Lieblingsbücher 2015

Wie schon in den Jahren zuvor, haben die Poll-TeilnehmerInnen auch 2015 keinem einzigen literarischen Produkt mehr als eine Stimme gegeben. Was zur Folge hat, dass hier gleich 15 Bücher vorgestellt werden. Jeweils eins davon wurde von einer/m LeserIn auf die persönliche Favoritenliste gesetzt, zum Beispiel auch Perfidia. James Ellroy, derzeit wohl der größte lebende US-Krimiautor, hat den Roman 2014 als ersten Teil seines zweiten L.A.-Quartetts veröffentlicht. Die Story beginnt im Jahr 1941, kurz vor dem Angriff von Japans Luftwaffe auf Pearl Harbour. Vor dem Hintergrund einer sich stetig verschärfenden Diskriminierung japanischstämmiger US-Bürger begeben sich zwei Polizisten in ein gnadenloses Duell. Ellroy hat hier so einige Figuren aus dem ersten L.A.-Quartett wiederauferstehen lassen. Oder vielmehr: Perfidia ist das erste Prequel zu den zeitlich später angesiedelten Handlungen von Die schwarze Dahlie, The Big Nowhere, L.A. Confidential und White Jazz. Im folgenden Video erklärt Ellroy seinem Interviewpartner, wie ihm an einem kalten Wintertag die Eingebung zu Perfidia kam. Das Gespräch endet damit, dass der Moderator den Autor als „scary dude“ bezeichnet. Ellroys L.A.-Romane sind zusammengenommen auf jeden Fall ein beängstigendes Porträt der Stadt der Engel im 20. Jahrhundert.

Der ehemalige Sportreporter und Immobilienmakler Frank Bascombe kann als eine der wichtigsten fiktiven Charaktere der US-Literatur der vergangenen Jahrzehnte gelten. Sein Schöpfer Richard Ford wollte es eigentlich bei einer Trilogie über Bascombes Leben belassen, als er 2006 The Lay of the Land veröffentlichte. 2014 lieferte Ford doch nach: Mit Let Me Be Frank with You lässt er seinen Helden erneut am Puls der Ostküsten-Gesellschaft fühlen. Bascombe ist inzwischen Rentner, hat eine Prostatakrebs-OP hinter sich und strukturiert sein Dasein mit einigen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Die Erzählung setzt ein, nachdem der Hurrikan Sandy in New Jersey eingefallen war und für großflächige Zerstörungen gesorgt hat. Vor dem Hintergrund der Katastrophe bekommt es Ich-Erzähler Frank mit einem alten Kunden, einer ehemaligen Bewohnerin seines Hauses und vor allem seiner Ex-Frau zu tun. Sie alle grätschen in seine entschleunigte Routine und veranlassen ihn zu einem gnadenlosen, manchmal aber auch versöhnlichen Blick auf sich selbst und seine Umgebung. Besonders toll: Wenn Bascombe im Moment des Gesprächs mit anderen, die Unzulänglichkeiten der Kommunikation reflektiert. Ein Buch mit einem tollen, sonoren Sound. Frank sollte mindestens 100 Jahre alt werden.

Schwyzerdütsche Literatur kommt in der Kategorie Lieblingsbuch nicht zum ersten Mal vor. 2014 konnte Roland Reichens Roman Sundergrund einen Platz auf der Liste ergattern, diesmal ist es Simeliberg von Michael Fehr. Wie Sundergrund leuchtet auch Simeliberg die dunkelsten, deprimierendsten Ecken und Ritzen einer vermeintlich idyllischen Landschaft aus – man kann schon von einem Genre sprechen, dem diese Werke zugeordnet werden können. Ihre Autoren nutzen die Mundart nicht zuletzt auch dafür, die formellen Standards des Romans zu durchbrechen. Der Gemeindsverwalter Griese muss einen Bauer in die Stadt bringen, der den Behörden Fragen zum ungeklärten Verschwinden seiner Frau beantworten soll. Wie dieser Auftrag zur Talfahrt wird, schildert Fehr ohne jegliche Zeichensetzung, in einem protokollarischen Duktus. Da die Sehfähigkeit des Autors stark eingeschränkt ist, spricht er seine Texte stets in ein Aufnahmegerät. 2014 gewann Fehr für Simeliberg den Preis der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt.

