Lieblingsfilme 2013

Platz 1
Im Gegensatz zu allen anderen Poll-Sparten weist die der Lieblingsfilme der eareyeam-LeserInnen wirklich jedes Jahr einen oder mehrere Erstplatzierte auf. Für 2013 konnten zwei Streifen je drei Stimmen auf sich vereinigen und teilen sich deshalb die Spitzenposition. Nicht ganz unerwartet steht dort der Blockbuster Gravity. Trotz des Musikkleisters aus dem Off, des holzschnittartigen Videogame-Plots und des in Hollywood handelsüblichen Katharsismoments: Der Film besticht durch seine visuelle Ästhetik und die technisch weit vorne liegende 3D-Animation. Regisseur Alfonso Cuarón hat ihn gekonnt mit Zitaten früherer Sci-Fi-Klassiker durchsetzt und mit George Clooney und Sandra Bullock die beiden Charaktere seines Kammerspiels in der größtmöglichen Kammer adäquat besetzt. Bullocks Daueranspannung kriegt hier mal den passenden Kontext.

Auch Sofia Coppola hat wohl ein Dauer-Abo für die vorderen Plätze im LeserInnen-Poll. 2010 wurde ihr Film Somewhere zum Liebling erklärt, diesmal ist es The Bling Ring. Er erzählt die wahre Geschichte einer Gruppe von jungen Leuten aus dem Großraum L.A. nach, die in die Villen zahlreicher Prominenter aus dem Film-, Fernseh- und Musikbusiness einbricht, um dort Schmuck, Klamotten und Uhren zu „shoppen“. Mit schnellen Schnitten und einem peppigen Soundtrack erzählt Coppola von den Raubzügen des Bling Ring durch die Kleiderkammern von Lindsay Lohan, Paris Hilton oder Orlando Bloom. Dahinter steht der Wunsch der Teenager, das Leben dieser Celebrities zu leben, also reich und berühmt zu sein. Der Bling Ring ist das Symptom einer Gesellschaft, die sich im totalitären Hamsterrad der Reality-TV-Show dreht. Seine Mitglieder wussten es einfach nicht besser, weshalb ihnen Coppola durchaus Empathie entgegenbringt.

Platz 2
Der australische Regisseur Baz Luhrmann beschenkt die Welt mit Überwältigungskintopp. Klassischen Erzählstoff kreuzt er in grellen, opulenten Bildern mit einem zeitgenössischen Soundtrack – siehe Romeo & Juliet oder das Musical Moulin Rouge nach Motiven aus Henri Murgers Scènes de la vie de bohème. Jetzt hat er sich mit The Great Gatsby F. Scott Fitzgeralds 1925 erschienene, scharfsichtige Schilderung der damals noch jungen amerikanischen Konsumgesellschaft vorgenommen. Leonardo di Caprio gibt in Luhrmanns Streifen den geheimnisvollen Millionär Jay Gatsby, der in seiner protzigen Residenz wilde Partys schmeisst. Sein Aufstieg und Fall wird aus der Perspektive von Nachbar Nick Carraway erzählt, den im Film Tobey Maguire darstellt. Werkstreue ist Luhrmanns Sache natürlich nicht. Er schwelgt lieber im Kostüm-Exzess und reproduziert quasi auf Zelluloid die große aber leere, besinnungslose Geste des windigen Gatsby – meint jedenfalls die Kritik. Aber auch das kann zumindest unterhaltsam sein.

Weitere Nennungen:
So lief’s im Village, kurz bevor Bob Dylan seinen Durchbruch hatte: Joel und Ethan Coen zeichnen mit ihrem Film Inside Llewyn Davis ein Porträt der New Yorker Folk-Bohème zu Beginn der 1960er Jahre. Sie ließen sich dabei von den Lebenserinnerungen und der Musik des Songwriters Dave Van Ronk inspirieren, der als Bürgermeister der MacDougal Street in die Geschichte des Greenwich Village eingegangen ist. Die Hauptfigur Llewyn Davis ist ein Gitarrist und Sofasurfer, der von dem bisher unbekannten Schauspieler Oscar Isaacs verkörpert wird. Carey Mulligan und Justin Timberlake spielen das Duo Jean & Jim, Freunde von Llewyn Davis. Mit Jean hat Davis eine Affäre, sie ist schwanger – womöglich von ihm. Sie hält den Musiker aber für einen Versager. Und tatsächlich kommt Davis auf keinen grünen Zweig, weil die Produzenten die Daumen senken. Jedoch auch, weil er mit gewissem Hochmut jegliche Konzession an ein breiteres Publikum ablehnt. Ein Coen-Film ohne spektakuläre Leichenentsorgung. Das Feuilleton bewertete ihn dennoch überwiegend positiv.

Breaking Bad gilt derzeit als Kronjuwel unter den großen US-Fernsehserien, gerade weil es zum Schluss, mit Walters Abgang in der 5. Staffel, noch mal so richtig funkelte. Die von Vince Gilligan entwickelte Story des Chemielehrers mit Krebsdiagnose, der als Drogenproduzent die Existenz seiner Familie absichern möchte, aber dadurch zum bösen Buben wird, machte zumindest auch eine eareyeam-Leserin richtig süchtig. Hoffentlich hat sie den Entzug inzwischen erfolgreich hinter sich bringen können. Insgesamt lief Breaking Bad von 2008 bis September 2013 in 62 Folgen auf dem Kabelsender AMC.

