Adventsausgabe 2017

Das vierte Album der Band Tune Yards ist noch garnicht auf dem Markt, da kommt schon das Video zu einer zweiten Single-Auskoppelung um die Ecke. Look at Your Hands, der erste Titel von der neuen Platte I can feel you creep into my private life, wurde samt dem dazugehörigen Clip ja eben erst in der eareyeam-Ausgabe 4/17 vorgestellt. Ein wenig zu gerade geraten ist diese Aufforderung, auf die eigenen Hände zu schauen, finde ich. Aber mit ABC 123 kriegen Merrill Garbus und Nate Brenner dann doch wieder die richtige Schräglage hin. Im Refrain erreicht Garbus locker den von ihr in früheren Songs selbst gesetzten Urban-Jodel-Standard, sie singt, wie sie auf einer einsamen Insel alle Korallen vertilgt hat, so hungrig war sie. Doch sie weiß, dass das nicht normal sein kann. Klingt dadaistisch oder nach einem durchgeknallten Kinderlied (bekräftigt durch den Sesamstraßen-haften Songtitel), einige Strophenzeilen können jeodch eindeutig als Kommentar zur Lage der US-Nation gelesen werden: „My country served me horror coke.“ Oder: „I called you up because we had a great connection / You couldn‘t hear me ‘cause of NSA protection.“ Für das zu ABC 123 gehörende Video schickte der Regisseur Dear Mr Quistgaard Garbus und Brenner in eine Kellerwerkstatt, in der vor allem der Kopf von Merrill in diverse Holzarbeiten eingebettet wird. Dabei hat Tune Yards schon mit der dritten Platte Nikki Nack den DIY-Modus verlassen und jetzt für die gesamte Strecke von I can feel you creep into my private life die Dienste des Produzenten Beau Sorensen in Anspruch genommen. Hat das soviel Geld verschlungen, dass Tune Yards gerade nur in Form des Kernduos auf Tournee gehen kann? Am 27. März spielen Garbus und Brenner im Berliner Festsaal Kreuzberg. Man darf gespannt sein, wie sie ihre alten Sachen ganz ohne Bläser oder zusätzliche Perkussion performen werden.

Neben Tune Yards kam auch Sudan Archives in der eareyeam-Ausgabe 4/17 vor. Und weil die Musikerin Brittney Denise Parks, die sich hinter diesem bemerkenswerten Künstlernamen verbirgt, einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, gibt’s hier einfach noch ein weiteres Video mit ihr zu sehen. Es zeigt Parks bei der Darbietung des Stückes Paid während einer Session für die Reihe „Live Plus Près De Toi“ des französischen Senders Radio Nova. Paid ist ein gutes Beispiel dafür, wie elegant Sudan Archives es bewerkstelligt, dass ihren Sound-Montagen trotz der darin auch enthaltenen Naturgeräusche, sphärischen Klänge und der tribalistischen Perkussion immer noch soviel Abstraktion und technoide Interferenzen beigefügt sind, dass sie nicht ins Esoterische abrutschen. Es macht zudem Freude, Parks, die für Paid ihr eigentlich angestammtes Instrument, die Geige, gegen eine Mini-Gitarre eingetauscht hat, live spielen zu sehen. Die junge, in Los Angeles lebende Musikerin agiert nicht so entkörperlicht und abgewandt wie viele ihrer Elektronika-Kollegen und bringt zweifelsohne eine gute Portion Charisma mit. Hoffentlich gibt’s bald mehr Material von Sudan Archives, denn Parks hat bisjetzt nur eine EP mit sechs Stücken auf dem verdienstvollen Label Stones Throw veröffentlicht. Immerhin lässt sich diese nicht nur als MP3-Datei, sondern auch als Vinylscheibe käuflich erwerben.