Der französische Autor David Foenkinos ist mit seinem Roman La Délicatesse dies- und jenseits der Grenzen der Grande Nation bekannt geworden. Längst gibt es eine Filmadaption mit – der Titel für die deutsche Übersetzung, Nathalie küsst, lässt es irgendwie schon ahnen – Audrey Tatou in der Hauptrolle. Foenkinos‘ jüngstes Werk Souvenirs handelt von einem Schriftsteller, der nicht zum Schreiben kommt, denn zunächst stirbt sein Großvater und dann kommt seine Großmutter ins Altersheim. Das macht den jungen Mann traurig, bis die alte Dame Reißaus nimmt, vermutlich in Richtung des normannischen Dorfes, in dem sie einst aufwuchs. Foenkinos wirft ein Licht auf die Kindheit und Jugend der Frau, die ihren Eltern als Arbeitskraft dienen musste und deshalb keine volle Schulausbildung genießen konnte. Von der Mühsal des Erwachsenwerdens und dem Abschiednehmen im Alter erzählt Foenkinos ganz ohne Schwermut, eher mit burlesk-verspielten Duktus, wie eine Rezensentin in der FAZ feststellt. Foenkinos‘ Romane würden mehrheitlich von Frauen gelesen, heißt es in den französischen Medien. Als ob das etwa ein Makel wäre. Außerdem ist Souvenirs nur dank eines Lesers in die Kategorie Lieblingsbuch geraten.

Wäre ja auch komisch, wenn es dieses Werk nicht in den Poll geschafft hätte: Michel Houellebecqs Unterwerfung sorgte 2015 wie kaum ein anderer Roman für Diskussionen. Der alte Provokateur vom Dienst schildert darin die Wahl des ersten muslimischen Staatspräsidenten Frankreichs, der schließlich eine Islamisierung des Landes in die Wege leitet. Dem Hauptprotagonisten François, einem Professor an der Sorbonne, passt diese Entwicklung gut in den Kram, nutzt er doch die damit einhergehende Degradierung der Frauen zum Stillen seiner eigenen sexuellen Gier. Zwar wollten Kritiker in dem Buch, das am Tag des Pariser Attentats auf CharlieHebdo und einen koscheren Supermarkt veröffentlicht wurde, ein Trägermedium islamophober und neurechter Gedanken erkennen. Doch eher ist es eine Abrechnung mit einer machtfixierten Politik- und Medienelite, die es den Lepenisten mittlerweile allzu leicht macht, erfolgreich den Rattenfänger für die Frustrierten zu mimen. Houellebecq hatte sich infolge der schrecklichen Ereignisse in Paris und der erhitzten Debatte um sein Buch für eine Weile der Öffentlichkeit entzogen, trat aber dann Ende Januar 2015 in Köln auf, wo er verschiedenen deutschsprachigen Medien Interviews gab, unter anderem auch der ORF-Sendung „Kulturmontag“. Zur Zeit ist Houellebecq eher im Kino zu sehen, in dem Film Saint Armour mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle. Der Putin-Kumpel spielt darin einen Bauern, der mit seinem Sohn auf Frankreich-Tour geht. Als verpennter Airbnb-Vermieter überlässt Houellbecq Dépardieu das eigene Schlafzimmer.

Erstmals kam er 1965 auf den Markt: Der Roman Stoner des US-Autors John Williams. Aber erst mit seiner Neuauflage im Jahr 2006 erhielt er die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich schon 40 Jahre früher hätte zuteil werden müssen. Und seit 2013 gibt es eine deutsche Übersetzung der Geschichte von William Stoner, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwar aus dem bäuerlichen Milieu in den akademischen Betrieb aufsteigen konnte, dort aber sein Leben lang auf der Stelle trat. Eine unglückliche Ehe, eine verkorkste Tochter und epische Konflikte mit Kollegen setzen Stoner bis zur Diagnose eines bösartigen Darmtumors zu. Man könnte sagen: eine unglamouröse Existenz als Hintergrund für das Strahlen anderer Individuen. Aber so erzählt, dass am Ende doch auch Stoner irgendwie schimmert. Und wieviel Autobiographisches steckt in dem Buch? Nun, Wikipedia weiß zu berichten, dass John Williams an der University of Missouri, welche der Arbeitgeber der Romanfigur Stoner ist, promoviert hatte. Und auch er blieb scheinbar ewig ein Assistenzprofessor für englische Literatur – dann allerdings an der University of Denver. So hat Williams sicher einige Betriebsgeheimnisse in diesen posthumen Bestseller fließen lassen.