Eine weitere Serie hat’s in den Poll geschafft: Treme – betitelt nach jenem Viertel in New Orleans, in dem das Epos spielt. Die erste Staffel handelt von den Nachwirkungen von Hurricane Katrina, der 2005 über die Stadt am Mississippi fegte und auch in Treme ein Bild der Zerstörung hinterließ. Die weiteren Staffeln konzentrieren sich auf den Versuch der BewohnerInnen, ihr Quartier wiederaufzubauen. Treme wurde vom Pay-TV-Sender HBO in Auftrag gegeben, der die Serie im April 2010 erstmals ausstrahlte. Am 29. Dezember 2013 wurde sie mit der letzten Folge der vierten Staffel abgeschlossen. Das Gespann David Simon und Eric Ovemyer, das auch schon für The Wire verantwortlich zeichnete, hat die Idee zu Treme entwickelt. In der Serie werden alle Themen verhandelt, die im Post-Katrina-New Orleans von Bedeutung sind: die Schwierigkeit, nach dem Sturm in die Stadt zurückzukehren, der Mangel an Wohnraum und explodierende Mieten, Obdachlosigkeit, der Kampf um Entschädigung, eine unfähige und korrupte Administration, Interessenskonflikte bei der Stadtentwicklung, der Rassismus im Alltag und in den Institutionen. Dass allerdings auch die Musik und die kulinarischen Genüsse von New Orleans einen breiten Raum einnehmen, sorgt dafür, dass Treme dann doch kein völliges Trauerspiel ist.

Eine US-Produktion, die im vergangenen Jahr nicht die Beachtung erhielt, die ihr eigentlich gebührt: The Prisoners vom kanadischen Regisseur Dennis Villeneuve – mit Hugh Jackman als Vater einer verschleppten Tochter, der einen Rachefeldzug gegen den Tatverdächtigen unternimmt. Und Jake Gyllenhal spielt den zuständigen Ermittler, dem der Fall außer Kontrolle gerät. Ähnlich wie bei den Werken von David Fincher (Seven, Zodiac) wird bei The Prisoners das Genre des Thrillers zugleich mit Anleihen beim Horrorfilm wie auch mit religiösen Motiven angereichert. Am Ende ist keiner ohne Schuld.

Regisseur Edgar Reitz hat seiner bis dahin dreiteiligen Heimat-Saga aus dem Hunsrück 2013 einen weiteren Baustein hinzugefügt. Mit dem 230 Minuten langen Epos Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht geht er zeitlich noch vor den ersten Teil zurück, der 1919 beginnt. Diesmal erstreckt sich die Filmhandlung über die Jahre 1840 bis 1844, und wieder wird das bei Reitz so zentrale Thema des Gehens oder Bleibens verhandelt. Er erzählt von der Welle der Auswanderung nach Brasilien, die den Hunsrück in der Vormärz-Zeit erfasst hatte. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Bauernjunge Jakob Simon, der von einem besseren Leben auf der anderen Seite der Welt träumt. Die karge Existenz seiner Familie und der Menschen in seinem Dorf, aus der sich Jakob gedanklich wegbeamt, wird dabei von Reitz eindringlich in Szene gesetzt. Und wie schon vor allem im ersten Heimat-Teil, wagt Reitz es, unbekannten Schauspielern große und großartige Rollen zu geben.

Auch das französische Kino ist unter den Lieblingsfilmen 2013 vertreten, obwohl nur mit einer Produktion aus dem Jahr 2010. In Mammuth hat Gérard Depardieu womöglich einen seiner letzten großen Auftritte. Bevor ihn der lupenreine Demokrat Putin nach Russland lockte, wo er nun vor der sozialistischen Reichensteuer seiner Heimat sicher sein darf. In dem Roadmovie des Regieduos Benoît Delépine und Gustave Kervern spielt Depardieu den in den Ruhestand entlassenen, korpulenten Schlachthofarbeiter Serge, der auf seinem Motorrad quer durchs Hexagon fährt – auf der Jagd nach Rentenberechtigungsscheinen, die aber recht schnell zu einer Suche nach sich selbst wird. Oft verwackelte, unscharfe Kameraeinstellungen deuten an, wie der bei seinen Mitmenschen als geistig minderbemittelt geltende Serge mit vergangenen Verletzungen und Verwerfungen konfrontiert wird, aber dennoch seine Würde zu verteidigen mag. Lieber Gérard, bitte knattere doch lieber wieder mit dem Zweirad über französische Straßen als mit Wladimir Bären zu jagen.

Und zum Schluss der Lieblingsfilmliste noch eine Produktion aus Taiwan, die hierzulande bisher nur in der Panorama-Sektion der Berlinale 2013 zu sehen war. Arvin Chen hat mit Will you still love me tomorrow eine bonbonbunte Komödie gereht, in der eine klassische Kleinfamilienkonstellation ins Wanken gerät, als Vater und Gatte Weichung nach neun Jahren Ehe mit Feng heimlich sein früheres schwules Leben wieder aufnimmt. Aber auch im Umkreis der beiden Hauptprotagonisten unterliegen die Menschen heftigen emotionalen Turbulenzen. Almodovar plus Stäbchen?

Auch noch: J.J. Abrams: Star Trek Into Darkness / Rawson Marshall Thurber: Wir sind die Millers / Quentin Tarantino: Django Unchained / Steve McQueen: 12 Years A Slave / Nicolas Winding Refn: Only God Forgives / Howard Gordon & Alex Gansa: Homeland / Lena Dunham: Girls / David Fincher u. a.: House of Cards / Wong Kar Wai: Days of Being Wild / Wes Anderson: Die Tiefseetaucher / Craig Gillespie: Lars und die Frauen / Jim Jarmusch: Only Lovers Left Alive / Matthew Akers & Jeff Dupre: The Artist is Present