Yellah von Coen erhält von eareyeam die Auszeichnung Dance-Brett des Jahres, der Track ist zugleich ein Mosaiksteinchen in der tollen, bedauernswerterweise derzeit nur digital erhältlichen Compilation-Serie Beating Heart South Africa. Dieser liegt ein Projekt von Künstlerinnen und Musikliebhaberinnen zugrunde, die 2016 auf das Soundarchiv des Musikethnologen Hugh Tracey gestoßen waren. Tracey hatte zwischen 1920 und 1970 in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara rund tausend musikalische Darbietungen aufgezeichnet. Das Archiv ist in der International Library of African Music untergebracht, die im südafrikanischen Grahamstown residiert. Um auf die darin verborgenen Schätze aufmerksam zu machen, verwenden die an dem Beating-Heart-Projekt Beteiligten die Aufnahmen nun als Sample-Material für neue Veröffentlichungen. Zunächst erschienen eine Sammlung von Original-Recordings aus Malawi und ein Album mit Bearbeitungen dieser Dokumente durch verschiedene DJs und Produzenten. Inzwischen ist aber schon die fünfte Ausgabe der besagten Reihe mit Neuinterpretationen historischer Töne aus Südafrika veröffentlicht, bei ihnen handelt es sich um Musik aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wichtig ist zu erwähnen, dass die Erlöse aus dem Verkauf der Beating-Heart-Compilations sämtlichst an Graswurzelorganisationen in jenen Regionen geht, in denen einst Hugh Tracey sein Mikrofon aufgestellt hatte, im konkreten Fall der Südafrika-Serie wird mit dem Geld eine kostenlose Rechtsberatung für Frauen und die musikalische Ausbildung von Kindern unterstützt. Der Track Yellah hat auch den Londoner Tänzer Balance geflasht, weshalb der für den youtube-Channel Street Player eine Outdoor-Choreographie zu Yellah entwickelte und filmisch dokumentierte. Der Dreh fand direkt auf dem Treidelpfad entlang des Regent’s Canal statt. Damit Balance überhaupt relaxt und zugleich konzentriert seine Arme und Beine in alle Richtungen strecken und kreisen lassen konnte, hatte er eine der breitesten Stellen des Treidelpfads (ein Stück weit Richtung Westen nach der Brücke zum Broadway Market) gewählt und sich als Termin wahrscheinlich einen frühen Nachmittag mitten unter der Woche reserviert. Denn zu anderen Zeiten hätte Balance mit einem einzigen Karate-Move praktisch eine ganze Armada von Joggern in den Kanal befördern können, so dicht ist der Publikumsverkehr auf dieser Strecke gelegentlich. Die Choreo von Balance erreicht einen frühen Höhepunkt mit dem Cameo-Auftritt von Benjy, denn die tänzerische Interaktion der beiden ist wirklich vom Allerfeinsten. Das dürft ihr nun alle auf dem Dancefloor nachmachen, falls der DJ doch mal Yellah auflegen sollte.

Selbst wenn The Bug nun schon ein paar Jahre in Berlin lebt – sein Sound bezieht sich definitiv auf London, die alte Heimat des Musikers, in dessen Pass der Name Kevin Martin steht. Auch Bad, The Bugs neuester Track, weist in Richtung britische Hauptstadt, nicht zuletzt durch die von Flowdan beigesteuerten Vocals im Patois-Flow. Mit dem MC hat The Bug in der Vergangenheit immer wieder zusammengearbeitet, so zum Beispiel für sein mittlerweile als Klassiker geltendes Doppelalbum London Zoo aus dem Jahr 2008. Darauf ist unter anderem das Stück Skeng zu finden, das die beiden zusammen mit Killa P. aufgenommen haben – eine geradezu vorbildliche Fusion von Grime und Dubstep. Mit Bad führt The Bug diese Vermählung noch minimalistischer fort. Flowdans tiefes Organ rappt über eine einzige, heftig mit Effekten bearbeitete Spur eines swjetischen Drumcomputers. Das Mitglied des Grime-Urkollektivs Roll Deep rekapituliert in den Lyrics seine Kindheit und Jugend in Ostlondon, die geprägt war von niederschmetternden Beurteilungen seiner Person durch diverse Lehrer, aber auch von seiner Leidenschaft für die Ragga-Musik von Shabba Ranks, Buju Banton, Bounty Killer oder Beenie Man, die ihn im zarten Alter von zehn Jahren zu den ersten MC-Battles geführt hatte. Kongenial zum Text drehte Regisseurin Vasilisa Forbes das Bad-Video vor der Kulisse verschiedener Sozialbaukomplexe (Hello Globe Town!). Den außerordentlich suggestiven Schnitt des Clips nahm sie selbst vor. Interessanterweise ist Forbes zur Zeit eigentlich eher mit ihrer Arbeit zur Repräsentation von Freuen in Medien und Werbung beschäftigt – ein starker Kontrast zur eindeutig männlich konnotierten Coming-of-Age-Story, die Flowdan zum Besten gibt.