Dana Lixenberg ist eine niederländische Fotografin, die in Amsterdam und New York wohnt und schon für viele große internationale Zeitschriften und Magazine gearbeitet hat. Gerne verfolgt sie Langzeit-Projekte, die sich um Menschen am Rande der Gesellschaft drehen. So besuchte sie 1993, nach den Unruhen von Los Angeles, die durch das Urteil im Rodney-King-Prozess ausgelöst wurden, erstmals die Imperial Courts im Stadtteil Watts. Sie gewann das Vertrauen der BewohnerInnen und macht seitdem immer wieder Aufnahmen von den MieterInnen, die in der Sozialbausiedlung leben. In ihren Bildern holt Lixenberg diese aus dem Kontext von Armut und Gangzugehörigkeit und würdigt ihre individuelle physische Präsenz. Im vergangenen Jahr zeigte das Amsterdamer Fotografiemuseum Huis Marseille erstmals eine Gesamtschau von Lixenbergs Los-Angeles-Projekt. Zur Ausstellung Imperial Courts 1993-2015 ist der im folgenden Video präsentierte Katalog erschienen, der einem Poll-Teilnehmer ganz besonders gut gefallen hat. Und im Netz gibt es darüberhinaus eine sehenswerte Webdokumentation zu Lixenbergs Feldstudie in den Imperial Courts.

Lutz Seiler wurde für seinen Roman Kruso 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Dabei hatte der Autor sich hauptsächlich auf das Terrain der Lyrik beschränkt, bevor er sich dazu entschloss, seine Perspektive auf das Ende der DDR in eine prosaische Form zu fassen. Hiddensee ist der Schauplatz der Handlung. Dorthin gerät der Student Edgar Bendler, nachdem seine Freundin in Halle bei einem Unfall ums Leben gekommen war. In einem Ausflugslokal heuert er als Tellerwäscher an und schließt Freundschaft mit Kruso, der sich im Laufe des Romans als Strippenzieher einer bacchantischen Parallelwelt auf der Ostseeinsel erweist. In diese haben sich sowohl das Personal der Hiddenseer Gastronomie als auch zahlreiche EilandbesucherInnen geflüchtet – sei es aus Frust oder Unmut über die erstarrten Verhältnisse im Arbeiter- und Bauernstaat. Aber als die Deutsche Demokratische Republik schließlich in ihren letzten Zügen liegt, zerfällt auch Krusos Märchenreich. Seilers Roman basiert durchaus auf wahren Begebenheiten, Hiddensee galt vor 1989 tatsächlich als eine Art Aussteigerparadies, in der realsozialistische Reglementierungen teilweise außer Kraft gesetzt waren. Diese quasi exterritoriale Situation schildert der Autor in einer fast schmerzhaft präzisen Sprache, während die Geschichte im Laufe der staatlichen Auflösung immer mehr ins Surreale abdriftet. Nicht Jede/r, der durch die Preisverleihung zum Kauf von Kruso verführt wurde, konnte auch etwas mit der anspielungsreichen Ostsee-Robinsonade anfangen. Wer sich aber auf Seilers Ton einlassen mag, will sofort nach Hiddensee reisen, um mal einen Blick in die Küche der auch heute noch existierenden Gaststätte Zum Klausner zu werfen.

Robert Seethaler, Autor, Mime und außerdem ein Pendler zwischen Berlin und Wien, lässt in seinem Roman Der Trafikant den noch nicht ganz erwachsenen Franz Huchler aus dem Salzkammergut in die österreichische Hauptstadt umsiedeln. Die Geschichte spielt in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, die Republik ist noch jung, aber schon wieder auf dem absteigenden Ast. Der herzensgute Tor Franz staunt über all die politischen und gesellschaftlichen Turbulenzen um ihn herum. Aber gerade seine Unbelecktheit bringt ihm die Freundschaft zum großen Sigmund Freud ein. Der sucht täglich den Tabak- und Zeitschriftenladen auf, den zunächst der ehemalige Liebhaber seiner Mutter und dann Franz selbst führt. Den Liebhaber führen die Nazis ab, Freud bleibt irgendwann für immer fort. Und auch für Franz wird der Anschluss Österreichs Konsequenzen haben. Im folgenden Video liest Robert Seethaler höchstpersönlich einen Ausschnitt aus seinem Roman. Nicht jeder Autor trägt das eigene Werk gut vor, Seethaler jedoch kann sich dabei voll auf seine schauspielerische Ausbildung verlassen.

