt hat. Nachdem es kein sicheres Versteck mehr auf der Erde gibt, entkommt Codé mitsamt den Samples in einer Rakete Richtung Weltall. Na ja, Codés Töne sind letztlich doch viel spannender als diese Schmalspur-Sci-Fi. Wer will, kann die gesamte EP bei Bandcamp streamen oder heunterladen. Und habt bitte noch ein paar Klicks mehr für das schon Ende Juni auf Youtube gepostete Video übrig – als die bisher mageren 200.

Hier kommt nun eines der Talente aus der jüngeren Manchester-Szene, der ja auch das eareyeam-Lieblings-Hip-Hop-Kollektiv Levelz angehört. Dem 22-jährigen Just Banco ist dank des Produzenten Just Loco und unter Anwendung geringster Mittel ein ultramelancholisches, dopiges R‘n'B-Stück gelungen. Can‘t Stay basiert auf einen durchgängig geloopten Synthieklavierriff, der aus gerade mal drei Tönen besteht. Davor und dahinter hat Just Banco eine Menge Atmo geschaffen, beispielsweise durch halliges Geistergeheule, das er sich bei Burial geborgt haben mag. Auch die anderen Tracks, die der Mancunian bisher auf Soundcloud gepostet hat, lassen darauf schließen, dass zukünftig mehr von ihm zu hören und zu sehen sein wird. Das zu Can‘t Stay gehörende Video ist von Oliver Brian Productions geschneidert worden, die Bilderklitsche aus Sheffield hat den Clip so reduziert gehalten, wie es die Musik verlangt. Eine unbekannte Begleiterin im Kimono auf dem Bett und eine Posse aus Jungs, die allesamt Mundschutz tragen, vor einem Gebäude mit Art-Déco-Neonschrift: Das muss reichen, um eine fernöstliche Anmutung zu suggerieren. Ach ja, und wohin geht Just Banco denn nun eigentlich, wenn er die Nacht weder bei der Dame noch seiner Gang verbringen darf? Etwa heim zu Mom und Dad, die ihm verboten haben, nach Mitternacht auf der Straße zu sein?

Den Rausschmeißer stellt Mount Kimbie. Das britische Duo hatte es ja mit Cold Spring Fault Less Youth auf den ersten Platz der Kategorie Lieblingsalben im eareyeam-LeserInnen-Poll 2013 geschafft. Alllein schon deshalb soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Veröffentlichung von Love What Survives, der dritten LP von Dominic Maker und Kai Campos, kurz bevorsteht. Ab 8. September soll die Scheibe käuflich erwerbbar sein, und Ende Oktober beginnt Mount Kimbie eine ausgedehnte Europa-Tour mit mehreren Stationen in Deutschland und der Schweiz. Für Love What Survives haben Maker und Campos mit James Blake und Micachu zusammengearbeitet – und erneut mit King Krule, dessen unverwechselbare Stimme schon zwei Tracks auf Cold Spring Fault Less Youth geprägt hatte. Nun steuert der König auch die Vocals zu Blue Train Lines bei, der mittlerweile dritten Vorab-Single vom kommenden Longplayer. Mit seiner Röhre gibt er dem Stück, bei dem die Schläge auf die Hi-Hat tatsächlich ziemlich lange der Basstrommel wie ein Schnellzug vorauseilen, eine überraschend punkige Note. Ist die Eisen- auch als Blutbahn zu verstehen? Das dazugehörige Video hat Frank Lebon gedreht, dem Macher des Clips für den Frank-Ocean-Track Nikes. Es taucht in die historischen Untiefen der Wissenspeicherung und -produktion ein, denn Lebon stellt den kolonialen Blick von Anthropologen auf das Leben eines indigenen Amerikaners nach. Hierfür bedient der Regisseur sich der Dokumente über einen realen Fall – den eines Mannes namens Ishi, der 1865 das Three Knolls Massaker überlebt hatte, bei dem praktisch die gesamte Yahi Nation ausgerottet wurde, und den die Behörden zu Studienzwecken an die University of California verbracht hatten. Fünf Jahre später starb Ishi an Tuberkulose. Die schnellen Schnitte des Videos, in das Ansichten akademischer Räumlichkeiten montiert sind, erzeugen eine starke Sogkraft. Forschung kann zugleich aufklärend und sexy, aber auch sinister sein, zeigt der Clip. Davon können Klangforscher ein Lied singen.


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