Durchmisst man Europa von Nord nach Süd aus der Hip-Hop-Perspektive, muss man auf jeden Fall in Island anfangen, das sich nach Meinung von eareyeam in den vergangenen Jahren zu einer „heißen Quelle“ (sic!) des einst in der Bronx zur Welt gekommenen Musikgenres entwickelt hat. Und niemand repräsentiert den Hip-Hop der nordischen Vulkaninsel so gut wie die All-Female-Crew Reykjavikurdaetur. Gleich nachdem eareyeam Reykjavikurdaetur erstmals für sich entdeckt hatte, wurden die Frauen aus der isländischen Hauptstadt mit ihrem Stück Hæpið in den Adventskalender 2015 gepackt. Ihr Titel Fanbois schaffte es dann kurz darauf in die Ausgabe 1/16. Jetzt also Reppa Heiminn, ein ebenfalls sehr breitwandiger, von deepen Bläsersynthies angetriebener Track. Der deutsche Google-Translator ist der Sprache der Edda-Sage nicht ganz so mächtig, in seiner Übersetzung lautet der Refrain in etwa so: „Du kannst in Reykjavík etwas proben, ich bin ausgeflogen, weil ich die Weltschlampe repräsentiere!“ Na ja, könnte doch ungefähr hinkommen, die Ladies von Reykjavikurdaetur bedienen sich schließlich gerne eines derben Vokabulars und treten dementsprechend bitchy in ihren Videos auf. Die Regie des Reppa-Heiminn-Clips hatte Kolfinna Nikulásdóttir, unter anderem ließ sie die Rapperinnen den örtlichen, ziemlich überdimensionierten Kentucky Fried Chicken in Beschlag nehmen und auf dem Flughafen Keflavik einchecken. Stimmlich mit von der Partie sind diesmal im übrigen die Töchter Katrín Helga Andrésdóttir, Solveig Pálsdóttir und Þuríður Blær Jóhannsóttir, die zusätzlich von der Gastvokalistin Ragnhildur Holm aka Ragga Holm unterstützt werden, einer Dame, die dir das Gesamtwerk von Halldór Laxness wahrscheinlich in nur 20 Minuten runterrappen könnte. Ragga Holm ist also Islands kommender Rap-Star, was auch ihr Titel Hvað Finnst Þér Um Það?, den sie mit ihrem Kollegen Kilo aufgenommen hat, nahelegt Auf Youtube sind unter dem Reppa-Heiminn-Video auch explizit die Besitzerinnen der zusätzlichen Hintern erwähnt, die mehrmals gebündelt ins Bild geraten: Es sind Ástríður Jónsdóttir, Bahía Santoro, Helene Ósk Pálsdóttir, Ilmur María Arnarsdóttir und Þorgerður Ása Aðalsteinsdóttir. Kolfinna Nikulásdóttir erlaubt sich hier einen kleinen Scherz, wenn sie viele Arschbacken ablichtet, offensichtlich harmlosere Szenen aber verpixelt und mit einem ostentativen Zensurbalken versieht.