In keinem Roman werden die Greuel des Nazi-Regimes und der deutschen Wehrmacht so explizit imaginiert wie in Jonathan Littells Epos Die Wohlgesinnten aus dem Jahr 2006. Vor vier Jahren begab sich der franko-amerikanische Autor dann persönlich in eine Kriegszone. Vom 16. Januar bis 2. Februar 2012 besuchte er im Auftrag der französischen Tageszeitung Le Monde das syrische Homs. Die Notizen, die er aus dem damals von Rebellen besetzten Teil der Stadt mitbrachte, sind drastische Schilderungen vom Häuserkampf und der Barbarei, die sich auch der Seite der Assad-Opposition mit dem Fortschreiten des Krieges immer stärker bemächtigte. Allerdings warf ihm ein Autor der Süddeutschen Zeitung nach Veröffentlichung der Notizen aus Homs vor, er würde in ihnen sein affirmatives Verhältnis zu Krieg und Gewalt doch allzu offen zur Schau zu stellen. Ob das wohl auch die Leserin so sieht, die Littells Publikation in die Kategorie Lieblingsbuch gewählt hat?

Tabu, Ferdinand von Schirachs zweiter Roman aus dem Jahr 2013, wurde von den Feuilletons dieser Republik nicht gerade gefeiert. Spannung kommt beim Lesen nicht auf, kritisiert etwa der Zeit-Autor Ulrich Greiner recht schonungslos. Das Buch stellt zunächst den Adelsspross Sebastian von Eschburg in den Mittelpunkt des Geschehens. Die/der LeserIn begleitet ihn durch seine Jugend in einem Elternhaus, das als dysfunktional beschrieben werden kann. Die Mutter ist allein auf ihre Leidenschaft, das Reiten, fixiert, der Vater wird darob zum Alkoholiker und bringt sich schließlich um. Sebastian lebt sowieso die meiste Zeit in einem Schweizer Internat, ist Synästhetiker und Einzelgänger. Nach der Schulzeit wird er Fotograf und Installationskünstler. Das Buch macht dann einen Schnitt und führt einen Polizisten und eine Staatsanwältin ein, die einen seltsamen Mordfall lösen müssen. Der Verdächtige ist: Sebastian von Eschburg. Er soll seine Nachbarin getötet haben. Zumindest ein Poll-Teilnehmer hat sich vergangenes Jahr bei der Lektüre von Tabu keineswegs gelangweilt. Leidet er etwa am Tatort-Syndrom, das Greiner bei den deutschen Krimi-KonsumentInnen ausgemacht haben will?

Das Wintermärchen aus dem Spätwerk William Shakespeares ist ein absoluter Klassiker. Geradezu totgenudelt, könnte man böse sagen, ist das Drama von Leontes, dem König von Sizilien, der mit seiner irrationalen Eifersucht eine Reihe tragischer Ereignisse in Gang setzt. Weil er glaubt, dass seine Gattin Hermione ihn mit Polixenes, dem König von Böhmen, betrügt, lässt er sogar die gemeinsame neugeborene Tochter in der Wildnis aussetzen. Perdita wächst bei einer armen Schäferfamilie in Böhmen auf, das in Shakespeares Imagination am Meer liegt. Leontes‘ Sohn stirbt, Hermione wird für tot erklärt und ganze 16 Jahre vergehen, ehe die sizilianische Königsfamilie wieder vereint ist. Die erste Aufführung des Wintermärchens fand schon 1611 statt. Das folgende Video zeigt, wie die SchauspielerInnen des Münchner Volkstheaters unter der Regie von Christian Stückl in der Saison 2013/14 versucht haben, dem Stoff doch noch was Neues abzugewinnen. Stückls Inszenierung bewegt sich zwischen Upperclass-Bungalow und Schrottplatz-Armut. Die KritikerInnen waren von dieser zeitgeistigen Interpretation aber nur mäßig angetan.

Mmmh, liest man die Zusammenfassung von Franziska Hausers Debütroman Sommerdreieck auf der Webseite des Rowohlt-Verlags, weckt diese sofort Assoziationen mit den Filmen von Rudolf Thome. Ist in dessen Arbeiten der vergangenen Jahre nicht auch ständig die Mark Brandenburg Hintergrundkulisse für die komplizierten Beziehungsgeschichten, die sowieso schon immer Thomes Thema waren? Wahrscheinlich geschieht dem Mann aber unrecht, filed man sein Kino unterschiedslos under Streusandbüchsen-Kammerspiel. Und Hausers Buch? Da geht es wohl um mehr als nur um Liebe, Sex und Eifersucht. Trotzdem hier sogar gleich vier Frauen rund um einen charismatischen Bildhauer kreisen zu scheinen, beobachtet von einer fünften, die zwischen Anziehung und Abstoßung hin- und herschwankt. Reflektiert wird in dem Roman nochmal das produktive und von Utopie durchtränkte Chaos der DDR-Wendezeit, die viel zu schnell vorüberging. Die Autorin hat selbst noch im Arbeiter- und Bauernstaat gelebt und weist eine schillernde Bastelbiographie auf. Hauser studierte Bühnenbild, arbeitete als Ausstattungsassistentin im Berliner Ensemble und verdiente Geld mit dem Verkauf von Scherzartikeln. Dann entschloss sie sich, die Fotografieschule am Berliner Schiffbauerdamm zu absolvieren, wo sie auf Arno Fischer traf. Jahrelang restaurierte sie das Archiv des Meisterfotografen, während sie an Grundschulen auch noch Selbstverteidigungskurse gab. Seit 2014 ist sie freie Mitarbeiterin der Zeitschrift Das Magazin, eines der wenigen übriggebliebenen Ost-Presseerzeugnisse.

