Ausgabe 1/17

Death ist ein US-amerikanisches Trio, das 1971 in Detroit von drei schwarzen Brüdern gegründet wurde: Bobby (Bass und Gesang), David (Gitarre) und Dannis Hackney (Schlagzeug). David hatte damals ein Konzert von The Who besucht und schlug daraufhin seinen Geschwistern vor, eine ähnliche Art von Musik zu machen wie Pete Townshend und Roger Daltrey. Die Brüder ließen sich ebenso von der Band um Vincent Damon Furnier alias Alice Cooper inspirieren, der wie sie aus der Auto-Metropole an der Grenze zu Kanada stammte. Die Hackney-Brüder wohnten in Briggs, bekannt als North Corktown – ein Viertel in der Innenstadt Detroits, in dem sie auch aufgewachsen waren. Sie begannen zuhause zu proben und Demos aufzunehmen. Ihre ersten Konzerte vor Publikum gaben sie in der elterlichen Garage. Weil sie professionelle Aufnahmen ihrer Songs machen wollten, wandten sie sich 1975 an das legendäre Plattenstudio United Sound Systems, in dem 1959 die erste Scheibe für Berry Gordy’s Label Tamla aufgenommen worden war. Das Studio befindet sich noch heute an demselben Standort, an dem Death damals ihre Instrumente auspackten, in der Hoffnung, einen Plattenvertrag zu ergattern. Es ist jedoch seit Jahren vom Abriss bedroht, da es dem Ausbau einer Autobahn Platz machen soll. Insgesamt sieben von David und Bobby geschriebene Songs wurden bei United Sound Systems aufgenommen.

Musikalisch stand Detroit damals in voller Blüte. Die Firma Motown, die aus dem Label Tamla hervorgegangen war, veröffentlichte all die großartigen Hits, für die sie auch heute noch berühmt ist. Aber es war eben auch die Ära des Soul und des aufkommenden Disco-Sounds. Die Plattenfirmen fanden die Musik von Death und den Bandnamen zu furchterregend. Sie gaben dem Trio deshalb niemals eine richtige Chance. Clive Davis, damals Chef von Columbia Records, der laut der Familie Hackney die Aufnahmen bei United Sound Systems finanziert hatte, bot den Brüdern einen Vertrag an für den Fall, dass sie dazu bereit wären, ihre Gruppe umzubenennen. David, der Frontmann von Death sagte daraufhin zu Bobby und Dannis: „Mann, wenn sie Dich danach fragen, den Namen zu ändern, und Du machst das auch noch, dann werden sie Dich danach fragen, alles andere auch zu ändern.“ Die Realität war, dass Death eine komplett neue Art von Musik machte. Die Band wurde nicht nur wegen ihres Namens von der Industrie und vom Publikum abgelehnt, sondern auch dafür, dass sie zugleich schwarz waren und schnellen, harten Rock‘n'Roll spielten.

Death konnte also auch nicht in Detroits weißer Punk-Szene Fuß fassen, die ab Mitte der siebziger Jahre entstand. Ist vom Punkrock dieser Zeit die Rede, werden normalerweise die „großen Drei“ angeführt: Ramones, Sex Pistols und The Clash. Die Ramones aus New York brachten ihr gleichnamiges Debüt im Frühjahr 1976 heraus, eine Platte, die der Band zu Starruhm verhalf – mit schnellen, harten und oft nicht mal drei Minuten langen Anthems wie Blitzkrieg Bop und Judy is a Punk. Was vielen bis heute nicht bewusst ist: Zwei Jahre vor der Veröffentlichung der ersten Ramones-Scheibe, knapp über 600 Meilen entfernt in Detroit, hatten die Death-Mitglieder schon eine Art Punk-Sound und -Haltung konsolidiert – mit der Untergrund-Zirkulation ihres Songs Politicians in My Eyes. Im Jahr des Ramones-Debüt brachte Death dann die bei United Sound Systems entstandene Aufnahme des Stücks, mit Keep on Knocking auf der B-Seite, auf den Markt – im Selbstverlag (auf dem eigenen Label Tryangle) und in einer Auflage von gerade mal 500 Stück. Das fast sechs Minuten lange Epos Politicians in My Eyes fügt die Sounds des rasanten Punk und des R‘n'B mit Lyrics zusammen, die jene politischen und sozialen Botschaften transportieren, für die viele Punkbands heute bekannt sind. In den Lyrics heisst es: „The number one biggest game / It’s when they gain the most fame / It’s like a race to the top / Because they wanna be boss / They don‘t care who they step on / As long as they get along / Politicians in my eyes.“

1977 lösten die Hackneys ihre Band auf. Sie waren der Strapazen müde und zogen nach Burlington, Vermont, um. In den frühen achtziger Jahren veröffentlichten sie als The 4th Movement zwei Alben mit Gospel-Rock. David kehrte 1982 allerdings nach Detroit zurück und starb dort 2000 an Lungenkrebs. Die Story von Death ist auch die von David, die eines „Loser“, der seinen eigenen Weg gehen wollte und das schließlich auch tat. Bobby erzählt, dass ihm David kurz vor seinem Tod die Masterbände mit den gemeinsamen Aufnahmen übergeben habe. David habe sie Zeit seines Lebens wie einen goldenen Schatz gehütet. Er soll zu Bobby gesagt haben: „Behalte sie und bewahre sie gut auf, denn eines Tages wird jemand kommen und sie verstehen.“ Bobby und Dannis Hackney wohnen nach wie vor in Vermont und spielen in der Reggae-Band Lambsbread. 2008 gründeten wiederum die Söhne von Bobby (Julian, Urian und Bobby Jr.) die Band Rough Francis, die die Songs von Death coverte, nachdem die drei die alten Aufnahmen ihres Vaters und ihrer Onkel im Netz entdeckt hatten.

Ironischerweise kam Death selbst dann doch noch zu einem gewissen Erfolg, als das meiste ihres Materials 2009 wiederveröffentlicht wurde. Unter dem Titel …For the Whole World to See brachte Drag City Records alle sieben bei United Sound Systems aufgenommenen Songs auf CD und LP heraus. Im September desselben Jahres spielte das wiedergegründete Death-Trio drei Konzerte – mit den Original-Mitgliedern Bobby und Dannis Hackney, sowie mit Lambsbread-Gitarrist Bobbie Duncan, der nun Davids Platz einnahm. Inzwischen gibt es zwei weitere Studioalben von Death: III aus dem Jahr 2014 und das 2015 entstandene N.E.W.. Die Karriere von Death kombiniert familiäre Verbundenheit mit persönlicher Tragik und ist eine einzigartige Geschichte von Brüdern, die niemals aufgaben und Musik auf höchstem Niveau zustandebrachten. Mittlerweile gelten sie als die erste schwarze Punkband (Ach, zur Hölle … als erste Punkband überhaupt!), die damals einen Sound machte, der seiner Zeit unglaublich voraus war, und erfahren endlich die längst überfällige Anerkennung als wahre Rockpioniere.


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