Der südliche Endpunkt einer hip-hoppigen Europatour könnte Spanien sein. In der monogeographischen eareyeam-Ausgabe zu Barcelona wurden ja so einige RapperInnen präsentiert, unter anderem Blondie, die mit der Afrojuice-195-Posse aus Madrid gemeinsame Sache gemacht hat. Im folgenden Clip dürfen sich die Jungs nun alleine austoben. Sie selbst ordnen ihre Musik in die Schublade Afro-Trap ein, die sich eigentlich in einer französischen Kommode befindet. Denn der nördliche Nachbar Spaniens gilt als die Afro-Trap-Hochburg und Rapper MHD firmiert dort als eine Art Afro-Trap-Papst. Zu Afrojuice 195 existiert im Netz kein einziger englischsprachiger Artikel, deshalb lässt sich nicht so wahnsinnig viel über diese Posse wiedergeben, außer, dass sie in der madrilenischen Vorstadt Leganés ansässig ist. Offensichtlich handelt es sich bei ihren Mitgliedern überwiegend um Menschen, die übers Mittelmeer auf die Iberische Halbinsel gekommen sind oder Eltern haben, die in Afrika geboren wurden. Insofern ist Afrojuice 195 ein ermutigendes Beispiel dafür, wie das Schwarze Spanien sich in der Musikkultur des Landes langsam aber sicher Sichtbarkeit verschafft. Afrojuice 195 widmet seine Tracks mit Vorliebe ausgesuchten Fußballstars – der jüngste handelt von Paulo Dybala, einem argentinischen Stürmer, der derzeit für Juventus Turin über den grünen Rasen rennt. Zuvor hatte die Crew schon Paul Pogba, Blaise Matuidi und Karim Benzema abgefeiert. Was genau diese Kicker dazu qualifiziert, ein Afrojuice-195-Stück auf den Leib geschneidert zu bekommen, bleibt ungeklärt. Paulo Dybala macht gerade hauptsächlich Schlagzeilen, weil er angeblich aus dem bis 2022 bestehenden Vertrag mit Juve aussteigen will, um seine Karriere bei Paris Saint Germain fortzusetzen – als Nachfolger von Neymar, der mutmaßlich zu Real Madrid geht. Wohl nur, damit der Brasilianer endlich auch von Afrojuice 195 musikalisch verewigt wird. Das Paulo-Dybala-Video hat weider einmal der Hausregisseur von Afrojuice 195, Hugo Lopez, gedreht, innerhalb von einer Woche konnte es über 215.000 Klicks generieren. Etwa, weil sich herumgesprochen hat, dass einer der Afrojuicistas in ihm mit einem weißen Crocs-Schuh zu telefonieren versucht? Na ja, eher entspricht die Menge der Zugriffe ungefähr der Zahl der Einwohner*innen von Leganés. Bestimmt wollten diese mal nachschauen, wer so alles von den Nachbar*innen mit Afrojuice 195 Party gemacht hat. Beim Dreh zum Neymar-Song werden dann bestimmt noch mehr Leute mit ins Bild wollen.

Tja, (Merry Xmas) Face the Future von der britischen Gruppe Beak ist in dieser Adventskalenderersatzausgabe der einzige Titel, der direkt Bezug auf das Weihnachtsfest nimmt. Ein ziemlich düsteres, pessimistisch gestimmtes Stück, zu dem im Video kleine Elfen tanzen. Man könnte meinen, dass Beak für (Merry Xmas) Face the Future einen alten Marc-Bolan-Song gekapert und verlangsamt durch den Effektwolf gedreht hat, damit dem Zuhörer, statt nach Glitter, nach Tränen zumute ist. Die Elfen im Clip nehmen zwischendurch nicht nur die Gesichter der drei Bandmitglieder Geoff Barrow, Billy Fuller und Will Young an. Nein, sie tragen ebenso die Fratzen der dubiosesten PolitikerInnen, die derzeit auf dem blauen Planeten das Sagen haben: Donald Trump, Wladimir Putin, Kim Jong-un und Theresa May. Na gut, die Liste ist nicht vollständig – mindestens Recep Tayyip Erdoğan hätte ihr noch hinzugefügt werden müssen. Das Konzept des Videos stammt von Beak selbst, realisiert hat das Trio die bitterbösen Bilder mit Hilfe von Tia Salisbury. Moment: Geoff Barrow, der Name sagt uns doch was … richtig, das ist jener Typ, der ansonsten hinter und neben der Stimme von Beth Gibbons die elektronischen Sounds von Portishead erzeugt. Von dieser legendären Formation war schon lange nichts mehr zu hören, zuletzt veröffentlichte Portishead im Sommer 2016 eine Coverversion von Abbas Hit SOS. Das dazugehörige Video ist als Statement gegen jenen nationalistisch motivierten Hass zu verstehen, der im Vorfeld des Brexit-Referendums zur Ermordung der Labour-Parlamentarierin Jo Cox geführt hatte. Barrow scheint statt mit Portishead nun eher wieder mit seinem Zweitprojekt, eben Beak, zugange zu sein, welches das Musikfeuilleton gerne unter dem Stichwort Krautrock-Update abspeichert. Fürs nächste Jahr hat Barrows eigenes Label Invada ein neues Album der Band angekündigt, (Merry Xmas) Face the Future dient also nur als weihnachtlicher Vorbote der eigentlichen musikalischen Bescherung. Der Erlös aus dem Verkauf der Single geht an The National Elf Service, einer digitalen Plattform, die dazu beitragen möchte, dass Beschäftige des Pflege- und Gesundheitsbereichs möglichst leichten Zugang zu den neuesten, für sie relevanten Forschungsergebnissen erhalten. Damit ist zum frohen Fest alles Wesentliche gesagt. Zündet nun die Weihnachtsbäume an (siehe Video).