Katja Kullmann hatte sich im Herbst 2011 angeschaut, was in Detroit gerade so abgeht. Die US-amerikanische Stadt war einst das Epizentrum des Automobilzeitalters, Quelle afroamerikanischen Selbstbewusstseins und sowieso Lieferantin der modernsten popkulturellen Produktionen. Letzteres ist sie bis heute geblieben, wenn auch unter dem Vorzeichen einer nun schon Dekaden währenden Deindustrialisierung, leerer Haushaltskassen und eines eklatanten Bevölkerungsrückgangs. Detroit musste sogar Konkurs anmelden und wurde in den vergangenen Jahren zwangsverwaltet. Allerdings begann die Motor City sich am Ende der Nullerperiode zu einer Art New Jerusalem für den US-Hipster zu entwickeln. Was sicherlich auch etwas mit den inzwischen exorbitant hohen Lebensunterhaltskosten in den traditionellen „Kreativ“-Hochburgen New York, Seattle oder San Francisco zu tun hat. Detroit ist arm aber sexy, dachte sich Kullmann und wollte schon Parallelen zwischen der Stadt am Lake Michigan und Spreeathen erkennen, bevor sie ihre Reise überhaupt antrat. Im Laufe ihres Aufenthalts in Detroit, während sie mit KünstlerInnen, aber vor allem auch mit InitatorInnen von sozialen Projekten ins Gespräch kam, stellte sie allerdings fest, dass sich der Apfel doch nicht so leicht mit der Birne vergleichen lässt. Ihre Eindrücke von der Reise in die Shrinking City hat sie auf unterhaltsame und informative Weise in dem Suhrkamp-Bändchen Rasende Ruinen festgehalten. Während ihres Trips hat sie aber auch gefilmt, wie der folgende Clip beweist.

„Weird Fiction“ ist das Genre, das der US-Autor Jeff Vandermeer mit seinen Romanen und insbesondere mit der Southern Reach Trilogy bedient. In letzterer geht es um eine geheime Behörde, die aufklären soll, was es mit jenem Stück Küstenwildnis auf sich hat, das mit einer unsichtbaren Grenze umgeben ist. Früher war es besiedelt, jetzt gibt es auf dem Gelände nur noch Ruinen. Durch die einzige Öffnung in der Grenze werden regelmäßig Expeditionen geschickt, die aber jedesmal katastrophal enden. Vandermeers Trilogie ist weder ein lupenreiner Science-Fiction, noch pure Fantasy. Die mögliche Nähe zur Wirklichkeit macht die Lektüre lohnend, findet neben einem eareyeam-Leser auch Ole Reißmann, der auf seinem Blog den ersten Teil, Annihilation, als spannend bezeichnet, den zweiten Teil, Authority, in die Nähe der TV-Sitcom The Office beziehungsweise seiner deutschen Adaption Stromberg rückt und den dritten Teil, Acceptance, als Auflösung mit düsterer Erkenntnis charakterisiert. Allein schon die Naturbeschreibungen, so Reißmann, machten die Southern Reach Trilogy zu einem Lesegenuss.

Auch noch: Amos Oz: Judas / Ralf Rothmann: Im Frühling sterben / Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin / Maja Figge: Deutschsein (wieder) herstellen / Andrei Mihailescu: Guter Mann im Mittelfeld / Harald Welzer: Selbst denken / James Ellroy: Die schwarze Dahlie / Jonathan Franzen: Freiheit / Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so / Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation / Jackie Thomae: Momente der Klarheit / Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs / Alec Soth: Songbook / Feridun Zaimoglu: Sieben Türme Viertel / Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken / Ovid: Metamorphosen / Stephanie de Velasco: Tigermilch / David Foster Wallace: Das hier ist Wasser / Kotti & Co.: Und deswegen sind wir hier